Archive for the 'Wasserzeichen' Category

Einige Bemerkungen zum Juvenal von 1501

7. März 2015

Es handelt sich um den vierten der kleinen Oktavdrucke (1) in der für dieses Format neu geschaffenen Kursiv (2), nach den aldinischen Vergil-, Horaz- und Petrarca-Ausgaben desselben Jahres.
    Schweiger: „Erste, ächte Aldine, welche e. neue Recens. des Textes enthält aus Hdschr. u. ältern Ausgg. – Sie hat den Anker des A. nicht, die Schlussschr. ist mit Cursiv gedr.“ (3)
    Diese Aldus-Ausgabe hat nicht allein der Schönheit ihres Satzes wegen – dies hat sie mit anderen gemein – besondere Aufmerksamkeit verdient, sondern auch weil ein weiterer Druck mit der Jahresangabe 1501 im Kolophon existiert, der jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit vierzehn Jahre später die Pressen verließ (4), und mindestens zwei Lyoner Contrefaçons aus den Jahren 1502 und 1503 versuchten, ihr den Rang strittig zu machen.
    Die Aldine enthält die Satiren Juvenals und Persius’: Juvenal: [131], [1 weiße] Seiten; Persius: [23], [1 weiße] Seiten; Lagenkollation: Juvenal: A-G8, H10; Persius: a8, b4. Die maximale Blattgröße dürfte Fletcher zufolge 166 x 103 mm betragen (5); es versteht sich, daß der geneigte heutige Sammler sich notgedrungen mit etwas weniger zufrieden geben wird. Zwei Kolophone befinden sich im Buch, der erste auf fol. H10r: „VENETIIS APVD ALDVM.“ sowie ein weiterer, ebenfalls einzeilig gesetzter auf fol. b4r „Venetiis in aedibus Aldi. Mense Augusto. M. DI.“.
    Die Kolophone der anderen Aldus-Ausgabe des Jahres 1501 (= 1515) sind dagegen zwei- bzw. dreizeilig in Antiquamajuskeln gesetzt: „VENETIIS IN AEDIBUS ALDI, | ET ANDREAE SOCERI.“ sowie „VENETIIS IN AEDIBUS ALDI, ET | ANDREAE SOCERI. MENSE | AVGVSTO M.D.I.“
    Beide Ausgaben kollationieren identisch, jedoch weist die zweite das aldinische Holzschnittsignet auf dem Titel, sowie Blattzählung auf, und die Lagensignaturen sind nicht wie in der ersten mit römischen Ziffern, sondern indisch-arabischen versehen. Auch textlich sind zahlreiche Unterschiede festzustellen, deren auffälligster die häufige Ersetzung von „et“ durch „&“ sein dürfte. Es handelt sich also um einen Neusatz. (6)
    Ein weiteres Kriterium, wichtig vor allem bei Mischexemplaren, sind die Wasserzeichen. Zur ersten Ausgabe wurden zwei Sorten Papier verwandt: solches mit drei stilisierten Bergen sowie Kreuz darüber dazu der Gegenmarke: „AB“ und ein weiteres nur mit der Gegenmarke „A“. In der zweiten ist das Wasserzeichen durchgängig ein Kardinalshut ohne Gegenmarke. (7)
    Es existieren zwei, wohl Lyoner Contrefaçons des folgenden und des Jahres 1503, die sich vom aldinischen Original durch Zeilenlängen und Satz unterscheiden. Auffälligste Kriterien dürften das fehlende Griechisch auf fol. E7r (dritte aldinische griechische Type) und fol. b4r (vierte aldinische griechische Type) – „… cette lacune a pour cause le manque de charactères grecs dans l’imprimerie des Lyonnois“ (Renouard, p. 30) –, sowie die Fortlassung des Kolophons auf fol. b4r sein. (8)
   
   
    (1) Renouard 29,6 – Adams J770 – Schweiger II,i,507 – Ebert 11215 – Isaac 12767 – Pierpont Morgan Library PML1397 – Fock: v.d. Pahlen p. 12.
    (2) Zur aldinischen Kusiv: Nicolas Barker: The Aldine Italic, in: David S. Zeidberg: Aldus Manutius and Renaissance Culture. Essays in Memory of Franklin D. Murphy. Florence: Leo S. Olschki, 1998, pp. 95-107.
    (3) Franz Ludwig Anton Schweiger: Handbuch der classischen Bibliographie. Leipzig: Friedrich Fleischer, 1832. Band II,i. p. 507.
    (4) Harry George Fletcher III: New Aldine Studies. Documentary Essays on the Life and Work of Aldus Manutius. San Francisco: Bernard M. Rosenthal, Inc., 1988. pp. 128-134. Siehe auch Fußnote 6.
    (5) Fletcher, op. cit., p. 89.
    (6) Fletchers Argumentation, abgekürzt: Das Signet (Nr. 5) des zweiten Druckes verweist in dieser noch nicht abgenutzten Form auf den Zeitraum 1512-1517; die Verwendung indisch-arabischer Ziffern in den Lagensignaturen ist, Nachdrucke außer acht gelassen, auf die Jahre 1515-1516 beschränkt, das &-Zeichen wurde nach Aldus’ Ableben und dem Eintreten der Asolani-Söhne in die Firma bevorzugt. Also kann mit einiger Wahrscheinlichkeit 1515 als Entstehungsdatum der zweiten Aldus-Ausgabe von Juvenal und Persius angenommen werden. Cf. Fletcher, op. cit., pp. 128-134.
    (7) Cf. Christie’s, London, Wednesday 3 May 1995, no. 30.
    (8) Luciana Bigliazzi et al.: Aldo Manuzio tipografo 1494-1515. Firenze: Octavo, 1994. p. 187, noo. 134.2 und 134.3, mit Seitenabbildungen aus den beiden Contrefaçons.
    Fletcher, op.cit., mit Abbildungen auf pp. 93 & 94.
   
Juvenal Blog 1

Juvenal Blog 2

Juvenal Blog 3

Advertisements

Ein „redendes“ Wasserzeichen

21. März 2012

Gestern fielen mir per Zufall die beiden von mir angebotenen dünnen Bücher der Hammersmith Publishing Society, die aus Cobden-Sanderson und seiner Frau bestand (1) , in die Hände. Es handelt sich um Drucke der Chiswick Press, gesetzt in Miller and Richard’s Old Style und gedruckt auf Batchelor’s Hammer & Anvil handgeschöpftes Bütten.
    Tidcombe, die in ihrer Bibliographie der Doves Press (2) die insgesamt sechs erschienenen Büchlein beschreibt, bildet leider nicht das Wasserzeichen ab. Dies sei hier nachgeholt: ein schönes, „redendes“ Wasserzeichen.

Hammer & Anvil Wasserzeichen

Hammer & Anvil Wasserzeichen der Hammersmith Publishing Society

(1) “…which was my husband and myself, in those days of enthusiasm at the end of the last century when we set out to convert the world to Socialism.” Annie Cobden-Sanderson in einem Brief an Albert M. Bender, 12. September 1926, zitiert nach Tidcombe, S. 233
(2) Marianne Tidcombe: The Doves Press. London: The British Library, 2002. Appendix 4, Seiten 233-234.

→ Hier finden Sie die beiden Buchbeschreibungen.

Lean Production?

26. Februar 2012

Bücher wurden einige Jahrhunderte lang auf Papier gedruckt. Wie lange dauerte es, bis die jungfräulich weißen (blaugetönten, cremefarbenen…) Bogen von der Papiermühle bei der Druckerei ankamen, um dort mittels schwarzer Zeichen verunstaltet zu werden?
    Als Beispiele habe ich drei Drucke von Shelleys „Alastor“ ausgesucht, die Erstausgabe sowie zwei spätere, die während des Shelley revivals entstanden und von denen wenigstens jeweils eine Teilauflage auf Whatman paper mit Wasserzeichen gedruckt wurde.
    Da das Wasserzeichen bei Oktavlagen meist in einem Falz zu liegen kommt, bitte ich die Aufnahmen des Velinpapieres (wove paper) der editio princeps mit Nachsicht zu betrachten. Das Papier der unaufgeschnittenen Lagen der Dobell-Ausgabe ist so steif, daß ich das Wasserzeichen nicht photographieren kann; hier liegt seine Schriftrichtung parallel zum Buchrücken.

    Shelley, Percy Bysshe: Alastor; or, the Spirit of Solitude: and Other Poems. London: Printed for Baldwin, Cradock, and Joy, and Carpenter and Son: By S. Hamilton, Weybridge, 1816. (= Granniss 32; Wise 42)
    Shelleys Vorwort ist auf den 14. Dezember 1815 datiert, am 16. Januar des folgenden Jahres sandte er bereits fertige Bögen an John Murray (Letter CCLXV): das Buch muß also in dieser relativ kurzen Zeit bereits größtenteils fertig gewesen sein, ein dem Text womöglich nachgesandtes Vorwort eingerechnet. Das Wasserzeichen des Whatman wove paper nennt uns „1812“ als Datum seiner Schöpfung, es hat also einige Weile seiner Weiterverwertung geharrt. Es handelt sich um ein gelblich-cremefarbenes Velin, das leicht zu blättern ist, gut in der Hand liegt, es ist noch nicht so glatt wie die späteren Papiere der Langsieb- bzw. Rundsiebmaschinen, seine Ränder gleichen denen von Büttenpapieren.

Zweite Hälfte des Whatman Wasserzeichens

Erste Hälfte des Whatman Wasserzeichens
   

    Bei den folgenden Drucken wurde jeweils eine Teilauflage auf Whatman paper gedruckt. Beide Male wurde ein klanghartes, weißes Papier verwandt, was wohl dem Zeitgeschmack geschuldet ist.
    Buxton Forman ließ seine reich annotierte Edition auf Bütten (laid paper) drucken. War man die ersten Jahre nach Einführung des relativ glatten Velins noch von dieser Neuerung angetan, sehnten sich spätere Generationen, abgeschreckt durch die immer glatter und unpersönlicher werdenden Langsieb- und Maschinenpapiere, nach der Struktur des alten Bütten zurück: gleichsam als Gewähr für die am Prozeß beteiligte Hand des Schöpfers.
    Dobells Ausgabe hingegen folgt dem Original und verwendet wieder Velin, obgleich ein wesentlich festeres. Es handelt sich hierbei um ein type facsimile, also einen Neusatz mit fast identischer Type und mit dem des Originals übereinstimmendem Zeilenfall.
   
    Shelley, Percy Bysshe: Alastor; or the Spirit of Solitude, &c. Edited, with notes, by H. Buxton Forman, and printed for private distribution. MDCCCLXXVI. London: Privately Printed, 1876. One of 25 copies printed on laid paper with the watermark “J Whatman | 1876”, of a total edition of 80 copies. (= Granniss p. 40 – Wise 43)

Whatman 1876
   
    Shelley, Percy Bysshe: Alastor; or, the Spirit of Solitude: and Other Poems. A Facsimile Reprint of the Original Edition First Published in 1816. London: Chiswick Press for Reeves and Turner and Bertram Dobell, 1885. One of 50 copies printed on wove paper with the watermark “J Whatman | 1884”, of a total edition of 404 copies. (= Granniss p. 40 – Wise 44)

    Wie man den Jahreszahlen entnehmen kann, hat sich die Spanne zwischen Papierherstellung und Druck verringert.
    Es ist schön, wenn Papierschöpfer und Buchbinder auf ihre Leistungen so stolz sind, daß sie sie mit ihrem Namen versehen.