Archive for Mai, 2015

Der Albtraum, eine kleine Dystopie

14. Mai 2015

Letzte Nacht plagte mich ein Traum, ein Alb, um genauer zu sein. Hier ist, was mir träumte:
    Ich fand mich in die Zukunft versetzt, es schien mir das Jahr 2025, aber da meine Traumaugen keinen Kalender erspähten, mag es ebensogut ein anderes gewesen sein. Mein Computer, an dem ich vornübergebeugt tippend hockte, sah aus wie jener, an dem ich nun sitze, eigentlich antiquiert für so ferne, kommende Zeiten, ob er das wirklich so lange überstehen sollte? Meine Finger huschten über die Tastatur, viel schneller und fehlerfreier, als ich es im Wachen vermag: ich gab Buchbeschreibungen ein. Oben auf dem Bildschirm prangte das Logo der weltumspannenden Plattform, die, so zeigte mir die kleine Flagge neben der Internetadresse im Browser, ihren Sitz in einem fernen Land hatte, aber der Standort war unwesentlich, denn über den ganzen Globus verstreut arbeiteten noch ein paar Leute wie ich, gierige Datenbanken zu füttern.
    In den letzten Tagen mußte ich Ankäufe getätigt haben, denn neben meinem Schreibtisch stapelten sich links und rechts kafkaesk bis an die Decke Haufen unbearbeiteter, richtig alter Bücher. Ich meine mich zu erinnern, daß sie fast nichts gekostet hatten, was aber in dieser Traumzukunft selbstverständlich schien, denn der Preisverfall hatte sich in der Zwischenzeit ungehindert fortgesetzt, Gedrucktes war nur noch an renitente, fortschrittfeindliche Außenseiter, die einer antiquierten Bildung anheimgefallen waren, zu verkaufen, die zwar mangels Fähigkeit, anderen Vergnügungen nachzugehen, einen hohen Bedarf an Lesefutter hatten, aber eben kein Geld, was sie vom Rest der Bevölkerung kaum unterschied.
    Das neue Zeugs mit Barcodestreifen wurde nicht mehr von Tippsklaven wie mir bearbeitet sondern von fast fehlerfreien Maschinen gescannt: dies erledigte die weltweite Plattform selbst, Gebrauchtbuchhändler waren bereits seit Jahren überflüssig und folglich verhungert, so sie keinen anderen, schlechtbezahlten Job gefunden hatten. An ihrer Stelle gab es in den Supermärkten Schlitze zum Einwerfen von Büchern. Nur die alten Drucke, Latein, Griechisch und andere obsolete Sprachen verstanden die Automaten nicht, an Erfahrung mangelte es ihnen ebenfalls, und Erhaltungszustände zu bewerten fiel ihnen schwer, trotz der Bilder, die sie auf der Suche nach Kaffeeflecken, Essensresten, Fischgräten und anderen Gebrauchspuren serienmäßig anfertigten und nach vorgegebenen Schemata blindwütig auswerteten. Mag man sich wundern, warum sich dies weltumspannende Monopolunternehmen solch einem minimal rentablen Nebenerwerb widmete: es mochte wohl der Drang gewesen sein, alles zu beherrschen, keinem anderen, geschweige einem Konkurrenten, ein Stück des Kuchens zu gönnen.
    Und die Plattform, in deren Datenbank ich die Bücher hackte, kassierte ihren Anteil, der, so vermeine ich mich traumhaft zu entsinnen, um die 70% des Nettoverkaufspreises betrug. Dafür versandte sie die von mir bearbeiteten Schwarten, nachdem ich sie alle auf den Einbandrücken mit dekorativen Barcodestreifen versehen und an das deutsche Lager verschickt hatte, mittels irgendeines Billigdienstes an ihre Kunden. Abgerechnet wurde monatlich, eine Mail, die nur eine Zahl, die Summe wahrscheinlich, enthielt, aber keine Einzelheiten, wie diese zustande gekommen wäre; trotzdem ein willkommener Zusatz zur Sozialhilfe, von dem ich mir vielleicht ein Taschenbuch für den Eigenbedarf würde leisten können. Schokolade, Rauchen und Trinken hatte ich vor Jahren aufgegeben. Mit dem Essen war ich noch nicht ganz so weit.
    Irgendwo in meiner geträumten Traumerinnerung nagte ein Gedanke an mir, irgendein Nachgeschmack, daß es früher, wann mochte das gewesen sein, mehrere Plattformen gegeben haben könnte, die in Konkurrenz miteinander standen, einige hatten wohl sogar ihren Sitz hier in diesem Land, aber sie waren allesamt verschwunden, als hätte es sie nie gegeben, geschluckt von der großen, einzigen. Gelöscht aus der Realität wie der Erinnerung.
    Nun geriet die Szenerie vollends surreal. Draußen zerteilte ein scharfer Wind die Tagesreste, die wie müde gewordene Buchlagen aus hellblauem Bütten vor dem Fenster umherflatterten; weiße Kälteschwaden schlängelten sich wie endlose Papierstreifen nie versandter Rechnungen ins Zimmer, und ich bereitete ein Feuer mit den Bücherstapeln neben dem Schreibtisch, das hell brannte, erst die Bücher fraß, dann den Tisch samt Computer, Tastatur, Maus und allem, was noch darauf lag oder stand.
    Die Temperatur stieg und stieg, ich fing an zu schwitzen und erwachte plötzlich mit schalem Geschmack im Mund und der Erkenntnis: so oder ähnlich könnten die letzten Tage unseres Gewerbes ausschauen.

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Provenienzen

11. Mai 2015

Was bedeuten uns heute noch die Abstammunglinien der Bücher? Ist es uns noch wichtig, überhaupt von Bedeutung, daß ein bestimmtes Buch zu Zeiten dem und danach jenem gehörte, in der Bibliothek eines Adligen, eines berühmten Sammlers oder in den Händen eines sich von der Masse abhebenden Lesers verweilte?
    Mir scheint, daß wir immer geschichtsloser werden und die Vergangenheit bald nur noch Stoff für 3-D-Filme sein könnte; auch, daß die Gleichmacherei vor den Büchern nicht haltmacht.
    Um den Wert eines verstorbenen Sammlers einschätzen und einordnen zu können, müssen Buchgeschichte wie allgemeine Historie studiert werden.
    Provenienzen sind Nachschlageaufgaben, eine Erweiterung unserer Vergangenheitswahrnehmung. Längst dahingegangene Sammler können uns, beschäftigen wir uns mit ihnen, zu Vorbildern werden, indem der Blick in ihre Bibliothek zum Blick in ihren Geist gerät und ein Vergleich uns aufzeigt, wo unsere Lücken und vielleicht auch Vorlieben liegen. Nebenher mögen sie uns neue Perspektiven eröffnen, Gebiete aufzeigen, die wir zuvor nicht bemerkten. Wenn all dies kein Anlaß ist, sich unseren bibliophilen Vorläufern zu widmen, was dann?
   
    Wie kam ich auf dieses Thema? Ich bemerkte in einem Katalog eine hinzugefügte Provenienz. Ein Antiquar hat einem Buch, das ich zuvor anderswo anschauen durfte, ein Exlibris hinzugefügt, das damals nicht vorhanden war. Ist dies nun eine Verfälschung, denn eigentlich wanderte dies Exemplar andere Wege durch die Zeiten als nun beschrieben? Da es sich augenscheinlich um keinen der berühmten Sammler handelt, ist die Hinzufügung wenig verständlich, wenig preistreibend zudem. Doch fügt die Täuschung jenem Bibliophilen, dessen Exlibris das Buch nun ziert, ein Interesse zu, daß er womöglich nie besaß.
    Mir will scheinen, daß das Hinzufügen ärger ist als das Löschen. Letzteres tilgt eine Spur, setzt aber keine neue, die den Buchahnenforscher auf falsche Fährten lockt.