Archive for the 'Rezensionen' Category

Gemeinschaftskatalog der GIAQ

2. Juni 2016

Heute flatterte nun der gedruckte Gemeinschaftskatalog der GIAQ in den Briefkasten. Bei einem per Post versandten Katalog würde ich davon ausgehen, daß es sich um Fernabsatz handelt. Also sollten die → entsprechenden gesetzlichen Bedingungen erfüllt sein.
    Sehen wir dies hier? Insbesondere Art. 246a § 1 (1) 4., 8., & (2)?
Selbst die erleichterten Informationspflichten sehen noch die Angabe eines Gesamtpreises vor, wobei eine begrenzte Darstellungsmöglichkeit bei einem so dicken, ausführlichen Katalog wohl nicht vorliegen dürfte.
    Anmerkung zur Sache: Ein Personenregister ist brauchbar, ein Sachregister wäre nötig.

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50 online – eine Rezension

5. Mai 2016

    1.1 Der Katalog als Verkaufsmedium
    Welches ist die Aufgabe eines Antiquariatskataloges? Diese Frage ist einfach zu beantworten: Wie bekommt man potentielle Kunden dazu, etwas zu kaufen, das sie bereits seit langem zu kennen glauben, aber so noch nie gesehen haben?
    Bücher gehören noch immer zu den alltäglichsten Gegenständen, jeder Mensch hat mindestens ein oder zwei davon bereits in der Hand gehabt und weiß in etwa, was ihn nach dem Aufschlagen erwartet. Also muß das Interesse für jene speziellen Bücher geweckt werden, die im Angebot sind: durch Angelwörter in den Beschreibungen, interessante Bilder, durch die Kataloggestaltung. Entweder findet der Katalogleser etwas, das er lange gesucht hat, oder er wird von Neuem überrascht. Im ersten Fall hilft eine Suchfunktion, im zweiten blättern und stöbern, dies zweifelsohne die interessantere, tiefergehende Beschäftigung.

    1.2 „50 online“
    Das reichhaltige und fast durchweg qualitätsvolle Angebot des ersten Gemeinschaftskatalog „50 online“ bietet einen guten Überblick der deutschen Antiquariatslandschaft, soweit sie noch nicht in den Niederungen der Megaplattformen versunken ist. Die Beschreibungen liegen oberhalb des dort gewohnten Niveaus. Positiv hervorzuheben gleichfalls, daß den rechtlichen Bedingungen des Fernabsatzes, soweit ich es zu überschauen vermag, im PDF Genüge getan wurde; ein Punkt, der bei manch anderem Katalog leider zu kritisieren wäre.
    Der → Katalog liegt in zwei Formaten vor, einmal als PDF, das online betrachtet oder auf der heimischen Festplatte gespeichert werden kann, zum anderen als Html-Version auf der Webseite des Anbieters. Ich bespreche sie nacheinander und bitte im voraus, ein bißchen Fachchinesisch zu entschuldigen.

    2 Der PDF-Katalog
    2.1 Technisches
    Wenn alles klappt, kann dieses Kapitel überschlagen werden.
    Firefox öffnet PDF-Dateien standardmäßig im Acrobat Reader. Sie können Ihre Einstellungen → überprüfen und ändern.
    Der Internetexplorer richtet sich nach den Systemeinstellungen. Diese werden verändert über Menüleiste – Extras – Internetoptionen – Karteikarte Programme – Internetprogramme – Programme festlegen – neues Fenster öffnet sich – Dateityp oder Protokoll einem Programm zuordnen – herunterscrollen bis pdf.
    Webkit-Browser (i.e. Chrome, Opera &c) verwenden den eigenen Chrome-PDF-Viewer. Sie können diesen deaktivieren: Chrome – neuen Tab – in die Adreßzeile eingeben: chrome:plugins – Chrome PDF Viewer – deaktivieren. Beim nächsten Aufruf eines PDF erscheint dann unten im Browserfenster eine kleine Nachricht, an deren rechtem Rand sich ein Dreieck befindet, mit dem sie Ihre gewünschten Einstellungen tätigen. Nach Klick auf den Namen der Datei öffnet sich der Acrobat Reader, so er in Ihren Systemeinstellungen als Standardprogramm für diese Art von Dateien festgelegt wurde. Danach, beim nächsten PDF geht es automatisch.
    Grundsätzlich empfiehlt es sich, schon weil der geneigte Leser sicherlich die zahlreichen Seiten mit ihren interessanten Angeboten nicht in einem Zug studieren möchte, die Datei herunterzuladen, zu speichern und mit dem Acrobat Reader oder einem ähnlichen Programm zu öffnen.
    Der → Acrobat Reader in seiner neuen Version zeigt stets eine rechte Spalte mit Angeboten wie „PDF-Datei exportieren“ u.s.w. Ich blende sie, weil überflüssig, aus mittels des kleinen Dreiecks rechts neben der Laufschiene der Hauptspalte. Dann wird auch das Schriftbild größer und lesbarer. Falls die Lesezeichen, i.e. das Register mit den Antiquariaten, einmal verschwinden sollten, lassen sie sich mit dem dazugehörigen Symbol, dem zweiten von oben in der schmalen Spalte links außen, wiederherstellen.

    2.2 Vor- und Nachteile dieses Formates
    Zuerst die Vorteile des PDF-Formates: die Navigation innerhalb des Kataloges ist mittels der linken Leiste, welche die Aussteller aufführt, einfach. Suchen läßt sich mit der Suchfunktion des Acrobat Readers (Menü: Bearbeiten – Suchen, oder einfach Strg + f) nach jedem beliebigen Wort innerhalb des Gesamttextes. Soweit Links zu vollständigen Bucheinträgen oder Sachgebieten hinzugefügt wurden, lassen sich diese per Klick einfach im Browser aufrufen. Leider haben nicht alle Teilnehmer davon Gebrauch gemacht; gerade in Zeiten der Marktbeherrschung durch internationale Konzerne sollte der Antiquar Wert darauf legen, sein Geschäft eigenständig zu repräsentieren.
    Die Bildqualität in einem PDF ist leider nicht optimal, weil darauf geachtet werden muß, daß die Datei auch bei langsamen Verbindungen in noch angemessener Zeit heruntergeladen werden kann. Vorzug einer guten Html-Lösung – neben einer responsiven Seitengestaltung – wäre, daß in die Gesamtdatei kleine Vorschaubilder eingebunden werden, deren große Entsprechungen erst nach einer Reaktion des Betrachters geladen werden. Ein weiterer Nachteil solcher PDF-Kataloge ist die Beschränkung auf wenige Bilder, zum einem aus obigem Grund, zum anderen des Platzes wegen. So sind sie zwar Ersatz des gedruckten Kataloges, aber kaum Fortschritt in Bezug auf die Vielzahl von Möglichkeiten, die das Internet bietet.
    Bei der Gestaltung des Kataloges sollte zukünftig bedacht werden, daß zu lange Zeilen schwer zu verfolgen sind; die Schriftgröße der Kommentare neigt bereits in den gedruckten Messekatalogen dazu, ins Unscheinbare abzugleiten; beim PDF läßt sie sich zumindest vergrößern; allzu kleine Schriften scheitern eh an der Bildschirmauflösung, nicht nur an den Augen älterer Leser. Hervorzuheben ist, daß beim vorliegenden Katalog nicht zwei (Druck-) Seiten nebeneinander liegen wie bei den PDFs der bisherigen Messekataloge, sondern immer nur eine, was die Lesbarkeit auch auf kleineren Bildschirmformaten stark verbessert.

    3 Der Html-Katalog
    Die Eingangseite zeigt eine Vielzahl kleiner Bilder, deren Zeilen, da das Webdesign nicht responsiv ist, bei kleineren Bildschirmformaten rechts abgeschnitten werden. Hier sollte nachgebessert werden; eine Tabelle (table) und Tabellenzeilen (tr) zu verwenden, ist anachronistisch und unflexibel.
    Diese Überzahl ist eher verwirrend als animierend. Es ist mir wenig einsichtig, warum ein Besucher auf Bilder klicken sollte, die dermaßen klein sind, daß ihre Aussagekraft gegen Null tendiert. Bei den heutigen Möglichkeiten sollten sie, wenn sich der Mauszeiger darüber bewegt, wenigstens vergrößert werden.
    Das Sachregister ist nützlich, die meisten angebotenen Werke sind mehreren Kategorien zugeordnet, was das Stöbern erleichtert. Noch besser wäre es, hätten den einzelnen Einträgen in diesen Sachlisten jene unter „Aus Kapitel“ befindlichen Verweise auf weitere Gebiete hinzugefügt werden können, die sich jedoch nur bei den einzelnen Händlern unter ihren Büchern befinden, wohl um von diesem Antiquar wegzulocken.
    Die Suchfunktion ist einfach und hinreichend, eine Volltextsuche.
    Warum sich, klickt der Leser auf das kleine „mehr“ am Ende des gekürzten Eintrages ein neues Minifenster, das von der Textfülle quasi erschlagen wird, öffnet, ist mir wenig einsichtig. Noch unverständlicher ist, warum sich Minibilder in diesem Minifenster nach Daraufklicken in eben diesem öffnen, das jedoch nur die Option „schließen“ bereitstellt, kein „Zurück zur Beschreibung“. Klickt der Benutzer neben das Fenster, was bei der Größe nicht unbedingt schwerfällt, ist es sofort weg, und er darf den Versuch von neuem starten. Auch sollte sich das Fenster – wenn schon nicht dem Textumfang – wenigstens der Bildgröße anpassen, damit scrollen fortfällt; ein wenig Javascript würde hier schnell Abhilfe schaffen.
    Ein weiterer Nachteil des Html-Kataloges ist, daß die manchen Bucheinträgen beigegebenen Links hier nicht anklickbar, sondern nur kopierbar sind. Links sind eine Grundfunktion des Internets: ohne sie kein Netz.
    Die verwendeten Schriften sind ohne Grund unterschiedlich. Suchergebnisse werden in einer Festbreitenschrift dargestellt, anderes in serifenloser Proportionalschrift („verdana, arial, georgia, sans-serif“).
    Während die den Fernabsatz betreffenden rechtlichen Vorschriften im PDF berücksichtigt sind, habe ich dergleichen im Html-Katalog vermißt.
    Der Html-Katalog präsentiert sich also als nutzbar, aber in seinen Einzelheiten zu wenig durchdacht. Warum die Seiten immer noch → Frames verwenden, scheint mir nur noch vom antiquarischen Standpunkt aus nachvollziehbar.

    4. Resümee
    Zu einer Zeit, in der Sammeln und ein wohlgefüllter heimischer Bücherschrank nicht mehr selbstverständlich sind, sollte jeder gemeinsame Katalog mehrerer Antiquare (wie jede Homepage eines Antiquariats) auch ein Anreiz, ein Anleitung sein, damit zu beginnen. Gerade in solch einer Vielfalt des Angebotes gilt es, jene Wege, Leitgedanken und Perspektiven aufzuzeigen, durch die sich suchender Blick wie abwägende Erfahrung zu vertiefen vermögen.
    So läßt sich sagen: Gleich ob der Gemeinschaftskatalog „50 online“ für alle Beteiligten ein geschäftlicher Erfolg wird oder nicht, er ist auf jeden Fall eine gute Werbung für die teilnehmenden Antiquariate und, soweit verfügbar, deren Homepages. Hoffen wir, daß einige unserer Kunden ihr lang Gesuchtes finden, andere sich überraschen lassen werden.

AdA (not ardor) in hochwertigem Look & Feel

15. März 2016

Nein „hochwertiges Look & Feel“ stammt nicht aus meiner Feder, sondern aus dem Redaktionsgriffel.
    Die neugestalteten Hefte von „Aus dem Antiquariat“ werden gedruckt auf Munken Print Cream 15: „Das fein holzhaltige Papier hat eine angenehme Haptik und Steifigkeit und ist hervorragend für monochrome und mehrfarbige Anwendungen geeignet“ (arcticpaper.com). Die verwandte Type ist Questa, sowohl als Serifenschrift wie als serifenlose: Ohne Serifen, in Questa Sans, kommen die Überschriften, Zwischenüberschriften, Seitenzahlen, die dreizeiligen, eingerückten Initialen, die kleingedruckten Anmerkungen unten neben den Textspalten, die Interviewfragen sowie die vierspaltig gesetzten Nachrichten daher. Aus irgendeinem Grund weichen kurze, größer gesetzte Textpassagen, die sich von außen in die Spalten hineinschieben, von diesem Schema ab: sie sind in, meinen Augen will scheinen dunkelblauer, Questa gesetzt. Kleine Vierecke und kurze, dicke Striche verkünden Anfänge bzw. neue Topoi; ganz kleine Striche liegen neben den Beitragsenden, als ob man sie dort vergessen hätte.
    Soweit die Fakten. Nun zum Ergebnis. Auch wenn die Reklame meint, dieses Papier sei für Farbabbildungen geeignet, belehrt uns das Gedruckte eines Besseren: Seitenphotographien aus Büchern haben durchweg den Drang, gelblich-hellbraun zu werden, als ob die Vorlagen sämtlich aus stark holzhaltigem Papier bestanden hätten – trotz ihrer Entstehungszeit; Farbbilder haben den matten Glanz eingeweichter Gummibärchen, ihre Farben sind flau und die Abstufungen unerkennbar, wie z.B. auf Seite 32, wo die Oberbekleidungen von Herrn Nolte und Frau Braun höchst indezent ineinanderlaufen.
    Man mag mit mir die Schrifttype Questa eh für ästhetisch unerfreulich halten, ihre senkrechten Striche sind in Relation zu den gekrümmten Linien und Serifen zu dick, die Serifen-Variante der Schrift läuft insgesamt zu breit. Die Sans-Variante ist enger, wenn fett wesentlich dicker, so daß die Grauwerte der Seiten recht uneinheitlich werden.
    Mir will gleichfalls nicht einleuchten, warum die Anzahl von Spalten, die eh von Bildern und Textpassagen eingedrückt bzw. unterbrochen werden, derart von einer bis vier variieren muß.
    Das Heft besitzt auch einen Umschlag. Im Unterschied zum Inhalt ist dieser streng gestaltet, zwar werden auch dort beide Varianten der Questa verwandt, dies aber weniger störend als innen. Da sich der gerade Leib der „1“ so passend dem Rücken der Broschur (leider keine Fadenheftung, ans Neubinden denkt heutzutage niemand mehr) anschmiegt, so sollte man gespannt auf die eher runden Ziffern sein. Der Trick, daß die Zahl erst bei ganz aufgeschlagenem Einband völlig sichtbar wird, wogegen sich die Klebebindung wehrt, ist nicht ganz neu.
    Es scheint in dieser Periode der Gestaltung von Internetseiten schwierig, in sich Stimmiges, Einheitliches zu produzieren, zu sehr haben sich die Augen anscheinend an das konfuse Kunterbunt auf den Monitoren gewöhnt.

Büchernarren unter sich

9. August 2015

Herr Biester hat den lobenswerten Versuch unternommen, der restlichen Buchwelt die Probleme des Antiquariatshandels etwas näherzubringen (hier geht es zum Börsenblatt). So ist ein gut lesbarer Text entstanden, der informiert, aber wenig zur Lösung aktueller Probleme beiträgt. Das liegt auch an den Vorschlägen, die dem Verfasser entgegengebracht wurden und die so alt und ausdiskutiert sind, daß sie in die Mottenkiste, besser noch zum Bücherstaub gehören.

Buechernarr
    Aber beginnen wir am Anfang. „Hoffnungsträger der Branche sind alternative Plattformen und engagierte Neugründer“.
    „Alternative Plattformen“: Welche davon sind von Bedeutung? Mir fiele mit viel Nachdenken evtl. eine von geringerer Bedeutung ein – doch wieviel des Umsatzes dieser alternativen Plattform wird über Metasuchen wie ‚Eurobuch’ (siehe dessen Besitzverhältnisse!) generiert? Was bleibt dann von ‚alternativ’ und eigenständig? ‚Booklooker’ würde ich nicht zu den Alternativen rechnen, da es hauptsächlich einen Teilbereich des antiquarischen Buchhandels abdeckt und bereits für einige Weile teilweise unter die Fittiche einer größeren Firma geschlüpft war.
    „Engagierte Neugründer“: Gut, gut, das Engagement läßt mit dem Alter nach, aber dies liest sich so, als seien nur die Neuen noch bei der Sache. Dem ist nicht so.
    Die genannten Vorbilder direkter Kundenansprache, die Herren Günther und Tenschert sind – so leid mir das tut – Ausnahmefälle, die zusammen genau jenen Bruchteil aller Antiquariate repräsentieren, den sie bilden. Auktionshäuser arbeiten, siehe Sotheby’s, sogar mit Ebay zusammen. Ansonsten fällt es mir schwer, Auktionshäuser zu den Antiquariaten zu rechnen, da sie sich eher als Konkurrenz zu unserem Handel mit wertvolleren antiquarischen Stücken gebärden und sich mit zahlreichen Angeboten ebenso wie wir an die Endkunden wenden.
    Nun zu den Lösungsvorschlägen, zuerst zu denen des Kollegen Mewes: „Die Antiquare müssen enger kooperieren, um der Marktbeherrschung durch Amazon entgegenzutreten.“ Pro domo, und so wie sich die gemeinte Institution mit diversen Unverträglichkeitserklärungen gegenüber Kollegen bislang anstellte, eher Utopie. „Amazon ist übrigens mit dem Antiquariat groß geworden; es wäre schön, wenn die MVB daraus für die Seite Buchhandel.de die richtigen Schlüsse zöge; …“ Nachmachen ist alles, was uns einfällt. Wer sagt, daß es zweimal klappt? Überhaupt: Warum erst das Große, wenn klein angefangen werden kann? Der Antiquaria-Service des ZVAB fällt fort, weil ABE unwillig ist – was läge näher, als dies selbst anzubieten? So schwer kann die Programmierung nicht sein. Ein neuer Service ist besser als tausend Wörter und viele Anzeigen.
    Sodann die weiteren Vorschläge: „Während sich Verleger und Buchhändler beispielsweise intensiv mit Metadaten befassen und die Initiative ‚Vorsicht Buch’ unterstützen, fehlt im Antiquariat der Druck zur Innovation. Einführung und Durchsetzung verbindlicher Qualitätsstandards – hinsichtlich Verfügbarkeit, Zahlungsoptionen oder Abwicklung? Standardisierte bibliographische Daten? Kooperation mit Bibliotheken? Fehlanzeige.“
    Zu den einzelnen Punkten. „Metadaten sind Daten, die helfen, Bücher besser zu verkaufen“, meint Ronald Schild. Ich mag solch luzide Beiträge, und er steigert sich „Ohne korrekte Bezeichnung des Titels, des Autors, des Verlages ist ein Titel häufig überhaupt nicht auffindbar, ohne passgenaue Klassifizierung nach Warengruppe, Zielgruppe oder Genre wird er deutlich seltener von Buchhändlern oder Endkunden gefunden und gekauft.“ Wahr. Genau aus diesem Grunde haben unsere Datenbanksysteme Felder für genau jene Informationen und weitere für Metadaten wie Stichwörter, Sachgebiete und Kataloge – bisweilen weisen einzelne Angebotseiten sogar Möglichkeiten zum Stöbern auf.
    Die Seite „Vorsicht Buch!“ mit ihrem dekorativ dicken Ausrufezeichen weiß noch nicht, ob sie ihre Benutzer Siezen oder Duzen möchte, mittig: „Über die Umkreissuche eine Buchhandlung in Ihrer Nähe finden …“; unten „Jetzt Buchhandlung in Deiner Nähe suchen“. Ich zöge das Siezen vor. Abgesehen davon möchte die Seite gern mit Javascript angeschaut werden und sicherlich ließen sich die Ladezeigen verkürzen. Als Vorbild mag ich dies nicht sehen.
    Qualitätsstandards. Darüber wurde bereits in der Hess-Runde zur Zeit des Herrn Mulzer, selig, debattiert. Ich erspare mir, irgendwelche Beispiele anzuführen. Es gibt keine Institution, die dies unter all den querköpfigen, eigenbrödlerischen Antiquaren durchgebracht hätte. Zum Glück. Das erspart dem Kunden zwar nicht die Erfahrung mit einigen schlechten Beschreibungen, aber im Zeitalter einfacher digitaler Bilderstellung läßt sich das leicht verkürzen.
    „Standardisierte bibliographische Daten“? Das bedürfte näherer Erläuterung. Wie sollen diese Angaben bei einer so weit gefächerten Angebotspalette von Alchemie bis Zoologie standardisiert werden?
    „Kooperations mit Bibliotheken?“ Wozu? Wie?
    Da wir Antiquare vom Gesetzgeber zunehmend mit Antiquitätenhändlern in einen Topf geworfen werden (MwSt-Satz für Autographen und Handschriften, geplantes Kulturschutzgesetz, s.u.) sehe ich eher hier gemeinsame Fronten als zu den Frischbüchlern.
    Sammeln heißt differenzieren, bewerten, auswählen. Dasselbe galt für den Antiquar, nur ist dies in Zeiten von Massen sich auf den Plattformen drängelnder Angebote abhanden gekommen. Sowie die Auswahl vernachlässigt wird, steigt die Menge, die in sich keine Unterschiede kennt, außer jenen versandtechnischen der Größe und des Gewichtes, jedoch keine ästhetischen oder geistigen Kriterien. Daher die ständige Abwertung des nahezu Einheitswertigen: es fehlen die Maßstäbe.

PS.
Inwieweit Sammeln noch zeitgemäß und überhaupt möglich sein wird, mag sich dieser Tage entscheiden; es hängt davon ab, was von den Plänen bei der Novellierung des Kulturgutschutzrechts umgesetzt wird. Siehe diese Petition, die ich zu unterzeichen bitte, um dem möglichen Übel wenigstens unsere schwache Stimme entgegenzurufen.

Haben Sie das alles gelesen? Eine ober­fläch­liche Rezension

17. Februar 2015

Warum riechen moderne Druckerzeugnisse nur so unangenehm: reine Chemie steigt aus den aufgeschlagenen Seiten in die Nase. Man sollte sie fern von sich halten und mit einem Fernrohr lesen oder einen Nasenfilter aufsetzen, um Verätzungen der Riechschleimhaut zu vermeiden.
    Es sind nicht nur die Antiquariats-, Messen- und Auktionskataloge, die von Zeit zu Zeit ins Heim flattern, sondern auch vereinzelte Buchgeschenke, die meinen olfaktorischen Unmut erregen. Zum Beispiel dies Buch über Sammler: „Haben Sie das alles gelesen?“.
    Dick kommt es daher, aber das liegt vor allem am 135g/m² schweren, dicken, festen, steifen, viel zu glatten, sich schlecht blättern lassenden Papier (ab 150 g/m² hätte ich es mit Fug und Recht Karton nennen dürfen), oberflächlich gesehen sicherlich ungemein geeignet für den Offsetdruck in diversem Bunt, was einigen Abbildungen ihren dezenten Rotstich verleiht – dick kommt es daher, will sich nicht richtig öffnen lassen, weil die Gelenke der Buchdecke mit den Vorsätzen verklebt sind. Ergo zieht sich der Rücken bald ein inkurables Knickleiden zu. Von der Mechanik eines Buches, scheint es, vernehmen dessen heutige Produzenten nur selten. Vielleicht lesen sie die Eigenproduktion nicht, oder sie lassen lesen. Können Bücher abgespeckt, wegen Adipositas behandelt werden, passen sie nicht mehr in die eigenen Deckel?
    Schwer liegen die gerade mal 336 Seiten folglich in der Hand; der Leser sollte sich frisch und gekräftigt an seine Arbeit machen oder eine Hilfskraft zum Halten anstellen. Aber die Kapitel sind kurz, es werden Erholungspausen gewährt.
    Daß ein Lesebändchen, auch dies in rot, solch Staubfänger, unten ausfransender Seitenmerkstrick, irgendetwas mit Bibliophilie zu tun hätte, das ist ein beliebter Irrtum der Lesenzeichenlosen, dem auch dieses Druckwerk anhängt.
    Der Einband ist von bescheidener Bläue, die aus irgendeinem behandelten Papier mit Leinenstruktur besteht: es täuscht also etwas vor, was es nicht ist – nichts für jene Finger, die Seide, Leinwand oder Leder gewöhnt sind, irgendein Material eben, das ihnen taktile Freuden bereitet. Das Papier innen ist, wie erwähnt, glatt, kein bißchen Oberflächenstruktur trübt dies; es muß eine Verschwörung geben, den Sinnen kein Futter mehr zu gewähren, sie auf spärlichste Diät zu setzen, die aus Buchstaben und Bildchen besteht. Apropos Buchstaben und Farben: der zweite Teil ist in dezentem dunklerem Braun und im Widerdruck(?) etwas noch dunklerem Braun – vieleicht konnte man sich auf einen Farbton nicht einigen? – auf hellbraunem, gerastertem (sic!) Untergrund gedruckt.
    Warum wird in manchen neuen Büchern kein Schwarz mehr als Druckerschwärze verwandt? Ist es zu schwarz und deprimierend? Und natürlich fällt mir Morris ein auf seiner Suche nach der vollkommenen Schwärze: schön ist sie, höllisch dunkel.
    Dazu dann hier die irgendeinem DTP-Programm entwichene Schrifttype: breit läuft sie über die Zeilen, als ob sie auf einer mittelalterlichen Folterbank gestreckt würde; und wenn sich ein kleines Bild mit in die Spalte schmuggelt, dann wird es zugig: plötzlich sieht sie aus wie geronnene Milch, es wird luftig zwischen den einzelnen Buchstaben, wie gesperrt schaut das aus, als ob überdehnt die gefolterten Gliedmaßen der Wörter auseinanderdrifteten.
    Nochmals, die Farben: Neuerdings ergießt sich Buntheit in die Bücher, die erste der wenigen Neuproduktionen, die in meine Hände gelangen und mich damit überraschte, war „Die Bücher des Königs“ (im Vergleich zum Rezensierten jedoch beinah dezent), dann eben dies Buch über und für möglicherweise nicht-farbenblinde Leser und Sammler. Was kann einen halbwegs sehfähigen Menschen dazu verleiten, Seiten rot oder hellbraun zu unterlegen? Ist das der verderbliche Einfluß der Computerei?
    Und ich frage mich, rein rhetorisch, wer gibt sich mit solchen Publikationen zufrieden? Es sind nun seit Gutenberg, selig, einige Jahre in die Schwarzkunstländer geflossen, Erfahrungen in guter Typographie stehen haufenweise zur Verfügung, niemand ist gezwungen, gleich Tschichold-Anhänger zu werden, obwohl mir dessen Aufteilung einer Doppelseite immer noch die schönste und harmonischste dünkt. Aber bereits bei dieser Schrifttype hätte er das Grausen bekommen: jedes ‚w’ macht sich breit, zwei ‚t’ mögen sich nicht und halten stets Abstand zueinander, dafür kuscheln andere Buchstaben miteinander, ohne sich je wirklich zu verbinden, wie z.B. ‚fi’, besonders häßlich, da der i-Punkt gefährlich nah an dem nach unten gebogenen Oberteil des ‚f’ liegt, sich aber nicht mit ihm vereint, sondern haarscharf daneben sitzt: der Fadenzähler zeigt mir kein bißchen weißen Zwischenraum (z.B. S. 172). Es soll, so habe ich gehört, Ligaturen selbst in Computerschriften geben.
    Alles atmet den Hauch von Flüchtigkeit, mangelndem Gestaltungswillen und Gedankenlosigkeit – summa summarum dies Druckwerk ist ein Zeichen unserer Zeit.

Klaus Walther, Dieter Lehnhardt (Herausgeber): Haben Sie das alles gelesen? Ein Buch für Leser und Sammler. [Niederfrohna:] Mironde-Verlag, 2014.