Archiv für 'Bibliophiles'Kategorie

Pilgerfahrt

26. Mai 2012

Für S., in Erinnerung unserer Spaziergänge

Berlin, arm an Dichtern, reich an Armut, hat nur wenige Denkmale zu bieten, die einladen, von Zeit zu Zeit besucht zu werden. Für mich gehört Kleists Grab unbedingt dazu. Das letzte Mal, glaube ich mich zu entsinnen, war ich mit einer Freundin dort; sie starb vor einigen Jahren an Krebs. Und die einzige Henriette in meinem Bekanntenkreis, der ich meine Vorliebe für Hofmannsthal und Shakespeare verdanke, ist – zu früh, wie sonst – verschieden.
    Das Andenken des Dichters bekleidet sich in den angelaufenen Jahren mit einem Kokon persönlicher Erinnerungen.

    Begibt sich der Pilger von der S-Bahn oder vom Bus angespült auf den Weg, so weist ihn wenig auf das Heiligtum hin.
    Aus früherer Erfahrung klug geworden hat er sich zuvor mittels Google-Maps, wo eine veraltete Ansicht des Grabes gezeigt wird, oder eines Stadtplans kundig gemacht und richtet seine Schritte zu jenem Ort, wo Bismarckstraße und Königstraße aufeinandertreffen. In neueren Tagen aufgestellte Tafeln zeigen ihm viel Historie: einige schwarz-weiße Bilder umgeben von reichlich Text im typischen Informations-Deutsch – den zu beschreitenden Pfad, darin allen Ratgebern gleich, weisen sie jedoch nur ungenau.

Bismarckstraße, Wannsee

Bismarckstraße, Wannsee


    Trifft er, durch verplante, sich sinnlos krümmende Parkwege samt Hinweisschildern auf ein akustisches Kleistdenkmal erst in die Irre geleitet, dann doch auf die rechte Wegzweigung zum Grab – und um einen Weg handelt es sich, kaum daß zwei Menschen nebeneinander gehen können –, so darf er mit dem Stein Zwiesprache halten: die Ruhestätte wird ihrer Bezeichnung gerecht, sie liegt abseits der Touristenströme.
    So wie anspruchsvolle Literatur, scheint es, abseits unserer Moderne liegt, und so wie Kleists Stil dem heutigen entgegen ist.
Kleists Grab, vom Weg gesehen

Kleists Grab, vom Weg gesehen

Kleists Grab, vom Weg gesehen

Kleists Grab, vom Weg gesehen


    Das Grabmal selbst ist zwecks Eingrenzung flüchtigen Dichtergeistes mit einem niedrigen Zaun umgeben, dessen Tor wohl nur die unkrautzupfenden Gärtner öffnen dürfen. Und daß hier Unkraut wächst zeigt, wie gleichgültig wir der Erde sind, gleich ob schöpferisch, intelligent oder dumm.
Kleists Grab

Kleists Grab


    In alter Gewohnheit umrundet der Pilgerreisende den Grabstein im Uhrzeigersinn.
Rückseite

Die Rückseite


    Läßt er seinen Blick kurz abweichen, gewahrt er dies, und dies Stück Bodensenke hinter dem Grab scheint ihm für eine gewisse zeitgemäße Geistesödnis zu stehen.
Etwas Ödnis

Etwas Ödnis


    Mit einer inneren Verneigung nimmt er Abschied vom Dichter.

    Auf den Informationstafeln, so hat es der Wallfahrer im Gedächtnis behalten, wird dazu animiert, bei dieser Gelegenheit die landschaftliche Umgebung ebenfalls zu sich zu nehmen.
    Das Wannseeufer macht ihm den Eindruck, mit gewollt-aleatorischer Leichtigkeit durchgeplant zu sein, und die Natur auf wohldeformierte Reste begrenzt.

Wannseeufer

Wannseeufer


    Geht der Pilger ein Stück weiter und richtet seine Schritte nicht in Richtung des Trubels der Anlegeplätze, sondern die Ronnebypromenade entlang bis unter die Brücke, sieht er vis-à-vis eine Unterkunft Lebender.
Unter der Brücke

Unter der Brücke


    Nachdenklich begibt er sich wieder zum Bahnhof, begegnet auf dem Weg dorthin dem Andenkenladen, wo er sich mit Schallberieselung hätte eindecken können, wäre ihm der Sinn danach gewesen…
Andenkenladen

Andenkenladen


    …und mag im Bahnhof über die Vergänglichkeit allen Seins meditieren.
Bahnhof

Bahnhof


 

“That time is dead for ever, child,
Drowned, frozen, dead for ever!
    We look on the past
    And stare aghast
At the spectres wailing, pale and wild,
Of hopes which thou and I beguiled
    To death on life’s dark river.

The stream we gazed on then, rolled by;
Its waves are unreturning;
    But we yet stand
    In a lone land,
Like tombs to mark the memory
Of hopes and fears, which fade and flee
    In the light of life’s brief morning.”

Berliner Antiquariatstag

20. Mai 2012

Einige Impressionen vom heutigen Berliner Antiquariatstag:

Die interessante Deckenarchitektur des Ausstellungsraumes

Die interessante Deckenarchitektur des Ausstellungsraumes

Der Antbo-Stand

Der Antbo-Stand


Zur Antbo-Seite.

Pirckheimer-Gesellschaft & Berliner Bibliophilen Abend

Pirckheimer-Gesellschaft & Berliner Bibliophilen Abend


Pirckheimer-Gesellschaft
Berliner Bibliophilen Abend

Einbände von Roland Meuter, bemalt von Madeleine Heublein

Einbände von Roland Meuter, bemalt von Madeleine Heublein

Einband von Roland Meuter mit Fore-Edge-Painting von Madeleine Heublein

Einband von Roland Meuter mit Fore-Edge-Painting von Madeleine Heublein


Die Homepage von Herrn Meuter.

Hamburger Hafen, Photographie von BC Richter

Hamburger Hafen, Photographie von BC Richter


Weitere schöne Photographien finden Sie auf der Seite von Frau Richter.

Glücklicher Kollege

Glücklicher Kollege

Durch diese Rohre werden die Bücher zu ihren neuen Besitzern gebeamt.

Durch diese Rohre werden die Bücher zu ihren neuen Besitzern gebeamt.

Stöbern II

11. Mai 2012

Einige Weile habe ich mich dem Wörtchen „Stöbern“ auf meiner Angebotseite verweigert, und lieber kühler klingendes wie „Ähnliche Suchen“ verwandt. Mag sein, daß ich – als ordentlicher Mensch – eine gewisse Abneigung gegen die beim Stöbern mitschwingende Unordnung des Durchstöberten mit mir schleppe, auch daß jegliche Anarchie dem strukturierten Ergebnis einer Datenbankabfrage grundsätzlich zuwiderläuft: Datenbanken sind das Ordentlichste überhaupt, sie sind indiziert und klappern, wenn korrekt befragt, eindeutige Ergebnisse auswerfend skrupellos vor sich hin.
    Eine Datenbank entspricht einem Laden voller Regale, auf denen die Bücher eigentlich konfus herumliegen, doch beim Eintreten des Kunden sich auf dessen Wunsch hin auf den Brettern gruppieren: hier die Geographie, dort die Literatur, dort die Vitrinen. Beim geringsten Räuspern des potentiellen Käufers eilen sie, sich neu zusammenzufinden: hier die schönen Einbände nach den Farben des Regenbogens, dort die illustrierten Werke, fein nach Illustratoren von A bis Z in Reih und Glied stramm stehend.
    Das sinntragende Räuspern ist notwendig, damit die Daten alias Bücher wissen, wie sie sich zu gliedern haben. Was dann auf der Angebotseite sich als ‚Stöbern’ präsentiert, sind eigentlich vorgegebene Räusper, die auf freundliches Linkklicken den Kunden durch den Bücherirrgarten geleiten. Für eigene Wünsche sind die Suchseiten da, sie hocken wie Schalterhäuschen oder Infostände nahe des Einganges und nehmen die Anfragen entgegen.
    Doch ist das Charakteristische am Stöbern gerade eine gewisse Ziellosigkeit, die sich überraschen lassen möchte, ein gewisses Offensein für Neues, sogar die Bereitschaft, das Zielgerichtete fallen und sich vom Augenblick verführen zu lassen.
    Früher betrat der Buchgeneigte einen Laden, mir schwebt beim Tippen dieser Sätze ein leider lange schon geschlossener in der Fasanenstraße vor Augen, dort lagen haufenweise Bücher auf dem Boden, Gesangbücher diverser Konfessionen in ihren schwarzen Trauergewändern, an den Wänden Regale mit Literatur, im zweiten Raum an die Mauern montierte Bretter und mittig, nur schmalen Durchgang gewährend Standregale. Überall dort lagerte die englische Literatur, und ich begab mich stöbernderweise auf die Suche nach den Everyman’s-Rücken. Fand ich nichts oder trieb es mich bereits mit Bücher beladen weiter, begab ich mich in eines der anderen Geschäfte, ließ meinen Blick schweifen und ging bisweilen mit einem hübschen Einband als Dreingabe davon.
    Auf solche Weise erhält der Sucher manchmal das Gewünschte, ein anderes Mal etwas, das knapp neben oder fern von seinen derzeitigen Interessen liegt und erst später seinen wahren Wert entschleiert.
    Das erinnert mich daran, daß ich früher über meinem Schreibtisch an der Wand die einem Auktionskatalog entwendete Abbildung eines Klee-Bildes hängen hatte: „Engel bringt das Gewünschte“.
    Der Engel des Stöberns ist ein eigenwilliger. Manchmal, nein häufig, schlägt er uns Schnippchen, indem er uns Bücher vor die Nase hält, die uns irgendwie ansprechen, wir wissen, ahnen nur noch nicht, wie und warum – spätere Tage mögen uns aufklären.

Stöbern I

10. Mai 2012

„besonders nach büchern stöbern, unter alten beständen und in heimlichen ecken nach büchern, documenten oder sonst erinnerungen der vergangenheit suchen. die sphäre macht deutlich: die johannisbeerhecken lachen uns aus, dasz wir bei ihrem duft in solchem alten moder stöbern Gutzkow ritter vom geiste 1, 76; bei meiner vorliebe, in altem gerümpel zu stöbern Seidel vorstadtgeschichten 120; nur zum vorwande stöberte er in einer ecke, als habe er dort etwas zu suchen Polenz Büttnerbauer 1, 112; insbesondere: er (Kovachich) reist … und stöbert in allen archiven nach diplomen und handschriften Jacob Grimm an Wilhelm 365; der oheim hatte eine ziemlich starke bibliothek, in der ich nach gefallen stöbern und lesen durfte, was ich wollte E. Th. A. Hoffmann 10, 90, vgl. auch: Jamud hatte sich die ersten vier jahre hindurch wenig um die bibliothek gekümmert, oder es war ihm nicht eingefallen, darinnen herum zu stöbern Jung-Stilling 6, 124; solche jagd wird im einzelnen geschildert: er … stöberte zwischen den bestaubten bänden Storm 2, 190 (vgl. aus Schleiermachers leben 2, 173); daneben noch deutlicher und auch gebräuchlicher: beim stöbern unter alten büchern Strausz 7, 300; so kann sie kommen und unter den büchern stöbern, wie sie es wohl mag, wenn der herr nicht zu hause ist M. Beer werke 777; unterdesz sasz die schulkranke Laura in ihrem stübchen und stöberte unter den alten liederdrucken Freytag 7, 111; auch nach münzen stöbern Dahlmann in dem briefwechsel mit Jac. und Wilh. Grimm 1, 462; vgl. sie lungern ganze tage auf dem markt und auf der burg herum, stöbern alte sachen aus dem schutt Mörike 3, 99; zuletzt auch er stöberte in seinen taschen Vischer auch einer 1, 77;

er faszt das brod und kann’s nicht theilen
und stöbert, sucht mit wirrem eilen
in allen taschen

Droste-Hülshoff
2, 41.“

Jacob und Wilhelm Grimm: „Deutsches Wörterbuch“, XIX,4-5.

Bücher riechen II

21. April 2012

Es gibt unangenehme Gerüche, unbestreitbar. Viel zuviele Mittel, die im Haushalt verwandt werden, sind mit diversen Gestänken ausgerüstet, um die Nase zu traktieren und und vorsorgend wider ihresgleichen abzuhärten.
    In diesem Sinne ist es mit das Schlimmste, was einem Buch geschehen kann, wenn sein ihm eigentümlicher Geruch von einem anderen überlagert, ausgelöscht wird. Dann stinkt es im häufigsten Fall nach Rauch, gleich ob dem von Zigaretten, Zigarren oder Pfeifen. Empfindliche Riechorgane senden solche Bücher postwendend folienverschweißt retour. Auslüften ist sinnlos, unter einem Plastikzelt langsam aufgeblättert einem Parfüm aussetzen oder ähnliche Methoden sind zeitraubend.
    Einmal tat ich es mit einem Buch, das ich bei einem Kollegen erworben hatte, der einige Zeit zuvor einen Brandschaden zu beklagen hatte: Kinder hatte unter seinem Laden ein Feuerchen entfacht, und der Qualm davon seine Bücher geräuchert. Völlig habe ich den beißenden Höllenruch nicht entfernen können.
    Das einzige absichtlich parfümierte Buch, an das ich mich entsinne, ist die deutsche Erstausgabe von Stefan Themerson: „Professor Mmaa’s lecture“. Da ich das Buch während des Studiums im modernen Antiquariat erwarb, hatte es wohl schon einige Zeit auf dem Buchrücken; mir schien, als ginge der sanfte Termiten-anziehende Duft vom Falzbereich aus. Die englische Originalausgabe von 1953 ermangelt der künstlichen Odeur und riecht nur nach Papier, etwas alt, mit ganz wenig Holz im Hintergrund. Auf ihrem Schutzumschlag befindet sich vorn die Außenansicht eines Termitenhügels, hinten ein Querschnitt davon, was mich an Böcklins „Toteninsel“ denken läßt.
    Bereits im ersten Blogbetrag zu diesem Thema habe ich mich über moderne Druckfarben ausgelassen: sie riechen teils sehr unangenehm, überdecken somit alles andere, was sich am Buch ebenfalls geruchlich offenbaren möchte. Digidruck ist kaum so aufdringlich wie die Offsetfarben, vor allem jene der bunten Kataloge. Diese reine Chemiebeigabe möchte ich im Grunde von den buchtypischen, bucheigenen Gerüchen ausnehmen und zu den böswillig hinzugefügten Akzidentien rechnen. Bei frisch gestrichenen Fenstern oder Türen vielleicht per zeitweiliger Abwesenheit des Riechers erträglich, im Buch völlig unpassend. Zu meiner Freude bemerke ich, daß Steidls Nase ebenso empfindlich wie meine zu sein scheint: am jüngst erworbenen Photobuch nehme ich den cremigen Geruch des Papiers wahr. Enttäuschend dagegen der gestern eingetroffene Katalog eines englischen Kollegen: Farbtafeln mit dem Lösungsmittelgestank von Universalverdünner.
    Damit klar wird, was ich mit diesen Sätzen auszudrücken beabsichtige: die heutige Zeit steht auf immer stärkere Reize, die blutigen Fleischteile und Kadaverdarbietungen in diversen CSI- & Leichenbeschauer-Serien sind optisches Exempel. Nur meine ich, ganz im Widersinn zum Zeitlauf, daß die Sinne sinnlicher, empfänglicher werden sollten, geschult, nicht abgestumpft.

    PS
Ach, ja. Wie kam ich überhaupt auf die Idee, mich dieses Themas nochmals anzunehmen? Ein wohl allseits bekannter Herr namens Karl Lagerfeld hat mit Hilfe des Berliner Parfümeur Geza Schön ein Parfüm „Paper Passion“ kreiert, das Nuancen von Osmanthus und Moschus enthalten soll, und dem Duft neuer Druckerzeugnisse (siehe oben!) entsprechen, nicht etwa, wie der „Focus“ einfältigerweise zu bemerken beliebt, dem „modrigen Geruch, der alten Büchern oft anhaftet“ (man scheint bei ‚alten Büchern’ reflexartig an Grabbeigaben und Kellerverliese zu denken). Und weiter in dieser Oberflächenkratzerzeitschrift: „‚Papier riecht industriell, trocken und fettig’, beschreibt Schön.“ Oh, ja. so ist das, oder soll es sein, wenn man nicht hinriecht – und was bitte ist ein ‚industrieller’ Geruch, der nach Maschinenöl oder der von Robotern?
    Allein der Gedanke, Papier habe einen Geruch, ist eine Bucheslästerung. Papier ist so vielgerüchig wie seine Herstellungsmethoden. Und altes muß noch lange nicht unangenehm duften, sondern kann durchaus, wie in Folge eins beschrieben, dem Riechorgan wohltuend sein. Auch darum sammeln wir Bibliophile Bücher!

Hier die Geruchspur zu Teil I.

Wie werde ich zum Buchsüchtigen?

13. April 2012

Kurze Ratschläge zu einem erfüllten Drogenleben.

Aller Anfang ist klein, jedenfalls sollte er so sein: also bescheiden beginnen. Wer gleich ins volle geht, verpaßt die Entwicklung, und außer dem Weg gibt es kein Ziel (besser: das Ziel wird immer von neuem auf dem Weg entdeckt). Also Minibücher? Eine Möglichkeit, aber so wörtlich wollte meine anfängliche Bemerkung nicht genommen werden. Als Einstiegsdroge ist jedes Buch geeignet, das sein Opfer und damit zukünftigen Besitzer betört, sei es durch sein Äußeres, seinen Inhalt, oder das ihn umgebende Ambiente. Geben Sie nichts auf die Meinung anderer: Ihre ganz persönliche, Ihnen eigentümliche Sucht soll sich entwickeln.
    Zweitens. Lesen Sie über Ihre Erwerbungen, vertiefen Sie Ihr Wissen um das Erworbene mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Wikipedia könnte ein Anfang sein, ist aber so unbibliophil, daß ich es mit Schweigen strafen will. Bücher über Bücher sind die geeigneten Mittel, Sekundärwerke zum Autor, zur Epoche, zum Drucker, zur Typographie, zum Verleger – alles was Sie in die Finger bekommen können. Sie erobern sich ein Stück Land auf der noch zu zeichnenden Karte Ihres Buchkontinents: dort können Sie sich heimatlich führen und Ihre Schätze um sich gruppieren. Anders gedacht: Sie begeben sich mittels der über Ihre Bücher gelesenen Bücher auf einen Hügel, einen Aussichtsturm, von dem aus Sie Ihr Buchreich besser überschauen.
    So erweitern Sie mittels dieses kleinen Tricks Ihren bibliophilen Horizont, und neue Gelüste mögen ins Sichtfeld treten, sich Bahn verschaffen. Geben Sie nach, gehen Sie ihnen nach. Einiges wird sich als Sackgasse herausstellen, kein Problem, dafür gibt es Antiquare, die Sie von Ihrem Buchleid erlösen und für Nachschub an Buchfreude sorgen werden. Nach und nach wird sich die Landkarte vor Ihrem inneren Auge entfalten, und bislang unentdeckte Gefilde warten wie ein neues Amerika auf Sie (das ist übertrieben, aber ein unentdecktes Stubeneckchen ist immer drin).
    Nun können Sie Ihren Erwerbungsetat langsam, immer im Bereich des Möglichen, erhöhen, bessere Exemplare auf den Regalbrettern deponieren, achtgeben auf den Erhaltungszustand, auf die Schutzumschläge, auf die Einbände, und so weiter. Sie werden feststellen, daß Ihre Antennen, Tentakel, oder wie immer Sie diese neuen Fähigkeiten Ihrer Sinnesorgane bezeichnen mögen, empfindlicher geworden sind: Sie werden Details bemerken, die Ihnen früher entgangen sind, neue Qualitäten stellen sich Ihnen dar, ob es nun die Augen sind, die Unterschiede in der Typographie erschauen, oder die Nasenflügel, die sich erregt blähen beim sanften Geruch eines bestimmten Papieres, oder die Finger, die verliebt über die Oberfläche eines Leders oder das marmorierte Bezugspapier eines Einbandes streicheln. Egal, Ihre Sinne werden auf jeden Fall an Tiefe und Schärfe gewinnen.
    Bald werden Sie auf diesem Pfad an den ‚Point of no Return’ gelangen. Dann seien Sie willkommen in der unsichtbaren Loge der Buchabhängigen. Die in ihr ausgeübten Riten sind geheim, denn sie finden nur zwischen Ihnen und Ihren Büchern statt. Selten werden Gäste zugelassen, denn sie müssen sich der Bücher als würdig erweisen.

Ein „redendes“ Wasserzeichen

21. März 2012

Gestern fielen mir per Zufall die beiden von mir angebotenen dünnen Bücher der Hammersmith Publishing Society, die aus Cobden-Sanderson und seiner Frau bestand (1) , in die Hände. Es handelt sich um Drucke der Chiswick Press, gesetzt in Miller and Richard’s Old Style und gedruckt auf Batchelor’s Hammer & Anvil handgeschöpftes Bütten.
    Tidcombe, die in ihrer Bibliographie der Doves Press (2) die insgesamt sechs erschienenen Büchlein beschreibt, bildet leider nicht das Wasserzeichen ab. Dies sei hier nachgeholt: ein schönes, „redendes“ Wasserzeichen.

Hammer & Anvil Wasserzeichen

Hammer & Anvil Wasserzeichen der Hammersmith Publishing Society

(1) “…which was my husband and myself, in those days of enthusiasm at the end of the last century when we set out to convert the world to Socialism.” Annie Cobden-Sanderson in einem Brief an Albert M. Bender, 12. September 1926, zitiert nach Tidcombe, S. 233
(2) Marianne Tidcombe: The Doves Press. London: The British Library, 2002. Appendix 4, Seiten 233-234.

→ Hier finden Sie die beiden Buchbeschreibungen.

Zwei Pergamentbroschuren der Doves Bindery

9. März 2012

Als erstes fällt bei den Originaleinbänden der Doves Bindery um Drucke der Doves Press der Heftfaden ins Auge: farbige Seide, meist grün, bisweilen braun. Da wegen der Gefahr des Aufribbelns kein langer Faden benutzt werden kann, finden sich in den Büchern häufiger als sonst Knoten, wenn ein neues Stück Heftfaden an das alte geknüpft wurde, deren Enden sind schön zu kleinen Fächern aufgelöst.
    Die Vorsätze bestehen neben den fliegenden Blättern aus jeweils zwei, auf den durch ein kräftiges Bütten verstärkten Pergamentdeckel geleimten festen. Somit fällt beim Aufschlagen meist der Blick sofort auf den farbigen Heftfaden. Ausnahme ist z.B. ein dünnerer Druck wie “London”, bei dem das Vorsatz aus sechs Blättern besteht, von denen wieder zwei aufgeleimt sind. Bei den dickeren Bänden folgt auf die Vorsatzlage meist eine weitere aus weißen Blättern.
    Durch die Deckeleinlage sowie das verwandte, etwas stärkere Pergament sind die Broschuren der Doves Bindery nicht so flexibel wie die von Leighton um Drucke der Kelmscott Press.

    Coriolan: Vorsatz im Durchlicht, Deckel hinterlegt mit festerem Bütten, Rücken hinterklebt mit einem Streifen (Das im Deckel durchscheinende Kreuz ist eine sonst nicht sichtbare, weil unter dem Vorsatz versteckte Markierung des Buchbinders, um beim Einhängen vorn und hinten unterscheiden zu können):

Vorsatz im Durchlicht

Vorsatz im Durchlicht

    Die dünne Broschur von “London” im Durchlicht, auffallend die hier fehlende Rückenhinterklebung:

Deckel von "London" im Durchlicht

Deckel von "London" im Durchlicht

    Auch im Streiflicht wird der Aufbau des Deckels ersichtlich: die mit dem Vorsatz verklebten Heftbänder, die Hinterklebung.
    Streiflicht innen:

Vorsatz im Streiflicht

Vorsatz im Streiflicht

    Streiflicht außen:

Streiflicht außen

Streiflicht außen

    Die Heftung des Vorsatzes:

Heftung des Vorsatzes

Heftung des Vorsatzes

    Ist das als zweites verklebte Vorsatz minimal kürzer als das erstgeleimte, dann sieht man die Ränder beider:

Festes Vorsatz aus zwei weißen Blättern

Festes Vorsatz aus zwei weißen Blättern

    Knötchen der Heftseide innen im Buch:

Aufgefächerter Knoten

Aufgefächerter Knoten

Beschreibungen und bibliographische Nachweise zu → ”Coriolan” und → ”London”.

Eine Pergamentbroschur von 1892

4. März 2012

Das fünfte Buch der Kelmscott Press wurde als erstes in flexibles Pergament gebunden, erhielt als einziges einen kalligraphierten Rückentitel und ist als einziges auf durchgezogene Lederbünde geheftet.
    Bei den ersten Kelmscott-Büchern waren die Deckel innen mit dünner Pappe verstärkt, was zur Folge hatte, daß, falls sich das Pergament verzog, was es gern tut, die Deckel konkav wurden. Bei den unverstärkten flexiblen Einbänden zieht das Einbandpergament das Papier des festgeklebten Vorsatzes mit, sie bleiben meist gut in Form. Andererseits gab Morris die Lederbünde nach diesem Versuch auf und ließ seine Bücher, soweit in Pergament, auf Seidenbänder, wie sie hier als Bindebänder dienen, heften, die ebenfalls durchgezogen wurden, davon jeweils zwei oder, bei den größeren Bänden, drei so weit, daß sie an der Vorderkante wieder austreten und als Bindebänder dienen. Trotz seiner bisweilen ausschweifenden Ornamentierung gab Morris hier der Schlichtheit und Einheitlichkeit den Vorzug, manchmal, so scheint es, stand er beinahe dem Zen nahe.

    Die drei durchgezogenen Lederbünde:

Durchgezogene Lederbünde

Durchgezogene Lederbünde

    Die durchgezogenen Lederbünde sind innen verklebt. Etwas schwächer sichtbar ist die Hinterklebung aus breiten Papierstreifen zwischen den Bünden; sie dient dem Zugausgleich beim öffnen sowie der Stabilisierung des Einbandes, die Hinterklebung reicht vom Vordeckel über den Rücken des Buchblockes, an den sie geleimt ist, bis zum hinteren Deckel:

Festgeklebtes Vorsatz

Festgeklebtes Vorsatz

    Besser verständlich wird dieser Deckelaufbau in der Durchsicht:

Durchsicht Vorderdeckel, mit Bünden & Hinterklebung

Durchsicht Vorderdeckel, mit Bünden & Hinterklebung

    Die Heftung des Vorsatzes, der aus dem auf das Pergament geklebten festen Vorsatz und drei fliegenden Blättern besteht. Deutlich zu erkennen, daß der Heftfaden aus der Lagenmitte austretend in Form eines umgedrehten ‘U’ um den Bund geführt wird, um dann an anderer Stelle wieder in die Lage geführt zu werden. Diese Heftmethode wurde durchgängig, für alle Lagen dieses Buches angewendet.

Heftung des Vorsatzes

Heftung des Vorsatzes

    Die Bindebänder von außen gesehen:

Bindeband aus Seide, außen

Bindeband aus Seide, außen

    Die Bindebänder von innen gesehen, samt ihrer Verklebung dort:

Bindeband, innen verklebt

Bindeband, innen verklebt

Buchbeschreibung und bibliographische Angaben finden Sie → hier.

Initiale

Initiale

Das Buch im Zeitalter seiner technischen Reduzierbarkeit

1. März 2012

Was ist ein Buch? Aufeinandergestapelte Palmblätter? Eine Papyrusrolle? Ein Foliant aus Pergamentblättern? Eine Handschrift? Ein Druckerzeugnis? Eine Antiquität? Ein Gebrauchsgegenstand? Ein Kunstobjekt? Ein Ding für die Tasche?
    Es ist all das und mehr.
    Was tut ein Buch? Es steht oder liegt herum. Es will angesehen werden. Es will aufgeschlagen werden. Es will gelesen werden. Es will berochen werden. Es will gefühlt werden. Es will verstanden werden.
    Ein Buch bedarf besonderer Behandlung. Huysmans’ Des Esseintes ließ seine Lieblingsbücher eigens für sich drucken und passend zu ihrem Inhalt binden – etwas extrem, aber nachvollziehbar; früher wurden Bücher häufig in Interimsheftung angeboten, auf daß der Käufer sie nach seinem oder des Buchbinders Geschmack kleiden ließ. Vermehrt sich das eine Buch und wird zu einigen oder gar vielen, so gerät ihre Ordnung in den Regalen und Vitrinen zum Spiegelbild des Geisteszustandes ihres Besitzers. Daher werden sie von Zeit zu Zeit umsortiert. Ein Buch will gepflegt werden. Es will entstaubt werden. Es stellt Bedingungen für seine Aufbewahrung: senkrecht oder waagrecht, in der Hand oder in der Jackentasche.
    Ein Buch ist mehr als die Summe seiner Bestandteile. Es ist mehr als sein Einband, mehr als sein Schutzumschlag, mehr als sein Papier, mehr als seine Blätter, mehr als die Buchstaben auf seinen Seiten, mehr als die verwandte Schrifttype, mehr als seine Typographie, mehr als seine Illustrationen. Es ist dasjenige, bei dem alle Bestandteile aufeinander einwirken, ein Gesamtkunstwerk en miniature. Morris nannte seinen Chaucer eine ‚pocket cathedral’.
    Dinge, mit denen wir uns ständig umgeben, werden zu Selbstverständlichkeiten, wir hinterfragen sie nicht mehr, sondern nehmen sie hin. Und doch stellt uns jedes Buch die Frage nach seinem und unserem Sinn. Beschäftigen wir uns nicht mit unserer, i.e. auch mit der Bücher, Vergangenheit, so gehen wir unserer selbst verlustig. So wie wir im Älterwerden, in den Falten und ergrauenden Haaren, trägt ein Buch seine Vergangenheit mit sich. Manche Menschen verflachen in ihrem Altern, andere vertiefen sich; ähnlich die Bücher, je älter, desto weniger selbstverständlich sind sie, sie müssen mit jeder ihrer Eigenheiten genossen werden.
    Trotzdem könnte mancher Buchliebhaber Des Esseintes einen Fehler vorwerfen: Nur Bücher, die wir mehrmals lesen, die wir abschreiben, gehören uns ganz. Ein mir wichtiges Buch habe ich mehrmals abgeschrieben. William Morris schrieb einige Texte in Schönschrift ab, Charles Fairfax Murray und Graily Hewitt malten die Miniaturen, Burne-Jones lieferte die Vorlagen, Leighton oder Cobden-Sanderson schufen die Einbände: Gemeinschaftsgesamtkunstwerke. Noch anfangs des 20. Jahrhunderts war es üblich, Gedichte oder kleine Texte auf Bütten zu schreiben – für sich oder Freunde.
    Es gibt zwei Arten von Büchern: quasi objektive und persönliche. Unsere Kaufauswahl ist der erste Schritt der Wandlung des objektiven zum persönlichen Buch. Wir entwenden es der Masse distanziert vor uns plazierter Bücher und nehmen es in die Hand, lassen die Seiten durchgleiten, lassen den Blick hie und da verharren, einige Zeilen entziffern. Gehört es zu uns? Wird es uns bereichern? Bisweilen zerbricht die Beziehung nach den ersten Seiten oder Kapiteln, andere Male braucht es Zeit, sich gegenseitig kennenzulernen. Einige Male währt das Einvernehmen ein Leben lang.
    Hinterlassen wir Spuren im Buch? Manche von uns. Krümel von Keksen oder Tabak, Zeitungsausschnitte, garstige Markerstreifen, Eselsohren, Kringel, Unterstreichungen, flüchtige Randnotizen, Marginalien in sauberer Schrift, Korrekturen, Ergänzungen, Besitzeinträge, Exlibris, Widmungen, Schenkungseinträge. Wir halten Zwiesprache mit dem Buch. Ist es alt, Zwiesprache nicht nur mit ihm, sondern zusätzlich mit all den Sedimentierungen in ihm.
    Wie wird ein Buch beseitigt? Es wird es in die Ecke geworfen, in die Mülltonne, zerrissen, mit anderen zusammen als Tischbein benutzt, als Schlafunterlage, als Einwickelpapier, zum Antiquar getragen. Selbst im unerwünschten Zustand verlangt das Buch von uns Entscheidung über sein weiteres Schicksal und dementsprechendes Handeln.
    So. Und das alles sollen wir für digitalen Salat auf Display aufgeben? Delirant isti fabricatores*.
 

* fabricator, i.e. ordinis instrumentorum electronicorum praeparator.

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