Archive for the 'Historisches' Category

Buchwörterbuch

7. Februar 2017

Das Buchwörterbuch hat in den letzten Wochen zahlreiche neue Einträge bekommen, alte wurden überarbeitet.

Nachtrag, 24. Februar:
Inzwischen ist das Buchwörterbuch weiter gewachsen, es sind nun 230 Artikel zu Themen rund um das Buch, seine Produzenten, Binder und Künstler. Ein Inhaltsverzeichnis mit Links auf die Einträge ist vorangestellt:

Inhalt: A | Abbreviaturen | Abfärben | Ad usum Delphini | Aldus Pius Manutius | Alinea | Anagramm | Anastatischer Druck | Annotationen | Anonym | Anthologie | Antiqua | Asianismus | Auflage | Auktionator | Ausgabe letzter Hand | Autograph | B | Bauchbinde | Berieben | Beschabt | Beschädigungen | Bestoßen | Bibliographien | Blattweiser | Blindprägung | Boustrophedon | Bowdlerize | Brokatpapier | Bronzefirnispapier | Broschur | Brotschrift | Bu | Buch | Buchbinder | Buchdruck | Buchillustration | Bücherwurm | Buchfluch | Bünde | Bünde, eingesägte | Bünde, unechte | Buntpapier | Büttenpapier | C | Chagrinleder | Thomas James Cobden-Sanderson | Codex | Chromolithographie | D | Dekadenzdichtung | Deus ex machina | Diacritica | Doublette | Doublüre | Duodecimo | Durchgezogene Bünde | E | Editio princeps | Einbandbestimmung | Einbanddecke | Einbandkunst | Emblem | Ephemera | Errata | Erste Ausgabe | Eselsohr | Essay | Exlibris | Expressionismus | F | Fächereinband | Faksimile | Falz | Falzbein | Fitzbund | Fleural | Folio | Fore-edge Painting | Formate | Fraktur | Frontispiz | G | Gebrauchspuren | Gegenmarke | Gepunzter oder ziselierter Schnitt | Gestaucht | Getrüffelt | Goldschnitt | Griechische Drucke | Grimoire | Jean Grolier | Grotesk | Groteske | Guilloche | H | Handbibliothek | Handeinband | Heftfaden | Heftlade | Heliogravüre | Holzmodel | Holzschnitt | Hypnerotomachia Poliphili | I | Imprese | Impressum | Incipit | Initiale | Inkunabel | Interimseinband | J | Japanpapier | Jesuitendrama | Jugendstil, Art nouveau & Art déco | K | Kalligraphie | Kapitale, handgestochene | Käppchen | Karton | Katalog | Kattunpapier | Klebebindung | Kleisterpapier | Kollation | Kolophon | Konvolut | Kopert | Kupferstich | Kurrentschrift | Kustode | Ernst Kyriss | L | Lagensignaturen | Laufrichtung | Leder | Lederschnitt | Leporello | Lichtdruck | Ligatur | Limitierte Auflage | Lithographie | Livre d’artiste | Livre d’heures | M | Makulatur | Manierismus | Marginalien | Tammaro De Marinis | Marmorpapier | Miniaturbücher | Modernes Antiquariat | William Morris | Musenalmanach | N | Nekrolog | Notation | Numberline | O | Octavo | Offsetdruck | Originaleinband | P | Paginierung | Palimpsest | Pamphlet | Papyrus | Pappband | Perlschrift | Pergament | Jean Picard | Plagiat | Plattenrand | Pochoir | Pressendrucke | Privatdruck | Privileg | Provenienz | Pseudonym | Q | Quarto | Quodlibet | R | Rara | Raster | Raubdruck | Rauschel | Recto | Reglieren | Remboîtage | Restaurieren | Rocaille | Rubrizieren | S | Sammeln | Satire | Sedecimo | Serifen | Signet | Spaltensatz | Spatium | Supralibros | Sütterlin | Sch | Schablone | Schließe | François-Louis Schmied | Schnitt | Scholastik | Schriftrolle | Schrotgrund, Schrotschnitt | Schuber | Schutzumschlag | Schwarze Romantik | Schwarzer Humor | St | Stahlstich | Stammbuchblatt | Steganographie | Stege | Stempel | Stenographie | Stereotypie | Stockflecken | Stöbern | T | Taschenbuch | Tintenfraß | Titelauflage | Titelrahmen, Titelumrahmung | Typographie | U | Unbeschnitten | Unbeschnitten und unaufgeschnitten | Utopie | V | Vélinpapier | Verbunden | Versalien | Verso | Vignette | Vorsatz | Vorzugsausgabe | W | Wasserzeichen | Wert | Widmungsexemplar | X | Xerographie | Xylograph | Y | Ὑπατία | Z | Zeitrechnung | Zensur | Ziegenleder | Zitieren | Zustandsbeschreibung | Zwischentitel

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Provenienzen

11. Mai 2015

Was bedeuten uns heute noch die Abstammunglinien der Bücher? Ist es uns noch wichtig, überhaupt von Bedeutung, daß ein bestimmtes Buch zu Zeiten dem und danach jenem gehörte, in der Bibliothek eines Adligen, eines berühmten Sammlers oder in den Händen eines sich von der Masse abhebenden Lesers verweilte?
    Mir scheint, daß wir immer geschichtsloser werden und die Vergangenheit bald nur noch Stoff für 3-D-Filme sein könnte; auch, daß die Gleichmacherei vor den Büchern nicht haltmacht.
    Um den Wert eines verstorbenen Sammlers einschätzen und einordnen zu können, müssen Buchgeschichte wie allgemeine Historie studiert werden.
    Provenienzen sind Nachschlageaufgaben, eine Erweiterung unserer Vergangenheitswahrnehmung. Längst dahingegangene Sammler können uns, beschäftigen wir uns mit ihnen, zu Vorbildern werden, indem der Blick in ihre Bibliothek zum Blick in ihren Geist gerät und ein Vergleich uns aufzeigt, wo unsere Lücken und vielleicht auch Vorlieben liegen. Nebenher mögen sie uns neue Perspektiven eröffnen, Gebiete aufzeigen, die wir zuvor nicht bemerkten. Wenn all dies kein Anlaß ist, sich unseren bibliophilen Vorläufern zu widmen, was dann?
   
    Wie kam ich auf dieses Thema? Ich bemerkte in einem Katalog eine hinzugefügte Provenienz. Ein Antiquar hat einem Buch, das ich zuvor anderswo anschauen durfte, ein Exlibris hinzugefügt, das damals nicht vorhanden war. Ist dies nun eine Verfälschung, denn eigentlich wanderte dies Exemplar andere Wege durch die Zeiten als nun beschrieben? Da es sich augenscheinlich um keinen der berühmten Sammler handelt, ist die Hinzufügung wenig verständlich, wenig preistreibend zudem. Doch fügt die Täuschung jenem Bibliophilen, dessen Exlibris das Buch nun ziert, ein Interesse zu, daß er womöglich nie besaß.
    Mir will scheinen, daß das Hinzufügen ärger ist als das Löschen. Letzteres tilgt eine Spur, setzt aber keine neue, die den Buchahnenforscher auf falsche Fährten lockt.

Aldus Pius Manutius

2. Februar 2015

Aldus Manutius
Aus: Antoine Augustin Renouard: Annales de l’imprimerie des Alde, ou histoire des trois Manuce et de leurs éditions. Troisième édition. Paris: Jules Renouard, 1834.

Aldus Pius Manutius wurde um 1449 (i) zu Bassiano bei Sermoneta im Kirchenstaat nahe Rom als Sohn von Antonius Mandutius geboren, weshalb er sich meist Romanus nannte. Er hörte in Rom Vorträge von Domizio Calderini und studierte Latein bei Gaspare da Verona sowie in Ferrara Griechisch bei Battista Guarino. Später wurde er Tutor der Neffen Pico della Mirandolas, Alberto und Lionello Pio, Prinzen von Carpi; zu dieser Zeit nahm er auch den Beinamen Pius an und faßte, unterstützt durch finanzielle Hilfe von Alberto Pio, den Entschluß, zu Venedig eine Druckerei für die Verbreitung der antiken Schriften, und vornehmlich die der Griechen, aufzubauen.
    So verbrachte er wohl zwei Jahre, um Kontakte zu Verlegern zu knüpfen, die finanzielle Sicherheit des Unternehmens zu besorgen, Herausgeber und Gelehrte zu finden sowie die Grundlagen des Druckens und der Typographie zu erlernen. Dabei kreuzte sein Pfad sich bald mit Andrea Torresani, der um 1480 Teile der Jensonschen Druckerei von dessen Witwe gekauft hatte. 1493 erschien bei Torresani die Editio princeps von Aldus’ lateinischer Grammatik.
    Das erste Buch dieser Presse nahe der Via San Agostino (ii) waren die Erotemata von Constantin Laskaris. Ein weiteres wichtiges Ereignis war die Gründung der Neakademia, in der Gelehrte und Herausgeber die Transkription alter Handschriften erörtern konnten.
    Von den 38 griechischen Veröffentlichungen zwischen 1495 und 1515 entstammen 27 den Aldinischen Pressen, und 24 von diesen wurden von Aldus selbst oder in Kooperation mit einem oder mehreren Herausgebern gestaltet. Seine Haltung drückt sich am besten im Vorwort zum Thesaurus Cornupopiae aus: “In our day it is indeed a difficult task for the friend of good literature to print Latin books correctly, it is even harder to print Greek books, and the hardest of all tasks is to print in both languages without mistakes. (…) To me, however, this striving for perfection and the eagerness to be of service to you, to supply you with the best books, has developed into an instrument of torture.” (iii)
    Wichtig für die Gestaltung seiner griechischen Typen war die Idee, den Korpus des Buchstabens horizontal anzuschrägen, wodurch sich ein weiteres separat gegossenes Zeichen oberhalb der Mittellänge (iv) in einer eigenen schmalen Zeile einfügen ließ – dies kerning wird von Barker ausführlich behandelt (v).
    Jenen flüssigen Handschriften, wie sie damals üblich waren, nicht den harten, voneinander abgegrenzten Zeichen, meist nur Majuskeln, der Überschriften oder religiösen Manuskripte, sind die griechischen Typen Aldi nachgeahmt. Hinzutritt, daß die griechische Schrift dem Schreiber mehr Raum für individuelle Gestaltung gab: die Buchstabenform konnte verzerrt, versetzt, sogar zu einer Linie abgewandelt, mehrere Lettern mochten zu einem einzigen Zeichen zusammengeführt werden. Nicht die Gleichförmigkeit, sondern die Lebendigkeit der Kalligraphie war erwünscht.
    Seine lateinische Kursiv hatte ebenfalls die zeitgenössische, italienisch humanistische Hand zum Vorbild (vi), und indem sie ähnliche Gestaltungsprinzipien wie eben für die griechische Type aufgezeigt befolgte, bestärkte Aldus den ebenso zwanglosen wie populären Charakter der Oktavausgaben, die vom Reisenden leicht mitgeführt, vom Wartenden aus der Tasche gezogen werden konnten, um zu studieren, bis die Zeit der Muße vorüber war. Ausgaben, die der Gelehrte ebenso wie der Gebildete stets mit sich führen mochte, statt der mit Kommentar überladenen oder sogar an Pulte geketteten Folianten früherer Zeit.
    Jene handlichen Oktavausgaben, die durch ihre Größe und Stärke so gut in der Hand lagen – Aldus benutzte den Ausdruck enchiridion (vii) –, der griechischen und lateinischen Klassiker wurden ab 1501 veröffentlicht. Ihr Text folgte den besten, den Herausgebern zugänglichen Handschriften, so daß Standardeditionen geschaffen wurden, die einige Zeit überdauerten.
    „Zweifellos verbanden sich für den Humanisten Aldus ideelle Anstöße mit praktischen Erwägungen. Er kam mit den erschwinglicheren Preisen der handlichen Bände noch unausgesprochenen Bedürfnissen entgegen und erschloß sich damit, wie sich sogleich herausstellte, einen europaweiten Absatzmarkt. Den ideellen Absichten ist die Wahl der Kursive zuzurechnen, denn damit bürdete er der Schriftherstellung und der Setzerei beträchtliche zusätzliche Lasten auf. Die charakteristischen Buchstabenverbindungen der zeitgenössischen Kursive erforderten nämlich die Anfertigung zahlreicher Ligaturen (man zählt bis zu 65). Außerdem machte die zwar verhältnismäßig geringe Schräglage den Guß überhängender Buchstaben notwendig. Aldus’ Schriftschneider und Schriftgießer hatten diese Schwierigkeiten allerdings schon bei den vorausgegangenen gleichfalls geneigten griechischen Typen seiner Druckerei zu überwinden gewußt. Wie in den Handschriften üblich, wurden zu den kursiven Kleinbuchstaben geradestehende Versalien geschnitten, diese aber besonders klein gehalten, wodurch sie angenehm zurücktraten.“ (viii)
    Francesco Griffo da Bologna schnitt diese feinen Typen, von denen die Überlieferung will, daß sie die Schriftzüge Petrarcas nachahmten – doch ein Vergleich straft diese Tradition Lügen. Jene frühe Kursiv, wie sie im Dante und Vergil verwandt wurde, gab dem Zeitgeschmack Raum, indem sie wie erwähnt ca. 65 Ligaturen verwandte; verschiedene Formen einzelner Buchstaben und gestalterische Kunstgriffe wie das Herausrücken von Zeilenanfängen bei Versen unterstützten den Eindruck, daß der Druck dem Manuskript gleichkäme.
    Es entstanden die Editiones principes wichtiger griechischer Philosophen und Schriftsteller wie Aristoteles, Musaios, Theocrit, Aristophanes, Theodoros Gaza, Hesiod, Theognis, Pythagoras u.a.; und nebenher fast unscheinbare Drucke wie die erste handliche Ausgabe von Dante.
    Mit diesen Ausgaben wurde jenes Signet berühmt, dessen Motiv auf eine unter dem Kaiser Vespasian geprägte Silbermünze zurückgeht, die Aldus von Pietro Bembo geschenkt worden war. Es wurde ab Juni 1502 in verschiedenen Ausführungen benutzt. (ix)
    Die zum Emblem passenden antiken Zitate lassen sich bei Sueton: Augustus 25,4 und den Attischen Nächten des Aulus Gellius 10,11,5 finden. In seiner griechischen Form Σπεῦδε βραδέως erschien das Motto erstmals 1498 im Vorwort zu Politians Opera. Die lateinische Version taucht im zweiten Widmungsvorwort der Astronomi veteres vom Juni/November 1499 an Alberto Pio von Carpi auf. Im Dezember jenes Jahres erschien dann die Hypnerotomachia Poliphili, ein erotisch-mystischer Roman voller Architekturmodelle und -ruinen – und wohl das schönste Buch, das je die Aldinischen Werkstätten verließ, geschmückt mit Holzschnitten, von denen eine Vielzahl Emblemata zeigt, darunter den Prototyp der Druckermarke (fol. d7r) und etwa achtzig weitere bildliche Variationen des Themas.
    „Denn das Zeichen, das einst auf Kaiser Titus Eindruck machte, ist jetzt als seine berühmte Druckermarke überall in der Welt bekannt und beliebt, wo immer es Menschen gibt, die die klassische Literatur kennen und schätzen. (…) für deren Wiedererweckung dieser Mann geradezu geschaffen und, wenn ich so sagen darf, vom Schicksal gesandt und geprägt ist. Denn er hat nur einen glühenden Wunsch, ein Ziel, das er mit nie erlahmendem Eifer verfolgt, einen Plan, für dessen Verwirklichung er keine Mühe scheut: geistig interessierten Menschen die Textgrundlagen vollständig, rein und unverfälscht wieder zugänglich zu machen.“ (x)
    Aldus starb am 6. Februar 1515 (1514 nach venezianischer Zeitrechnung), und die Herausgeber- und Druckertätigkeit wurde von seinem Kompagnon und dessen Söhnen fortgesetzt, bis die Offizin nach einer kurzen Phase der Stillegung 1533 von Paulus Manutius (1512-1574) und den Torressani-Söhnen wiedereröffnet wurde; diese Zusammenarbeit reichte bis in Jahr 1540, dann firmierte die Presse nur noch unter seinem Namen: „Aldi filii“. Paulus wird kein leichtes Leben gehabt haben. Es begann mit einer vaterlosen Kindheit und verlief begleitet von den Streitigkeiten um die Firma. Sein Spezialgebiet war die Herausgabe und Kommentierung lateinischer Texte; nebenher fungierte er als Drucker für die Academia Veneta und richtete in Rom für kurze Zeit eine Zweigstelle ein.
    Pauli Manutii Nachfolger wurde sein Sohn Aldus II, der die Firma bis zum eigenen Tod 1597 fortführte, womit sich das Jahrhundert jener Presse rundete.
    Für diesen Sohn und Enkel mußte es zwangsläufig schwierig sein sich zu profilieren – bei einem so berühmten Vater, der die lateinischen Klassiker für seine Zeit grundlegend bearbeitet, kommentiert und ediert hatte und bei einem noch berühmteren Großvater, der dies für die griechischen Autoren getan hatte. Daß er als Wunderknabe dargestellt wurde, muß sowohl an der Zeit gelegen haben wie an den Wünschen seines Vaters, doch hatte er schwer an der dadurch geschaffenen Hypothek zu tragen: in seinem neunten Lebensjahr wurde von seinem Vater eine Sammlung stilistischer Beispiele unter seinem Namen veröffentlicht, zwölfjährig soll er die Vertrautenbriefe Ciceros übersetzt und durchgesehen haben.
    Für lange Zeit waren Aldinen die schönsten Stücke einer Sammlung. Jean Grolier, dieser Urvater der Bibliophilen, ließ sie sich gleich mehrfach liefern, um Freunde zu beschenken. Sie wurden mit feinen Einbänden in ehrwürdigen Materialien bekleidet, leider meist des häufigeren umgebunden, da die Sammlermode mancher Zeit die Uniformität des Bücherschranks forderte.
    Doch mit dem Verfall der klassischen Bildung, die sich auf die Kenntnis der Antike berief und von dort immer neu ihre Aktualität schöpfte, sanken nicht nur die barocken Editionen mit den vielfältigen, gelehrten Noten im Kurs, sondern auch die Aldinen. Es bleibt uns hingegen die immer noch vorbildliche Ästhetik des Drucks, Papiers, der Typen wie der Gestaltung. Es mag ein esoterisches Erlebnis sein, doch ein unvergleichliches: nehmen Sie eins dieser Bücher in die Hand, fühlen sie, wie es in ihr liegt, schlagen Sie es auf, wie sich das Papier anfühlt, wie sich die Schrift klar abhebt, die Färbung von Papier und Druckerschwärze …

(i) Fletcher: New Aldine Studies. San Francisco: Rosenthal, 1988, p. 27 erörtert das Geburtsdatum: die Angaben schwanken zwischen 1447 und 1452.
(ii) Für diese und die weiteren Adressen der Offizin cf. Fletcher, op.cit., pp. 62-71, mit Abbildungen.
(iii) In: Aldus Manutius and His Thesaurus Cornucopiae of 1496. Syracuse UP, 1958. p. 11. Übers. v. Antje Lemke.
(iv) Bei einer Vierlinienschrift z.B. die Höhe der Buchstaben ‚a‘, ‚c‘, ‚e‘, ‚u‘, ‚m‘ u.s.w.
(v) Nicolas Barker: Aldus Manutius and the Development of Greek Script and Type in the Fifteenth Century. Sandy Hook: Chiswick Book Shop, 1985. p. 76 sqq. und Abb. 34-35.
(vi) Cf. Luigi Balsamo & Alberto Tinto: Origini del corsivo nella tipografia Italiana del Cinquecento. Mailand: Il Polifilo, 1967. pp. 25-41. – Nicolas Barker: Aldus Manutius and the Development of Greek Script and Type in the Fifteenth Century. Sandy Hook: Chiswick Book Shop, 1985. pp. 59-63. Abb. 26, 27, und specimen leaf 3. [Zusatz 2015:] Nicolas Barker: The Aldine Italic. In: David S. Zeidberg: Aldus Manutius and Renaissance Culture. Florenz: Olschki, 1998. pp. 95-107.
(vii) von gr. ἐγχειρίδιον, ein Manual oder eine kleine Handwaffe.
(viii) Gustav Stresow: Die Kursiv. In: Aus dem Antiquariat. 1993, Heft 2, p. 42.
(ix) Cf. Fletcher, op.cit., pp. 43-59. – Edgar Wind: Pagan Mysteries in the Renaissance. London: Faber & Faber, 1968. p. 98 sqq. „The woodcuts of the Hypnerotomachia alone show more than eighty variations of festina lente, each one of them giving a new twist to the theme“ (p. 103).
(x) Erasmus: Adagia. II,1,1. In: Ausgewählte Schriften. VII. Übers. v. Th. Payr. Darmstadt: WB, 1972. pp. 485-7.

(Der Text stammt aus dem Vorwort zu meinem Katalog 7 und wurde für diese Neuveröffentlichung nur wenig überarbeitet.)

Aldus Signet

Vergangenheitsbewältigung

1. Februar 2015

„Die gebrauchten Bücher, die in den kommenden Jahren vererbt werden, haben keinen Wert. Und Platz gibt es für sie auch nicht. Sie werden ein letztes Mal durch die melancholischen Hände der Erben gehen, dann ist auch diese Vergangenheit bewältigt.“
Quelle: Tagesspiegel
    So ist das. Ist das so?
    Die Vergangenheit wurde bewältigt, ehe sie durch Fortwerfen bewältigt wurde: durch Nichtbeachtung, simple Ignoranz. Was waren das noch für Zeiten als Nicolaus Cusanus ein Büchlein mit dem Titel „De docta ignorantia“ verfassen konnte! Heute ist Unwissen nicht mehr Ausgangspunkt für ein Streben nach Erkenntnis, sondern ruht gefestigt in sich — meist vor irgendeinem Bildschirm.
    Und wer sich den internationalen Markt anschaut, wird bemerken, daß für englischsprachige Werke des 20. Jahrhunderts hohe Preise gezahlt werden, die kaum durch deren geistigen Gehalt oder deren buchkünstlerische Qualität zu rechtfertigen sind: das Erinnerungsvermögen kapriziert sich auf die eigene Kindheit und Jugend, jenes was man sich damals nicht leisten konnte, anderes was von einer Mode hochgespült grad in aller Munde ist.
    Wenn ich mich im mit Bibliophilie verseuchten Bekanntenkreis umhöre, so zeigen die wenigsten Erben Interesse an den Schönheiten, die sich in den Regalen und Vitrinen der Väter drängeln: Verkäufe stehen an, die Auktionen werden gefüllt, Bücher müssen sich auf die Wanderschaft nach einem anderen Heim begeben.
    Dabei waren sie ein gutes Speichermedium, um mich in Neusprech auszudrücken: die digitalen Dingsda werden uns noch Ärger bereiten, denn so einfach wird das Studieren eines heute abgespeicherten PDFs in hundert Jahren nicht sein. Waren die antike und mittelalterliche Schreibertätigkeit vornehmlich der Verbreitung gewidmet, so werden zukünftig langlebige Sicherheitskopien dem Archivieren dienen, so es denn für die auf ihnen enthalten Daten in vielen hundert Jahren Programme und Maschinen geben wird, die sie lesbar werden lassen, denn allein unsere Augen genügen nicht, die Daten zu erkennen. Einsprachige Rosettasteine?
    Siehe: Heise
    Aber nicht allein um das angesammelte Wissen geht es, sondern gleicherweise um eine Ästhetik, für deren Entfaltung viele hundert Jahre notwendig waren.
    Diesen Freitag, den 6. Februar, gedenken wir des großen, gelehrten, vorbildlichen Aldus Manutius, dessen Todestag sich zum fünfhundersten Male jährt. Wir sind seine Erben, nur im übertragenen Sinne, aber die Verpflichtung ist dieselbe.

Der gedruckte Antiquariatskatalog

2. Juli 2014

Manche Themen sind Wiedergänger, unausrottbar, stets von neuem aus den Ecken kriechend, immer wieder langweilig, weil vergangen: so auch die Diskussion um den gedruckten Antiquariatskatalog.
    Nehmen wir an, das Internet würde von heut auf morgen, ganz plötzlich und unerwartet abgestellt. Es gäbe dann die Plattformen nicht mehr, die neunzig oder mehr Prozent der augenblicklichen Antiquare und jener, die sich dafür halten oder nur so nennen, am Scheinleben erhalten. Es wäre nicht traurig um sie.
    Weniger angenehm wäre die Aussicht, wieder am Telephon hocken oder am Briefkasten lauern zu müssen auf der Suche nach Bestellungen. Aber wie kämen die potentiellen Kunden überhaupt auf uns? Durch gedruckte Kataloge, wie anno dazumal. Die Druckereien oder Photokopierläden würden sich freuen, ebenso die Hersteller von Umschlägen und die Post. Die Briefträger hätten wieder mehr in ihren Körben und würden immer noch so bezahlt, als hätten sie so wenig wie jetzt.
    Für den ‚alten‘ Antiquar bedeutete diese Umstellung keine Probleme: die Makros und Formatvorlagen lauern noch irgendwo in den Untiefen seiner Computerfestplatten; die Kundendateien bedürften wohl eines kleines Updates, um die Karteileichen zu entfernen, aber sonst wären sie recht tauglich.
    Da dem aber nicht so ist, das Internet noch funktioniert, ist die Diskussion um gedruckte Kataloge so sinnvoll wie die über Wiedergänger. Eine Homepage bietet viel bessere Möglichkeiten, die angebotenen Bücher zu präsentieren: Farbabbildungen, Suchmöglichkeiten, Links zu anderen Angeboten, Stöbervorschläge und noch viel mehr.
    Sollten nun alte Kataloge als Relikte einer vergangenen Zeit gesammelt werden? Wem es gefällt, bitte; ein jeder mag sich seine Räume vollstellen, wie es ihm beliebt, doch als Tapete geben sie wenig her im Vergleich zu einem angemessen vergoldeten Lederrücken.
    Auch bereitet es mir z.B. wenig Vergnügen, in längst dahingegangenen Angeboten zu schmökern ohne die Möglichkeit, die offerierten Stücke auch erwerben zu können: jene Kataloge sind wie Grabsteine — die auf den Inschriften Erwähnten, liegen tot darnieder im Staub, niemand kann mehr mit ihnen reden, sie bewundern, sie ergreifen. Und falls man den auf langsam vergilbendes Papier gedruckten Beschreibungen trauen darf, waren sie damals schöneren Büchern gewidmet als heute, und das hinterläßt den Leser melancholisch, und er mag darüber sinnieren, wo all diese Werke wohl geblieben sein könnten — und wo der Geschmack heutiger Kunden.

Marmorierung

3. August 2012

Jeder Büchersammler kennt Marmorpapier als Vorsatz- oder Einbandmaterial. Auch Buchschnitte können marmoriert werden. Eine Datenbank mit zahlreichen Beispielen hat die → University of Washington ins Netz gestellt.
    Die Technik ist in Japan seit dem frühen elften Jahrhundert, also der späten Heian-Zeit, bekannt, Anne Chambers (s.u.) erwähnt mehrere solcher Papiere in einem um 1118 entstandenen Werk (S. 13); in China seit der Ming-Zeit, und etwas später in Vorderasien, wohl der Handelsroute über die Seidenstraße folgend. Nach Europa wanderte sie um oder kurz nach 1600 ebenfalls über den Handelsverkehr ein, daher spricht man auch von ‚venezianischem’ Papier.
    Jedoch ist nicht allein der Marmor marmoriert, sondern auch andere in der Natur vorkommende Steine. Und die gestalterische Technik des Marmorierens kann nicht allein auf Papier angewandt werden, sondern mit ähnlichen Ergebnissen auf Glas und Steinzeug. Und dies empfinde ich als eine der faszinierenden Eigenschaften menschlichen Schöpfergeistes: wie er Beispiele aus der Natur, die sein ästhetisches Gespür ansprechen, aufgreift und weiterentwickelt.

Einige Beispiele:

Laguna lace Achat aus Mexiko

Laguna lace Achat aus Mexiko

Blütenstaub auf Wasser, gestern im Berliner Tiergarten

Blütenstaub auf Wasser, gestern im Berliner Tiergarten

Marmoriertes Steinzeug, China Tang-Zeit

Marmoriertes Steinzeug, China Tang-Zeit

Marmorierte Glasur auf Steinzeug, China Song-Zeit

Marmorierte Glasur auf Steinzeug, China Song-Zeit

Marmoriertes Glas, Römisch, etwa 1.-2. Jahrhundert

Marmoriertes Glas, Römisch, etwa 1.-2. Jahrhundert

Nützliche Nachschlagewerke:
    Wolfe, Richard J.: Marbled Paper. Its History, Techniques, and Patterns With Special Reference to the Relationship of Marbling to Bookbinding in Europe and the Western World. Philadelphia: University of Philadelphia Press, 1989.
    Miura, Einen: The Art of Marbled Paper. Marbled Patterns and How to Make Them. London: Zaehnsdorf, 1989. (Interessant wegen der dreisprachigen Bezeichnungen für die dargestellten Papiere)

Für die Herstellung japanischer Marmorpapiere:
    Chambers, Anne: Suminagashi. The Japanese Art of Marbling. A Pratical Guide. Foreword by Akira Kurosaki. London: Thames and Hudson, 1991.

Pilgerfahrt

26. Mai 2012

Für S., in Erinnerung unserer Spaziergänge

Berlin, arm an Dichtern, reich an Armut, hat nur wenige Denkmale zu bieten, die einladen, von Zeit zu Zeit besucht zu werden. Für mich gehört Kleists Grab unbedingt dazu. Das letzte Mal, glaube ich mich zu entsinnen, war ich mit einer Freundin dort; sie starb vor einigen Jahren an Krebs. Und die einzige Henriette in meinem Bekanntenkreis, der ich meine Vorliebe für Hofmannsthal und Shakespeare verdanke, ist – zu früh, wie sonst – verschieden.
    Das Andenken des Dichters bekleidet sich in den angelaufenen Jahren mit einem Kokon persönlicher Erinnerungen.

    Begibt sich der Pilger von der S-Bahn oder vom Bus angespült auf den Weg, so weist ihn wenig auf das Heiligtum hin.
    Aus früherer Erfahrung klug geworden hat er sich zuvor mittels Google-Maps, wo eine veraltete Ansicht des Grabes gezeigt wird, oder eines Stadtplans kundig gemacht und richtet seine Schritte zu jenem Ort, wo Bismarckstraße und Königstraße aufeinandertreffen. In neueren Tagen aufgestellte Tafeln zeigen ihm viel Historie: einige schwarz-weiße Bilder umgeben von reichlich Text im typischen Informations-Deutsch – den zu beschreitenden Pfad, darin allen Ratgebern gleich, weisen sie jedoch nur ungenau.

Bismarckstraße, Wannsee

Bismarckstraße, Wannsee


    Trifft er, durch verplante, sich sinnlos krümmende Parkwege samt Hinweisschildern auf ein akustisches Kleistdenkmal erst in die Irre geleitet, dann doch auf die rechte Wegzweigung zum Grab – und um einen Weg handelt es sich, kaum daß zwei Menschen nebeneinander gehen können –, so darf er mit dem Stein Zwiesprache halten: die Ruhestätte wird ihrer Bezeichnung gerecht, sie liegt abseits der Touristenströme.
    So wie anspruchsvolle Literatur, scheint es, abseits unserer Moderne liegt, und so wie Kleists Stil dem heutigen entgegen ist.
Kleists Grab, vom Weg gesehen

Kleists Grab, vom Weg gesehen

Kleists Grab, vom Weg gesehen

Kleists Grab, vom Weg gesehen


    Das Grabmal selbst ist zwecks Eingrenzung flüchtigen Dichtergeistes mit einem niedrigen Zaun umgeben, dessen Tor wohl nur die unkrautzupfenden Gärtner öffnen dürfen. Und daß hier Unkraut wächst zeigt, wie gleichgültig wir der Erde sind, gleich ob schöpferisch, intelligent oder dumm.
Kleists Grab

Kleists Grab


    In alter Gewohnheit umrundet der Pilgerreisende den Grabstein im Uhrzeigersinn.
Rückseite

Die Rückseite


    Läßt er seinen Blick kurz abweichen, gewahrt er dies, und dies Stück Bodensenke hinter dem Grab scheint ihm für eine gewisse zeitgemäße Geistesödnis zu stehen.
Etwas Ödnis

Etwas Ödnis


    Mit einer inneren Verneigung nimmt er Abschied vom Dichter.

    Auf den Informationstafeln, so hat es der Wallfahrer im Gedächtnis behalten, wird dazu animiert, bei dieser Gelegenheit die landschaftliche Umgebung ebenfalls zu sich zu nehmen.
    Das Wannseeufer macht ihm den Eindruck, mit gewollt-aleatorischer Leichtigkeit durchgeplant zu sein, und die Natur auf wohldeformierte Reste begrenzt.

Wannseeufer

Wannseeufer


    Geht der Pilger ein Stück weiter und richtet seine Schritte nicht in Richtung des Trubels der Anlegeplätze, sondern die Ronnebypromenade entlang bis unter die Brücke, sieht er vis-à-vis eine Unterkunft Lebender.
Unter der Brücke

Unter der Brücke


    Nachdenklich begibt er sich wieder zum Bahnhof, begegnet auf dem Weg dorthin dem Andenkenladen, wo er sich mit Schallberieselung hätte eindecken können, wäre ihm der Sinn danach gewesen…
Andenkenladen

Andenkenladen


    …und mag im Bahnhof über die Vergänglichkeit allen Seins meditieren.
Bahnhof

Bahnhof


 

“That time is dead for ever, child,
Drowned, frozen, dead for ever!
    We look on the past
    And stare aghast
At the spectres wailing, pale and wild,
Of hopes which thou and I beguiled
    To death on life’s dark river.

The stream we gazed on then, rolled by;
Its waves are unreturning;
    But we yet stand
    In a lone land,
Like tombs to mark the memory
Of hopes and fears, which fade and flee
    In the light of life’s brief morning.”

Das Buch

24. Januar 2012

Das Buch, so wie wir gewohnt sind, es in die Hände zu nehmen und vor die Augen zu halten, hat seinen Ursprung, seine Geschichte, seine Entwicklung – und vielleicht auch sein Ende. Die Verschriftlichung von Gedanken ist jedoch ein Abenteuer, das die Menschheit noch lange begleiten wird: so lange, wie wir in Wörtern und Bildern denken.
    Die ersten Bücher bestanden, möglicherweise zwei verbundenen Wachstäfelchen nachempfunden, aus einer Lage, also aus gefalzten Blättern, im Falz durch Schnüre, Lederstreifen oder ähnliches zusammengehalten. Als das nicht mehr genügte, wurden mehrere Lagen zusammengeheftet, schließlich mit den senkrecht zu den Lagen verlaufenden Bünden zum Codex vereint. Diese Form bestimmte die nächsten Jahrhunderte. Moderne maschinell geheftete und gebundene Bücher sehen dem Codex immer noch ähnlich, sie kommen zwar ohne Bünde aus, benutzen jedoch das Prinzip, mittels des Heftfadens die Lagen zu verbinden, oder sie halten die einzelnen Bögen, die Heftfäden bei jeder Schlaufe abgeschnitten, nur noch mittels Klebers beieinander, eigentlich ein Rückschritt, dessen konsequente Fortführung die Klebebindung ist, bei der einzelne Blätter an einer der Schnittkanten zusammengeleimt sind.
    Aber gleich, wie das Buch äußerlich oder technisch gestaltet wird, ob es mittels des Handsatzes gedruckt wurde oder durch digital gespeicherte Schriften im Offset-Verfahren, sein Inhalt sind Buchstaben, die sich zu einem Text verbinden; sind Bilder beigefügt, begleiten oder erweitern sie das Geschriebene.
    Und seit die romantischen Schriftsteller Shakespeares Idee, im Text in der einen über eine andere Textebene zu reflektieren, aufgenommen haben, reflektieren die Wörter über sich; seit es langt, Fragmente oder Cut-up-Prosa zu veröffentlichen, die der Leser nach seinem Gutdünken zusammensetzen mag, seit Romane mit mehreren Anfängen oder Enden verfaßt werden, seitdem liegt auch die mitgestalterische Rolle des Rezipienten in der Luft: er mag sein Eigenes beifügen, den Textverlauf abändern, neue Handlungstränge einführen.
    Zudem gibt es spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts Tendenzen, das Buch durch mehr als beigegebene Illustrationen zu erweitern, seine Textverhaftung zu überwinden: ins Dreidimensionale: die ausklappbaren Bücher – ins Musikalische: beigegebene Schallplatten oder CDs – ins gesprochene Wort: beigegebene Tonträger – in den Geruchsinn: parfümierte Bücher.
    So gesehen sind die Möglichkeiten digital gespeicherter elektronischer Bücher, dem Text aus Buchstaben einen Metatext aus Bildern, Filmen und Tonspuren hinzuzufügen, nur die Erweiterung bereits bestehender Möglichkeiten, ein Fortführen des Begonnenen.
    Und doch, allen Mühen zum Trotz, unser Leseleben der Digitalisierung zu unterwerfen, bleiben unsere Augen analog, unser Entziffern bleibt analog wie unser Verstehen: wir nehmen den Inhalt der Wörter, Bilder und Töne unabhängig davon auf, wie sie uns entgegentreten. Krititische Ohren bemerken den Unterschied zwischen Schallplatte und CD, kritische Augen den zwischen Buchdruck, Offset und Bildschirm. Aber dies gehört zum Genußempfinden, das eingeübt und gepflegt werden muß.

Wer darf was? 1758.

11. Januar 2011

„Nachdeme schon viel Jahr, und Zeithero, von denen Kaufleuthen, Buchdruckern und Hausirern, durch Verkaufung der gebundenen Bücher, grosser Schad, und Abbruch, diese im Schwang gehende Stümpeleyen geschehen, und dardurch dem Buchbinder-Handwerck, und den Ihrigen, ihr Stück Brod, und Subsistenz aus dem Mund gezogen wird, auch hauptsächlich um dieser Ursach willen, gegenwärtige Ordnung begriffen worden ist; Als solle hinkünfftig dieser Unterschied gehalten werden, daß die Buchführer mit Bücher aus Bibliothecken, die Buchbinder aber, mit alt- und neugebundenen Büchern zu handlen zwar berechtigt seyn, hingegen die Buchdrucker, und Verleger, bey Verlust der Waar sich dessen gäntzlich enthalten sollen.“

„Neue Buchbinder-Ordnung“. Stuttgart, 1758.