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Begegnungen mit bemerkenswerten Katalogen. Folge IV. Fock: Aldus.

31. Dezember 2010

Das moderne Buch ist Träger von Wissen, Poesie, Literatur – nur noch in begrenztem Bereich Vermittler religiöser Anschauungen. Der Ursprung dieser eher weltlichen Tendenz unseres Schrifttums ließe sich durchaus in der europäischen Antike, speziell in Griechenland, finden: nirgendwo sonst treten uns anteilmäßig so zahlreich Dichtung, Drama, Komödie, Satiren, Traktate, Philosophie, Mathematik und Wissenschaften entgegen.
    Nahm der mittelalterliche Leser Lektüre mit auf die Reise, oder um sich Wartezeiten zu vertreiben, so bestand diese – außer er war wohlhabend und gebildet genug, sich für lateinische Klassiker oder zeitgenössische Lyrik zu interessieren (1) – meist aus Gebetbüchern kleinen Formates. So gab es im Frankreich des 15. Jahrhunderts eine schwungvolle Handschriftenproduktion an Laienbrevieren und kleinoktavformatigen (Perl-)Bibeln.
    Das Spätmittelalter und die Renaissance brachten in ihrer Bezugnahme auf die Antike eine Interessenverlagerung. Fortan – sehen wir von den unfruchtbaren reformatorischen Streitigkeiten, die viele Druckwerke produzierten, ab – bestand ein Bedarf an klassischer Bildung, es konnte Griechisch unterrichtet und gelernt werden, die volkssprachliche Literatur trat gleichberechtigt neben jene in Latein.
    Der Untergang des byzantinischen Reichs hatte neben all dem Unheil, das ihm folgte, wenigstens ein Gutes für die Geistesgeschichte: die Entsendung (2), dann die Flucht griechischer Gelehrter ins freie Europa, nach Italien. Sie brachten Codices mit sich, übersetzten sie, lehrten Griechisch, verfaßten Grammatiken: kurz, die antike Bildung, bis zu dieser Zeit meist über Umwege und fragmentarisch vermittelt, konnte, soweit sie die frühchristlichen Säuberungen überstanden hatte, rezipiert werden.
    Zwei Ausstellungskataloge haben sich dieser Thematik gewidmet: M. Manoussakas & K. Staikos: The Publishing Activity of the Greeks During the Italian Renaissance. Athens, 1987. Und sein deutsches Pendant: Graecogermania. Griechischstudien deutscher Humanisten. Die Editionstätigkeit der Griechen in der italienischen Renaissance. Weinheim &c, 1989.
    Bei beiden Neuerungen, der Einführung kleinformatiger Bücher wie der Verbreitung griechischen Denkgutes, ist die Rolle des venezianischen Verlegers und Druckers Aldus Manutius (1449-1515) nicht fortzudenken. Ab 1501 druckte er Bücher im kleinen Oktavformat, das in etwa dem unserer Taschenbücher entspricht, die überallhin mitgenommen werden konnten, ohne daß der Leser sich oder seinen Diener mit Folianten beschwerte. Als Schrift diente platzsparenderweise eine Kursive, die der Handschrift der Humanisten nachempfunden war, enger lief, so daß mehr Text auf der Seite untergebracht werden konnte. (3)
    Der Entwicklung griechischer Drucktypen hatte sich Aldus bereits zuvor gewidmet. (4)
    Zu diesem tritt die ästhetische Ausgewogenheit, ja Schönheit seiner Werke. Zwar beklagte mancher Geizkragen sich über die breiten Ränder oder die relativ hohen Preise, doch Studierende, Leser und dann Sammler haben sich daran selten gestört: die Satzgestaltung erleichterte das Lesen, die breiten Ränder das Kommentieren, Annotieren, Korrigieren.
    Auch wenn eine aldinische Buchbinderei zu Venedig zweifelhaft ist, so wurden die meisten Bücher, sofern sie ihre studentischen Benutzer nicht mit einfachem wie preisgünstigem Pergament umhüllen ließen, gut, sogar schön gebunden. Arabische Künstler hatten die Technik des Ledervergoldens in Europa eingeführt, so daß nicht allein mehr Blindprägung oder Lederschnitt zur Verfügung standen, das Buchäußere zu verzieren.
    Selbst als die – trotz ihrer bisweilen recht spärlichen Grundlagen sorgfältig edierten – Texte überholt waren, da durch neue Editionen, die auf zuvor unentdeckten Handschriften aufbauten, ersetzt, fanden die mittlerweile antiquarisch gehandelten Aldinen überall auf der zivilisierten Welt Anklang, Liebhaber, Sammler. Indiz, daß ästhetische Werte verläßlich sind und die Zeiten überdauern.
    Einer der Kataloge, die einer Aldinensammlung gewidmet sind, ist der des Leipziger Antiquariats Gustav Fock, erschienen 1933: „Books Printed by Aldus Manutius and His Successors a.D. 1495-1601. From the Collection of Count Ludwig von der Pahlen.” Die Sammlung wurde um die Welt geschickt, denn amerikanische Sammler hatten ein großes Budget und holten nicht nur Shakespeares, sondern auch Elzeviers und Aldinen über den Teich; so lesen wir weiter: „On Exhibition for the Zamorano Club Los Angeles“. (5) Eine Sammlung, die in relativ kurzer Zeit, zwischen den Jahren 1870 und 1880, in England angelegt wurde und neun Zehntel der Aldinischen Gesamtproduktion des genannten Zeitraumes umschloß. Zweifellos wäre dies heute, trotz Internetzes, beinah unmöglich. Leider weist der Katalog neben Textabbildungen nur vier s/w Kunstdrucktafeln und ein Frontispiz auf, so daß für Bilder von Seiten und Einbänden auf andere Publikationen verwiesen sei. (6).
    Abschließend möchte ich die immer noch gültige Bibliographie von Antoine Auguste Renouard erwähnen: Annales de l’imprimerie des Aldes ou histoire des trois Manuce et de leurs éditions. Troisième édition. Paris: Jules Renouard, 1834.

(1) Beispiele u.a. in J.J.G. Alexander & A.C. de la Mare: The Italian Manuscripts in the Library of Major J.R. Abbey. London: Faber and Faber, 1969.
(2) Manuel Chrysoloras (1353-1415) wurde 1393 vom byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos nach Westeuropa entsandt. Auf letzteren geht das → ‚Papstzitat’ zurück, das bei einigen immer noch Anstoß erregt.
(3) “Octavo Sizes and Prices”. In: Harry George Fletcher III: New Aldine Studies. Documentary Essays on the Life and Work of Aldus Manutius. San Francisco: Bernard M. Rosenthal Inc., 1988. p. 88 sqq.
(4) Nicolas Barker: Aldus Manutius and the Development of Greek Script & Type in the Fifteenth Century. Second edition. New York: Fordham University Press, 1992.
(5) 178 Seiten incl. Verfasserregister; ergänzt durch ein Supplement, das nicht allen Exemplaren beigebunden ist, auf den Seiten 179-186.
(6) Suzy Marcon & Marino Zorzi: Aldo Manuzio e l’ambiente veneziano 1494-1515. Venedig, 1994. Und: Luciano Bibliazzi & al.: Aldo Manuzio tipografo 1494-1515. Florenz, 1994. Beide mit s/w Abbildungen von Titelblättern und Seiten, der erste auch mit farbigen Einbandabbildungen, der zweite mit solchen handgemalter Initialen und Verzierungen.

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BmbK, Folge III: G.D. Hobson: 30 Bindings

25. Februar 2010

Begegnungen mit bemerkenswerten Katalogen, Folge III: Geoffrey Dudley Hobson: Thirty Bindings. London: The First Edition Club, 1926.

Nachdem ich in den letzten Beiträgen zum zeitweilig vernachlässigten Blog – die Arbeit am Band mit Kurzgeschichten war daran schuld, nicht ich – über ‚Sammeln’ geschrieben habe, das ein persönlich Ding ist, von dem ich darzulegen versuchte, daß es der sammelnden Persönlichkeit notwendig ist, nun wieder ein kurzer Blick auf Ergebnisse des Anhäufens, die so unwesentlich bisweilen nicht sind.
Was mir als ‚collectionneur’, der sich berufswegen bisweilen von einigen Stücken trennen muß, an diesem Katalog – mehr als ein solcher zu sein war er nicht gedacht, doch ist er viel mehr – zusagt:
Zuerst am Buch selbst der Einband, ein schönes, geglättetes mattrotes Grobleinen, die Deckel mit Plattenprägung aus einem goldgeprägtem Randrahmen aus Doppellinien, gefolgt von einem sich nach innen anschließenden feinen Muster aus kleinem vierblättrigen Klee zwischen sich kreuzenden Linien, abgeschlossen durch kleine Doppelbögen. Die Deckelflächen sind durch zwei senkrechte, feingemusterte Linien gedreiteilt. Auf dem Rücken werden oben und unten in kurzen Stücken die Randrahmen der Deckel aufgegriffen, an seinen Seiten die Trennlinien, oben die Titelei, unten der Verleger, zugleich Aussteller. Ein Kopfgoldschnitt sorgt für Schutz gegen Staub, vorn und unten sind die Blätter des Buchblockes unbeschnitten.
Schlagen wir das in 600 Exemplaren gedruckte Buch auf, begegnet uns ein zentriert gesetzter Titel in aldinischer Schlichtheit: oben Titel, Verfasser und ein kurzer Text zur Ausstellung, unten Ort, Jahr, Verleger, Anschrift. Wie bei einem Krimi blättern wir gespannt an das Buchende, um zu sehen, wer verantwortlich zeichnet: es ist die Chiswick Press von Charles Whittingham and Griggs. Na also, wer kennt sie nicht, Morris ließ, ehe er sich selbst an den Buchdruck wagte, bei dieser Firma produzieren.
Auf Seite vii dann das Verzeichnis der Illustrationen: dreißig Einbände werden ganzseitig abgebildet, vom späten 15. Jahrhundert bis zum 18., die meisten einfarbig, wo nötig goldgehöht, einige mehrfarbig und ebenfalls goldgehöht.
Damit berühre ich mein Hauptanliegen bei diesem Beitrag. Moderne Offsetreproduktionen von Bucheinbänden treffen nie Farbton sowie Oberflächenstruktur des Leders. Sie vermitteln einen falschen Eindruck, machen frischer, bunter, glänzender. Anders die älteren, aufwendigen Verfahren mittels Lichtdruckes (an dieser Stelle möchte ich auf eine Besonderheit hinweisen: Lichtdruck verbunden mit Chromolithographie, verwandt in → Adolf Schmidt: Bucheinbände aus dem XIV.-XIX. Jahrhundert in der Landesbibliothek zu Darmstadt.).
Auch die Abbildungen bei Hobson sind rasterlos in Lichtdruck erstellt, die Mattheit des verwendeten, leicht getönten Papiers ermöglicht eine materialnahe Wiedergabe.
Nur kurz zum Inhalt: ein Canevari, fünf Grolier, Lyoner, Pariser, deutsche, englische Einbände, und andere Schönheiten, jede von ihnen von einem Fachmann detailliert beschrieben.
Ich wünschte, es wäre meine Sammlung.

BmbK II: Garden Limited

29. August 2009

Begegnungen mit bemerkenswerten Katalogen, Folge II: The Collection of The Garden Ltd. Magnificent Books and Manuscripts. Conceived and Formed by Haven O’More, Funded by Michael Davis. (1)

Antipode zu Folge eins. Ein Schlachtschiff auf den Meeren des Geistes, das gewichtige Bücher verschießt.
Die Weltgeschichte samt Weltgeist auf einem Haufen, aus dem Buchstaben raunen, die sich an der kühleren Wand des Auktionskataloges in Preisen sublimieren sollen (2).
Geist und Geld sind eine Verbindung, die gleich nach der von Exkrementen mit Penunse rangiert: das Flüchtige, das unseren Köpfen entflohene, das sich manifestiert, Grabsteine ausgenommen, will tiefe, tiefe Ewigkeit, auf Tontäfelchen, Papyrus, Pergament, Papier, Bytes – so sein Fall in die Tiefen der Materie, des Kommerzes, denn die originären Schreiber vervielfältigen nicht, das bleibt den bezahlten sowie den Druckern überlassen. Und nur durch stete Vervielfältigung geht der Text in die kurze Ewigkeit der paar tausend Jahre menschlicher Existenz auf diesem sich einfach so weiterdrehenden Planeten ein, so daß immer neue Wellen, Auflagen, Neudrucke genannt, gegen die Erosion, die Entropie angehen, die uns die Gedanken zerstreut – so wie uns selbst nach unserem Tod.
Darum ist der Erstdruck, die editio princeps, so bedeutungsvoll: als Beweis, daß trotz aller widrigen Umstände etwas überbleibt, als Beleg beinah, daß unsere Existenz denn nicht ganz umsonst gewesen sein mag, da sie in Relikten zu überdauern scheint.
Und wäre nicht der Bücherberg aller Bücher aller paar hundert Jahre Schreib- wie Druckkunst – wäre er nicht höher als alle Pyramiden aufeinandergestellt?

Aber zu dieser Sammlung.
Es sind Stücke darunter, für die so mancher Bibliophile zum Magister Tinius werden würde, böte sich ihm die Gelegenheit dazu. Nur wer aus dem Bekanntenkreis hat dergleichen in seinen Regalen herumstehen?
Angesichts der unübersehbaren Größe der versammelten Geistessedimente sollte vielleicht doch ein bescheidener Nachteil mancher Exemplare erwähnt sein: ihr späterer Einband, so z.B. beim Dante (Nr. 10) oder Aristo (Nr. 16).

· Es beginnt mit drei Kapiteln aus einem Manuskript des Ägyptischen Totenbuches (ca. 1080-746 v.u.Z., 21. oder 22. Dynastie, Nr. 1), es folgen:
· ein Band aus einem japanischen Manuskript des buddhistischen Mahâprajnâpâramitâsûtra (datiert 730, Nr. 2, die eingedampfte Fassung des Textes, das Herzsutra können Sie als PDF hier lesen http://www.meyerbuch.com/pdf/Herzsutra.pdf)
· Blätter der Gutenberg-Bibel (Nrr. 4 & 5),
· die editio princeps des griechischen Bibeltextes (Aldus, 1518, Nr. 7)
· die editio princeps von Dante (1472, Nr. 10),
· die editio princeps von Aristoteles (Aldus, 1495-1498, Nr. 16)
· Ptolemäus (1478, Nr. 21, die gr. editio princeps ist Nr. 23),
· die editio princeps von Aesop (Nr. 24),
· die editio princeps von Homer (Fragment auf Pergament Nr. 31, & vollständig Nr. 32),
· die erste Aldus-Ausgabe der Odyssee (1504, Nr. 33, leider ohne weitere Angaben zum zeitgenössischen Einband, siehe Fußnote [3]; die Chapman-Übersetzung Homers, Nrr. 89-91),
· Vergil in Kursiv (Aldus, 1501, Nr. 35; zur frühen Kursive cf. Harry George Fletcher III: New Aldine Studies, pp. 77-87),
· die editio princeps von Plato (Nr. 38, gefolgt von der zweiten, der Baseler, Nr. 39, sowie der Estienne-Ausgabe, Nr. 40),
· die erste Ausgabe von Montaignes Essays (1580, Nr. 72, mit der Titelseite in zweitem Zustand),
· die editio princeps des Don Quixote (1605 & 1615, Nr. 80 – nicht die Ausgabe, über deren Erwerb Dean Corso im Film so glücklich ist, dies ist die Nr. 81, die illustrierte Ibarra-Ausgabe von 1780),
· Shakespeares Folios, nämlich alle vier (Nr. 100 – die Quarto-Ausgabe von „A Midsommer Nights Dreame“ Nr. 99 – die „Poems“ Nr. 101),
· die erste Ausgabe von Burtons Melancholy (1621, Nr. 103),
· die erste Sammlung von Gedichten John Donnes (1633, Nr. 105),
· viel Milton (Nrr. 108-112),
· die editio princeps von Pascals Pensées (1652, Nr. 126) in einem schönen roten Maroquinband der Zeit und nochmals in einem nicht so attraktiven Kalbleder (Nr. 127),
· einiges von Goethe (Nrr. 152-156),
· William Blakes Songs of Innocence and of Experience (1794, Nr. 165) in einem wohl schönen, leider nicht abgebildeten Einband der Zeit [Großer Thoth-Hermes, und alle, die Ihr für die ungerechte Verteilung der Bücher auf Erden zuständig seid: bei mir steht bloß ein billiger Nachdruck herum!],
· William Blakes Book of Thel (1789, Nr. 166),
· William Blakes Europa: A Prophecy (ca. 1830-1832, Nr. 167),
· Herman Melvilles mit einigen Marginalien versehenes Exemplar von Dante (1847, Nr. 181) sowie sein mit Annotationen versehenes Exemplar von Milton (1936, Nr. 182),
· die editio princeps von Whitmans Leaves of Grass (1855, Nr. 187) in Original-Leinwand, dazu Autographen unter den Nrr. 188-190, 192,
· die editio princeps von Baudelaires Fleurs du mal (1857, Nr. 194) im Original-Verlegerumschlag, mit den später unterdrückten sechs Gedichten.

Der Rest kursorisch: Rimbaud, Nietzsche, Yeats, Einstein, Joyce (Nrr. 205-218), Proust, D.H. Lawrence, Ezra Pound, Rilke, T.S. Eliot, T.E. Lawrence, u.s.w.

Ab Nr. 239 werden Pressendrucke angeführt:
Cobden-Sanderson’s Exemplar des Kelmscott Press Chaucer mit Widmung von Morris, gefolgt von einem Chaucer – ja, noch einem! – im von Morris selbst entworfenen Einband, m.E. viel schöner als der andere, weil stilistisch passender;
und weiteres: Ashendene Press, Eragny Press, Pergament-Exemplare der Doves Press in Einbänden der Doves-Bindery (Nrr. 252-279), Shakespeare Head Press, Cranach Presse, Golden Cockerel, Gregynog, Arion Press.

Was bleibt uns von dieser Sammlung (4), da wir nicht zu den glücklichen Ersteigerern des einen oder anderen weltgeistbewegenden Werkes gehörten? Die Bilder, die halbwegs guten Beschreibungen (nur die Inkunabeln mit Kollationen, was nicht allzu sinnvoll ist, da diese in den Bibliographien angeführt werden, bei manchen der seltenen, späteren Drucken wäre es sinnvoller; nur spärlich angeführte Referenzwerke, manchmal die erstbesten statt der besten), die Provenienzlisten – und das Vorwort von Nicolas Barker, in dem er über Erstdrucke sinniert.
Das ‚Preface’ des Haven O’More möchte ich vergessen, mir zu schwülstig und von Zitatitis angekränkelt.

(1) Sotheby’s: The Collection of The Garden Ltd. Magnificent Books and Manuscripts. Conceived and Formed by Haven O’More, Funded by Michael Davis. New York, 1989. Quarto. Unpaginiert. 308 Einträge. Schwarze Original-Leinwand mit goldgeprägter Titelei auf Rücken und Vorderdeckel.

(2) ‘The Colophon Book Shop’ schreibt:
“The sale of this library, The Garden Ltd., was brought about by a lawsuit filed by Michael Davis against Haven O’More. Davis, son of the businessman, Leonard Davis, entered into a partnership with O’More in which Davis turned over control of $17 million to O’More as the sole general partner of The Garden Ltd., an association formed ‘primarily to write and develop new manuscripts, to rewrite, edit and publish manuscripts, and to hold and collect rare books and manuscripts.’ The tale of this financial partnership and its collapse, and more interesting, the story behind the enigmatic Haven O’More is told in detail in Nicholas Basbane’s book, A Gentle Madness: Bibliophiles, Bibliomanes, and the Eternal Passion for Books, chapter 6, ‘To Have and to Have No More.’ Not to be overlooked is the magnificent library built by O’More. As Nicolas Barker states in his Foreword, ‘The decision to choose the best authors and the best works, in the best available copies, is aptly demonstrated.’, and much, much more.”

[3] Das Exemplar De Marinis II, 2250 bis. Zum Motiv der Fortuna mit Segel auf diesem Einband der Aldinischen Odyssee: Anthony Hobson: Humanists and Bookbinders, pp. 163 sqq.: “The aspect of Fortuna that Italian binders wished to emphasise was her fleetingness”; dort weitere Literaturhinweise, auch zu “festina lente”.
Vergleichstücke z.B. in De Marinis II, tav. CCCLXXXIV-CCCXCVI, CCCCVI.

(4) Der Auktionskatalog ist unbedingt zu ergänzen durch PMM, i.e. John Carter & Percy H. Muir: Printing and the Mind of Man. A Descriptive Catalogue Illustrating the Impact of Printing on the Evolution of Western Civilization During Five Centuries. Assisted by Nicolas Barker, H.A. Feisenberger, Howard Nxon and S.H. Steinberg. With an Introductory Essay by Denys Hay. München: Karl Pressler, 1983.

BmbK I: Nicolas Rauch

22. August 2009

Begegnungen mit bemerkenswerten Katalogen, Folge I: Nicolas Rauch, Mies, Suisse

Während Fürstenbergs Werk (1) einen Teilaspekt klassischer Sammlerleidenschaft abdeckt, das 18. bis frühe 19. Jahrhundert, zu dem man, um die Intention eines derart vielgestalten Sammlers nachvollziehen zu können, die anderen, seine weiteren Sammelgebiete behandelnden Bände benötigt, zeigt der erste Katalog Nicolas Rauchs (2) ein bibliophiles Gesamtpanorama auf, dessen einzige Auslassung die Pressendrucke seit Morris sind.
Der Leser guckt erstaunt auf die Vielfalt der Buchwelt. Kluge Beschreibungen, zahlreiche s/w Abbildungen und einige farbige, unter denen ich besonders die goldgehöhten Einbandabbildungen hervorheben möchte, führen anschaulich die Möglichkeiten stilvoller, traditioneller Bücherliebeskunst vor Augen: gute Ausgaben, illustrierte Werke, alles in gediegenen bis meisterlichen Einbänden. In diesem Ansatz vergleichbar dem Zeitalter, das in Humboldt seinen krönenden Abschluß fand und in unserer kleinteiligen Weltschau seine Fortsetzung nahm.
Wohltuend empfinde ich die sprachlich-ruhige Selbstverständlichkeit, mit der dies dargereicht wird: Bücher des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts, Broderies et dentelles, siebzehntes und achtzehntes Jahrhundert, Modes et Costumes, neunzehntes Jahrhundert, einige deutsche Literatur, Kinderbücher, Oiseaux et fleurs.
Zweisprachigkeit war damals noch nicht notwendig, denn der Gebildete verstand Französisch; die Zeit vor Broken English, vor der verplattformten deutschen Sprache.
Indices der Topoi/Namen/Titel und der Provenienzen schließen den Katalog ab.

Wir sind heute geneigt, das Neue, Ungebrauchte vorzuziehen, da es in diese Zeit, deren Güter sich immer schneller erneuern müssen, da sie immer kurzlebiger werden, paßt. Es ist eine Zeit, in der das Vergehen von Zeit keinen Ort mehr finden soll, sondern zu umgehen versucht wird mittels Botox, Facelifting und konsequenter Nichtbeachtung samt Aussperrung. Wenn die Alten im Altenheim entschwinden, dann die alten Kunstwerke, Gemälde und Statuen im Museum, die alten Bücher in den Glassärgen von Ausstellungen der Bibliothek.
Doch ist das Herkommen eines Buches, seine persönliche Geschichte, selbst in einer sich demokratisch gebärdenden Welt sicherlich bedeutungsvoll: Adel des Sammelns, Adel des Lesens wie der Wissenschaften, die sich von Generation auf Generation vererben oder weiterreichen. Fackel des Geistes. Mehr, als wir selbst bereits sind zu empfangen, werden wir nicht ererben.

Rauch1

Schlichtere Einbände verstecken sich in diesem Katalog nicht, sondern stehen gleichrangig neben den reich vergoldeten, so der Pergamenteinband von Bellau, 1572 (Nr. 12); doch möchte ich einiges aus der Vielfalt des Angebotes hervorheben und betonen, daß diese Auswahl meine ist, somit völlig subjektiv:

· ein handschriftlicher Brief Calvins an Guillaume Farel (Nr. 20),
· die Hypnerotomachia in der französischen Ausgabe von 1554 (Nr. 23, obgleich ich die Holzschnitte der aldinischen ihrer Grazie wegen vorziehe),
· ein Duodo-Einband (Nr. 29, ein wenig Information zu Duodo in: Howard M. Nixon: Sixteenth-Century Gold-Tooled Bookbindings in the Pierpont Morgan Library, pp. 233-234),
· die Aldus-Ausgabe des Kirchenvaters Laktanz in einem Einband für Apollonio Filareto (Nr. 43, cf. G.D. Hobson: Maioli, Canevari and Others, p. 117, n° IV; De Marinis, vol. I, n° 819, tav. CXXXIII; Anthony Hobson: Apollo and Pegasus, p. 93 [dagegen ist mein Exemplar dieses Druckes, vom Wittenberger Buchbindermeister Nikolaus Müller in schlichtes, blindgeprägtes Schweinsleder gekleidet, richtig bescheiden!]),
· ein Grolier-Einband (Nr. 51, Gabriel Austin: The Library of Jean Grolier, n° 236),
· die erste deutschsprachige Homer-Ausgabe von 1538 (Nr. 54),
· Lancelot du Lac (Nr. 74),
· Le Roman de la Rose (Nr. 81, cf. Sammlung Brunschwig, Nrr. 295-304, mit einer Handschrift des späten 14. Jh., Inkunabelausgaben u.s.w.),
· ein Maioli-Einband (Nr. 87, cf. G.D. Hobson: Maioli, Canevari and Others, pp. 40-41, Gruppe IV),
· ein Peiresc-Einband (Nr. 108, cf. G.D. Hobson: Les reliures à la fanfare, n°° 191, 284, 313a),
· die Werke Villons in der ersten Antiqua-Ausgabe von 1532 (Nr. 127),
· Don Quichotte in französischer Übersetzung aus dem Vorbesitz der Marie Antoinette (Nr. 201),
· Fournier le Jeunes Manuel Typographique (Nr. 221),
· Einbände von Bozérian (Nrr. 46, 90, 282, 283, 303, 362)
· Einbände von Derome (Nrr. 27, 139, 243, cf. Sotheby Parke Bernet Monaco: Livres précieux provenant de la bibliothèque de Major Adrian McLaughlin, 1980, zu n° 1527, mit Stempelabreibungen zu unsignierten Derome-Einbänden),
· Einbände von Thouvenin (Nrr. 106, 288, 289, 311) und anderen bedeutenden Buchbindern.

Es ist für mich der schönste Katalog der Firma, nur in Konkurrenz zum späteren Auktionskatalog der Sammlung Brunschwig (3), der in zwei Teilen erschien.
Aber zugleich Beweis, wie sich das Angebot gewandelt hat. Solches heute zu bieten wäre fast unmöglich, die Preise sehr hoch und der Käufer wohl wenige.

(1) Hans Fürstenberg: Das französische Buch im achtzehnten Jahrhundert und in der Empirezeit. Weimar: Gesellschaft der Bibliophilen, 1929. Quarto. [4 weiße], VIII, [2], 431, [2], [1 weiße] Seiten.
In limitierter Auflage erschienen, mit zahlreichen Listen von Autoren, Illustratoren, Stechern, Buchbindern, Auktionen, bibliographischen Angaben; Titelregister. Nachteil sind die fehlenden Abbildungen.

Dazu vielleicht: Tammaro De Marinis: Die italienischen Renaissance-Einbände der Bibliothek Fürstenberg. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft, 1966. Quarto. 190, [3], [3 weiße] Seiten mit 79 ganzseitigen s/w Einbandabbildungen. Original-Leinwand.
Für jeden, der sich die Legatura artistica nicht zulegen möchte, wegen des gebotenen Einbandmaterials ideal.

Rudolf Adolph: Hans Fürstenberg. Aschaffenburg: Paul Pattloch, 1960. Kl.Octavo. 156, [11], [3 weiße] Seiten. Sowie s/w Abbildungen auf Kunstdrucktafeln. Original-Leinwand.
Gibt einen ersten Überblick über Leben und Sammlertätigkeit eines Bankers.

(2) Nicolas Rauch: Catalogue de très beaux livres. Des fleurs le fruit. Du fruit la fleur. No. 1. Mies/Suisse, 1948. Gr.Octavo. 284, [2] Seiten. Mit einem farbigen Frontispiz, sieben Farbtafeln, zahlreichen s/w Abbildungen im Text und auf Tafeln. Illustrierte Original-Broschur.
362 Nummern. Erschienen in einer Auflage von 1350 Exemplaren, Buchdruck des Textes und der Tafeln von Benno Schwabe & Co.

(3) Nicolas Rauch: Bibliothèque Silvain S. Brunschwig. XVe & XVIe Siècles. Genf, 1955. Kl.Quarto. 381, [3] Seiten. 10 Kunstdrucktafeln, zahlreiche Abbildungen im Text; 1 farbiges & goldgehöhtes, gefaltetes Frontispiz; 1 farbige montierte Titelvignette. Original-Broschur mit dem vergoldeten Lederexlibris auf dem Vorderdeckel.
575 Nummern nach Ländern geordnet aus den erwähnten Gebieten mit ausführlichen, durch zwei Indices erschlossenen Beschreibungen sowie Abbildungen von Einbänden und Illustrationen. Der von Benno Schwabe gedruckte Katalog erschien in 1050 handnumerierten Exemplaren.

Nicolas Rauch: Bibliothèque Silvain S. Brunschwig. (Deuxième partie). Livres d’emblèmes, Dix-septième au vintième siècle, Livres de l’époque 1900. Genf, 1955. Kl.Quarto. 91, [5] Seiten. Sowie 20 s/w Kunstdrucktafeln, einige Abbildungen im Text. Originalbroschur.
523 Nummern aus den erwähnten Gebieten. Von Benno Schwabe gedruckt. Die Abbildungen zeigen Einbände, Kupfer, Seiten und Titel. Beigeklebt ist die Liste der Schätzpreise