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Pilgerfahrt

26. Mai 2012

Für S., in Erinnerung unserer Spaziergänge

Berlin, arm an Dichtern, reich an Armut, hat nur wenige Denkmale zu bieten, die einladen, von Zeit zu Zeit besucht zu werden. Für mich gehört Kleists Grab unbedingt dazu. Das letzte Mal, glaube ich mich zu entsinnen, war ich mit einer Freundin dort; sie starb vor einigen Jahren an Krebs. Und die einzige Henriette in meinem Bekanntenkreis, der ich meine Vorliebe für Hofmannsthal und Shakespeare verdanke, ist – zu früh, wie sonst – verschieden.
    Das Andenken des Dichters bekleidet sich in den angelaufenen Jahren mit einem Kokon persönlicher Erinnerungen.

    Begibt sich der Pilger von der S-Bahn oder vom Bus angespült auf den Weg, so weist ihn wenig auf das Heiligtum hin.
    Aus früherer Erfahrung klug geworden hat er sich zuvor mittels Google-Maps, wo eine veraltete Ansicht des Grabes gezeigt wird, oder eines Stadtplans kundig gemacht und richtet seine Schritte zu jenem Ort, wo Bismarckstraße und Königstraße aufeinandertreffen. In neueren Tagen aufgestellte Tafeln zeigen ihm viel Historie: einige schwarz-weiße Bilder umgeben von reichlich Text im typischen Informations-Deutsch – den zu beschreitenden Pfad, darin allen Ratgebern gleich, weisen sie jedoch nur ungenau.

Bismarckstraße, Wannsee

Bismarckstraße, Wannsee


    Trifft er, durch verplante, sich sinnlos krümmende Parkwege samt Hinweisschildern auf ein akustisches Kleistdenkmal erst in die Irre geleitet, dann doch auf die rechte Wegzweigung zum Grab – und um einen Weg handelt es sich, kaum daß zwei Menschen nebeneinander gehen können –, so darf er mit dem Stein Zwiesprache halten: die Ruhestätte wird ihrer Bezeichnung gerecht, sie liegt abseits der Touristenströme.
    So wie anspruchsvolle Literatur, scheint es, abseits unserer Moderne liegt, und so wie Kleists Stil dem heutigen entgegen ist.
Kleists Grab, vom Weg gesehen

Kleists Grab, vom Weg gesehen

Kleists Grab, vom Weg gesehen

Kleists Grab, vom Weg gesehen


    Das Grabmal selbst ist zwecks Eingrenzung flüchtigen Dichtergeistes mit einem niedrigen Zaun umgeben, dessen Tor wohl nur die unkrautzupfenden Gärtner öffnen dürfen. Und daß hier Unkraut wächst zeigt, wie gleichgültig wir der Erde sind, gleich ob schöpferisch, intelligent oder dumm.
Kleists Grab

Kleists Grab


    In alter Gewohnheit umrundet der Pilgerreisende den Grabstein im Uhrzeigersinn.
Rückseite

Die Rückseite


    Läßt er seinen Blick kurz abweichen, gewahrt er dies, und dies Stück Bodensenke hinter dem Grab scheint ihm für eine gewisse zeitgemäße Geistesödnis zu stehen.
Etwas Ödnis

Etwas Ödnis


    Mit einer inneren Verneigung nimmt er Abschied vom Dichter.

    Auf den Informationstafeln, so hat es der Wallfahrer im Gedächtnis behalten, wird dazu animiert, bei dieser Gelegenheit die landschaftliche Umgebung ebenfalls zu sich zu nehmen.
    Das Wannseeufer macht ihm den Eindruck, mit gewollt-aleatorischer Leichtigkeit durchgeplant zu sein, und die Natur auf wohldeformierte Reste begrenzt.

Wannseeufer

Wannseeufer


    Geht der Pilger ein Stück weiter und richtet seine Schritte nicht in Richtung des Trubels der Anlegeplätze, sondern die Ronnebypromenade entlang bis unter die Brücke, sieht er vis-à-vis eine Unterkunft Lebender.
Unter der Brücke

Unter der Brücke


    Nachdenklich begibt er sich wieder zum Bahnhof, begegnet auf dem Weg dorthin dem Andenkenladen, wo er sich mit Schallberieselung hätte eindecken können, wäre ihm der Sinn danach gewesen…
Andenkenladen

Andenkenladen


    …und mag im Bahnhof über die Vergänglichkeit allen Seins meditieren.
Bahnhof

Bahnhof


 

“That time is dead for ever, child,
Drowned, frozen, dead for ever!
    We look on the past
    And stare aghast
At the spectres wailing, pale and wild,
Of hopes which thou and I beguiled
    To death on life’s dark river.

The stream we gazed on then, rolled by;
Its waves are unreturning;
    But we yet stand
    In a lone land,
Like tombs to mark the memory
Of hopes and fears, which fade and flee
    In the light of life’s brief morning.”

Ostern

8. April 2012

„Dieses Ostarâ muß gleich dem ags. Eástre ein höheres wesen des heidenthums bezeichnet haben, dessen dienst so feste wurzel geschlagen hatte, daß die bekehrer den namen duldeten und auf eins der höchsten christlichen jahrsfeste anwandten. alle uns benachbarten völker haben die benennung pascha beibehalten, selbst Ulfilas setzt paska, kein austrô, obwol ihm der ausdruck bekannt sein muste, gerade wie die nord. sprache pâskir (schwed. påsk, dän. paaske) einführt. das ahd. adv. ôstar bedeutet die richtung gegen morgen (gramm. 3, 205), ebenso das altn. austr, vermutlich ags. eástor, got. austr? die lat. Sprache hat das ganz identische auster auf die mittagsseite (den süd) verschoben. In der edda führt ein männliches wesen, ein lichtgeist den namen Austri, ebenso könnte ein weibliches Austra heissen; der hochd. und sächs. stamm scheint umgekehrt nur eine Ostara, Eástre, keinen Ostaro, Eástre gebildet zu haben. hierin liegt vielleicht der grund, weshalb die Nordländer pâskir und nicht austrur sagen: sie hatten keine göttin Austra verehrt, oder ihr cultus war früher untergegangen.

Ostara, Eástre mag also gottheit des strahlenden morgens, des aufsteigenden lichts gewesen sein, eine freudige, heilbringende erscheinung, deren begriff für das auferstehungsfest des christlichen gottes verwandt werden konnte. freudenfeuer wurden zu ostern angezündet, und, nach dem lange fortdauernden volksglauben, thut die sonne in des ersten ostertages frühe, so wie sie aufgeht, drei freudensprünge, sie hält einen freudentanz.“

Aus: → Jacob Grimm, „Deutsche Mythologie“.

Das Buch

24. Januar 2012

Das Buch, so wie wir gewohnt sind, es in die Hände zu nehmen und vor die Augen zu halten, hat seinen Ursprung, seine Geschichte, seine Entwicklung – und vielleicht auch sein Ende. Die Verschriftlichung von Gedanken ist jedoch ein Abenteuer, das die Menschheit noch lange begleiten wird: so lange, wie wir in Wörtern und Bildern denken.
    Die ersten Bücher bestanden, möglicherweise zwei verbundenen Wachstäfelchen nachempfunden, aus einer Lage, also aus gefalzten Blättern, im Falz durch Schnüre, Lederstreifen oder ähnliches zusammengehalten. Als das nicht mehr genügte, wurden mehrere Lagen zusammengeheftet, schließlich mit den senkrecht zu den Lagen verlaufenden Bünden zum Codex vereint. Diese Form bestimmte die nächsten Jahrhunderte. Moderne maschinell geheftete und gebundene Bücher sehen dem Codex immer noch ähnlich, sie kommen zwar ohne Bünde aus, benutzen jedoch das Prinzip, mittels des Heftfadens die Lagen zu verbinden, oder sie halten die einzelnen Bögen, die Heftfäden bei jeder Schlaufe abgeschnitten, nur noch mittels Klebers beieinander, eigentlich ein Rückschritt, dessen konsequente Fortführung die Klebebindung ist, bei der einzelne Blätter an einer der Schnittkanten zusammengeleimt sind.
    Aber gleich, wie das Buch äußerlich oder technisch gestaltet wird, ob es mittels des Handsatzes gedruckt wurde oder durch digital gespeicherte Schriften im Offset-Verfahren, sein Inhalt sind Buchstaben, die sich zu einem Text verbinden; sind Bilder beigefügt, begleiten oder erweitern sie das Geschriebene.
    Und seit die romantischen Schriftsteller Shakespeares Idee, im Text in der einen über eine andere Textebene zu reflektieren, aufgenommen haben, reflektieren die Wörter über sich; seit es langt, Fragmente oder Cut-up-Prosa zu veröffentlichen, die der Leser nach seinem Gutdünken zusammensetzen mag, seit Romane mit mehreren Anfängen oder Enden verfaßt werden, seitdem liegt auch die mitgestalterische Rolle des Rezipienten in der Luft: er mag sein Eigenes beifügen, den Textverlauf abändern, neue Handlungstränge einführen.
    Zudem gibt es spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts Tendenzen, das Buch durch mehr als beigegebene Illustrationen zu erweitern, seine Textverhaftung zu überwinden: ins Dreidimensionale: die ausklappbaren Bücher – ins Musikalische: beigegebene Schallplatten oder CDs – ins gesprochene Wort: beigegebene Tonträger – in den Geruchsinn: parfümierte Bücher.
    So gesehen sind die Möglichkeiten digital gespeicherter elektronischer Bücher, dem Text aus Buchstaben einen Metatext aus Bildern, Filmen und Tonspuren hinzuzufügen, nur die Erweiterung bereits bestehender Möglichkeiten, ein Fortführen des Begonnenen.
    Und doch, allen Mühen zum Trotz, unser Leseleben der Digitalisierung zu unterwerfen, bleiben unsere Augen analog, unser Entziffern bleibt analog wie unser Verstehen: wir nehmen den Inhalt der Wörter, Bilder und Töne unabhängig davon auf, wie sie uns entgegentreten. Krititische Ohren bemerken den Unterschied zwischen Schallplatte und CD, kritische Augen den zwischen Buchdruck, Offset und Bildschirm. Aber dies gehört zum Genußempfinden, das eingeübt und gepflegt werden muß.

Wer darf was? 1758.

11. Januar 2011

„Nachdeme schon viel Jahr, und Zeithero, von denen Kaufleuthen, Buchdruckern und Hausirern, durch Verkaufung der gebundenen Bücher, grosser Schad, und Abbruch, diese im Schwang gehende Stümpeleyen geschehen, und dardurch dem Buchbinder-Handwerck, und den Ihrigen, ihr Stück Brod, und Subsistenz aus dem Mund gezogen wird, auch hauptsächlich um dieser Ursach willen, gegenwärtige Ordnung begriffen worden ist; Als solle hinkünfftig dieser Unterschied gehalten werden, daß die Buchführer mit Bücher aus Bibliothecken, die Buchbinder aber, mit alt- und neugebundenen Büchern zu handlen zwar berechtigt seyn, hingegen die Buchdrucker, und Verleger, bey Verlust der Waar sich dessen gäntzlich enthalten sollen.“

„Neue Buchbinder-Ordnung“. Stuttgart, 1758.

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