In letzter Zeit habe ich viel über das Eigentum an immateriellen Gütern gelesen.
Eigentum an Dingen des täglichen Lebens scheint eine klare Angelegenheit: ich erwerbe einen Gegenstand, damit gehört er mir, ich kann damit tun und lassen, was ich will, vorausgesetzt, ich trete keinem anderen mit meinem Tun auf die Füße. Diese Herrschaft über eine Sache, nennen wir sie Buch, ist umfassend, ich vermag das Buch in die Hand zu nehmen, es aufzublättern, es zu lesen, ich könnte, wenn ich denn wollte, Blätter herausreißen, um sie wie Pepe Carvalho zu verfeuern, ich könnte das Buch, genügend Mißfallen an ihm vorausgesetzt, in den Müll werfen.
Meine Geneigtheit zu Büchern, Bibliophilie benannt, läßt mich den Gegenstand auf eine durch eben diese Neigung vorherbestimmte, mir eigentümliche Weise angehen; trotzdem bin ich Eigentümer, da diese spezielle Herangehensweise augenscheinlich zu mir gehört – nach all den Jahren, fast wie meine Nase.
(Ob ich mich besitze, oder sogar ein Eigentum an mir habe, und welche Verfügungsgewalt ich über meinen Körper, in seinen Grenzen gefangen, oder gar meinen Geist, in seinen Vorurteilen und Sprachgrenzen befangen, habe, die mich zu irgendeiner Individualität oder Originalität befähigen könnten, das sind ganz andere Fragen, die ich mir hier eigentlich nicht stellen möchte.)
Die Gedanken in jenem Buch, wenn ich es intensiv lese, gehen in mich ein. Manche davon mache ich mir zu eigen, so daß sie irgendwann als Teil von mir bezeichnet werden mögen. Sind es dann noch die Gedanken des Autors? Sind es gemeinsame Gedanken oder geteilte? Hat der Autor weiterhin ein Eigentum an den ehemals seinen Gedanken, die er zu Papier brachte und in die Welt entließ? Wird der Leser ein Besitzer jener Gedanken, besitzt er sie also quasi als Lehen oder zur Miete? Dann müßte er sie auf Verlangen des Autors zurückerstatten, das aber ist unmöglich. Den Begriff von ‚Eigentum’ auf immaterielles Gut anzuwenden, dies schafft offensichtlich Probleme.
Anders: jeder kennt das Höhlengleichnis aus Platos „Politeia“, es wird oftmals angeführt, abgewandelt. Plato könnte keine Eigentumsrechte mehr an ihm geltend machen, Nachfolger, welche dies täten, scheint es nicht zu geben. Damit hat es den Anschein, als handele es sich um Gemeineigentum, und unsere Abwandlungen und Umdeutungen gleichen den Bildern, die das Licht an den Wänden der Höhle erzeugt: wir haben kein Eigentum an dem Licht, aber an unseren Fingern, die wir ins Licht halten, damit sie Figuren an den Höhlenwänden erzeugen. Diese Figuren sind unsere Schöpfungen, auch wenn sie nur kurzeitig sichtbar werden.
Nehmen wir an, es befände sich ein Photograph mit uns in der Höhle, der unsere Schattenfiguren mit einem in seinem Eigentum befindlichen Photoapparat aufnähme. Dann müßten sich bereits zwei Urheber um bildliche Eigentumsrechte streiten: wir, die wir unsere Finger ins Licht halten, und der Photograph, der sie auf den Chip in seiner Digitalkamera bannt. Unsere Leistung besteht im künstlerischen Verknoten der Finger, seine im Finden des rechten Blickwinkels, des Bildausschnittes, der richtigen Belichtung und Blende. Benutzt er die Automatik seiner Kamera, hat dann deren Produktionsfirma Teil an seiner künstlerischen Gestaltungshöhe? Hat das Photobearbeitungsprogramm Anteil?
Verkauft uns Fingerverknotern der Künstler einen Ausdruck seiner Momentaufnahme, dann geht dieser in unseren Besitz, sogar in unser Eigentum über, wir können ihn, abgesehen von solchen modernen Spitzfindigkeiten wie Folgerecht, an die Wand unserer heimischen Höhle hängen, damit das Licht darauf scheine und ihn sichtbar werden lasse, oder in einem Album begraben, verkaufen oder vererben.
Ich will festhalten: es kommt mir so vor, als sei künstlerische Produktion immer in Abhängigkeit zahlreicher äußerer Faktoren zu denken, die wenigstens zum Teil kaum der Gewalt des Produzierenden unterliegen. Verfasse ich einen Satz, oder noch zuvor: kommt mir eine Idee in den Sinn, so könnte es die Muse sein, die ihn in mich legt, aber auch die Erinnerung an Gelesenes oder Erfahrenes, oder eben das zufällige Verknoten meiner Gehirnwindungen in meiner Schädelhöhle. Würde ich die Idee verkaufen, so ginge sie in das Eigentum des Käufers über, obwohl ich sie weiter in meinem Kopf behielte – es gäbe jedoch keine Garantie, daß nicht ein Dritter auf dieselbe Idee käme. Das Prinzip des Erstgeborenen, der gleichsam zum Idee-Erben wird und seine später auf die Welt gekommenen Geschwister leer ausgehen läßt, ist nicht anwendbar, denn keinerlei familiäre Bande sind vorhanden.
Soweit ich dies nach so viel Diskurs noch überschaue, scheint es mir klar, daß Eigentum an materiellen Dingen klar und einleuchtend ist, gegeben durch jahrtausendealten Usus samt dem Eigentumswechsel durch Schenkung, Kauf, Erbschaft oder Schädeleinschlagen – wohingegen Eigentum an immateriellen ‚Gütern’ ein Konstrukt ist, das bestimmten Leuten nutzt, die im Falle der Verwertungsgesellschaften, selbst der Plattenfirmen oder Softwarehersteller, nicht einmal identisch sein müssen mit den wirklichen Urhebern jenes immateriellen Gutes samt seiner an irgendwelchen Maßstäben ermessenen ‚Schöpfungshöhe’, und anderen Leuten schadet, indem es sie in ihrem eigenen schöpferischen Prozeß behindert.
Trotzdem, trotz der zahlreichen Schriftsteller, die Werke ihrer Vorgänger zum Vorbild nahmen oder sogar ausschlachteten, sollten bei wörtlichen Zitaten Anführungszeichen gesetzt werden, und falls es keinen anderen Grund dafür gibt, dann aus Höflichkeit – und Zwerge sollten, der aus ihrer Kleinheit gebotenen Artigkeit wegen, in Fußnoten der Schultern jener Riesen gedenken, auf denen sie stehen.
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Eigentum
23. März 2012Valentines can’t buy her
14. Februar 2012Beinah ist dieser schreckliche Unfeiertag verflossen, das erlaubt mir, ein paar Gedanken zu fassen, welche Möglichkeiten es für den Bibliophilen gibt, die Liebste angemessen zu verärgern.
Machen wir es kurz und schmerzlos:
Ist sie weichherzig und dem Träumen zugeneigt, sollte eine angemessen würdevoll ausgestattete Ausgabe der „Philosophie im Boudoir“ genügen. Dies ist ein praktisches Werk, ein Handbuch der Pädagogik, Erziehungshilfe für jedermann, besonders für die Mütter und ihre Töchter, vorausgesetzt die Leserschaft hat die 18 überschritten und ist etwas leidensfähig.
Den romantischen Gemütern unter uns seien entweder Swinburnes „Poems and Ballads, First Series“ oder Crowleys „White Stains“ ans Herz gelegt. Zu letzterem etwas Fleckenentferner beigeben, zu erstem bei der Übergabe „Fragoletta“ rezitieren. Swinburne ist die stärkere Kost, abgelagert und immer noch sinneverwirrend.
Auf keinen Fall sollte der Geber seine literarische Bildung zu beweisen suchen, indem er zu Mitteln wie Ovid, Fanny Hill oder Réage greift. Jeder kennt sie, das gehört zum Alteisen unter den Erotica.
Meint der Geber es wirklich ernst und will die Liebste weiterhin als solche bei sich halten, so möge er zu einer Ausgabe von „Leonce und Lena“ greifen, nichts ist herzzerreißender als dieser Dialog: „Rosetta: So liebst du mich aus Langeweile? – Leonce: Nein, ich habe Langeweile, weil ich dich liebe. Aber ich liebe meine Langeweile wie dich.“
Kann es ein schöneres, treffenderes Kompliment geben?
Das Buch
24. Januar 2012Das Buch, so wie wir gewohnt sind, es in die Hände zu nehmen und vor die Augen zu halten, hat seinen Ursprung, seine Geschichte, seine Entwicklung – und vielleicht auch sein Ende. Die Verschriftlichung von Gedanken ist jedoch ein Abenteuer, das die Menschheit noch lange begleiten wird: so lange, wie wir in Wörtern und Bildern denken.
Die ersten Bücher bestanden, möglicherweise zwei verbundenen Wachstäfelchen nachempfunden, aus einer Lage, also aus gefalzten Blättern, im Falz durch Schnüre, Lederstreifen oder ähnliches zusammengehalten. Als das nicht mehr genügte, wurden mehrere Lagen zusammengeheftet, schließlich mit den senkrecht zu den Lagen verlaufenden Bünden zum Codex vereint. Diese Form bestimmte die nächsten Jahrhunderte. Moderne maschinell geheftete und gebundene Bücher sehen dem Codex immer noch ähnlich, sie kommen zwar ohne Bünde aus, benutzen jedoch das Prinzip, mittels des Heftfadens die Lagen zu verbinden, oder sie halten die einzelnen Bögen, die Heftfäden bei jeder Schlaufe abgeschnitten, nur noch mittels Klebers beieinander, eigentlich ein Rückschritt, dessen konsequente Fortführung die Klebebindung ist, bei der einzelne Blätter an einer der Schnittkanten zusammengeleimt sind.
Aber gleich, wie das Buch äußerlich oder technisch gestaltet wird, ob es mittels des Handsatzes gedruckt wurde oder durch digital gespeicherte Schriften im Offset-Verfahren, sein Inhalt sind Buchstaben, die sich zu einem Text verbinden; sind Bilder beigefügt, begleiten oder erweitern sie das Geschriebene.
Und seit die romantischen Schriftsteller Shakespeares Idee, im Text in der einen über eine andere Textebene zu reflektieren, aufgenommen haben, reflektieren die Wörter über sich; seit es langt, Fragmente oder Cut-up-Prosa zu veröffentlichen, die der Leser nach seinem Gutdünken zusammensetzen mag, seit Romane mit mehreren Anfängen oder Enden verfaßt werden, seitdem liegt auch die mitgestalterische Rolle des Rezipienten in der Luft: er mag sein Eigenes beifügen, den Textverlauf abändern, neue Handlungstränge einführen.
Zudem gibt es spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts Tendenzen, das Buch durch mehr als beigegebene Illustrationen zu erweitern, seine Textverhaftung zu überwinden: ins Dreidimensionale: die ausklappbaren Bücher – ins Musikalische: beigegebene Schallplatten oder CDs – ins gesprochene Wort: beigegebene Tonträger – in den Geruchsinn: parfümierte Bücher.
So gesehen sind die Möglichkeiten digital gespeicherter elektronischer Bücher, dem Text aus Buchstaben einen Metatext aus Bildern, Filmen und Tonspuren hinzuzufügen, nur die Erweiterung bereits bestehender Möglichkeiten, ein Fortführen des Begonnenen.
Und doch, allen Mühen zum Trotz, unser Leseleben der Digitalisierung zu unterwerfen, bleiben unsere Augen analog, unser Entziffern bleibt analog wie unser Verstehen: wir nehmen den Inhalt der Wörter, Bilder und Töne unabhängig davon auf, wie sie uns entgegentreten. Krititische Ohren bemerken den Unterschied zwischen Schallplatte und CD, kritische Augen den zwischen Buchdruck, Offset und Bildschirm. Aber dies gehört zum Genußempfinden, das eingeübt und gepflegt werden muß.
Il faut cultiver notre jardin
3. Dezember 2010Lassen Sie mich mit Selbstverständlichkeiten beginnen. Verständigung geschieht stets mittels Zeichen. Sind diese nicht gemeinsame, miteinander geteilte, folgt Mißverständnis. Die Zeichen allein tragen den Drang zum Bedeutungslosen in sich, erst in einem System entwickeln sie sich zum Sinntragenden, ihre Bezüge untereinander bedingen ihre Inhalte, deren Relationen und deren Gewichtung. Fast immer werden die Bezugsysteme von Zeichengeber und -empfänger unidentisch sein. Doch bedingt der Grad des Abweichens die Qualität des Verstehens bis hin zum Mißverstehen.
Was die Antiquare (hinzuzufügen wären: Archäologen, Antiquitätenhändler, Historiker etc) und den Rest der Gesellschaft angeht, so bewegen sich ihre jeweiligen Zeichensysteme seit einigen Jahrzehnten auseinander. Das liegt an den veränderten Interessen, dem Bildungstand, der Verlagerung von Materialqualität auf Marken, dem Schwinden des Handwerklichen und dessen Ersatz durch Massenware. Während dem Antiquar samt seinen Leidensgenossen ein in den Grenzen des neuzeitlich Möglichen einheitliches, überliefertes Zeichensystem zukommt, gerät das des um ihn liegenden Gemeinwesens ins Beliebige: Floskeln, Zeichenhülsen, Neusprech werden grad noch von politischer Korrektheit tingiert, ohne daß alchemistisches Gold diesem Experiment mit Menschen entstiege. Ohne gemeinsamen Nenner, den nicht die Sprache allein abgeben kann, sondern zu dem gleichfalls das gemeinsame Wertesystem zu rechnen wäre, gerät jede Gesellschaft zur auf einem Ort versammelten Menge, die babylonisch verwirrt einander mißversteht, ohne das zugeben zu wollen. Im Sinne der politischen Korrektheit verordnete Begriffe sind keine Zeichen, mit denen es sich verständigen ließe, sondern Erkennungsmerkmale, etwa wie die ins Revers gesteckte Blume. Im Sinne des Marktes und seines Sprachrohrs, der Werbung, propagierte Begriffe sind einzig Hinweiszeichen, Pfeile, die auf einen Gegenstand zu erzeugender Begierde hinweisen, also wird das Fortbewegungsmittel nicht ‚Auto’ benannt, sondern nach der Marke und deren immanenter Sortierung; das Taschentuch, das die Tränen der Kreditabhängigkeit fortwischen soll, nach der Schnelligkeit des Wischvorganges, dem sich auch die restlichen Sinneseindrücke unterwerfen sollen, um dem steten Wechsel Platz zu geben, der das Wirtschaftsleben in Schwung hält.
Ob nun das Unterhaltungsbuch, das in seiner heutigen Form als Massenobjekt den kleinsten gemeinsamen Nenner von Schriftlichkeit darstellt, in seiner papierenen Variante Überlebenschancen haben wird, läßt sich noch nicht vorhersagen; ich bin der Meinung: wenig, da es zweckmäßigerweise durch ein noch flüchtigeres Medium, als es das übelgedruckte, schlechtgebundene Buch bereits darstellt, angemessener repräsentiert würde.
Ähnliches dürfte für das Gebrauchsbuch gelten, dessen Inhalte von der Dauer wissenschaftlicher Moden, technischen Fortschritts abhängen und bereits heutzutage durch Datenbankstrukturen im Netz besser dargestellt werden: Wörterbücher, Wikis, Archive etc.
Der bibliophile Bereich, dort wo das gemeinsame Zeichen- und Wertesystem gefordert ist, wird sich wohl entsprechend dem der Kunst und Antiquitäten fortbilden, ohne allzusehr am Kursverhalten der Megakunstobjekte teilhaben zu können, die von ihrem Eigentlichen zu Anlagegegenständen verkommen, denen kaum ein genießender Anblick gegönnt wird, da sie in den Tresoren am gebührendsten ihre Wertsteigerungsphase fristen. Dem alten Buch, das seit geraumer Zeit vorliegt, fehlt dieser, der heutigen Wirtschaft eigene Drang ins Fort, ins Mehr, ins Irgendwo: es ist da, es bewahrt, es gibt kaum mit sich an, es trägt kein Markenzeichen, seine Materialien kein Gütesiegel: all dies ist nur mit Spürsinn zu erforschen – und der will am Objekt geschult sein. Womit eben auch der Kundenkreis der Antiquare umrissen wäre; jener Stand, dem Bildung im alten Sinn mitgegeben wurde, der über genügend Geld und Muße verfügt, sich dem Buch zu widmen und seine inhaltlichen, ästhetischen Tiefen auszuloten. Daß dieser Kundenkreis zum Schrumpfen neigt, ist aus dem Gesagten selbstverständlich.
Décadence
30. November 2010Die Décadence ist das Ausatmen. Glich die ihr vorausgehende Epoche, die persönliche oder gesellschaftliche, dem Einatmen, dem Aufbau, so sie nun dem langsamen, denkvollen Entgleiten der Luft – und immer ist Luft die Seele, der Atman, der Geist über den Wassern, die kaum noch sich bewegen, beinah stillestehen, so sanft gleitet der Hauch über sie, denn er reflektiert die vorangegangene Zeit, in dieser seine eigene, sich selbst darin, denn er ist müßig und wählerisch, auf seine Diät bedacht, die erlesene Auswahl aus dem reichen Fundus des Vorliegenden, des Angesammelten, des Pleroma, sie soll ihm zufließen.
Also bewahrt Décadence, in ihrer persönlichen Anthologie des Bemerkenswerten, das sie entdeckt hat, zusammengestellt, verinnerlicht; sie ist konservativ, sie reimt sich mit der Vergangenheit, in gemächlichem Versfuß, nicht eilend, nicht fliehend, ein Wiederklang des Gewesenen, gebrochen durch die Reflektion über dieses wie durch jene andere über sich selbst, vergleichbar der Frau im Spiegel, die die Sonne des Sommers erinnert, während sie den sachten Fall der Schneeflocken in ihrem Gesicht erschaut.
Décadence ist ein Stil, vielleicht der einzig mögliche, denn der Aufbau, das Einatmen, ist seiner selbst, also auch seines Stiles kaum bewußt, wieviel mehr seine Nachfolger, die ihn erspüren müssen wie die Renaissancekünstler die Antike in den Statuen, die sie den Vorbildern nachschlugen, so daß sie täuschend ähnlich dem Unvergleichlichen glichen, das in die Gegenwart erhoben werden sollte, wozu das Vergraben diente, denn die Statue, dem Boden entrissen, glich dadurch umso mehr den alten. Also ist Décadence auch Bewußtmachung, das Eindringenlassen vergangener Schönheit in den zeitgenössischen Geist, der dabei in sich geht und sich selbst im Vergleichen des Unterschiedenen erkennt. Sie ist, wie gesagt, reflektiv, reflektierend – ein Wesen, das stets zurückfindet, nie sich verläuft, da sie aus einem vorgefundenen Koordinatensystem lebt.
Décadence ist, seit es sie gibt, mit Büchern verbunden, mit den anachronistischen Handschriften des Matthias Corvinus, den bei Aldus wiedererstandenen griechischen Texten, den Kostbarkeiten Des Esseintes’ oder Montesquious, den Bestrebungen der Pressendrucker, dem Angebot des Antiquars, der Höhle des Sammlers: immer wieder ein Rückbesinnen, ein sich aus diesem im Gegenwärtigen ergebender Stil.
Text – nur Text?
14. Juli 2010Wir könnten, angeregt durch die technische Entwicklung hin zum immateriellen, digitalen Lesefutter, beginnen, Überlegungen anzustellen, was uns ein Buch wirklich ist. Nur Text?
Text, der während jener lang vergangenen Zeiten vor schriftlicher Niederlegung memoriert und mündlich weitergegeben wurde, gehorcht anderen grammatischen und semantischen Strukturen als Geschriebenes. Noch heute merkt man z.B. den Buddhareden an, daß sie einige hundert Jahre mündlich tradiert wurden: Wiederholungen, feste Formeln, Begriffsreihenfolgen, u.s.w. Dazu die Kniffe der Mnemotechnik wie Räume mit Bildern, Fernstern, Statuen oder auch nur die Dekansternbilder. Reim hilft beim Auswendiglernen, war aber nicht unbedingt Bestandteil früher Lyrik. Versmaß wie Ein- und Ausatmen, der Puls der Zeilen, bringt die Wörter in den Takt, macht sie zusammen mit Assonanzen und Alliterationen musikalisch. Gedicht – auch gute Prosa – heißt, immer mehrere Strukturen in der sichtbaren zu verbergen.
Befindet sich der Text auf einem Schreibmaterial, gleich ob Stein, Ton, Papyrus, Pergament oder Papier, so wird bedeutungsvoll, wo er sich befindet, wo sich seine Bestandteile, die Wörter, die Zeilen auf der Seite befinden. Ich denke, nicht allein Menschen mit bildlichem Gedächtnis speichern die Orte der Wörter und Illustrationen mit diesen ab; auch könnte in Erwägung gezogen werden, daß manche von uns das Ganze – gleich ob Grabstein, Autokennzeichen, Druckseite – erst als Bild wahrnehmen und die darin enthaltenen Zeichen danach entschlüsseln. Daher die Seitenränder, Blocksatz, linksbündig, zentriert, daher die Verse, die Zeilen der Prosa, die kursiven Wörter, die fettgedruckten. Auch die Art der Type, Fraktur, Antiqua, Mischformen, beeinflußt unser Lesen.
Die Art der Materialien liefert uns weitere optische Hinweise: Verlauf der Tinte, Schwärze der Druckfarbe, Haut- oder Fleischseite des Pergaments, Struktur sowie Farbe des handgeschöpften Papier bis hin zum Wasserzeichen. Als nächstes die von der Zeit hinzugefügten Zeichen: Brüchigkeit, Bräunung, Stockflecken, Geruch schaffen ein ‚Klima’, das den Inhalt mit Metainformationen anreichert. Selbst die Flecken oder Krümel sind Hinweise, nämlich auf frühere Benutzer, von den Anstreichungen und Annotationen ganz abgesehen.
Kann ich dies mit dem Eindruck vergleichen, den wir auf den ersten Blick von einer neuen Bekanntschaft gewinnen, und jenem anderen, der uns durch langjährige Freundschaft mit jemandem verbindet? Wie nehmen immer ganze Büschel von Informationen wahr, die dann in einem zweiten Schritt sortiert und in vorhandene bzw. erlernte Schemata geordnet werden.
Ohne dieses, ihr Umfeld trocknen die Informationen ein, werden klinisch weißgründig. Und das, fürchte ich, wird den Texten geschehen, werden sie auf Lesegeräten rezipiert.
Dem Tage gewidmet
11. Juli 2010Hölderlin stellt dem zweiten Band des ‚Hyperion’ ein Zitat aus ‚Ödipus auf Kolonos’ von Sophokles voran:
„Nie geboren zu sein:
Höheres denkt kein Geist!
Doch das Zweite ist dieses:
Schnell zu kehren zum Ursprung.“
(1225 sqq., viertes Standlied des Chores, Gegenstrophe, deutsch von Ernst Buschor.)
Aristoteles definiert in der ‚Poetik’ das Tragische als jenes, das durch Mitleiden und Furcht die Katharsis bewirkt. Wo könnte Tragisches sich besser ausgedrückt finden als in diesem Zitat, da aus der Betrachtung der Wirklichkeit, so wie sie sich uns darbietet, so wie sie auf uns ihre Wirksamkeit entfaltet, die Folgerung gezogen wird.
Die Sehweise hat einiges mit der des Buddha gemein: die Bestandteile buddhistischer Weltsicht (samskara) sind vergänglich und leidvoll. Der Aspekt des Vergänglichen wird von Sophokles in einigen, auf das Zitat folgenden Zeilen behandelt: Jugendleichtsinn schwindet, Leiden bricht herein, Streit, und endlich das kraftlose Alter. Der Buddha wurde durch die, in der Überlieferung dramatisch geschilderte, Begegnung mit Krankheit, Alter und Tod in die Hauslosigkeit getrieben. Während der Inder also einen Weg ersieht, begeht und der Tradition zufolge zu einer Art der Befreiung gelangt, gibt es bei Sophokles – und damit bei Hölderlin auch – keine Erlösung. Das Dasein ist durch sich tragisch, seine Umstände sind nicht lösbar, weil unablöslich im Menschsein inbegriffen, der Mensch kann nur an seinem Dasein scheitern und untergehen, gleich ob auf natürliche Weise, durch den Ablauf des Vergänglichsein, oder durch Eigenes oder Einwirken von Außen; Größe gewinnt er, stellt er sich diesem.
Im Unterschied dazu möchte ich unsere heutige Weltsicht ‚abwimmelnd’ benennen. Sie versucht, sich dem Problem des Daseins in dieser Welt nicht zu stellen, sondern Hilfsmittel zu ersinnen, das – stets persönliche – Scheitern in Verstrickung, Krankheit, Tod zu übertünchen: Versicherungen, Pflege, gesittetes Begräbnis. Einem postulierten, arger noch: dekretierten, Zustand optimaler, doch stets unerreichbarer ‚Gesundheit’ stehen das Kranksein, das zum Ende Strebende entgegen. Und so wie ‚Gesundheit’ mit der sich vermehrenden Menge der Mittelchen in immer fernere Ferne entweicht, gleitet das Kranksein, die Verminderung persönlichen Seins bis hin zu dessen Erlöschen, als Behandelbares, Kurierbares, Abzuwendendes, Medikamentierbares ins Abseits des die Existenz bedenkenden, ergründenden Diskurses. Vorgetäuschte Machbarkeit versucht, die Tragik unsichtbar werden zu lassen. Das Ende, der Tod, naht in der Pflege, wenn das persönliche Dasein fremdgepflegt sich fortschreitend auf kaum noch Menschliches vermindert: ein rational, geistig, körperlich zahnloses, kraftloses (ακρατής) Alter, Tod auf Raten vor dem Tod.
Da das Problem menschlicher Existenz auf diese Weise sich nicht mehr zu stellen scheint, sondern bestenfalls verdeckt gärt, entgehen die Möglichkeiten, ihm zu begegnen: keine Befreiung, wie Buddha sie dachte, keine Katharsis, wie Aristoteles sie dachte.
Die wahre Erniedrigung des Humanen liegt darin, sich seiner condicio zu verweigern.
Wahr?
10. Juli 2010Hyperion an Bellarmin.
So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. Demüthig kam ich, wie der heimathlose blinde Oedipus zum Thore von Athen, wo ihn der Götterhain empfing; und schöne Seelen ihm begegneten –
Wie anders ging es mir!
Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glük der heiligen Grazien, in jedem Grad der Uebertreibung und der Aermlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefässes – das, mein Bellarmin! waren meine Tröster.
Es ist ein hartes Wort und dennoch sag’ ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?
Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag’ es auch. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede Kraft in sich erstiken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht mit dieser kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er heißt, nur seyn, mit Ernst, mit Liebe muß er das seyn, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Thun, und ist er in ein Fach gedrükt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoß’ ers mit Verachtung weg und lerne pflügen! Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Nothwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viele Stümperarbeit und so wenig Freies, Aechterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos seyn für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke. –
Die Tugenden der Alten seyn nur glänzende Fehler, sagt’ einmal, ich weiß nicht, welche böse Zunge; und es sind doch selber ihre Fehler Tugenden, denn da noch lebt’ ein kindlicher, ein schöner Geist, und ohne Seele war von allem, was sie thaten, nichts gethan. Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Uebel und nichts weiter; denn Nothwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen; und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach! die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Mißlaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der todten Ordnung dieser Menschen.
Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herab gewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlich rein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zwek, da sucht es seinen Nutzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott! es bleibt gesetzt, und wenn es feiert und wenn es liebt und wenn es betet und selber, wenn des Frühlings holdes Fest, wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst, und Unschuld zaubert in ein schuldig Herz, wenn von der Sonne warmem Strahle berauscht, der Sklave seine Ketten froh vergißt und von der gottbeseelten Luft besänftiget, die Menschenfeinde friedlich, wie die Kinder, sind – wenn selbst die Raupe sich beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach’ und kümmert sich nicht viel ums Wetter!
Aber du wirst richten, heilige Natur! Denn, wenn sie nur bescheiden wären, diese Menschen, zum Gesetze nicht sich machten für die Bessern unter ihnen! wenn sie nur nicht lästerten, was sie nicht sind, und möchten sie doch lästern, wenn sie nur das Göttliche nicht höhnten! –
Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt? Ist besser, denn euer Geschwäz, die Luft nicht, die ihr trinkt? der Sonne Strahlen, sind sie edler nicht, denn all’ ihr Klugen? der Erde Quellen und der Morgenthau erfrischen euern Hain; könnt ihr auch das? ach! tödten könnt ihr, aber nicht lebendig machen, wenn es die Liebe nicht thut, die nicht von euch ist, die ihr nicht erfunden. Ihr sorgt und sinnt, dem Schiksal zu entlaufen und begreift es nicht, wenn eure Kinderkunst nichts hilft; indessen wandelt harmlos droben das Gestirn. Ihr entwürdiget, ihr zerreißt, wo sie euch duldet, die geduldige Natur, doch lebt sie fort, in unendlicher Jugend, und ihren Herbst und ihren Frühling könnt ihr nicht vertreiben, ihren Aether, den verderbt ihr nicht.
O göttlich muß sie seyn, weil ihr zerstören dürft, und dennoch sie nicht altert und trotz euch schön das Schöne bleibt! -
Es ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht, und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und es pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt, wie Fremdlinge im eigenen Hause, sie sind so recht, wie der Dulder Ulyß, da er in Bettlersgestalt an seiner Thüre saß, indeß die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer gebracht?
Voll Lieb’ und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen Volk’ heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäete, daß er nimmer einen Grashalm treibt; und wenn sie sprechen, wehe dem! der sie versteht, der in der stürmenden Titanenkraft, wie in ihren Proteuskünsten den Verzweiflungskampf nur sieht, den ihr gestörter schöner Geist mit den Barbaren kämpft, mit denen er zu thun hat.
Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen, daß bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die göttliche Natur nicht achten, daß bei ihnen eigentlich das Leben schaal und sorgenschwer und übervoll von kalter, stummer Zwietracht ist, weil sie den Genius verschmähn, der Kraft und Adel in ein menschlich Thun, und Heiterkeit ins Leiden und Lieb’ und Brüderschaft den Städten und den Häusern bringt.
Und darum fürchten sie auch den Tod so sehr, und leiden, um des Austernlebens willen, alle Schmach, weil Höhers sie nicht kennen, als ihr Machwerk, das sie sich gestoppelt.
O Bellarmin! wo ein Volk das Schöne liebt, wo es den Genius in seinen Künstlern ehrt, da weht, wie Lebensluft, ein allgemeiner Geist, da öffnet sich der scheue Sinn, der Eigendünkel schmilzt, und fromm und groß sind alle Herzen und Helden gebiert die Begeisterung. Die Heimath aller Menschen ist bei solchem Volk’ und gerne mag der Fremde sich verweilen. Wo aber so beleidigt wird die göttliche Natur und ihre Künstler, ach! da ist des Lebens beste Lust hinweg, und jeder andre Stern ist besser, denn die Erde. Wüster immer, öder werden da die Menschen, die doch alle schön geboren sind; der Knechtsinn wächst, mit ihm der grobe Muth, der Rausch wächst mit den Sorgen, und mit der Ueppigkeit der Hunger und die Nahrungsangst; zum Fluche wird der Seegen jedes Jahrs und alle Götter fliehn.
Und wehe dem Fremdling, der aus Liebe wandert, und zu solchem Volke kömmt, und dreifach wehe dem, der, so wie ich, von großem Schmerz getrieben, ein Bettler meiner Art, zu solchem Volke kömmt! –
Genug! du kennst mich, wirst es gut aufnehmen, Bellarmin! Ich sprach in deinem Nahmen auch, ich sprach für alle, die in diesem Lande sind und leiden, wie ich dort gelitten.
Friedrich Hölderlin: Hyperion oder der Eremit in Griechenland. Zweiter Band, Zweite Auflage. Seiten 112-118.
Ärzte & Antiquare
5. Mai 2010Worin unterscheiden sich Ärzte und Antiquare?
Ganz banal: beim Antiquar gibt es soetwas wie Warteschlangen nicht. Jeder wird sofort vorgelassen, Heim-Antiquare wie ich bevorzugen eine Voranmeldung samt Terminabsprache, dann aber steht dem Buchsucher die Tür offen. Und das ohne Praxisgebühr – danke an ‚Wilsberg’ für den Hinweis!
Bisweilen handeln wir Antiquare mit Krankheiten, wobei die Keime, Viren, Bakterien, die vielleicht vor langer Zeit einmal im Buch beheimatet gewesen sein könnten, sicherlich bereits vor Jahren oder Jahrzehnten an Altersschwäche dahingeschieden sind.
Neben leiblichen Leiden, die das anschauliche und meist wohlillustrierte Thema medizinischer Bücher sind, haben es Altbuchhändler vornehmlich mit Fehltritten des Denkapparates zu tun: hier droht Ansteckungsgefahr, Nachahmungssucht, kritische Einstellung zu tagesaktuellen Politikfragen u.s.w. u.s.f.; doch sind im Bereich geistig-seelischer Erkrankungen oder solcher des Verstandes die Geschmäcker arg verschieden: was dem einen die Krankheit dünkt, ist dem anderen eine Panazee, was dem einen die Sünde, ist dem nächsten die Wohltat.
Vorsicht! Die Literatur, besonders die ältere, ist voller Sonderlinge, Querdenker, Überhaupt-Denker, unangepaßter Individuen. Nicht wenige Literaten verbrachten eine Zeit ihres Lebens in Gefängnissen, Umerziehungslagern, Irrenhäusern und dergleichen Einrichtungen wohlgesonnener Mitmenschen, mancher Lebensweg wurde dort oder auf noch drastischere Weise beendet – was nicht so ganz richtig ist, denn in ihren Büchern und vorallem in ihren Lesern leben sie fort, ihren Quälern und Henkern zum Verdruß.
Heutzutage wird mehrheitlich eher für den Mainstream, auch so ein Neuwort, produziert: windschlüpfrige Ware, die durch ein des Verdauens kaum noch fähiges Leseroberschlundganglion rutscht, ohne Spuren zu hinterlassen. Wirkliche Literatur ist etwas anderes, sie muß packen, der Leser sollte mitheulen, mitfluchen, mitleiden, mitfreuen, mitlieben, mitleben.
Zur Zeit lese ich – es sei die persönliche Note ausnahmsweise gestattet – Ayn Rands ‚Atlas Shrugged’. Was für ein Buch! Es ist wie für die Gegenwart geschrieben. Beinah jede Szene erinnert mich an EU-Tagespolitik, aber das würde hier zu weit führen.
Bücher können kein Leiden heilen, nur die Langeweile, doch sie vermögen es, unser Leben zu bereichern, das ist wesentlich mehr, als man von zur Sparsamkeit verpflichteten Krankenkassen auf Krankenschein bekommt. Bücher sind die Zuflucht all derer, die an den Mitmenschen erkrankt sind.
Seelensauger
18. März 2010Vampire im Werk von Georg Sylvester Viereck
Der gemeine Vampir, wie er uns exemplarisch in Filmen begegnet, ist ein Blutsauger, ein materialistisches Wesen, das seinem Körper zwecks Überleben Flüssigkeit zuführt. Er steht jeglichem Glauben, womit meist der christliche gemeint ist, ablehnend gegenüber, vielleicht sogar der Transzendenz, da er solange leben wird, wie er Speise findet und niemand ihm einen Pfahl durchs Herz schlägt, sein weiteres ist ungewiß, denn als ‚seelenlos’ apostrophiert, ermangelt es ihm jenes Teils, das zur Höllenfahrt geeignet wäre. Sein Gebiß ist seiner Ernährungsmethode entsprechend ausgestattet und mit längeren Eckzähnen versehen, oder spannungsteigernd fahren diese bei Durst langsam aus.
Der höhere Vampir, sozusagen seine kulturelle Fortentwicklung, ernährt sich wie jedermann, seine Begehr ist die Schöpferkraft anderer: also schart er vornehmlich Künstler sowie Dichter um sich, damit sie seiner eigenen Tätigkeit weiterhelfen, vielleicht sie erst ermöglichen.
„Er macht wie unter dem Eindrucke eines höheren Willen hypnotisierende Bewegungen, gewinnt dann die Macht über sich selbst und tritt zurück“, so beschreibt es Viereck in seinem → Theaterstück „Der Vampyr“. Also widerstrebt es dem Vampir, sein Verlangen direkt zu erfüllen, er ist in sich gebrochen, es beherrscht ihn der Trieb, hier ‚höherer Wille’ benannt, eigentlich sein Wesen, sich zu nehmen, was ihm ermangelt, wonach ihm gelüstet, doch wird er behindert durch ein gesellschaftlich angemessenes Verhalten, das ihn sein Laster verbergen heißt, denn nur im Verborgenen kann er seiner Bestimmung, sich zu nähren, nachgehen, würde sie offenbar, fände er sich ohne Begleiter, damit ohne Opfer, zurückgelassen.
In seinem Umgang verlieren künstlerisch veranlagte Menschen ihre Genialität, meist werden sie gewöhnlich; was zuvor farbig war, wird matt, Verse verlieren ihre Lebendigkeit, Romane entstehen im Kopf und verbleiben ungeschrieben – nur um verwandelt im Schaffen des Vampirs aufzutauchen. Es ist nicht dasselbe, das seinem Pinsel oder seiner Feder entrinnt, doch ein Gleichwertiges, gesteigert durch seine eigenen Fähigkeiten, von denen unklar verbleibt, ob sie wirklich ihm gehören, oder ob selbst sie sich langsam angesammelt haben.
Der Künstlervampir setzt sich vom Kopisten ab: letzterer rafft und klebt aneinander, der Vampir verdaut sozusagen; die geistigen Fähigkeiten und Träume der anderen ziehen durch sein Wesen und verwandeln sich in ihm in sein Eigen. Trotzdem ist er sich der Abhängigkeit gleichwie der Genese seiner Produkte bewußt. Dies heißt ihn, ausgesaugte Geister von sich zu stoßen, neue heranzuziehen, denn nur der stete Nachschub gewährt, das erlangte Niveau beizubehalten.
„’Nein, es ist kein Ausweg vorhanden’, hörte er Clarke sagen und seine Stimme hatte einen harten, metallischen Klang. Eine Knabenstimme erwiderte etwas; sie hörte sich klagend an“ (→ Viereck: „Das Haus des Vampyrs“, p. 28). Dies bezeichnet die masochistische Seite im Verhältnis des Opfers zu seinem Vampir: es sieht den Verlust seiner Fähigkeit, doch hängt es dem Meister und seinem Genie an, vergöttert ihn beinah und fühlt sich unfähig, sich von ihm zu lösen.
Beide, Vampir und Ausgesaugter, sind in sich gebrochen, der eine in seiner Stärke, der andere in seiner Schwäche. Das klingt modern, ist zweifellos auch zeitgemäßer als der zähnebleckende Filmvampir. Anders als durch Blut, das schließlich beinah jeder irgendwie in seinem Körper fließen hat, zeichnen sich die Seelensauger und ihre Opfer durch ihr Talent, ihr Genie aus, das macht sie zu Einzelgängern und ihren Kreis zu einem exklusiven: ein jeglicher vermag unfreiwillig Blut zu geben, Talent nur wenige.