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Sammeln

23. Januar 2010

bedeutet, sich einer Auswahl von Dingen intensiver als den restlichen widmen. Zu Beginn steht eine Differenzierung, eine Einteilung des Um-Uns in Objekte, die unser gesondertes Interesse wecken, und den Rest, der dies weniger bis garnicht tut.
Sehen wir vom Geld- bzw. Schuldenanhäufen ab, das schon seit langem nicht mehr so sinnlich ist wie bei Onkel Dagobert, sondern von digitalisierten Zahlen beherrscht wird, was jede Perspektivregel außer Kraft setzt, wie man gesehen hat, so bleibt das meiste Sammeln ein Sinnliches. Wie ich darzulegen versuchte, entsteht es aus einem radikalen Interesse an der Umwelt, zieht es Teile dieser zu sich und versucht, subjektiven Kriterien gehorchend, diese um sich zu ordnen: psychologisch oder religionshistorisch gesehen der Prozeß, ein Mandala oder einen Schutzkreis innerhalb einer durchzivilisierten Gesellschaft aufzufalten.
Das Weiterführende, die Entwicklung finden statt, indem sich der Sammelnde seinen Objekten widmet, sie zu begreifen versucht, sich Kenntnisse verschafft, die über das Sichtbare und Fühlbare hinausgehen. Hierin gewinnen Subjekt und Objekt, das eine, indem es durch seine Annäherungsversuche sensitiver wird, das zweite, indem es seine Bedeutsamkeit ins Auratische vermehrt.
In schnellebiger Zeit, und wer wollte dies unserer nicht zugestehen, gerät es leicht zur Gegenbewegung, zum Innehalten – steht im Gegensatz zum flüchtigen Drüberhinwegblicken, zum Durcheilen. Flüchtiges vermag nicht genossen zu werden, es rauscht, meist auch noch geräuschvoll, über uns dahin, was in uns ein gewisses Gefühl des Ausgeliefertsein erzeugt. Das Innehalten hingegen memoriert den eigenen Augenblick, rekurriert auf ihn, indem es ihn in Gedanken oder Träumereien hin und her wendet, um ihn von allen Seiten zu betrachten, bei verschiedenem Licht und Verstand.
Sammeln ist also ohne Zeitbezogenheit nicht denkbar, es verweilt und neigt sich aus eben diesem Grunde gern dem Vergangenen zu, da dieses eine gewisse Festigkeit sowie innere Statik erlangt hat. Der Austausch zwischen Objekt und Sammler findet – festina lente – innerhalb dieses Verweilens statt, so daß gerade darin seine Progressivität liegt: in der stets von neuem begonnenen, unverbrauchten Bewegung hin zum Objekt.

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