Archiv für 'Antiquarisches'Kategorie

Versandbuchhändler gleich Antiquar?

22. Mai 2012

Heute im „Börsenblatt“ zu lesen:
    „In Ulm gab die AG Versandbuchhandel des Börsenvereins bekannt, dass sie mit Wirkung zur Frankfurter Buchmesse mit der AG Antiquariat im Börsenverein fusioniert. Auf der Messe werde dann auch ein neuer Vorstand gewählt. Wie Werner Schroeder, Vorstand in der AG Versandbuchhandel, sagte, habe man sich dazu entschlossen, weil die Interessenlage von Versandbuchhändlern und Antiquaren inzwischen nahezu identisch sei. Auch Antiquare handelten heute überwiegend im Netz, und hätten somit die gleichen Probleme zu lösen, die sich etwa aus dem Widerrufsrecht ergäben. Im Übrigen, so Schroeder, sei heute jeder Buchhändler, der einen Webshop betreibe, auch Versandbuchhändler.“
    Katzen haben vier Beine, Hunde haben vier Beine, also sind Hunde Katzen. Und nun werde ich aufgrund dieser haar- & hirnsträubenden Logik von meinen zahlreichen Katzenliebhaberinnen auf Facebook entfolgt, entfreundet und gekatzenhaart werden.
    Falls sich die Gemeinsamkeiten unter den Versandbuchhändlern und Antiquaren wirklich nur auf dies beschränken, das Handeln im Internetz samt seinen kleinen Rechtsfallen, dann sollten auch die Internetz-Whisky-Händler dem Bund schnellstmöglich beitreten, denn ohne ihre Droge läßt es sich eh bald nicht mehr aushalten.
    Das größte Problem der sich im Internetz tummelnden Antiquare ist ihre Abhängigkeit von den Plattformen, auf denen sie sich präsentieren – samt den sich dort gleichfalls, doch eigentlich nicht gleichwertig, auf ihnen tummelnden Nebennebenberufsaltpapierverwertern. Und das kann dieser Zusammenschluß nicht angehen, da die Versandbuchhändler es nicht kennen – und hoffentlich nicht kennenlernen werden.
    Wie bereits oft konstatiert ist diese Abhängigkeit selbst geschaffen oder per Nachlässigkeit ermöglicht. Die Damen und Herren Kollegen fühlten sich wohl auf den von Plattformen geschaffenen Ruhekissen, bis letztere ihre Stacheln zeigten. Da war es dann zu spät. Karma.
    Ein anderes, auch bei dieser Gelegenheit erwähnenswertes Problem der Antiquare ist das Schwinden ihrer Käuferschicht aus dem gesellschaftlichen Diskurs ebenso wie aus dem Blickfeld – am sichtbarsten an den decouvrierenden Bücherwänden von Politikern, wenn sie sich mal, was selten geworden ist, davor ablichten lassen. Es herrscht Unverstehen, was die Vergangenheit anbelangt, und antiquarische Bücher gehören dieser nunmal per definitionem an. Ärger noch, es ist Nachlässigkeit und Unwille der Vergangenheit gegenüber: was scheren die Wurzeln der Gegenwart, sie ist doch da?
    Und auf diese krumme Weise erlangt die reine Textpräsentation eines Goethe-Werkes auf einem E-Buchlesegerät gleichen Stellenwert wie die erste Ausgabe dieses Buches. Das Umfeld, das, wie ebenfalls hier bereits beschrieben, gleichwertig zur Information, zum Kontext des Buches gehört, schwindet dahin. Übrig bleiben Wörter, die hoffentlich nicht in ‚alter’ Schrift, denn man mag sie ja nicht lesen, möglichst in reformierter Reform-Unorthographie, vorbeirauschen.
    Versandbuchhändler mit Frischbüchern verkaufen entweder die Hits der Saison, Sachbücher oder bisweilen selbst Klassikerausgaben ad usum Delphini oder Dummerchen, und all das für Leute, die mit der Zeit gehen, weil sie den rechten Gang verlernt haben und den gestrigen Pfad, auf dem sie ins Licht der Geschichte traten, nicht mehr sehen. Nichts verkaufen sie für Menschen, die sich den Quellen, den Erstausgaben, der Ästhetik alter Drucke oder der Pressendrucke hingeben, nichts für jene, die neben dem heut grad aktuellen Zeitlauf stehen.
    Und derart unterschiedliche Verhältnisse und gleichfalls unterschiedliche Kundenschichten ergeben nichts Gemeinsames, sondern nur ein Nebeneinhertraben mit sich vergrößerndem Abstand.

Berliner Antiquariatstag

20. Mai 2012

Einige Impressionen vom heutigen Berliner Antiquariatstag:

Die interessante Deckenarchitektur des Ausstellungsraumes

Die interessante Deckenarchitektur des Ausstellungsraumes

Der Antbo-Stand

Der Antbo-Stand


Zur Antbo-Seite.

Pirckheimer-Gesellschaft & Berliner Bibliophilen Abend

Pirckheimer-Gesellschaft & Berliner Bibliophilen Abend


Pirckheimer-Gesellschaft
Berliner Bibliophilen Abend

Einbände von Roland Meuter, bemalt von Madeleine Heublein

Einbände von Roland Meuter, bemalt von Madeleine Heublein

Einband von Roland Meuter mit Fore-Edge-Painting von Madeleine Heublein

Einband von Roland Meuter mit Fore-Edge-Painting von Madeleine Heublein


Die Homepage von Herrn Meuter.

Hamburger Hafen, Photographie von BC Richter

Hamburger Hafen, Photographie von BC Richter


Weitere schöne Photographien finden Sie auf der Seite von Frau Richter.

Glücklicher Kollege

Glücklicher Kollege

Durch diese Rohre werden die Bücher zu ihren neuen Besitzern gebeamt.

Durch diese Rohre werden die Bücher zu ihren neuen Besitzern gebeamt.

Stöbern II

11. Mai 2012

Einige Weile habe ich mich dem Wörtchen „Stöbern“ auf meiner Angebotseite verweigert, und lieber kühler klingendes wie „Ähnliche Suchen“ verwandt. Mag sein, daß ich – als ordentlicher Mensch – eine gewisse Abneigung gegen die beim Stöbern mitschwingende Unordnung des Durchstöberten mit mir schleppe, auch daß jegliche Anarchie dem strukturierten Ergebnis einer Datenbankabfrage grundsätzlich zuwiderläuft: Datenbanken sind das Ordentlichste überhaupt, sie sind indiziert und klappern, wenn korrekt befragt, eindeutige Ergebnisse auswerfend skrupellos vor sich hin.
    Eine Datenbank entspricht einem Laden voller Regale, auf denen die Bücher eigentlich konfus herumliegen, doch beim Eintreten des Kunden sich auf dessen Wunsch hin auf den Brettern gruppieren: hier die Geographie, dort die Literatur, dort die Vitrinen. Beim geringsten Räuspern des potentiellen Käufers eilen sie, sich neu zusammenzufinden: hier die schönen Einbände nach den Farben des Regenbogens, dort die illustrierten Werke, fein nach Illustratoren von A bis Z in Reih und Glied stramm stehend.
    Das sinntragende Räuspern ist notwendig, damit die Daten alias Bücher wissen, wie sie sich zu gliedern haben. Was dann auf der Angebotseite sich als ‚Stöbern’ präsentiert, sind eigentlich vorgegebene Räusper, die auf freundliches Linkklicken den Kunden durch den Bücherirrgarten geleiten. Für eigene Wünsche sind die Suchseiten da, sie hocken wie Schalterhäuschen oder Infostände nahe des Einganges und nehmen die Anfragen entgegen.
    Doch ist das Charakteristische am Stöbern gerade eine gewisse Ziellosigkeit, die sich überraschen lassen möchte, ein gewisses Offensein für Neues, sogar die Bereitschaft, das Zielgerichtete fallen und sich vom Augenblick verführen zu lassen.
    Früher betrat der Buchgeneigte einen Laden, mir schwebt beim Tippen dieser Sätze ein leider lange schon geschlossener in der Fasanenstraße vor Augen, dort lagen haufenweise Bücher auf dem Boden, Gesangbücher diverser Konfessionen in ihren schwarzen Trauergewändern, an den Wänden Regale mit Literatur, im zweiten Raum an die Mauern montierte Bretter und mittig, nur schmalen Durchgang gewährend Standregale. Überall dort lagerte die englische Literatur, und ich begab mich stöbernderweise auf die Suche nach den Everyman’s-Rücken. Fand ich nichts oder trieb es mich bereits mit Bücher beladen weiter, begab ich mich in eines der anderen Geschäfte, ließ meinen Blick schweifen und ging bisweilen mit einem hübschen Einband als Dreingabe davon.
    Auf solche Weise erhält der Sucher manchmal das Gewünschte, ein anderes Mal etwas, das knapp neben oder fern von seinen derzeitigen Interessen liegt und erst später seinen wahren Wert entschleiert.
    Das erinnert mich daran, daß ich früher über meinem Schreibtisch an der Wand die einem Auktionskatalog entwendete Abbildung eines Klee-Bildes hängen hatte: „Engel bringt das Gewünschte“.
    Der Engel des Stöberns ist ein eigenwilliger. Manchmal, nein häufig, schlägt er uns Schnippchen, indem er uns Bücher vor die Nase hält, die uns irgendwie ansprechen, wir wissen, ahnen nur noch nicht, wie und warum – spätere Tage mögen uns aufklären.

Stöbern I

10. Mai 2012

„besonders nach büchern stöbern, unter alten beständen und in heimlichen ecken nach büchern, documenten oder sonst erinnerungen der vergangenheit suchen. die sphäre macht deutlich: die johannisbeerhecken lachen uns aus, dasz wir bei ihrem duft in solchem alten moder stöbern Gutzkow ritter vom geiste 1, 76; bei meiner vorliebe, in altem gerümpel zu stöbern Seidel vorstadtgeschichten 120; nur zum vorwande stöberte er in einer ecke, als habe er dort etwas zu suchen Polenz Büttnerbauer 1, 112; insbesondere: er (Kovachich) reist … und stöbert in allen archiven nach diplomen und handschriften Jacob Grimm an Wilhelm 365; der oheim hatte eine ziemlich starke bibliothek, in der ich nach gefallen stöbern und lesen durfte, was ich wollte E. Th. A. Hoffmann 10, 90, vgl. auch: Jamud hatte sich die ersten vier jahre hindurch wenig um die bibliothek gekümmert, oder es war ihm nicht eingefallen, darinnen herum zu stöbern Jung-Stilling 6, 124; solche jagd wird im einzelnen geschildert: er … stöberte zwischen den bestaubten bänden Storm 2, 190 (vgl. aus Schleiermachers leben 2, 173); daneben noch deutlicher und auch gebräuchlicher: beim stöbern unter alten büchern Strausz 7, 300; so kann sie kommen und unter den büchern stöbern, wie sie es wohl mag, wenn der herr nicht zu hause ist M. Beer werke 777; unterdesz sasz die schulkranke Laura in ihrem stübchen und stöberte unter den alten liederdrucken Freytag 7, 111; auch nach münzen stöbern Dahlmann in dem briefwechsel mit Jac. und Wilh. Grimm 1, 462; vgl. sie lungern ganze tage auf dem markt und auf der burg herum, stöbern alte sachen aus dem schutt Mörike 3, 99; zuletzt auch er stöberte in seinen taschen Vischer auch einer 1, 77;

er faszt das brod und kann’s nicht theilen
und stöbert, sucht mit wirrem eilen
in allen taschen

Droste-Hülshoff
2, 41.“

Jacob und Wilhelm Grimm: „Deutsches Wörterbuch“, XIX,4-5.

Homepage & Katalog

3. Mai 2012

Was unterscheidet die Angebotseite eines Antiquars von einem gedruckten Katalog? Naheliegend: dasselbe wie ein Ebuch von einem gedruckten: es hat Verweise, einfachstenfalles das Inhaltsverzeichnis mit den Links zu den Kapiteln, ein Klick darauf ersetzt den seitenblätternden Daumen; vorteilhafter ist ein integriertes Wörterbuch, das dem Leser mittels Fingertappen auf ein Wort bei fremdsprachigen Texten Erläuterungen bzw. Übersetzungen bietet.
    Bei der Angebotseite gilt es, die Vorzüge netzartiger Verknüpfung zu nützen, um die Zusammenhänge einzelner Bucheinträge miteinander aufzuzeigen: Bildung und Wissen bestehen nicht aus jeweils vereinzelt für sich stehenden Brocken, sondern stellen sich durch den historischen und persönlichen Lernprozeß als miteinander verknüpfte wie aufeinander bezogene Orte einer individuellen Landkarte dar. Was wir in unserer Büchersammlung mittels der Anordnung auf den Brettern, durch Lesezeichen, Bestandskatalog sowie Notizen ausdrücken, kann im Netz durch Verweise wesentlich einfacher und zugleich vielschichtiger dargestellt werden: jedes einzelne Werk ist Knoten innerhalb eines Netzes aus Wissen, Inspiration, Tradition.
    Das en détail nachzuvollziehen ginge über Kräfte und Fähigkeiten des Antiquars; es bleibt sein persönlicher Ansatz, bestimmte Verknüpfungen auszuwählen, also zu bevorzugen, andere zu unterschlagen oder zu übersehen. So lange er darin mit seinen Kunden einig ist, stellt dies kein Problem dar. Doch wäre es etwas besser, über den Rand des Eigentopfes hinauszublicken und auch andere Sinnverknüpfungen zuzulassen, heißt, mehr auf die Bücher einzugehen und sie zu Worte kommen zu lassen.
    Wir als Teil jener Menge aus Buchmenschen haben uns, bedingt durch die technische Entwicklung, auf das Abenteuer eingelassen, vielleicht bereits in wenigen Jahren oder Jahrzehnten antiquierte Objekte mittels einer modernen Technik unter die Menschen zu bringen. So lange und so weit es uns möglich ist, sollten wir den Fortschritt nutzen, unsere Relikte des Gestern ins Morgen zu retten. Der Antiquar ohne Verständnis für die neuen Möglichkeiten könnte sich selbst abschaffen. Die Problematik, soweit ich sie aus meiner Erfahrung mit Programmierern kenne, liegt in der Verständigung: der Altpapierhändler ahnt nicht, was möglich ist; der Programmierer denkt in seinen Bahnen und kann daher seinem Auftraggeber die Verbesserungsmöglichkeiten garnicht erst aufzeigen. Ergebnis sind Listen als Ausflüsse einer schlecht verwalteten Datenbank oder graphisch überladene Oberflächen – noch erstaunlicher, wie sich bisweilen hinter einer wohldesignten Fassade einfachste Programmierung samt langweiligen Listen versteckt.
    Praktisch: jedes Buch in ein Gebiet zu verfrachten und sich im weiteren auf die Suchfunktion der Datenbank und die Ausdauer des Suchenden zu verlassen, halbblind aus dem Bücherhaufen die für ihn geeigneten Blätter zu fischen, bedeutet, an den Möglichkeiten des Netzes vorbeizudenden. Stöbern gleicht dem Garten der Pfade, die sich verschlingen. Lesen wir ein Buch, das uns bereichert, so tut es dies über seine Grenzen hinweg, indem es uns auf neue Fährten setzt. Gleiches muß für die Angebotseiten gelten, indem sich das Einzelangebot mittels der Verweise als Teil zahlreicher ihm eigentümlicher Schnittmengen darstellt.
    Wir müssen das Stöbern im Laden zwischen den Bücher auf den vielen Regalbrettern durch das auf der Angebotseite ersetzen lernen und es zugleich auf eine neue Ebene transponieren; lernen, nicht nur akute Bedürfnisse zu befriedigen, so gut es geht, sondern neue zu erwecken.

Bücher riechen II

21. April 2012

Es gibt unangenehme Gerüche, unbestreitbar. Viel zuviele Mittel, die im Haushalt verwandt werden, sind mit diversen Gestänken ausgerüstet, um die Nase zu traktieren und und vorsorgend wider ihresgleichen abzuhärten.
    In diesem Sinne ist es mit das Schlimmste, was einem Buch geschehen kann, wenn sein ihm eigentümlicher Geruch von einem anderen überlagert, ausgelöscht wird. Dann stinkt es im häufigsten Fall nach Rauch, gleich ob dem von Zigaretten, Zigarren oder Pfeifen. Empfindliche Riechorgane senden solche Bücher postwendend folienverschweißt retour. Auslüften ist sinnlos, unter einem Plastikzelt langsam aufgeblättert einem Parfüm aussetzen oder ähnliche Methoden sind zeitraubend.
    Einmal tat ich es mit einem Buch, das ich bei einem Kollegen erworben hatte, der einige Zeit zuvor einen Brandschaden zu beklagen hatte: Kinder hatte unter seinem Laden ein Feuerchen entfacht, und der Qualm davon seine Bücher geräuchert. Völlig habe ich den beißenden Höllenruch nicht entfernen können.
    Das einzige absichtlich parfümierte Buch, an das ich mich entsinne, ist die deutsche Erstausgabe von Stefan Themerson: „Professor Mmaa’s lecture“. Da ich das Buch während des Studiums im modernen Antiquariat erwarb, hatte es wohl schon einige Zeit auf dem Buchrücken; mir schien, als ginge der sanfte Termiten-anziehende Duft vom Falzbereich aus. Die englische Originalausgabe von 1953 ermangelt der künstlichen Odeur und riecht nur nach Papier, etwas alt, mit ganz wenig Holz im Hintergrund. Auf ihrem Schutzumschlag befindet sich vorn die Außenansicht eines Termitenhügels, hinten ein Querschnitt davon, was mich an Böcklins „Toteninsel“ denken läßt.
    Bereits im ersten Blogbetrag zu diesem Thema habe ich mich über moderne Druckfarben ausgelassen: sie riechen teils sehr unangenehm, überdecken somit alles andere, was sich am Buch ebenfalls geruchlich offenbaren möchte. Digidruck ist kaum so aufdringlich wie die Offsetfarben, vor allem jene der bunten Kataloge. Diese reine Chemiebeigabe möchte ich im Grunde von den buchtypischen, bucheigenen Gerüchen ausnehmen und zu den böswillig hinzugefügten Akzidentien rechnen. Bei frisch gestrichenen Fenstern oder Türen vielleicht per zeitweiliger Abwesenheit des Riechers erträglich, im Buch völlig unpassend. Zu meiner Freude bemerke ich, daß Steidls Nase ebenso empfindlich wie meine zu sein scheint: am jüngst erworbenen Photobuch nehme ich den cremigen Geruch des Papiers wahr. Enttäuschend dagegen der gestern eingetroffene Katalog eines englischen Kollegen: Farbtafeln mit dem Lösungsmittelgestank von Universalverdünner.
    Damit klar wird, was ich mit diesen Sätzen auszudrücken beabsichtige: die heutige Zeit steht auf immer stärkere Reize, die blutigen Fleischteile und Kadaverdarbietungen in diversen CSI- & Leichenbeschauer-Serien sind optisches Exempel. Nur meine ich, ganz im Widersinn zum Zeitlauf, daß die Sinne sinnlicher, empfänglicher werden sollten, geschult, nicht abgestumpft.

    PS
Ach, ja. Wie kam ich überhaupt auf die Idee, mich dieses Themas nochmals anzunehmen? Ein wohl allseits bekannter Herr namens Karl Lagerfeld hat mit Hilfe des Berliner Parfümeur Geza Schön ein Parfüm „Paper Passion“ kreiert, das Nuancen von Osmanthus und Moschus enthalten soll, und dem Duft neuer Druckerzeugnisse (siehe oben!) entsprechen, nicht etwa, wie der „Focus“ einfältigerweise zu bemerken beliebt, dem „modrigen Geruch, der alten Büchern oft anhaftet“ (man scheint bei ‚alten Büchern’ reflexartig an Grabbeigaben und Kellerverliese zu denken). Und weiter in dieser Oberflächenkratzerzeitschrift: „‚Papier riecht industriell, trocken und fettig’, beschreibt Schön.“ Oh, ja. so ist das, oder soll es sein, wenn man nicht hinriecht – und was bitte ist ein ‚industrieller’ Geruch, der nach Maschinenöl oder der von Robotern?
    Allein der Gedanke, Papier habe einen Geruch, ist eine Bucheslästerung. Papier ist so vielgerüchig wie seine Herstellungsmethoden. Und altes muß noch lange nicht unangenehm duften, sondern kann durchaus, wie in Folge eins beschrieben, dem Riechorgan wohltuend sein. Auch darum sammeln wir Bibliophile Bücher!

Hier die Geruchspur zu Teil I.

Notiz

20. April 2012

Kleiner Frühjahrsputz auf meiner Angebotseite. Programmier-Spinnweben hinter den Bildern und Regalen aufgescheucht, Div-Vitrinen entstaubt, ein paar alte Anschlagtafeln (wie haben die nur so lange überdauert?) zerschlagen, Rahmen um die virtuellen Bilder gewischt und auch zum Teil neu gestrichen, Knöpfe poliert, sogar stellenweise die Wände neu tapeziert. Selbst die Galerien sind etwas stolperfreier als zuvor begehbar.
    Und nun scheint die Sonne, sowohl draußen wie auf der Seite.

Notiz

15. März 2012

Einige kleine Neuerungen auf meiner → Angebotseite:
    Dieses Blog ist nun integriert, Sie können es von jeder Seite aufrufen, den Verweis (Link) dazu finden Sie auf der Startseite beim Kopf des „Don Quijote“ sowie in den Fußzeilen jeder Unterseite, rechts außen neben dem zum Buchwörterbuch.
    Jedem Bucheintrag sind in der vorletzten Zeile unter dem Titel „Ähnliche Suchen“ Möglichkeiten zum Stöbern beigegeben: Sie können dort weitere Titel dieses Autors, andere Bücher aus dem Gebiet sowie zu ausgewählten Stichwörtern finden.
    Für Ratschläge und Mißfallenäußerungen der gemäßigten Art habe ich stets ein offenes Ohr bzw. einen empfangsbereiten elektronischen Briefkasten.

Zwei Pergamentbroschuren der Doves Bindery

9. März 2012

Als erstes fällt bei den Originaleinbänden der Doves Bindery um Drucke der Doves Press der Heftfaden ins Auge: farbige Seide, meist grün, bisweilen braun. Da wegen der Gefahr des Aufribbelns kein langer Faden benutzt werden kann, finden sich in den Büchern häufiger als sonst Knoten, wenn ein neues Stück Heftfaden an das alte geknüpft wurde, deren Enden sind schön zu kleinen Fächern aufgelöst.
    Die Vorsätze bestehen neben den fliegenden Blättern aus jeweils zwei, auf den durch ein kräftiges Bütten verstärkten Pergamentdeckel geleimten festen. Somit fällt beim Aufschlagen meist der Blick sofort auf den farbigen Heftfaden. Ausnahme ist z.B. ein dünnerer Druck wie “London”, bei dem das Vorsatz aus sechs Blättern besteht, von denen wieder zwei aufgeleimt sind. Bei den dickeren Bänden folgt auf die Vorsatzlage meist eine weitere aus weißen Blättern.
    Durch die Deckeleinlage sowie das verwandte, etwas stärkere Pergament sind die Broschuren der Doves Bindery nicht so flexibel wie die von Leighton um Drucke der Kelmscott Press.

    Coriolan: Vorsatz im Durchlicht, Deckel hinterlegt mit festerem Bütten, Rücken hinterklebt mit einem Streifen (Das im Deckel durchscheinende Kreuz ist eine sonst nicht sichtbare, weil unter dem Vorsatz versteckte Markierung des Buchbinders, um beim Einhängen vorn und hinten unterscheiden zu können):

Vorsatz im Durchlicht

Vorsatz im Durchlicht

    Die dünne Broschur von “London” im Durchlicht, auffallend die hier fehlende Rückenhinterklebung:

Deckel von "London" im Durchlicht

Deckel von "London" im Durchlicht

    Auch im Streiflicht wird der Aufbau des Deckels ersichtlich: die mit dem Vorsatz verklebten Heftbänder, die Hinterklebung.
    Streiflicht innen:

Vorsatz im Streiflicht

Vorsatz im Streiflicht

    Streiflicht außen:

Streiflicht außen

Streiflicht außen

    Die Heftung des Vorsatzes:

Heftung des Vorsatzes

Heftung des Vorsatzes

    Ist das als zweites verklebte Vorsatz minimal kürzer als das erstgeleimte, dann sieht man die Ränder beider:

Festes Vorsatz aus zwei weißen Blättern

Festes Vorsatz aus zwei weißen Blättern

    Knötchen der Heftseide innen im Buch:

Aufgefächerter Knoten

Aufgefächerter Knoten

Beschreibungen und bibliographische Nachweise zu → ”Coriolan” und → ”London”.

Eine Pergamentbroschur von 1892

4. März 2012

Das fünfte Buch der Kelmscott Press wurde als erstes in flexibles Pergament gebunden, erhielt als einziges einen kalligraphierten Rückentitel und ist als einziges auf durchgezogene Lederbünde geheftet.
    Bei den ersten Kelmscott-Büchern waren die Deckel innen mit dünner Pappe verstärkt, was zur Folge hatte, daß, falls sich das Pergament verzog, was es gern tut, die Deckel konkav wurden. Bei den unverstärkten flexiblen Einbänden zieht das Einbandpergament das Papier des festgeklebten Vorsatzes mit, sie bleiben meist gut in Form. Andererseits gab Morris die Lederbünde nach diesem Versuch auf und ließ seine Bücher, soweit in Pergament, auf Seidenbänder, wie sie hier als Bindebänder dienen, heften, die ebenfalls durchgezogen wurden, davon jeweils zwei oder, bei den größeren Bänden, drei so weit, daß sie an der Vorderkante wieder austreten und als Bindebänder dienen. Trotz seiner bisweilen ausschweifenden Ornamentierung gab Morris hier der Schlichtheit und Einheitlichkeit den Vorzug, manchmal, so scheint es, stand er beinahe dem Zen nahe.

    Die drei durchgezogenen Lederbünde:

Durchgezogene Lederbünde

Durchgezogene Lederbünde

    Die durchgezogenen Lederbünde sind innen verklebt. Etwas schwächer sichtbar ist die Hinterklebung aus breiten Papierstreifen zwischen den Bünden; sie dient dem Zugausgleich beim öffnen sowie der Stabilisierung des Einbandes, die Hinterklebung reicht vom Vordeckel über den Rücken des Buchblockes, an den sie geleimt ist, bis zum hinteren Deckel:

Festgeklebtes Vorsatz

Festgeklebtes Vorsatz

    Besser verständlich wird dieser Deckelaufbau in der Durchsicht:

Durchsicht Vorderdeckel, mit Bünden & Hinterklebung

Durchsicht Vorderdeckel, mit Bünden & Hinterklebung

    Die Heftung des Vorsatzes, der aus dem auf das Pergament geklebten festen Vorsatz und drei fliegenden Blättern besteht. Deutlich zu erkennen, daß der Heftfaden aus der Lagenmitte austretend in Form eines umgedrehten ‘U’ um den Bund geführt wird, um dann an anderer Stelle wieder in die Lage geführt zu werden. Diese Heftmethode wurde durchgängig, für alle Lagen dieses Buches angewendet.

Heftung des Vorsatzes

Heftung des Vorsatzes

    Die Bindebänder von außen gesehen:

Bindeband aus Seide, außen

Bindeband aus Seide, außen

    Die Bindebänder von innen gesehen, samt ihrer Verklebung dort:

Bindeband, innen verklebt

Bindeband, innen verklebt

Buchbeschreibung und bibliographische Angaben finden Sie → hier.

Initiale

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