Interview mit einem Antiquar

2. Oktober 2009
RM: Guten Tag, wenn ich es recht erinnere, siezen wir uns?

RFM: Korrekt. Leute, die sich so lange kennen, sollten Abstand zueinander halten.
 

RM: Wie sind Sie auf die Idee zu einem Interview gekommen?

RFM: Als ich nachts aufwachte, spazierte die Idee, noch etwas schlafwandelnd, durch mein Gemüt. In diesem Moment quirlten auch schon die ersten Sätze in meinem Kopf, also meinte ich, wenn es so weit fortgeschritten ist, könnten wir es auch ausführen.
 

RM: Fortgeschritten wie eine Krankheit?

RFM: Falls das Selbsterforschen eine Krankheit sein sollte, gern.
 

RM: Da der Titel lautet „Interview mit einem Antiquar“: wie sind Sie auf die Idee gekommen, Altpapierhändler zu werden. Das ist doch wohl keine Karriere?

RFM: Ich bin unschuldig! Ich bin verführt worden! Von den Büchern, die ich sammelte, von den Antiquariaten, die ich heimsuchte, von den Antiquaren, bei denen ich werkelte, um endlich meinen Kopf vorzuwagen in die Lebenswildnis und selbständig zu werden. Da haben wir nun den Salat.
 

RM: Und davon können Sie leben?

RFM: Beliebte Frage bei Kunden, die mich besuchen. Offensichtlich ist mein kaum vorgeschrittenes Alter nicht ausreichend Beleg dafür. Oder man vermutet Nebeneinkünfte; dem ist aber nicht der Fall.
 

RM: Wie ich hörte, pflegen Sie Vorlieben?

RFM: Bei den Büchern – ja, wie anders? Ich kann mich noch entsinnen, als während des Studiums bei einem Hamburger Auktionshaus ein Druck der Kelmscott Press angeboten wurde. Eine Kommilitonin teilte meine Leidenschaft, und doch blieb uns der Erwerb verwehrt, wir waren nicht vermögend genug.
Selbstverständlich reicht das zur Verfügung stehende Geld nie, alle Buchwünsche zu befriedigen, aber wer möchte das schon, das Leben würde unerträglich langweilig. So war ich und bin ich stets gezwungen auszuwählen, was mir wichtiger ist. Nur auf diese Weise lernt man, eine Sache wertzuschätzen.
 

RM: Aber diese Auswahl hat nicht nur mit Geld zu tun?

RFM: Nein, am wichtigsten ist mir ein persönliches Verhältnis zum Buch, der Marktwert ist ein aleatorisch Ding, das wie sich die Damenrocklänge wandelt. Geld, bereits oft gesagt, ist kein Maßstab, sondern bloß Mittel zu einem Zweck.
Die Erfahrung tut ein übriges, durch das Beschäftigen mit Büchern gewinnt man Einsicht, vielleicht auch ein wenig Selbsterkenntnis, siehe oben, und manchmal führen einen die Wege gerade weiter, bisweilen aber auch spiralig verschlungen auf frühere Pfade, die man dann mit frischem Verstehen begeht.
 

RM: Auf diese Weise wird es selten langweilig?

RFM: Genau.
 

RM: Haben Sie schon ein E-Buch-Lesegerät in der Hand gehabt?

RFM: Keins der neuen, vor etwa einem Jahr schaute ich mir die kleinen Apparate, die es damals gab, an, konnte aber zu keinem davon Vertrauen entwickeln.
Das hängt auch damit zusammen, daß ich zum einen Papierriecher bin, wenig außer Wald nach Regen kommt dem Geruch eines guten, handgeschöpften Papieres gleich, zum anderen, daß mein Gedächtnis nach optischen Kriterien speichert, mich erinnern läßt, wo etwas gestanden hat, links oder rechts, oben auf der Seite oder unten. Das würde beim Bildschirm entfallen.
Von den typographischen Schweinereien, die durch beliebige Skalierung der Buchstaben entstehen – man erinnere sich: früher wurde jede Punktgröße für sich geschnitten und angepaßt! –, und den unschönen Seitenverhältnissen will ich garnicht erst reden. Man scheint froh, daß die Buchstaben durch E-Ink ausschauen wie gedruckt – und dieses ‚wie’ bringt mich ein wenig zur Verzweiflung: es gibt kein ‚wie’, sondern nur Kaffee und Zichorienbrühe.
Und hinzugefügt werden muß, daß die meisten der heutzutage auf den Markt geworfenen (anders kann man es nicht bezeichnen) Bücher keine Druckerschwärze mehr, sondern ein Druckergrau verwenden, das angeblich besser für die Augen sein soll, sie aber nur anstrengt. Es ist ein Zeichen von Oberflächlichkeit, sich diesen Kleinigkeiten, die das Ganze entscheidend mitgestalten, nicht mehr zu widmen, sondern so zu tun, als sei fast alles unwichtig, womit die Generationen der Büchernarren vor uns sich intensiv beschäftigten, als sei es durch die Technik überholt. Dem ist nicht so.
Eigentlich ist nur ein im Buchdruckverfahren, also von erhabenen Lettern, gedrucktes Buch für mich ein wahres. Die Bleitypen müssen sich ins Papier eingedrückt haben, so wie sich der Text dann ins Gemüt des Lesers einprägen soll, ist er es wert – vom Rest dürfen wir schweigen, denn der gelangt nicht bis hierher in meine Regale.
 

RM: Also sind Sie Äußerlichkeiten wie Druck- und Papierqualität nicht abgeneigt. Welchen Wert hat dann die Buchbekleidung für Sie?

RFM: Sie sollte nicht allzu förmlich sein, als ob das Buch einzig für ein Galadiner oder einen Staatsempfang bestimmt wäre, bei dem vor lauter hochtrabenden Worten kein Sinn mehr vermittelt wird. Der Inhalt sollte sich im Gewand wohlfühlen. Für den Einkauf bei Kollegen wird man sich anders kleiden als für den Opernbesuch, für ein Sachbuch wäre ein bestickter Stoffeinband reichlich unpassend, einem sonntäglich benutzten Gebetbuch angemessen. Also mag es sich um einen Pappband handeln oder einen Maroquinband mit Vergoldung, wenn er denn mit Bezug zum Inhalt und nicht allein des Prunks wegen um den Text gelegt wurde, damit er in unschuldigen Augen Verwirrung anrichte, dann ist es recht.
 

RM: All diese Künste, ich meine die des Papiermachens, des Druckens und schließlich des Buchbindens werden von nicht mehr so vielen Menschen wie früher ausgeübt, manche befinden sich sogar im Niedergang.

RFM: Das ist wahr, und es wird immer schwieriger, diese Qualitäten zu vermitteln, weil Anschauungsmaterial sowie Erfahrung fehlen. Das gilt für Händler wie für Kunden gleichermaßen. Das Lesegerät für E-Bücher sehe ich nur als Ende einer Folge immer unsinnlicher werdender Produkte. Letztlich wird nur das von Menschen handwerklich Hergestellte ihnen wirklich gerecht – Maschinen werden immer Surrogate liefern.
 

RM: Wozu bedarf es der teuren Pressendrucke oder Einbände überhaupt? Will sagen, sie waren in der Herstellung kostspielig und sind es jetzt noch.

RFM: Sie wollen mich provozieren, nicht wahr?
Weil nur das Herausragende Vorbild sein kann, damit Gutes entsteht. Ist das Gute Vorbild, wird die große Masse zufrieden sein, Mäßiges als für sich genügend zu empfinden.
Die Sinne müssen wenigstens von Zeit zu Zeit auf das Höchste ausgerichtet sein, damit Annäherung möglich wird. Darin liegt der Sinn der Kunst wie der Religion, des Meisterwerkes wie des Heiligen oder Roshi.
 

RM: Andererseits, gäbe es den Schund und das Mäßige nicht, würde sich niemand bemühen, Außergewöhnliches zu produzieren.

RFM: Eine nette Umkehrung, die sich eher nach Soziologie anhört als nach Ästhetik. Ich denke eher, daß die Aspiration, die Ausrichtung auf ein Ideal, zumindest in manchen von uns angelegt ist.
 

RM: Mögen Sie Katzen oder Hunde? Ich frage das nur wegen der zahlreichen Kollegen, die…, na, Sie wissen schon.

RFM: Weder noch. Sehen Sie die Bücher auf ihren Regalbrettern, sie maunzen nicht und sie bellen nicht. Und doch sind sie in feines Leinen, Leder oder Pergament gekleidet und mit Goldprägung versehen.
 

RM: Ich danke für dieses Selbstgespräch.
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