Il faut cultiver notre jardin

3. Dezember 2010

Lassen Sie mich mit Selbstverständlichkeiten beginnen. Verständigung geschieht stets mittels Zeichen. Sind diese nicht gemeinsame, miteinander geteilte, folgt Mißverständnis. Die Zeichen allein tragen den Drang zum Bedeutungslosen in sich, erst in einem System entwickeln sie sich zum Sinntragenden, ihre Bezüge untereinander bedingen ihre Inhalte, deren Relationen und deren Gewichtung. Fast immer werden die Bezugsysteme von Zeichengeber und -empfänger unidentisch sein. Doch bedingt der Grad des Abweichens die Qualität des Verstehens bis hin zum Mißverstehen.
    Was die Antiquare (hinzuzufügen wären: Archäologen, Antiquitätenhändler, Historiker etc) und den Rest der Gesellschaft angeht, so bewegen sich ihre jeweiligen Zeichensysteme seit einigen Jahrzehnten auseinander. Das liegt an den veränderten Interessen, dem Bildungstand, der Verlagerung von Materialqualität auf Marken, dem Schwinden des Handwerklichen und dessen Ersatz durch Massenware. Während dem Antiquar samt seinen Leidensgenossen ein in den Grenzen des neuzeitlich Möglichen einheitliches, überliefertes Zeichensystem zukommt, gerät das des um ihn liegenden Gemeinwesens ins Beliebige: Floskeln, Zeichenhülsen, Neusprech werden grad noch von politischer Korrektheit tingiert, ohne daß alchemistisches Gold diesem Experiment mit Menschen entstiege. Ohne gemeinsamen Nenner, den nicht die Sprache allein abgeben kann, sondern zu dem gleichfalls das gemeinsame Wertesystem zu rechnen wäre, gerät jede Gesellschaft zur auf einem Ort versammelten Menge, die babylonisch verwirrt einander mißversteht, ohne das zugeben zu wollen. Im Sinne der politischen Korrektheit verordnete Begriffe sind keine Zeichen, mit denen es sich verständigen ließe, sondern Erkennungsmerkmale, etwa wie die ins Revers gesteckte Blume. Im Sinne des Marktes und seines Sprachrohrs, der Werbung, propagierte Begriffe sind einzig Hinweiszeichen, Pfeile, die auf einen Gegenstand zu erzeugender Begierde hinweisen, also wird das Fortbewegungsmittel nicht ‚Auto’ benannt, sondern nach der Marke und deren immanenter Sortierung; das Taschentuch, das die Tränen der Kreditabhängigkeit fortwischen soll, nach der Schnelligkeit des Wischvorganges, dem sich auch die restlichen Sinneseindrücke unterwerfen sollen, um dem steten Wechsel Platz zu geben, der das Wirtschaftsleben in Schwung hält.
    Ob nun das Unterhaltungsbuch, das in seiner heutigen Form als Massenobjekt den kleinsten gemeinsamen Nenner von Schriftlichkeit darstellt, in seiner papierenen Variante Überlebenschancen haben wird, läßt sich noch nicht vorhersagen; ich bin der Meinung: wenig, da es zweckmäßigerweise durch ein noch flüchtigeres Medium, als es das übelgedruckte, schlechtgebundene Buch bereits darstellt, angemessener repräsentiert würde.
    Ähnliches dürfte für das Gebrauchsbuch gelten, dessen Inhalte von der Dauer wissenschaftlicher Moden, technischen Fortschritts abhängen und bereits heutzutage durch Datenbankstrukturen im Netz besser dargestellt werden: Wörterbücher, Wikis, Archive etc.
    Der bibliophile Bereich, dort wo das gemeinsame Zeichen- und Wertesystem gefordert ist, wird sich wohl entsprechend dem der Kunst und Antiquitäten fortbilden, ohne allzusehr am Kursverhalten der Megakunstobjekte teilhaben zu können, die von ihrem Eigentlichen zu Anlagegegenständen verkommen, denen kaum ein genießender Anblick gegönnt wird, da sie in den Tresoren am gebührendsten ihre Wertsteigerungsphase fristen. Dem alten Buch, das seit geraumer Zeit vorliegt, fehlt dieser, der heutigen Wirtschaft eigene Drang ins Fort, ins Mehr, ins Irgendwo: es ist da, es bewahrt, es gibt kaum mit sich an, es trägt kein Markenzeichen, seine Materialien kein Gütesiegel: all dies ist nur mit Spürsinn zu erforschen – und der will am Objekt geschult sein. Womit eben auch der Kundenkreis der Antiquare umrissen wäre; jener Stand, dem Bildung im alten Sinn mitgegeben wurde, der über genügend Geld und Muße verfügt, sich dem Buch zu widmen und seine inhaltlichen, ästhetischen Tiefen auszuloten. Daß dieser Kundenkreis zum Schrumpfen neigt, ist aus dem Gesagten selbstverständlich.

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2 Antworten to “Il faut cultiver notre jardin”

  1. meyerbuch Says:

    Einen Kommentar des Solo-Antiquars, i.e. Helmer Parduns, finden Sie → hier.

  2. Peter Mulzer Says:

    Da gibt es einen dritten Weg, vorausgesetzt man ist bereit, den Kunden dorthin zu verführen: Das Buch als *Sammelobjekt. Nicht etwa bibliophil, sondern thematisch. Trauen wir uns doch zu, die Kunden s ü c h t i g zu machen! Wer einmal die Besessenheit älterer Briefmarkensammler erlebt hat, der vergißt das nicht mehr. Ich bin unter ihnen groß geworden und weiß, wovon ich spreche. Vom Einzelbuchkäufer zum Sachgebiets-Büchersammler! Das ist der Bazillus, den wir tückisch und ganz bewußt ausstreuen müssen. Revolutionierung des Büchermarkts durch Sammelimpulse!


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