Archive for the 'Einbände' Category

Das Aldusblatt und seine Folgen

8. April 2017

Warum begann ich überhaupt mit dem Buchwörterbuch? Als ich vor neun Jahren das Handbuch des Verbandes deutscher Antiquare durchblätterte, traf ich auf Michael Trenkles „Fachbegriffe im Antiquariat. Ein Glossar“, und dort unter „Alinea, Alineazeichen“ auf die bemerkenswerte Passage: „In der Frührenaissance war ein Zeichen in der Form eines Blatts (das Aldus-Blatt, nach Aldus Manutius d. Ä. 1449-1515) beliebt.“
    Dieser kritiklos übernommene Unfug hat sich bis in die neueste Auflage retten können. Nicht, daß ich nun annehme, mein Buchwörterbuch sei fehlerfrei, es ist bei einer solchen Vielzahl von Einträgen beinah unmöglich, stets auf dem Stand der Forschung zu sein, nein, die Tatsache, daß Fehlinformationen jahrelang weitergeschleppt wurden, hat mich inspiriert, es selbst zu versuchen.
    Doch falls Trost darin zu finden sein sollte, die deutsche Wikipedia fällt auch darauf herein: „Das Aldusblatt ist eine Ornamentform, welche nach dem italienischen Buchdrucker und Verleger Aldus Manutius benannt ist. Dieser verwendete das herzförmige Blatt als Schmuck in seinen Büchern.“ Und: „Bereits in frühgriechischen Inschriften ist das Aldusblatt zu finden. In der Frührenaissance wird es als Alineazeichen, als Einleitungszeichen für einen Absatz verwendet. Durch seine häufige Verwendung bei Aldus Manutius fand es im 16. Jahrhundert eine noch größere Verbreitung als Schlussstück für eine Textpassage oder zur Zierde von Titelblättern.“
    Hofft man nun auf einen Beleg in Gestalt eines Bildes aus einer Aldine, so hofft man vergebens. Zur Illustration dienen nur andere Textseiten: Cuningham: „The Cosmographical Grasse“. London 1559, und „Huldigung auf Adam von Dobschütz“, Historischer Druck um 1600. Sehr luzid. Díe französische Wikiseite ist kaum besser, die englische verwendet lieber den Begriff „Fleuron“, so auch die russische „Флерон“.
    Welche Zeichen verwandte Aldus zum Schmuck seiner Seiten außer Initialen und Zierleisten?
    Alineas in Pseudo-Cicero: Synonyma, 1497/1498, GW 07036; in seinem ersten Katalog von 1498, GW Einbl. 897; im Katalog von 1503, Renouard 39,2 und pp. 332-336; in Bessarion, 1503, Renouard 40,5; Perottus, 1513, Renouard 63,6.
    Sternchen in Nicolaus Perottus: Cornucopiae lat. linguae, 1499, GW M31090; Hieronimus Amaseus: Vaticinium, 1499, GW 1596; in der Hypnerotomachia, GW 7223 (gerade hier wären doch zarte Blättlein, wenn vorhanden, dem Text angemessen gewesen – oder?); Catarina da Siena: Epistole, GW 6222.
    Einer ebenfalls gewagten Hypothese, das Blättlein sei auf den Aldinischen Einbänden verwandt worden, sei nur entgegnet: Es gab sie nicht, die Aldinischen Originaleinbände, auch wenn Hans Loubier in „Der Bucheinband von seinen Anfängen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts“ (2. Aufl., Leipzig, 1926) auf Seite 153 von „Arabesken, die in Delphine auslaufen“ träumt und „goldene Lindenblättchen, die sogenannten Aldus-Blätter“ auf solchen Originaleinbänden zu erblicken vermeint.
    Erwartungsvoll in Aussicht auf einen Beleg, der mich eines Besseren belehrt und doch noch ein paar gedruckte Aldus-Blätter bei Aldus dem Älteren nachweist …
    Doch derweil begnüge ich mich mit der erstaunlichen Langlebigkeit eines Fakes, wie man dies heutzutage nennt.

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Buchwörterbuch

7. Februar 2017

Das Buchwörterbuch hat in den letzten Wochen zahlreiche neue Einträge bekommen, alte wurden überarbeitet.

Nachtrag, 24. Februar:
Inzwischen ist das Buchwörterbuch weiter gewachsen, es sind nun 230 Artikel zu Themen rund um das Buch, seine Produzenten, Binder und Künstler. Ein Inhaltsverzeichnis mit Links auf die Einträge ist vorangestellt:

Inhalt: A | Abbreviaturen | Abfärben | Ad usum Delphini | Aldus Pius Manutius | Alinea | Anagramm | Anastatischer Druck | Annotationen | Anonym | Anthologie | Antiqua | Asianismus | Auflage | Auktionator | Ausgabe letzter Hand | Autograph | B | Bauchbinde | Berieben | Beschabt | Beschädigungen | Bestoßen | Bibliographien | Blattweiser | Blindprägung | Boustrophedon | Bowdlerize | Brokatpapier | Bronzefirnispapier | Broschur | Brotschrift | Bu | Buch | Buchbinder | Buchdruck | Buchillustration | Bücherwurm | Buchfluch | Bünde | Bünde, eingesägte | Bünde, unechte | Buntpapier | Büttenpapier | C | Chagrinleder | Thomas James Cobden-Sanderson | Codex | Chromolithographie | D | Dekadenzdichtung | Deus ex machina | Diacritica | Doublette | Doublüre | Duodecimo | Durchgezogene Bünde | E | Editio princeps | Einbandbestimmung | Einbanddecke | Einbandkunst | Emblem | Ephemera | Errata | Erste Ausgabe | Eselsohr | Essay | Exlibris | Expressionismus | F | Fächereinband | Faksimile | Falz | Falzbein | Fitzbund | Fleural | Folio | Fore-edge Painting | Formate | Fraktur | Frontispiz | G | Gebrauchspuren | Gegenmarke | Gepunzter oder ziselierter Schnitt | Gestaucht | Getrüffelt | Goldschnitt | Griechische Drucke | Grimoire | Jean Grolier | Grotesk | Groteske | Guilloche | H | Handbibliothek | Handeinband | Heftfaden | Heftlade | Heliogravüre | Holzmodel | Holzschnitt | Hypnerotomachia Poliphili | I | Imprese | Impressum | Incipit | Initiale | Inkunabel | Interimseinband | J | Japanpapier | Jesuitendrama | Jugendstil, Art nouveau & Art déco | K | Kalligraphie | Kapitale, handgestochene | Käppchen | Karton | Katalog | Kattunpapier | Klebebindung | Kleisterpapier | Kollation | Kolophon | Konvolut | Kopert | Kupferstich | Kurrentschrift | Kustode | Ernst Kyriss | L | Lagensignaturen | Laufrichtung | Leder | Lederschnitt | Leporello | Lichtdruck | Ligatur | Limitierte Auflage | Lithographie | Livre d’artiste | Livre d’heures | M | Makulatur | Manierismus | Marginalien | Tammaro De Marinis | Marmorpapier | Miniaturbücher | Modernes Antiquariat | William Morris | Musenalmanach | N | Nekrolog | Notation | Numberline | O | Octavo | Offsetdruck | Originaleinband | P | Paginierung | Palimpsest | Pamphlet | Papyrus | Pappband | Perlschrift | Pergament | Jean Picard | Plagiat | Plattenrand | Pochoir | Pressendrucke | Privatdruck | Privileg | Provenienz | Pseudonym | Q | Quarto | Quodlibet | R | Rara | Raster | Raubdruck | Rauschel | Recto | Reglieren | Remboîtage | Restaurieren | Rocaille | Rubrizieren | S | Sammeln | Satire | Sedecimo | Serifen | Signet | Spaltensatz | Spatium | Supralibros | Sütterlin | Sch | Schablone | Schließe | François-Louis Schmied | Schnitt | Scholastik | Schriftrolle | Schrotgrund, Schrotschnitt | Schuber | Schutzumschlag | Schwarze Romantik | Schwarzer Humor | St | Stahlstich | Stammbuchblatt | Steganographie | Stege | Stempel | Stenographie | Stereotypie | Stockflecken | Stöbern | T | Taschenbuch | Tintenfraß | Titelauflage | Titelrahmen, Titelumrahmung | Typographie | U | Unbeschnitten | Unbeschnitten und unaufgeschnitten | Utopie | V | Vélinpapier | Verbunden | Versalien | Verso | Vignette | Vorsatz | Vorzugsausgabe | W | Wasserzeichen | Wert | Widmungsexemplar | X | Xerographie | Xylograph | Y | Ὑπατία | Z | Zeitrechnung | Zensur | Ziegenleder | Zitieren | Zustandsbeschreibung | Zwischentitel

Restaurieren oder Neubinden?

3. September 2012

Diese schwierige Frage stellte mir ein Facebookfreund.
    Es gibt darauf keine einfache Antwort, zuviel hängt vom Zustand und von den Vorlieben des Besitzers ab. Wenn das Buch so beschädigt ist, daß sein Erhalt fraglich wird, kommt als erstes Restaurieren in Frage. Es versteht sich von selbst, daß sowenig wie möglich so fachgerecht wie möglich getan werden sollte. Jeder Eingriff in die ursprüngliche Substanz ist eine Veränderung. Falls Material ergänzt werden muß, z.B. am Lederbezug, dann möglichst mit altem. Jeder gute Restaurator hat einen Vorrat von Leder und Papier.
    Zur Not kann im Extremfall der alte Einband auseinandergenommmen werden und das dort verwendete Material, gleich ob Leder, Leinwand oder Papier, auf eine neue, passende Buchdecke gezogen. Der Buchblock wird, falls nötig, neu geheftet, dabei eine alte, vielleicht angerostete Klammerheftung durch eine mit Heftfaden ersetzt. Bei der Heftungsart muß man wohl heutzutage Zugeständnisse machen. Welcher Buchbinder würde schon auf eingesägte Bünde oder Doppelbünde heften, Bänder aus Gewebe sind üblich geworden.
    Eine vollständige Neubindung ohne altes Material ist weniger schön, weil – unabhängig vom Wert – das ästhetische Ergebnis hinsichtlich der Materialien meist zu wünschen übrig läßt. Heutige Ledersorten, Bezugstoffe und Vorsatzpapiere sind anders hergestellt als frühere, des 19. Jh. z.B. Die Verwendung alten Materials beim Neubinden lohnt sich erst bei wertvolleren Objekten. Vom Altern neuzeitlichen Materials, meist beim Bezugsleder vorgenommen, halte ich nicht so viel, eben weil moderne Lederarten anders gegerbt werden und dadurch ein anderes Oberflächengefühl vermitteln, aber ein Laie mag sich täuschen lassen.
    Entscheiden läßt sich der Umfang der notwendigen Erhaltungsmaßnahmen jeweils nur für das betreffende Buch nach genauer Analyse.
    Unbeschnittene Bögen würde ich nie beschneiden lassen; leider lassen sich die Seiten dann schlecht umschlagen, so daß Kopfschnitt ein vernünftiger Kompromiß sein kann, wenn er sehr genau unter möglichst wenig Verlust an Papier ausgeführt wird, andererseits ist es durchaus möglich, die Blätter mit einem scharfen Messer vorsichtig voneinander zu trennen. In Lieferungen erschienene Werke wurden früher zusammengebunden, die Umschläge der einzelnen Lieferungen entweder an ihre angestammten Orte, oder zusammen an den Schluß des Bandes hinter ein evtl. vorhandenes Register geheftet. Bei wertvollen, in Lieferungen erschienenen Erstausgaben sollte vom Binden abgesehen werden, vorsichtiges Restaurieren und eine Kassette zum Aufbewahren sind angebrachter.
    Bedeutet das Neubinden einen Wertverlust? Auch das ist schwer zu entscheiden. Grundsätzlich wird ein Originaleinband aus gutem Grund jeder zeitgenössischen oder späteren Verunstaltung vorgezogen. Bei einem Einband der Zeit fällt seine buchbinderische und gestalterische Qualität ins Gewicht; dasselbe gilt für einen neuen. In Frankreich war das Umbinden Mode, und die Bücher paßten sich den wechselnden Zeitläuften wie Geschmäckern ihrer Besitzer an. Mit dem Niedergang der Buchbindekunst wird sich das auch dort notwendig ändern oder nur noch in Ausnahmefällen möglich sein. In Deutschland waren die Bibliophilen meist sparsamer veranlagt, so daß sie gern die Einbände früherer Zeiten um ihre Bücher ließen, aber auch wenig Geld fürs Binden der neuerworbenen Werke ausgaben. Das führt einerseits zu einem erfreulichen Bestand erhaltener zeitgenössischer Einbände, andererseits wurden die Buchbinder nie mit einem solch anspruchsvollen Publikum konfrontiert wie in Frankreich oder England.

Marmorierung

3. August 2012

Jeder Büchersammler kennt Marmorpapier als Vorsatz- oder Einbandmaterial. Auch Buchschnitte können marmoriert werden. Eine Datenbank mit zahlreichen Beispielen hat die → University of Washington ins Netz gestellt.
    Die Technik ist in Japan seit dem frühen elften Jahrhundert, also der späten Heian-Zeit, bekannt, Anne Chambers (s.u.) erwähnt mehrere solcher Papiere in einem um 1118 entstandenen Werk (S. 13); in China seit der Ming-Zeit, und etwas später in Vorderasien, wohl der Handelsroute über die Seidenstraße folgend. Nach Europa wanderte sie um oder kurz nach 1600 ebenfalls über den Handelsverkehr ein, daher spricht man auch von ‚venezianischem’ Papier.
    Jedoch ist nicht allein der Marmor marmoriert, sondern auch andere in der Natur vorkommende Steine. Und die gestalterische Technik des Marmorierens kann nicht allein auf Papier angewandt werden, sondern mit ähnlichen Ergebnissen auf Glas und Steinzeug. Und dies empfinde ich als eine der faszinierenden Eigenschaften menschlichen Schöpfergeistes: wie er Beispiele aus der Natur, die sein ästhetisches Gespür ansprechen, aufgreift und weiterentwickelt.

Einige Beispiele:

Laguna lace Achat aus Mexiko

Laguna lace Achat aus Mexiko

Blütenstaub auf Wasser, gestern im Berliner Tiergarten

Blütenstaub auf Wasser, gestern im Berliner Tiergarten

Marmoriertes Steinzeug, China Tang-Zeit

Marmoriertes Steinzeug, China Tang-Zeit

Marmorierte Glasur auf Steinzeug, China Song-Zeit

Marmorierte Glasur auf Steinzeug, China Song-Zeit

Marmoriertes Glas, Römisch, etwa 1.-2. Jahrhundert

Marmoriertes Glas, Römisch, etwa 1.-2. Jahrhundert

Nützliche Nachschlagewerke:
    Wolfe, Richard J.: Marbled Paper. Its History, Techniques, and Patterns With Special Reference to the Relationship of Marbling to Bookbinding in Europe and the Western World. Philadelphia: University of Philadelphia Press, 1989.
    Miura, Einen: The Art of Marbled Paper. Marbled Patterns and How to Make Them. London: Zaehnsdorf, 1989. (Interessant wegen der dreisprachigen Bezeichnungen für die dargestellten Papiere)

Für die Herstellung japanischer Marmorpapiere:
    Chambers, Anne: Suminagashi. The Japanese Art of Marbling. A Pratical Guide. Foreword by Akira Kurosaki. London: Thames and Hudson, 1991.

Goldschnitt

28. Juli 2012

Das klassische Verfahren, einen Buchschnitt zu vergolden, schildert Douglas Cockerell. Der Buchblock wird fest eingespannt, mit feinem Sandpapier abgerieben, um Fingerspuren bzw. lockere Papierteilchen zu entfernen, danach wird Bolus aufgetragen, mit einer trockenen Bürste nachpoliert, das Blattgold auf das richtige Format zugeschnitten, Eiweiß mit einem weichen Pinsel als Kleber aufgetragen und das Gold darübergelegt. Nach dem Trocknen wird mit eingewachstem Leder abgerieben und mit einem Glättzahn nachpoliert.
    Neben dem reinen Goldschnitt mag ein vorher marmorierter Schnitt vergoldet werden, wobei beim Aufschlagen des Buches der angenehme Effekt von Farbigkeit unter dem Gold entsteht. Ein Fore-edge Painting mag ebenfalls mit Goldschnitt überkleidet werden, da es nur beim Öffnen des Buches sichtbar wird. Arten heutzutage weniger bekannten Goldschnittes sind z.B. der auf rauhem Schnitt, auf nicht glattgestoßenem Buchblock etc.
    Nachträglich kann ein Goldschnitt mittels Punzieren mit Mustern versehen werden.
    Vorteile des Goldschnittes sind neben dem Äußeren der Schutz vor Eindringen von Staub, denn durch das Nachpolieren entsteht eine recht glatte, in sich geschlossene Oberfläche, die erst im Laufe von Jahrzehnten oder Jahrhunderten durch die sich unterschiedlich der Feuchtigkeit anpassenden Blätter etwas uneben wird.
    Heutzutage wird bei sich bibliophil gebärdenden Werken der Goldschnitt mittels Farbe aufgetragen, man erkennt dies an seinem leicht grisselichen Aussehen.

Goldschnitt Mitte 19. Jahrhundert auf einem Druck des 17. Jh.

Goldschnitt Mitte 19. Jahrhundert auf einem Druck des 17. Jh.

Goldschnitt über Marmor

Goldschnitt über Marmor

Goldschnitt über Fore-edge Painting

Goldschnitt über Fore-edge Painting

Gepunzter Goldschnitt, 16. Jh.

Gepunzter Goldschnitt, 16. Jh.

Goldschnitt auf rauhem Schnitt

Goldschnitt auf rauhem Schnitt

Die angelegten Goldblättchen sind gut zu erkennen

Die angelegten Goldblättchen sind gut zu erkennen

Ein Pergamenteinband der Bremer Binderei

17. März 2012

Genug der flexiblen Einbände, wenden wir uns festeren Dingen zu: einem Einband der von Frieda Thiersch geleiteten Bremer Binderei, die die Bücher der Bremer Presse band.
    Auch dies, um beim Thema zu bleiben, ein Pergamenteinband auf durchgezogenen Bünden. Von außen ist sichtbar, wie die schmalen Pergamentstreifen nahe des Rückens austreten, um an der anderen Seite des Außenfalzes einzutreten.

Pergamentbund von außen

Pergamentbund von außen

    Innen sind sie wie üblich hinter den festen Vorsätzen an der Innenseite des Deckels verklebt.

Innen ist der Bund breiter, jedoch nur wenig sichtbar

Innen ist der Bund breiter, jedoch nur wenig sichtbar

    Bei genauerer Betrachtung der Heftung stellt man fest, daß der Faden mehr Pergamentbund umschlingt, als von außen sichtbar. Deutlicher wird dies an einem Einband des 18. Jahrhunderts, der sich ebenfalls dieser Technik bedient. Es wird also ein breiterer Pergamentbund zum Heften verwandt, dieser am Buchblock, ehe er in den Einband geführt wird, geteilt, so daß ein Stück – meist das größere – direkt innen auf den Deckel geklebt wird, das andere durch zwei Schlitze in der Einbanddecke aus Pergament gezogen und erst danach verklebt wird.

Einband des 18. Jh.: deutlich sichtbar der geteilte Pergamentbund

Einband des 18. Jh.: deutlich sichtbar der geteilte Pergamentbund

    Festzuhalten an dieser Stelle, daß der Heftfaden nicht wie bei den bisher gezeigten Beispielen aus der Lage tritt, um den Bund geführt an anderer Stelle wieder eintritt, sondern daß der Heftfaden – nehmen wir diese Laufrichtung an – innen von unten kommend bis oberhalb des Bundes geführt wird, dort austritt, den pergamentenen Bund von oben nach unten umschlingt, um unterhalb des Bundes wieder einzutreten; dies führt dazu, daß in Höhe der Bünde der Heftfaden innen doppelt zu liegen kommt. Würde kein dünner Heftfaden verwandt, trüge er an dieser Stelle zu sehr auf.

Heftung innen

Heftung innen

    Zum Schluß noch ein Bild des handgestochenen grünen Seidenkapitals, das nicht durch die Deckel geführt ist:

Handgestochenes grünes Seidenkapital

Handgestochenes grünes Seidenkapital

    Und das schöne Wasserzeichen der Presse:

Wasserzeichen der Bremer Presse

Wasserzeichen der Bremer Presse

    Zum Vergleich die Maschinenheftung der Bibliographie der Bremer Presse.

Josef Lehnacker: Die Bremer Presse. Königin der deutschen Privatpressen. München: Typographische Gesellschaft, 1964.

Josef Lehnacker: Die Bremer Presse. Königin der deutschen Privatpressen. München: Typographische Gesellschaft, 1964.

    Weitere Bilder finden Sie → hier.

Zwei Pergamentbroschuren der Doves Bindery

9. März 2012

Als erstes fällt bei den Originaleinbänden der Doves Bindery um Drucke der Doves Press der Heftfaden ins Auge: farbige Seide, meist grün, bisweilen braun. Da wegen der Gefahr des Aufribbelns kein langer Faden benutzt werden kann, finden sich in den Büchern häufiger als sonst Knoten, wenn ein neues Stück Heftfaden an das alte geknüpft wurde, deren Enden sind schön zu kleinen Fächern aufgelöst.
    Die Vorsätze bestehen neben den fliegenden Blättern aus jeweils zwei, auf den durch ein kräftiges Bütten verstärkten Pergamentdeckel geleimten festen. Somit fällt beim Aufschlagen meist der Blick sofort auf den farbigen Heftfaden. Ausnahme ist z.B. ein dünnerer Druck wie „London“, bei dem das Vorsatz aus sechs Blättern besteht, von denen wieder zwei aufgeleimt sind. Bei den dickeren Bänden folgt auf die Vorsatzlage meist eine weitere aus weißen Blättern.
    Durch die Deckeleinlage sowie das verwandte, etwas stärkere Pergament sind die Broschuren der Doves Bindery nicht so flexibel wie die von Leighton um Drucke der Kelmscott Press.

    Coriolan: Vorsatz im Durchlicht, Deckel hinterlegt mit festerem Bütten, Rücken hinterklebt mit einem Streifen (Das im Deckel durchscheinende Kreuz ist eine sonst nicht sichtbare, weil unter dem Vorsatz versteckte Markierung des Buchbinders, um beim Einhängen vorn und hinten unterscheiden zu können):

Vorsatz im Durchlicht

Vorsatz im Durchlicht

    Die dünne Broschur von „London“ im Durchlicht, auffallend die hier fehlende Rückenhinterklebung:

Deckel von "London" im Durchlicht

Deckel von "London" im Durchlicht

    Auch im Streiflicht wird der Aufbau des Deckels ersichtlich: die mit dem Vorsatz verklebten Heftbänder, die Hinterklebung.
    Streiflicht innen:

Vorsatz im Streiflicht

Vorsatz im Streiflicht

    Streiflicht außen:

Streiflicht außen

Streiflicht außen

    Die Heftung des Vorsatzes:

Heftung des Vorsatzes

Heftung des Vorsatzes

    Ist das als zweites verklebte Vorsatz minimal kürzer als das erstgeleimte, dann sieht man die Ränder beider:

Festes Vorsatz aus zwei weißen Blättern

Festes Vorsatz aus zwei weißen Blättern

    Knötchen der Heftseide innen im Buch:

Aufgefächerter Knoten

Aufgefächerter Knoten

Beschreibungen und bibliographische Nachweise zu → „Coriolan“ und → „London“.

Eine Pergamentbroschur von 1892

4. März 2012

Das fünfte Buch der Kelmscott Press wurde als erstes in flexibles Pergament gebunden, erhielt als einziges einen kalligraphierten Rückentitel und ist als einziges auf durchgezogene Lederbünde geheftet.
    Bei den ersten Kelmscott-Büchern waren die Deckel innen mit dünner Pappe verstärkt, was zur Folge hatte, daß, falls sich das Pergament verzog, was es gern tut, die Deckel konkav wurden. Bei den unverstärkten flexiblen Einbänden zieht das Einbandpergament das Papier des festgeklebten Vorsatzes mit, sie bleiben meist gut in Form. Andererseits gab Morris die Lederbünde nach diesem Versuch auf und ließ seine Bücher, soweit in Pergament, auf Seidenbänder, wie sie hier als Bindebänder dienen, heften, die ebenfalls durchgezogen wurden, davon jeweils zwei oder, bei den größeren Bänden, drei so weit, daß sie an der Vorderkante wieder austreten und als Bindebänder dienen. Trotz seiner bisweilen ausschweifenden Ornamentierung gab Morris hier der Schlichtheit und Einheitlichkeit den Vorzug, manchmal, so scheint es, stand er beinahe dem Zen nahe.

    Die drei durchgezogenen Lederbünde:

Durchgezogene Lederbünde

Durchgezogene Lederbünde

    Die durchgezogenen Lederbünde sind innen verklebt. Etwas schwächer sichtbar ist die Hinterklebung aus breiten Papierstreifen zwischen den Bünden; sie dient dem Zugausgleich beim öffnen sowie der Stabilisierung des Einbandes, die Hinterklebung reicht vom Vordeckel über den Rücken des Buchblockes, an den sie geleimt ist, bis zum hinteren Deckel:

Festgeklebtes Vorsatz

Festgeklebtes Vorsatz

    Besser verständlich wird dieser Deckelaufbau in der Durchsicht:

Durchsicht Vorderdeckel, mit Bünden & Hinterklebung

Durchsicht Vorderdeckel, mit Bünden & Hinterklebung

    Die Heftung des Vorsatzes, der aus dem auf das Pergament geklebten festen Vorsatz und drei fliegenden Blättern besteht. Deutlich zu erkennen, daß der Heftfaden aus der Lagenmitte austretend in Form eines umgedrehten ‚U‘ um den Bund geführt wird, um dann an anderer Stelle wieder in die Lage geführt zu werden. Diese Heftmethode wurde durchgängig, für alle Lagen dieses Buches angewendet.

Heftung des Vorsatzes

Heftung des Vorsatzes

    Die Bindebänder von außen gesehen:

Bindeband aus Seide, außen

Bindeband aus Seide, außen

    Die Bindebänder von innen gesehen, samt ihrer Verklebung dort:

Bindeband, innen verklebt

Bindeband, innen verklebt

Buchbeschreibung und bibliographische Angaben finden Sie → hier.

Initiale

Initiale

Die Heftung einer Pergamentbroschur um 1550

2. März 2012

Die folgenden Abbildungen zeigen die Heftung einer Pergamentbroschur um 1550. Sie ist auf vier Bünde aus weißgegerbtem Leder gebunden, die jeweils zweifach – von innen nach außen sowie von außen nach innen – durch die Deckel aus Pergament ohne Hinterklebung gezogen sind. Die vorderen und hinteren Vorsätze sind mitgeheftet und je durch einen herumgelegten Streifen einer Pergamenthandschrift verstärkt.
    Zum Heften wurden die breiten Lederbünde in ihrer Längsrichtung mittig in zwei Häften geschnitten, so daß der Heftfaden brezelförmig aus der Lage in diesen Schnitt tretend erst die eine Hälfte des Bundes umschlang, dann die andere, um von außen kommend wieder durch den Mittelschnitt im Lederbund in die Lage eingeführt zu werden. Dies so bei jedem Bund, bis der Faden beim Fitzbund in die nächste Lage überführt werden konnte.

Von außen:
Die durchgezogenen Lederbünde von außen

Von innen:

Die durchgezogenen Lederbünde von innen

Die durchgezogenen Lederbünde von innen

Ein einzelner, mittig geschnittener Bund:

Einzelner Lederbund

Einzelner Lederbund; man sieht den Schnitt und das nicht durch den Schnitt aufgetrennte Ende des Bundes

Heftfaden:

Heftfaden

Heftfaden

Heftfaden:

Heftfaden

Heftfaden umschlingt brezelartig den in zwei Hälften aufgeschnittenen Lederbund

Ein Pergamentstreifen aus einer alten Handschrift als Verstärkung der mitgehefteten Vorsätze:

Streifen aus Handschrift

Streifen aus Pergamenthandschrift

Dasselbe hinten:

Streifen aus Pergamenthandschrift

Streifen aus Pergamenthandschrift zur Verstärkung der mitgehefteten Vorsätze

Der um die Vorsatzlage geschlagene Pergamentstreifen:

Pergamentstreifen um Vorsatzlage

Pergamentstreifen um Vorsatzlage gelegt, von innen

Handgestochenes Kapital:

Handgestochenes Kapital

Handgestochenes zweifarbiges Kapital

Durchgezogenes gedrehtes Pergamentstreifchen des Kapitals:

Pergamentstreifchen des Kapitals, durchgezogen

Pergamentstreifchen des Kapitals, zweifach durchgezogen

…dieses nach innen durchgezogen:

Pergamentstreifchen des Kapitals von innen

Pergamentstreifchen des Kapitals von innen

Handgestochene Kapitale

15. Mai 2010

Die ersten handgestochenen Kapitale waren echte Bünde am oberen und unteren Ende des Buchblockes, nahe denen der Heftfaden, mit dessen Hilfe die Lagen miteinander wie mit den restlichen Leder- bzw. Hanfbünden auf dem Rücken verbunden waren, nach außen trat, um den Bund geschlungen, um evtl. vorn ein Knötchen zu bilden, und wieder nach innen, in die nächste Lage geführt wurde. Diese Kapitalbünde wurden wie die anderen von außen nach innen, dort durch eine Vertiefung, sodann von innen nach außen durch die hölzernen Deckel geführt und meist im zweiten Loch mittels eines Holznagels endgültig befestigt; was an der Außenseite überstand wurde abgeschnitten.

Bereits im 16. Jahrhundert bestanden die handgefertigten Kapitale aus einem Pergamentstreifen, durch den ein oder zwei verschieden gefärbte Fäden gestochen wurden, die an der dem Schnitt zugewandten Seite zum Buchblock hin zu einem Zierknötchen verschlungen sind. Die Enden des schmalen Pergamentstreifens wurden zwischen den Holzdeckeln und den Vorsätzen verklebt, der Streifen selbst hinter den Enden des Buchblockes.

Einband des späteren 16. Jahrhunderts.


Dies das obere handgestochene Kapital eines blindgeprägten Schweinsledereinbandes um eine → Handschrift. Man erkennt an der parallelen Fadenlage sowie den für diese Zeit sehr regelmäßigen Knötchen gut die meisterliche Arbeit des Buchbinders.
 

Kapitalbändchen aus einem Einband des 16. Jh., seitlicher Anblick.

Kapitalbändchen aus einem Einband des 16. Jh., seitlicher Anblick.


Oben eines der Enden, die im fertigen Einband zwischen Vorsatz und hölzerne Deckel geklebt wurden.

Dasselbe von hinten.

Dasselbe von hinten.

Dasselbe von oben.

Dasselbe von oben.


 

Bei Pergamentbänden des 17. Jahrhunderts wurde meist ein farbiger Faden, grün eignet sich besonders gut, verwandt, dessen Enden wie die der anderen Pergament- oder Weißlederbünde zweifach durch die Pergamentdecke des Einbandes gezogen sind.

Grünes Kapital eines Pergamenteinbandes.

Grünes Kapital eines Pergamenteinbandes.


Dasselbe von hinten.

Dasselbe von hinten.


Dasselbe von oben.

Dasselbe von oben.


Ein blaues Kapitalbändchen, von der Seite photographiert.

Ein blaues Kapitalbändchen, von der Seite photographiert.


 

Später wurde das Kapitalbändchen mehrfarbig mit Seidenfaden um einen oder zwei dünne Hanfschnüre oder schmale Leder- bzw. Pergamentstreifen oder -röllchen gestochen, wobei der Seidenfaden mehrmals durch die Lagen des Buchblockes gezogen wird, um das fragile Bändchen zu stabilisieren.

Mehrfarbiges handgestochenes Seidenkapital eines Einbandes von Hippolyte Duru.

Mehrfarbiges handgestochenes Seidenkapital eines Einbandes von Hippolyte Duru.


Hier das untere Kapital, daher die leichte Bereibung der Ecken, eines roten → Maroquinbandes des 19. Jh.
 

Papierröllchen, Mitte 19. Jh.

Papierröllchen, Mitte 19. Jh.


Papierröllchen als Ersatz bei einem Bibliothekseinband der Mitte 19. Jh. zu → Grimms Grammatik.
 

20. Jh., Einband von Stephen Conway.

20. Jh., Einband von Stephen Conway.


Handgestochenes Seidenkapital um → Simon: Vinaria.
 

Das moderne Bändchen der Massenauflagen besteht nur aus einem gewebten Stoffstreifen, der oben etwas dicker und mehrfarbig verziert ist.

Meterware.

Meterware.


Dazwischen dienten als Ersatz sowohl Lederröllchen wie gestreifter Stoff um einen Faden.
 

Zu den Kapitalbändchen allgemein: Jane Greenfield & Jenny Hille: Headbands. How to Work Them. New Haven, Connecticut: Edgewood Publishers, 1986. (Ein Führer durch die Epochen, Länder und Moden, mit zahlreichen guten Zeichnungen und praktischen Anleitungen.)

Zu den frühesten Kapitalbändchen: Léon Gilissen: La reliure occidentale antérieur à 1400. Turnhout: Brepols, 1983.

Neben den bekannten Buchbindeanleitungen, von denen ich besonders empfehle:
Douglas Cockerell: Der Bucheinband und die Pflege des Buches. Ein Handbuch für Buchbinder und Bibliothekare. Leipzig: Klinkhardt und Biermann, 1925. (Bitte in der zweiten, von Maria Lühr durchgesehenen Auflage.)

möchte ich auch erwähnen: Bernard C. Middleton: The Restoration of Leather Bindings. Revised Edition. Chicago: American Library Association, 1984. Dort Kapitel 9: Headbanding. (Ebenfalls mit zahlreichen, nützlichen Abbildungen.)