Einige Impressionen vom heutigen Berliner Antiquariatstag:
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„After that to a bookseller’s and bought for the love of the binding three books“ Samuel Pepys.
Einige Impressionen vom heutigen Berliner Antiquariatstag:
Es scheint mir mindestens einen kleinen, aber existentiellen Unterschied zu geben zwischen den neuerdings so beliebten Antiquariatstagen und herkömmlich mehrtägigen Antiquariatsmessen: an einem Tag kann zwar verkauft werden, notfalls unter den Antiquaren, kaum aber etwas an Kundenaquise oder Werbung getätigt, sehen wir vom Überreichen von Visitenkarten und Katalogen ab.
Alle Unternehmungen eines zweiten oder dritten Tages wie Führungen, Vorführungen, Vorträge und dergleichen finden weder Zeit noch Ort. Es gibt auch keine Nachhaltigkeit, wie sie mittels Vor- und Nachbereitung im Internetz durch Bilder, Filme, Blogs, Beiträge zu einzelnen Fachthemen etc. zu leisten wäre.
Darf ich so formulieren: Antiquariatstage sind Ersatz für Ladengeschäfte, was den flüchtigen Kontakt zwischen Antiquar und Sammler angeht, nichts weiter. Sie sind auf ihr Einzugsgebiet beschränkt, es handelt sich um regionale Veranstaltungen.
Das, wie man heute so nett sagt, „marketing“ muß notgedrungen, ausgehend von diesen Voraussetzungen, reichlich anders als das für eine mehrtätige Messe vonstatten gehen. Entweder beschränkt es sich auf diesen einen Antiquariatstag, oder ein überregionaler Veranstalter wirbt für alle von ihm veranstalteten Eintagsfliegen.
Cui bono? Dem Veranstalter, solange er genügend Teilnehmer findet. Den Antiquaren, solange genügend kaufwillige ortsansässige Interessenten angelockt werden oder rasante Preisnachlässe den innerantiquarischen Handel anwerfen. Nicht aber unserem gemeinsamen Interesse, das Antiquariatsgewerbe am Leben zu erhalten, es für zukünftige Zeiten, Bibliophile und Sammler zu öffnen — kurz: es überlebensfähig zu erhalten.
Nun soll es statt der Hamburger Quod libet einen „Hanseatischen Antiquariatstag“ mit Tischen statt der Regale & Vitrinen geben.
Neu ist die Idee nicht. Dasselbe hat Herr Ulbricht vor Zeiten jahrelang durchgezogen, teils als ‚Wanderzirkus’ durch die Republik: mehr oder weniger erfolgreich, wenn zugleich eine richtige Messe wie z.B. die Liber Berlin stattfand; zuletzt weniger erfolgreich und folglich eingestellt.
Daß die Messeveranstalter, statt ihre Konzepte grundsätzlich zu überdenken und der veränderten Situation anzupassen – ausführlich beschrieben vom → Soloantiquar wie von → mir – lieber olle Kamellen als Innovationen zu verkaufen versuchen – woran liegt das?
Ein Antiquariatstag lockt vornehmlich Interessierte aus dem nahen Einzugsbereich an. Vorbereitung durch Werbung, Anzeigen, Blog, Listen, Bilder, Katalog, Filme findet kaum oder garnicht statt, Nachbereitung ebensowenig. Damit entfällt für nicht nah Wohnende der Anreiz anzureisen, denn zum einen wissen sie nicht, was sie erwartet, zum anderen gibt es der überdachten Flohmärkte nun zahlreiche: man versäumt wenig, einen oder mehrere versäumt zu haben.
Eine Messe ist ein Ereignis, einer der Höhepunkte im bibliophilen Jahreskreiskauf. Es gilt, ihn zu feiern, zu zelebrieren. Also sollte sich eine Messe als angemessener Rahmen für die angebotenen Kostbarkeiten darstellen.
In einer halbwegs freien Marktwirtschaft, die wir ansatzweise hier noch zu haben scheinen, ist es so, daß Angebot und Nachfrage einander bedingen. Stimmt das Angebot, wird es Nachfrage geben. Wird eine Nachfrage aufgespürt, wird sich jemand daran machen, sie zu befriedigen.
Dieser Sachverhalt trifft auch auf Antiquariatsmessen zu: stimmt das Angebot nicht (mehr), dann wird die Nachfrage zuerst nachlassen, dann gering werden, schließlich ausbleiben. Das sollte jedoch dem mäßig erfolgreichen Messeanbieter kein Anlaß sein, nachzutreten:
„Wir schließen daraus, dass ein niveauvolles Messe-Forum im Norden seitens der Antiquare momentan nicht gewünscht ist“ (1),
oder: „Obwohl eine Messebeteiligung bei uns nur etwa 1000 Euro beträgt, können sich das viele Antiquare nicht mehr leisten“ (2).
Macht der Unternehmer seine Abnehmer, auch Kunden genannt, schlecht, werden sie ihn meiden. Meldet er Zweifel an deren Solvenz an, fragt sich, warum er sich überhaupt mit ihnen abgab.
Vielmehr sollte das Anlaß bieten, ein unternehmerisches Angebot zu verbessern, es der Zeit anzupassen, Vorschläge anzuhören und – falls möglich – zu verwirklichen.
—–
(1) Aus einer Mail vom 16. Mai des Veranstalters der Quod libet.
(2) Hamburger Abendblatt vom 18. Mai in einem sinnvollerweise mit → „Antiquare können sich ihre Messe nicht mehr leisten“ überschriebenen Artikel.
Da Messen neben Ladengeschäften als ‚Schaufenster’ des Antiquariats dienen, ein paar ergänzungsbedürftige Überlegungen zu deren zukünftiger Gestaltung:
Messen müssen vorbereitet werden: im Internetz durch Messeblog, Twitter, Facebook, Messeseite, Mitteilungen an Journalisten.
Mitgeteilt werden Neuigkeiten, Nachrichten von den Teilnehmern, Photos & Filme vom Veranstaltungsort, in der heißen Phase vom Aufbau der Stände u.s.w.
Dazu Eintrittskarten und Büchergutscheine verlosen.
Preisrätsel, evtl. im Zusammenhang mit dem – so vorhanden – Messethema.
Messekatalog gedruckt, im Netz als eBuch oder PDF sowie nach Autoren / Stichwörtern durchsuchbare Datei.
Dazu auf gleiche Weise Einzelkataloge der Aussteller & Hinweise auf die Homepages.
Die Messe selbst sollte, um neue Interessenten anzuziehen, von verschiedenen Veranstaltungen und Führungen begleitet werden.
Veranstaltungen: Vorträge von Sammlern, Archivaren, Buchrestauratoren, Typographen. Demonstrationen von Restaurierungen, Buchbinderei.
Themenorientierte Führungen durch das Messeangebot für interessierte Gruppen.
Soweit möglich Zusammenarbeit mit einer örtlichen Bibliothek, soweit vorhanden der örtlichen bibliophilen Vereinigung.
Besondere Messestände, die von allen Teilnehmern bestückt werden. Thematisch sortiert, bzw. für den beginnenden Sammler.
Knut Ahnert ist einer der Organisatoren der → LiberBerlin und seit Anfang an dabei.
Knut Ahnert: Im Jahr 2000 herrschte Aufbruchstimmung in Berlin: überall wurde gebaut, der Regierungsumzug war im Gange, eine Stadt in Bewegung. Ende 2003 war klar, dass der internationale Handel in Berlin (und in Deutschland überhaupt) Schwierigkeiten hat, seine hochpreisige Ware abzusetzen.
Knut Ahnert: Nein. Aber das ist ja nicht das Problem. Köln z.B. hat dieses Hinterland und es funktioniert trotzdem nicht. Berlin ist unstrittig eine Kulturmetropole mit hoher Anziehungskraft; die Besucherzahlen sprechen für sich. Da ist Potential genug.
Knut Ahnert: Das lässt sich schwer sagen; aber Berlin wird dabei sein.
Knut Ahnert: Antiquariatsmessen sind ein Schaufenster des Gewerbes; immer mehr Kollegen betreiben Handel ohne Ladengeschäft und können sich nur so in der Öffentlichkeit präsentieren. Der persönliche Kundenkontakt ist sehr wichtig. Im Moment findet ein Generationswechsel in unserem Gewerbe statt: ältere, erfahrene Kollegen ziehen sich zurück, nur wenige jüngere können diese Lücken füllen. Es ist eine Art Neubeginn, Ausdauer und Beständigkeit sind erforderlich. Umsätze sind nicht alles.
Knut Ahnert: Die Qualität des Angebotes ist das Entscheidende, nicht die Ausstellerzahl. Natürlich ist es reizvoller für den Sammler zu kommen, wenn ein großes Angebot zu seinem Interessengebiet vorhanden ist.
Knut Ahnert: Der LiberBerlin-Salon ist erst einmal eine Zwischenlösung. Gern würden wir im Schlüterhof bleiben. Eine kleine Messe zwingt die Aussteller zu deutlich größerem Engagement und alles wird viel persönlicher.
Knut Ahnert: Sicher ist das alles etwas zu verschnarcht und vielleicht auch zu steif. Das kann man ja ändern. Ein Problem: das soll alles möglichst wenig kosten; aber die Ware soll angemessen in schönem Ambiente präsentiert werden, am besten Werbung das ganze Jahr, ein hübscher Katalog in großer Auflage und und… Ohne eine gewisse Exklusivität wird das aber nicht funktionieren.
Knut Ahnert: Ja sicher. Aus eigener Kraft ist das schwer zu schaffen; man braucht Partner aus dem Kultur- und Wirtschaftsbereich.
Knut Ahnert: Daran arbeiten wir natürlich: es gibt in sich gut funktionierende soziale Netzwerke, die wir offenbar bisher nicht erreichen.
Knut Ahnert: Wir haben es mit einem Stand auf der Ars Nobilis 10 Tage versucht: kaum Synergien. Der Antiquitätenhandel hat ja zur Zeit noch größere Probleme als die Antiquare und wenig jüngeres Publikum.
Knut Ahnert: In diesem Jahr wird es sehr wahrscheinlich keinen Katalog geben; einige Kollegen werden eigene Kataloge vorlegen.
Ich danke Knut Ahnert für das Interview und wünsche dem LiberBerlin-Salon gutes Gelingen.