Archive for Januar, 2012

Bücher riechen

27. Januar 2012

« C’était une émanation indéfinissable, fraîche,
et cependant qui étourdissait comme la fumée d’une cassolette. Elle sentait le miel, le poivre, l’encens, les roses, et une autre odeur encore. »
Flaubert: Salammbô.

[Vorbemerkung: Dies ist ein sehr persönliches Thema. Nasen sind eigentümlich und zieren nur ihren Besitzer. Darum lagerte der Beitrag lange Wochen auf der Festplatte und gärte geruchlos vor sich hin. Ich übernehme keinerlei Verantwortung für leserische Riecherlebnisse anderer zweibeiniger Nasenwesen.]
    Gleich zu Beginn: mein Sony-Reader riecht nicht, weder das Metall, noch das Anzeigefenster, noch die Rückseite. Ist das nun ein Vorteil oder nicht? (S.u.)
    Anders angefangen. Meine Schlafenslektüre ist ein Shelley, „Minor Poems“ aus dem Jahre 1880, gedruckt auf handgeschöpftes Bütten. Ich erhielt es in einem recht unpfleglich behandelten Original-Pergamentband, den ich durch flexibles Maroquin ersetzte, damit es den schläfrigen Fingern wohltut. Der Geruch des Papiers ist unvergleichlich: frisch, mit einem ganz leicht würzigen Unterton, papierig, ohne Holz, aber mit Faser.
    Dies Buch besitze ich nochmals, in einem englischen Ganzmaroquinband der Zeit, mit anderem Geruch, weil beinah ohne ihn. Haftet der Duft des Buches also nicht dem Papier an? Hat der damalige Buchbinder den Geruch wie Teufel ausgetrieben?
    Anders angefangen, wirklich am Anfang: Da ich eine evangelische Grundschule besuchte, waren der Erwerb und Besitz eines Gesangbuches Pflicht. So kam ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Dünndruckpapier in Nasenkontakt, Persia, um genau zu sein. Nehmen Sie einen Dünndruckband zur Hand und tauchen sie ein. Winkler-Klassiker, Hanser oder Biblisches, es bleibt sich gleich. India riecht noch etwas feiner, wird aber leider seltener verwandt. Schade daß das Dünndruckpapier des Deutschen Klassiker Verlages weniger riecht; ob die moderne Druckfarbe, dies schwache Schwarz, daran schuld ist?
    Weitere Bücher, die ähnlich bis gleich meiner Schlafenslektüre riechen, sind die Drucke der Kelmscott Press, so lange sie in ihren Originaleinbänden aus Pergament oder leinenrückigen Pappbänden verwahrt werden. Doves ist weniger deutlich, aber kommt dem nahe.
    Bei Drucken des sechzehnten Jahrhunderts hängt ihr Geruch scheints mehr vom verwandten Leim als vom Papier ab. Würzig, bis salzig, mit einem Hauch von Zerfall – so geht auch die Zeit in die Nase mit ein.
    Einmal besaß ich einen Klassikerband des siebzehnten Jahrhunderts, ebenfalls in einem Pergamentband, er wies den frischesten Duft auf, den ich je an einem alten Band wahrnehmen durfte, beinah pflanzlich, etwas frühlingshaft.
    Die beiden Shelley-Bände, die ich vor kurzem erwarb, sind mit dem typischen Albion-Geruch ausgestattet, dumpf, feucht, leicht mufflig, kellerig. Let it be, es scheint zu ihnen zu gehören. „Alastor“ hingegen, auf diesem herrlichen Whatman-Papier, hat einen adligen, dezenten, cremigen Ton auf der Geruchskala.
    Bei Büchern zwischen etwa 1920 bis 1960 fällt mir auf, daß englische und amerikanische Papiere besser riechen, nicht mehr so intensiv wie die um 1800, aber gediegen, cremig mild, doch bestimmt; bei deutschen sind ähnliche Nasenerfahrungen zu machen, doch ich bevorzuge die amerikanischen Wohlgerüche.
    Neue deutsche Papiere, vor allem dies unausweichliche Werkdruck oder ärger noch glattgestrichene Offset riechen selten, sie werden aseptisch, meist ist die Druckerfarbe unangenehm stechend und übertönt alles; Kunstdrucke und Kollegenkataloge schießen die Nase ab, im wahren Wortsinne.
    Mir scheint – dies als vorläufiges Ergebnis der Beriechungen – der Papiergeruch hängt vom Papier, dessen Material und Verleimung ab, er wird erhalten durch vorzügliche Lagerung, gestört bis vernichtet durch feuchte, schlechte Lagerung sowie aufdringliche, jedes Ursprüngliche übertönende Pesthauche wie Raucherqualm, Brände etc.

    PS
    Natürlich fällt dem Leser ebenso wie mir auf, daß unsere Sprache ihre Begriffe für Gerüche aus anderen Bereichen stiehlt und schamlos dem konkurrierenden Sinn unterjubelt. Und im eigentlichen Sinne, falls es den geben sollte, ist obiges Geschreibsel nur die Aufforderung an den Leser, die eigene Nase in Bewegung zu setzen: stecke er sie ins Buch!

    PPS
    Gestern abend, begleitet vom langweiligen Fernsehprogramm, durchwühlte ich Bücher zum Thema japanische Lackwaren. Der Leser möge sich anhang einschlägiger Werke selbst ein Bild davon machen oder ein Museum besuchen, noch besser die Gelegenheit nützen und seine eigene Sammlung zwischen den tastend liebkosenden Fingern begutachten. Dabei stieß mir der Unterschied zwischen jenen hölzernen, lackbeschichteten und kunstvoll intarsierten wie bemalten Kästchen und – Tupperware auf: welch ein kultureller Fortschritt vom ästhetischen Alltagsobjekt zum Verbrauchsmaterial des gesetzlich genormten Verbrauchers.
    Lege man also versuchsweise eine Aldine neben ein Taschenbuch und einen Reader. Was ergibt ein sinnliches Vergleichen mittels Tasten, Betrachten und Riechen?

Ein zweiter Teil hat die Nase hervorgestreckt.

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Das Buch

24. Januar 2012

Das Buch, so wie wir gewohnt sind, es in die Hände zu nehmen und vor die Augen zu halten, hat seinen Ursprung, seine Geschichte, seine Entwicklung – und vielleicht auch sein Ende. Die Verschriftlichung von Gedanken ist jedoch ein Abenteuer, das die Menschheit noch lange begleiten wird: so lange, wie wir in Wörtern und Bildern denken.
    Die ersten Bücher bestanden, möglicherweise zwei verbundenen Wachstäfelchen nachempfunden, aus einer Lage, also aus gefalzten Blättern, im Falz durch Schnüre, Lederstreifen oder ähnliches zusammengehalten. Als das nicht mehr genügte, wurden mehrere Lagen zusammengeheftet, schließlich mit den senkrecht zu den Lagen verlaufenden Bünden zum Codex vereint. Diese Form bestimmte die nächsten Jahrhunderte. Moderne maschinell geheftete und gebundene Bücher sehen dem Codex immer noch ähnlich, sie kommen zwar ohne Bünde aus, benutzen jedoch das Prinzip, mittels des Heftfadens die Lagen zu verbinden, oder sie halten die einzelnen Bögen, die Heftfäden bei jeder Schlaufe abgeschnitten, nur noch mittels Klebers beieinander, eigentlich ein Rückschritt, dessen konsequente Fortführung die Klebebindung ist, bei der einzelne Blätter an einer der Schnittkanten zusammengeleimt sind.
    Aber gleich, wie das Buch äußerlich oder technisch gestaltet wird, ob es mittels des Handsatzes gedruckt wurde oder durch digital gespeicherte Schriften im Offset-Verfahren, sein Inhalt sind Buchstaben, die sich zu einem Text verbinden; sind Bilder beigefügt, begleiten oder erweitern sie das Geschriebene.
    Und seit die romantischen Schriftsteller Shakespeares Idee, im Text in der einen über eine andere Textebene zu reflektieren, aufgenommen haben, reflektieren die Wörter über sich; seit es langt, Fragmente oder Cut-up-Prosa zu veröffentlichen, die der Leser nach seinem Gutdünken zusammensetzen mag, seit Romane mit mehreren Anfängen oder Enden verfaßt werden, seitdem liegt auch die mitgestalterische Rolle des Rezipienten in der Luft: er mag sein Eigenes beifügen, den Textverlauf abändern, neue Handlungstränge einführen.
    Zudem gibt es spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts Tendenzen, das Buch durch mehr als beigegebene Illustrationen zu erweitern, seine Textverhaftung zu überwinden: ins Dreidimensionale: die ausklappbaren Bücher – ins Musikalische: beigegebene Schallplatten oder CDs – ins gesprochene Wort: beigegebene Tonträger – in den Geruchsinn: parfümierte Bücher.
    So gesehen sind die Möglichkeiten digital gespeicherter elektronischer Bücher, dem Text aus Buchstaben einen Metatext aus Bildern, Filmen und Tonspuren hinzuzufügen, nur die Erweiterung bereits bestehender Möglichkeiten, ein Fortführen des Begonnenen.
    Und doch, allen Mühen zum Trotz, unser Leseleben der Digitalisierung zu unterwerfen, bleiben unsere Augen analog, unser Entziffern bleibt analog wie unser Verstehen: wir nehmen den Inhalt der Wörter, Bilder und Töne unabhängig davon auf, wie sie uns entgegentreten. Krititische Ohren bemerken den Unterschied zwischen Schallplatte und CD, kritische Augen den zwischen Buchdruck, Offset und Bildschirm. Aber dies gehört zum Genußempfinden, das eingeübt und gepflegt werden muß.

Der Antiquar als Photograph

19. Januar 2012

Heute las ich, Kodak habe Insolvenz angemeldet. Die Firma, Erfinderin des Fotofilms sowie des Kleinbildformates, habe die Digitalisierung der Photographie zwar begleitet und auf diesem Sektor sogar einige grundlegende Patente, aber sich nicht rechtzeitig umgestellt.
    Anlaß mich zu erinnern, wie es früher um die Katalogabbildungen stand. Nach der Auswahl der Bücher ging es zur „Dunkelkammer“ in der Grolmanstraße, Film kaufen, ob Kodak oder Fuji hing vom Angebot ab. Abends dann, bei Lampenlicht wurden die Bücher drapiert und portraitiert. Möglichst mußte, um Verluste zu vermeiden, der Film abgeknipst werden. Dann mit einem dem Photoapparat entrissenen Kleinbildfilm, 6 mal 9 war schon außer Mode, wieder zum Laden, entwickeln und einen Kontaktbogen erstellen lassen. Nach ein paar Tagen war es soweit, wieder im Geschäft konnte ich die guten von den schlechten Bildern scheiden und Abzüge in Auftrag geben. Je nachdem wurden schließlich die Einbände mit Schere und Geduld freigestellt, oder ein wenig Hintergrund gelassen.
    Besonders in Erinnerung bleiben mir zwei Kataloge, beim einen übernahm eine Freundin, die an der Film- und Fernsehakademie studierte, die photographischen Mühen: einen Tag vorher rückte ein Kommando ein, das mir den Flur mit Lampen, Kisten, Kabeln &c vollstellte. Ich fürchte, die Aufnahmen verbrauchten soviel Strom wie die Scheinwerfer eines Theaterabends.
    Ein andermal kam der Drucker selbst; es handelte sich um Katalog 50, der besonders schön werden sollte. Der Aufwand war etwas bescheidener, die Photos schienen gut – doch soffen im Offsetdruck auf Werkdruckpapier ab und zeigten sich im Endprodukt als schwärzliche, kontrastarme Suchwolken.
    Trotzdem hatte die ‚analoge’ Photographie etwas Anrührendes, etwas von Handarbeit und Badezimmerdunkelkammer. Neulich, in der Ausstellung „Russischer Piktorialismus 1900 – 1930“ gab es zahlreiche Bromöldrucke zu bestaunen, ein Umdruckverfahren, das uns Megapixel-Vernarrten völlig ungeeignet erscheinen muß, da dabei auch das Papier eine sichtbare Rolle spielt: teils überlagerte oder hinterlegte die Büttenstruktur das Bild.
    Nun, meine digitale Photographie befindet sich in der zweiten Generation und tendiert zur dritten, nach der Sony- und der Lumixkamera. (Was hatte ich eigentlich für einen Photoapparat? Er ist, im Gegensatz zu meinem kindlichen ersten, der vorn noch eine Ziehharmonika ausfuhr, bis auf seine Farben, silbern und schwarz, im Gedächtniswirrwarr entschwunden. [Canon. Bemerkenswert, wie das Erinnerungsvermögen aus irgendeinem Vorrat seine eigenen Schuldigkeiten begleicht.]) Nun ist alles viel einfacher, und jeder Kunde, der ein paar Abbildungen möchte, erhält sie beinah sofort. Meist, günstiges Tageslicht vorausgesetzt, ist nachbearbeiten kaum erforderlich.
    Die Welt ist visueller geworden, die Beschreibungstexte werden weniger als früher gelesen, weniger verstanden. Ich habe den Eindruck, daß die Leute sich auch weniger Mühe geben, da es so einfach ist, Bilder zu erhalten – man geht wohl gern den einfachen Weg. Auf der anderen Waagschale liegt der Wundertüteneffekt: große Freude beim Entpacken, wenn der blaue Maroquineinband sich als besonders schön vergoldet herausstellte, viel schöner als in dürren Katalogworten beschrieben.