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festina lente

27. November 2009

Aristophanes, verantwortlich für die Vorstufe, überliefert uns sein „eile unverweilt“, „σπε̃υδε ταχέως“, in den „Rittern“ (495). Kaiser Augustus modifizierte dies nach Suetons „Leben des Augustus“ (25,4) zu „σπε̃υδε βραδέως“, zum klassischen „festina lente“; begeistert von der darin verborgenen Spannung, benutze er die beiden Wörter häufig in seinen Unterhaltungen und Briefen, um darauf hinzuweisen, „daß zur richtigen Ausführung einer Sache unumgänglich erforderlich sei, sowohl Regsamkeit im Eifer, wie beharrliche Ausdauer im Fleiß, denn nur aus diesen beiden Gegensätzen ergibt sich die ‚maturitas’, d.h. die natur- und zeitgemäße Entwicklung“ (1).
Erasmus (Adagia II,1,1) bemerkt gleich zu Beginn seines recht umfangreichen Aufsatzes (2) über dies Sprichwort, das es aus zwei gegensätzlichen Begriffen bestehe. „Nam maturari, quod neque praepropere fiat neque serius quam oporteat, sed ipso in tempore“ schreibt er etwas später: schnell sein bedeutet also nicht übereilen oder zaudern, sondern den rechten Augenblick treffen, wie denn ein jedes Ding seine Zeit hat, wenn seine Zeit reif geworden ist, die Sterne günstig stehen, die Wintis gewogen sind.
Ein zweiter Kaiser Roms, Titus Vespasianus, fand Gefallen am eilenden Weilen und ließ zu seinem Portrait auf der Vorderseite ein treffendes Emblem auf die Rückseite einer Münze prägen: einen Anker um dessen Mittelteil sich ein Delphin windet.
So trat das Sprichwort in die Bildwelt ein und führte hinfort sein Eigenleben, wurde Druckermarke des Aldus Manutius (3) und seiner Nachfolger zu Venedig, eilte, sich verwandelnd, in Büchern verweilend durch die Kunst der Emblemata und tat sich mit diversen Sinnsprüchen zusammen.
So erscheint z.B. eine Schildkröte mit einem Segel auf ihrem Panzer oder mit einem Hasen zusammen (4).
Die Holzschnitte der „Hypnerotomachia Poliphili“ (5) zeigen mehr als achtzig Variationen des Themas, “each one of them giving a new twist to the theme. Some of the designs are frankly comical, like the image of elephants turning into ants, and of ants into elephants (…) Others are solemn, for example the obelisk of three facets, which bears triadic images and inscriptions relating the Holy Trinity to the three parts of Time” (6).
„eile mit feile“ transponiert Jandl in „etude in f“.
 

Anmerkungen
1 Aulus Gellius: „Die Attischen Nächte“. X,11,§5; zitiert nach Ausgabe Darmstadt, 1981; cf. Macrobius: „Saturnalien” VI.
2 “The article on festina lente, which appeared for the first time in the Aldine edition of 1508, grew larger with every new edition of the Adagia, in the final version filling six folio pages (…)” Edgar Wind: “Pagan Mysteries in the Renaissance”, London, 1968; p. 98, fn. 3.
3 Merkwürdigerweise verbindet Alciati das Emblem ‚Anker & Delphin’ mit „Ein Furst der suech das hayl seiner vnderthan“ (Paris: Wechel, 1542; pp. 58-59).
4 vide Arthur Henkel und Albrecht Schöne: „Emblemata“, Stuttgart & Weimar, 1996; coll. 615-616.
5 Venedig: Aldus, 1499. Englische Übersetzung von Joscelyn Godwin, London, 2003.
6 Wind, op. cit., p. 103. Die genannten Beispiele auf foll. p vi verso & h v recto.

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