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C’est de l’opium que tu fais prendre à ton peuple

4. Februar 2015

Um es gleich vorwegzuschicken: Blasphemie erachte ich als natürliche Reaktion auf einen, wie mir scheint, ansteckenden Virus: den des Religiotentums (man möge mir den Ausdruck verzeihen oder nicht), i.e. die übersteigerte Ansicht, nur die eigene Glaubens- oder Unglaubensrichtung wäre richtig und wert, anderen, ob sie es wollen oder nicht, übergestülpt zu werden.
    Blasphemie beleidigt nicht die Götter, denn die wüßten sich, gibt es sie, zu wehren, indem sie mit Blitzen schleuderten, Stürme sendeten, mit Hirn würfen, was auch immer in ihrer Macht stünde – gibt es sie nicht, können sie sich weder wehren noch beleidigt fühlen.
    „Und alle Götter lachten damals und wackelten auf ihren Stühlen und riefen: »Ist das nicht eben Göttlichkeit, daß es Götter, aber keinen Gott giebt?« Wer Ohren hat, der höre“ (Nietzsche: Also sprach Zarathustra, 3. Teil: Von den Abtrünnigen, 2).
    Nein, immer sind es ihre humorlosen Anhänger, die der möglicherweise existenten oder ebenso möglicherweise inexistenten Götter und insbesondere jene, die einem einzigen Gott nachhängen, so daß sie sich verpflichtet sehen, eifersüchtig über dessen imaginäres Alleinstellungsmerkmal zu wachen. Es handelt sich also die Schwäche dieser Gefolgsleute und die ihrer Annahme, die sie so verletzlich macht, ihre Unsicherheit, es könnte doch etwas faul sein an ihrem Glauben. Die starke religiöse Erfahrung kümmert sich nicht um Andersgläubige, weil sie ihrer selbst sicher ist. Aber die gibt es, so scheint es, nur unter Mystikern, Zen-Freaks mit Satori oder Einsiedlern.
    « Le fanatisme est à la superstition ce que le transport est à la fièvre, ce que la rage est à la colère » (Voltaire: Dictionnaire philosophique, article Fanatisme).
    Warum ansteckend? Weil bislang des Religiotentums unverdächtige Leute, wie Linke z.B., die wenigstens ein paar Seiten der MEW gelesen haben sollten, oder ehemals Liberale oder Konservative, die wenigstens ein paar Schriften des 18. Jh. studiert haben sollten – es muß ja nicht gleich der göttliche Marquis sein! –, sich dafür einsetzen, anderen, den empfindlichen, den superempfindlichen, dauernd betroffenen ‚Gläubigen’ nicht mehr auf die hühneraugengespickten Füße zu treten, auch wenn diese meilenweit entfernt stehen; sich dafür einsetzen, die Meinungsfreiheit einzuschränken, Blasphemie zu perhorreszieren, Kritik und Satire um das Thema Religion strengen Regeln zu unterwerfen, welche selbstverständlich die Tendenz aufweisen, immer strenger ausgelegt zu werden, da es, fängt es einmal so an, immer mehr Betroffene geben wird, die aus allen Richtungen immer lauter schreien werden, daß ihre religiösen Gefühle verletzt seien.
    Ist eine Methode, sich erfolgreich mit wenig Aufwand gegen eine schweigsame Mehrheit durchzusetzen, erst erkannt, wird sie immer wieder gebraucht, bis sie endlich abgenutzt ist. Gehör verschaffen sich die Lautesten, Gefühldusseligsten – und die eher ruhige Stimme der Freiheit erstirbt.
    Wenn die alten Götter – jene die über ihresgleichen lachen konnten mit unauslöschlichem Gelächter, jene die einen Spaßvogel unter sich duldeten – Aristophanes, Lukian, Euhemeros und viele andere ausgehalten haben, warum dann die neuen, zugewanderten nicht Charlie Hebdo?
    Warum kann ein Regime mittelalterliche Strafen gegen einen liberalen Blogger verhängen, der nichts anderes auf seinem Gewissen hat, als daß er seine Meinung kundtat, ohne sie jemand aufzwingen zu wollen, ohne daß die ganze Welt, soweit sie noch halbwegs bei wachem Verstand ist, aufschreit: Je suis Raif?
    Ja. Charlie stand uns näher, nicht nur geographisch und als später, lautstarker Abkömmling kirchenkritischer Aufklärung, in deren Tradition wir Linken, Liberalen, Konservativen uns vermeinten, auf die sich nun alle berufen haben, auch und gerade jene, die besser ein Schild „Je suis hypocrite“ hochgehalten hätten. Und war nicht jene Potemkinsche Demonstationsinszenierung in Paris bester Beleg dafür?
    Warum andererseits wird hier in Deutschland ein Pfarrer, der in seiner Predigt seiner Meinung über das wünschenswerte Verhalten seiner Gemeindemitglieder, nicht der restlichen Menschheit, ausdrückt, der möglichen Volksverhetzung bezichtigt? Es ist seine Sache und die jener Zuhörer, die seiner Meinung sind, ob sie Amulette, Buddhas, Reliquien in ihren Wohnungen dulden mögen. Die Grenze wird erst dann überschritten, wenn diese weltanschaulich eingeengten Privatansichten zur Maxime werden sollen, durch die der Pfarrer zugleich wollen kann, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.
    Heutzutage würde wohl Jesus wegen Störung der kapitalistischen Grundordnung angezeigt werden, weil er die Geldwechsler vertrieb, Buddha wegen Frauendiskriminierung, weil er sich lange weigerte, auch dem weiblichen Geschlecht einen Orden zu gestatten, Zarathustra wegen Diskriminierung des Bösen. Finden läßt sich immer etwas.
    Ach ja, Voltaire käme auch vor den Kadi: « [Le Christianisme est] la superstition la plus infâme qui ait jamais abruti les hommes et désolé la terre » (Lettre au marquis d’Argence, 11 octobre 1763). Und schlimmer noch: « Mahomet le fanatique, le cruel, le fourbe, et, à la honte des hommes, le grand, qui de garçon marchand devient prophète, législateur et monarque » (Lettre à M. De Cideville, 5 mai 1740).
    Dem allen gemein ist die Einebnung der Meinungsvielfalt, auf der einen Seite religiös legitimiert, was geradewegs in mittelalterliche Zustände zurückführt, auf der anderen ein angestrebter gesellschaftlicher Scheinkonsens, der in disputlose Leichenstarre mündet.
    Freiheit, so scheint mir, befindet sich, nachdem sie – lange Zeit als Selbstverständlichkeit hingenommen – durch Nichtgebrauch ihren Lebensaft verloren hat, auf dem Rückzug. Dagegen hat das Opium, das uns in Dämmerzustand versetzen soll, wieder Konjunktur: es kommt als Politische Korrektheit, Diskursverweigerung unter Neusprechfeigenblättern, Meinungseinheitsbrei der Medien: « C’est de l’opium que tu fais prendre à ton peuple, afin qu’engourdi par ce somnifère, il ne sente pas les plaies dont tu le déchires » (Sade: Histoire de Juliette, ou les Prospérités du vice, Cinquième Partie).

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Décadence

30. November 2010

Die Décadence ist das Ausatmen. Glich die ihr vorausgehende Epoche, die persönliche oder gesellschaftliche, dem Einatmen, dem Aufbau, so sie nun dem langsamen, denkvollen Entgleiten der Luft – und immer ist Luft die Seele, der Atman, der Geist über den Wassern, die kaum noch sich bewegen, beinah stillestehen, so sanft gleitet der Hauch über sie, denn er reflektiert die vorangegangene Zeit, in dieser seine eigene, sich selbst darin, denn er ist müßig und wählerisch, auf seine Diät bedacht, die erlesene Auswahl aus dem reichen Fundus des Vorliegenden, des Angesammelten, des Pleroma, sie soll ihm zufließen.
    Also bewahrt Décadence, in ihrer persönlichen Anthologie des Bemerkenswerten, das sie entdeckt hat, zusammengestellt, verinnerlicht; sie ist konservativ, sie reimt sich mit der Vergangenheit, in gemächlichem Versfuß, nicht eilend, nicht fliehend, ein Wiederklang des Gewesenen, gebrochen durch die Reflektion über dieses wie durch jene andere über sich selbst, vergleichbar der Frau im Spiegel, die die Sonne des Sommers erinnert, während sie den sachten Fall der Schneeflocken in ihrem Gesicht erschaut.
    Décadence ist ein Stil, vielleicht der einzig mögliche, denn der Aufbau, das Einatmen, ist seiner selbst, also auch seines Stiles kaum bewußt, wieviel mehr seine Nachfolger, die ihn erspüren müssen wie die Renaissancekünstler die Antike in den Statuen, die sie den Vorbildern nachschlugen, so daß sie täuschend ähnlich dem Unvergleichlichen glichen, das in die Gegenwart erhoben werden sollte, wozu das Vergraben diente, denn die Statue, dem Boden entrissen, glich dadurch umso mehr den alten. Also ist Décadence auch Bewußtmachung, das Eindringenlassen vergangener Schönheit in den zeitgenössischen Geist, der dabei in sich geht und sich selbst im Vergleichen des Unterschiedenen erkennt. Sie ist, wie gesagt, reflektiv, reflektierend – ein Wesen, das stets zurückfindet, nie sich verläuft, da sie aus einem vorgefundenen Koordinatensystem lebt.
    Décadence ist, seit es sie gibt, mit Büchern verbunden, mit den anachronistischen Handschriften des Matthias Corvinus, den bei Aldus wiedererstandenen griechischen Texten, den Kostbarkeiten Des Esseintes’ oder Montesquious, den Bestrebungen der Pressendrucker, dem Angebot des Antiquars, der Höhle des Sammlers: immer wieder ein Rückbesinnen, ein sich aus diesem im Gegenwärtigen ergebender Stil.