Archive for Juli, 2012

Goldschnitt

28. Juli 2012

Das klassische Verfahren, einen Buchschnitt zu vergolden, schildert Douglas Cockerell. Der Buchblock wird fest eingespannt, mit feinem Sandpapier abgerieben, um Fingerspuren bzw. lockere Papierteilchen zu entfernen, danach wird Bolus aufgetragen, mit einer trockenen Bürste nachpoliert, das Blattgold auf das richtige Format zugeschnitten, Eiweiß mit einem weichen Pinsel als Kleber aufgetragen und das Gold darübergelegt. Nach dem Trocknen wird mit eingewachstem Leder abgerieben und mit einem Glättzahn nachpoliert.
    Neben dem reinen Goldschnitt mag ein vorher marmorierter Schnitt vergoldet werden, wobei beim Aufschlagen des Buches der angenehme Effekt von Farbigkeit unter dem Gold entsteht. Ein Fore-edge Painting mag ebenfalls mit Goldschnitt überkleidet werden, da es nur beim Öffnen des Buches sichtbar wird. Arten heutzutage weniger bekannten Goldschnittes sind z.B. der auf rauhem Schnitt, auf nicht glattgestoßenem Buchblock etc.
    Nachträglich kann ein Goldschnitt mittels Punzieren mit Mustern versehen werden.
    Vorteile des Goldschnittes sind neben dem Äußeren der Schutz vor Eindringen von Staub, denn durch das Nachpolieren entsteht eine recht glatte, in sich geschlossene Oberfläche, die erst im Laufe von Jahrzehnten oder Jahrhunderten durch die sich unterschiedlich der Feuchtigkeit anpassenden Blätter etwas uneben wird.
    Heutzutage wird bei sich bibliophil gebärdenden Werken der Goldschnitt mittels Farbe aufgetragen, man erkennt dies an seinem leicht grisselichen Aussehen.

Goldschnitt Mitte 19. Jahrhundert auf einem Druck des 17. Jh.

Goldschnitt Mitte 19. Jahrhundert auf einem Druck des 17. Jh.

Goldschnitt über Marmor

Goldschnitt über Marmor

Goldschnitt über Fore-edge Painting

Goldschnitt über Fore-edge Painting

Gepunzter Goldschnitt, 16. Jh.

Gepunzter Goldschnitt, 16. Jh.

Goldschnitt auf rauhem Schnitt

Goldschnitt auf rauhem Schnitt

Die angelegten Goldblättchen sind gut zu erkennen

Die angelegten Goldblättchen sind gut zu erkennen

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Ein Buch kommt an!

18. Juli 2012

Das Entpacken eines Buches erinnert jedesmal an die Kindheit, an Wundertüten, trotz der durch das Internet vermehrten Bebilderei: das wirkliche Buch ist etwas ganz Anderes als seine Abbilder.
    Was also tun der Sammler bzw. der Antiquar, wenn der Postmann geklingelt, den Weg gefunden und das hoffentlich wohlverpackte Paket in die besorgten Hände gelegt hat? Genau, es öffnen, sich durch die Mengen Klebeband schneiden, ohne den Inhalt zu gefährden, geschweige zu verletzen. Das heißt vorsichtiger sein als der berühmte Bibliothekar, selig, der einer Sendung mit einem Druck der Bremer Presse voller Ungeduld mit einem Teppichmesser zu Karton rückte und prompt den Buchdeckel ritzte. Nach Abstreifen der äußeren Umhüllung wenden sich die gespannten Hände der inneren zu, der Wellpappe oder Noppenfolie, danach dann, Rechnung schnell beiseite gelegt, sie könnte die Freude verderben, die letzte Tarnung beseitigt, das Papier.
    Selbstverständlich hoffe ich, hoffen wir alle, daß wir nun nicht enttäuscht werden, sondern positiv überrascht: der Einband besser als durch die Beschreibung vermutet, das Buchinnere sauber und frisch, wie vom Drucker, keine störenden Fischgräten oder ähnliche, zu Lesezeichen zweckentfremdete Gegenstände zwischen den Seiten.
    Das bringt uns bereits einen Schritt weiter auf die wichtige, nächste Betätigung: das Kollationieren. Jedes Buch muß kollationiert werden. Blatt für Blatt wird wie beim Lesen umgewendet, nur lassen wir uns nicht vom spannenden Text ablenken, sondern die Augen starren wie gebannt auf die Lagensignaturen (bei alten Drucken) oder die Seitenzählung. Jedes Ergebnis wird notiert. Gleichzeitig wissen wir nun um die Anzahl und Größe eventueller Stockflecken, Kaffeeergüsse oder Rotweinabende. Hat das Werk Illustrationen, werden diese nebenher in einer Strichliste erfaßt.
    Nun – Vollständigkeit vorausgesetzt, also unser Kollationsergebnis verglichen mit dem anerkannter Bibliographien oder anderer Exemplare – folgt die Spurenbeseitigung. Früher war es üblich, daß Händler kleine Romane in die Bücher schrieben, mit Bleistift meist, doch trotzdem störend: die bibliographischen Angaben, die Kollation, bei einer größeren Firma zusätzlich noch den Täter. Immer noch in Erinnerung sind mir die eingravierten Preise eines verstorbenen Berliner Kollegen: ein ‚x’ hinter dem Preis war Indiz für die Unverhandelbarkeit des Preises. Heute findet sich häufig nur noch eine Nummer, die auf eine Datenbank verweist. Fort mit ihr, das Buch ist nun in neuen Händen.
    Dann folgt das Säubern, zuerst ein nochmaliges Abstauben des Kopfschnittes, der Deckel etc. mit einem sauberen Pinsel. Mit einem besonders feinen Pinsel werden die handgestochenen Kapitale behandelt. Staub und Schmutz sammeln sich gern im Falz der Vorsätze an. Auch ist ein Radiergummi, je nach Art des Fleckens ein weicherer oder noch weicherer, bisweilen hilfreich, unnützen Staub auf dem Titel oder einem anderen Blatt zu beseitigen.
    Unerfahrene Finger sollten hier einhalten. Feuchtes Säubern liegt bereits in der Gefahrenzone, ein Buch zu restaurieren bedarf langer Erfahrung. Nur das Einfetten sollte bei Leder- bzw. Halbledereinbänden nie vergessen werden. Aus dem Glaubenskrieg, welches Fett, welche Creme die besten seien, halte ich mich heraus. Ich verwende mein Lederfett seit nunmehr über zwanzig Jahren mit besten Ergebnissen, andere mögen anderes verwenden und – ich drücke die Daumen – gleichgute Erfahrungen machen.
    Ist das Fett eingezogen, das Leder vorsichtig mit einer weichen Bürste poliert, steht der Weg frei in die Hände des Lesers oder die Bretter der Vitrine.

Was sind schöne Bücher?

7. Juli 2012

Rein rhetorisch anders gefragt: was an einem Buch können bibliophile Sinne als schön empfinden?
    Ein Buch ist in seinem Entstehungsprozeß ein Produkt des Kunstschaffens, willentlicher Gestaltung – auch wenn das heute mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten droht. Papier und Type müssen zueinander passen: zu dünnlinige Schrift auf festem Bütten sieht nach herumirrenden Vogelkrallen aus, zu dicke Type auf Bibeldruck scheint durch und erdrückt das Papier. Dann müssen die Seitenränder bestimmt, der Grauton des Druckbildes mit dem eventueller Illustrationen abgeglichen werden. Selbst das Verfahren des Heftens, auf erhabene, am fertigen Buch sichtbare Bünde oder auf eingesägte oder auf Bänder, bestimmt mit das Gefühl beim In-die-Hand-Nehmen und Benutzen; schließlich das Einbandmaterial sowie dessen Verzierung, erstes für Tastsinn und Sehen, letztere für die Augen allein.
    Das fertige Buch ist also ein Gesamtkunstwerk, gleich wie viele Hände daran beteiligt gewesen sind.
    Da wir nicht voll ausgebildet aus dem Ei schlüpfen, müssen wir unsere Sinne und unser Unterscheidungsvermögen schulen, am besten an Beispielen. Das bedeutet: einige unserer Anschaffungen – denn Geliehenes genügt nicht, die Bekanntschaft ist nicht intensiv genug – dienen einzig diesem Zweck.
    Es erscheint mir sinnvoll, dem Anfänger zu raten, die einzelnen Aspekte separat zu betrachten, auch sinnvoll, weil die meisten von uns nicht so tief im Geld schwimmen, daß sie sich alles Schöne in Gänze auf einmal leisten können. Einzelblätter, Probedrucke, Ephemera oder günstige Erwerbungen aus dem Fundus maßgeblicher Typographie, angefangen bei der Frühzeit der Schwarzen Kunst bis zu ihren neuzeitlichen Meistern wie Mardersteig, Morris, Cobden-Sanderson und Tschichold (wie viele habe ich ausgelassen?!) bilden einen Grundstock der Vergleichens und Genießens. Werke der Bremer Presse sind günstig in den nicht-limitierten Büchern, mit derselben Type gesetzt, aber auf billigerem Papier; Bücher der Rupprecht Presse sind ebenfalls erschwinglich und überraschen durch ihre Schriftenvielfalt. Auch läßt sich an solchen Beispielen bereits die Wirkung von Grauwerten, kleinen Graphiken wie z.B. Initialen etc. auf das Gesamtbild der Seite untersuchen.
    Beim Einbandmaterial gestaltet es sich etwas schwieriger, da ich aus gutem Grund den Erwerb mäßiger, meist theologischer Inhalte nicht anraten würde. Man muß Kompromisse eingehen, leider. Zu den schönsten Ledersorten gehört für mich unbedingt das Maroquin bzw. Ziegenleder des achtzehnten Jahrhunderts, vornehmlich ein französisches. Der Narben läßt noch mehr von der Natur erahnen als das wesentlich gepflegtere Leder etwa hundert Jahre später; die Vergoldung ist nicht so genau, eher etwas von den Unregelmäßigkeiten der Handarbeit geprägt. Man spürt das Handwerk.
    Und das ist genau der Punkt, den wir uns nahe bringen sollten: alles Gute an den Büchern ist Kunsthandwerk, Handwerk, das sich derart mit sich beschäftigt und verfeinert hat, daß es dadurch in den Bereich der Kunst erhoben ist.