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Die Überlieferung von Texten

29. Juli 2009

Die Überlieferungsgeschichte der Menschheit kennt einige Umbrüche, in denen Neues entstand, vorher nicht dagewesen, nicht vorhersehbar.

Als erstes erkenne ich den Umbruch von bloßer Verständigung zum Spruch oder Vers, der tradiert wurde: aus der täglichen Unterhaltung über mehr oder weniger lebensnotwendige Angelegenheiten wurde gelegenheitsweise etwas, das weitergegeben werden konnte, weil es den Beteiligten wert erschien, erhalten zu bleiben. Mögen es nun rituelle Sprüche, Beschwörungen, Anrufungen oder Zeilen des Erstaunens über die Schönheit des Sonnenaufganges, des überstandenen Kampfes oder des Grüns der Bäume gewesen sein: es wurde von Mund zu Ohr und von Alter zu Jugend weitergegeben, wuchs an, bis es den Umfang der Veden oder homerischer Gesänge erreicht hatte.

Möglicherweise verlangte das Zuviel an Versen, vom Gedächtnis einiger mittels mnemotechnischer Mittel memoriert, irgendwann doch zu einer genaueren Methode der Konservierung: Schrift entstand, die Verse, denn um sie handelte es sich erstmal nur, niederzulegen. Das Niedergeschriebene erlangte, seiner Seltenheit wie seines Inhaltes wegen, einen besonderen Status. Räume wurden darum errichtet, Häuser sogar, antike Staaten brüsteten sich der Größe ihrer Bibliotheken.

War es die Vielzahl der Menschen, denen es nach Schrifttum verlangte, ein Verlangen, das durch Abschriften nicht mehr befriedigt werden konnte, gleich, die Kunst des Druckens wurde erfunden, die es ermöglichte, von einem Text in einem Arbeitsgang zahlreiche Kopien zu erstellen, die über ein gleichsprachiges Gebiet verteilt ihre Leser erreichten. Alle waren nun imstande, das Buch zu studieren, es vor einer Pause zuzuschlagen und nach der Erholung an genau dieser Stelle weiterzulesen.
Viel mehr als in der Handschrift erlangte der Text zu jener Zeit einen Grad von Objektivität, von außerhalb des Benutzers stehendem Objektiven, das einen bestimmten Verfasser hatte.
Ich vermute, daß es den Lesern damals deutlicher als je zuvor vor Augen trat, daß Texte zeitlich, daß manche ihrer Verfasser verstorben sind, daß Tote in den Büchern zu Lebenden reden. Denn das, was ich selbst in meinem Gehirn speichere und mir von Zeit zu Zeit vorsage, es nicht zu vergessen, ist quasi auch Bestandteil meiner selbst und lebt in mir mit mir.
(Ich bin mir nie sicher, inwieweit die wenigen Zeilen, die ich auswendig kann, die anderen, die ich verfasse, beeinflussen – noch viel weniger sicher bin ich mir, inwieweit mich all das Halbvergessene, das nur noch unbewußt in mir lungert, beeinflußt. Aber dies am Rande.)

Der letzte Umbruch, den wir grad erleben, ist die Digitalisierung des Schriftlichen: Wörter verwandeln sich in elektrische Impulse, in abgespeichertes 0-1-Gewusel, das jederzeit einem elektromagnetischen Impuls oder der falschen Bedienung eines Programmes oder der absichtlichen Bedienung eines Löschprogrammes zum Opfer fallen kann.

Die Entwicklung der Überlieferung war bisher eine zur Verfestigung. Bis auf den letzten, gegenwärtigen Umbruch ist jede Stufe sicherer als die vorangegangene, bewahrt das zu tradierende Gut besser vor Verlust und Verstümmelung.
Konnte das Gedächtnis noch trügen und schwächer werden, so war die Schrift auf Papyrus oder Pergament, Vorlage des langsamen Abschreibens, sicherer, denn sie überstand die Generationen.
Der Druck verteilte die Last des Tradierens auf zahlreiche Exemplare desselben Textes, so daß selbst Verfolgung und Scheiterhaufen ihm als solchem nicht allzuviel anzuhaben vermochten. Beinah nie war es möglich, aller Exemplare zum Zwecke ihres Verbrennens habhaft zu werden.
Das digitale Zeitalter, mit seinen vernetzten Systemen neigt zum ubiquitären Zerfall, selbst die privaten Datenträger können dem mit ihrer geringen Lebensdauer nur wenig entgegensetzen.

Wenn ich mir diese paar tausend Jahre retrospektiv anschaue, in denen Menschliches übermittelt worden ist, Rechnungen, Gesetzestexte, Verse, dann kommen mir die letzten paar elektronischen Jahre vergleichsweise vernachlässigbar vor, doch sind auch die Tausende zuvor nur allzu kurz angesichts der Millionen davor ohne Menschen und ohne Homer, Veden und Shakespeare.
Ein Dilemma, das wir nicht zu lösen vermögen, mit keiner noch so fortgeschrittenen Hypothese oder Religion.

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Buchwörterbuch

28. Juli 2009

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