Für S., in Erinnerung unserer Spaziergänge
Berlin, arm an Dichtern, reich an Armut, hat nur wenige Denkmale zu bieten, die einladen, von Zeit zu Zeit besucht zu werden. Für mich gehört Kleists Grab unbedingt dazu. Das letzte Mal, glaube ich mich zu entsinnen, war ich mit einer Freundin dort; sie starb vor einigen Jahren an Krebs. Und die einzige Henriette in meinem Bekanntenkreis, der ich meine Vorliebe für Hofmannsthal und Shakespeare verdanke, ist – zu früh, wie sonst – verschieden.
Das Andenken des Dichters bekleidet sich in den angelaufenen Jahren mit einem Kokon persönlicher Erinnerungen.
Begibt sich der Pilger von der S-Bahn oder vom Bus angespült auf den Weg, so weist ihn wenig auf das Heiligtum hin.
Aus früherer Erfahrung klug geworden hat er sich zuvor mittels Google-Maps, wo eine veraltete Ansicht des Grabes gezeigt wird, oder eines Stadtplans kundig gemacht und richtet seine Schritte zu jenem Ort, wo Bismarckstraße und Königstraße aufeinandertreffen. In neueren Tagen aufgestellte Tafeln zeigen ihm viel Historie: einige schwarz-weiße Bilder umgeben von reichlich Text im typischen Informations-Deutsch – den zu beschreitenden Pfad, darin allen Ratgebern gleich, weisen sie jedoch nur ungenau.
Trifft er, durch verplante, sich sinnlos krümmende Parkwege samt Hinweisschildern auf ein akustisches Kleistdenkmal erst in die Irre geleitet, dann doch auf die rechte Wegzweigung zum Grab – und um einen Weg handelt es sich, kaum daß zwei Menschen nebeneinander gehen können –, so darf er mit dem Stein Zwiesprache halten: die Ruhestätte wird ihrer Bezeichnung gerecht, sie liegt abseits der Touristenströme.
So wie anspruchsvolle Literatur, scheint es, abseits unserer Moderne liegt, und so wie Kleists Stil dem heutigen entgegen ist.
Das Grabmal selbst ist zwecks Eingrenzung flüchtigen Dichtergeistes mit einem niedrigen Zaun umgeben, dessen Tor wohl nur die unkrautzupfenden Gärtner öffnen dürfen. Und daß hier Unkraut wächst zeigt, wie gleichgültig wir der Erde sind, gleich ob schöpferisch, intelligent oder dumm.
In alter Gewohnheit umrundet der Pilgerreisende den Grabstein im Uhrzeigersinn.
Läßt er seinen Blick kurz abweichen, gewahrt er dies, und dies Stück Bodensenke hinter dem Grab scheint ihm für eine gewisse zeitgemäße Geistesödnis zu stehen.
Mit einer inneren Verneigung nimmt er Abschied vom Dichter.
Auf den Informationstafeln, so hat es der Wallfahrer im Gedächtnis behalten, wird dazu animiert, bei dieser Gelegenheit die landschaftliche Umgebung ebenfalls zu sich zu nehmen.
Das Wannseeufer macht ihm den Eindruck, mit gewollt-aleatorischer Leichtigkeit durchgeplant zu sein, und die Natur auf wohldeformierte Reste begrenzt.
Geht der Pilger ein Stück weiter und richtet seine Schritte nicht in Richtung des Trubels der Anlegeplätze, sondern die Ronnebypromenade entlang bis unter die Brücke, sieht er vis-à-vis eine Unterkunft Lebender.
Nachdenklich begibt er sich wieder zum Bahnhof, begegnet auf dem Weg dorthin dem Andenkenladen, wo er sich mit Schallberieselung hätte eindecken können, wäre ihm der Sinn danach gewesen…
…und mag im Bahnhof über die Vergänglichkeit allen Seins meditieren.
“That time is dead for ever, child,
Drowned, frozen, dead for ever!
We look on the past
And stare aghast
At the spectres wailing, pale and wild,
Of hopes which thou and I beguiled
To death on life’s dark river.
The stream we gazed on then, rolled by;
Its waves are unreturning;
But we yet stand
In a lone land,
Like tombs to mark the memory
Of hopes and fears, which fade and flee
In the light of life’s brief morning.”









