[Vorbemerkung: Dies ist ein sehr persönliches Thema. Nasen sind eigentümlich und zieren nur ihren Besitzer. Darum lagerte der Beitrag lange Wochen auf der Festplatte und gärte geruchlos vor sich hin. Ich übernehme keinerlei Verantwortung für leserische Riecherlebnisse anderer zweibeiniger Nasenwesen.]
Gleich zu Beginn: mein Sony-Reader riecht nicht, weder das Metall, noch das Anzeigefenster, noch die Rückseite. Ist das nun ein Vorteil oder nicht? (S.u.)
Anders angefangen. Meine Schlafenslektüre ist ein Shelley, „Minor Poems“ aus dem Jahre 1880, gedruckt auf handgeschöpftes Bütten. Ich erhielt es in einem recht unpfleglich behandelten Original-Pergamentband, den ich durch flexibles Maroquin ersetzte, damit es den schläfrigen Fingern wohltut. Der Geruch des Papiers ist unvergleichlich: frisch, mit einem ganz leicht würzigen Unterton, papierig, ohne Holz, aber mit Faser.
Dies Buch besitze ich nochmals, in einem englischen Ganzmaroquinband der Zeit, mit anderem Geruch, weil beinah ohne ihn. Haftet der Duft des Buches also nicht dem Papier an? Hat der damalige Buchbinder den Geruch wie Teufel ausgetrieben?
Anders angefangen, wirklich am Anfang: Da ich eine evangelische Grundschule besuchte, waren der Erwerb und Besitz eines Gesangbuches Pflicht. So kam ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Dünndruckpapier in Nasenkontakt, Persia, um genau zu sein. Nehmen Sie einen Dünndruckband zur Hand und tauchen sie ein. Winkler-Klassiker, Hanser oder Biblisches, es bleibt sich gleich. India riecht noch etwas feiner, wird aber leider seltener verwandt. Schade daß das Dünndruckpapier des Deutschen Klassiker Verlages weniger riecht; ob die moderne Druckfarbe, dies schwache Schwarz, daran schuld ist?
Weitere Bücher, die ähnlich bis gleich meiner Schlafenslektüre riechen, sind die Drucke der Kelmscott Press, so lange sie in ihren Originaleinbänden aus Pergament oder leinenrückigen Pappbänden verwahrt werden. Doves ist weniger deutlich, aber kommt dem nahe.
Bei Drucken des sechzehnten Jahrhunderts hängt ihr Geruch scheints mehr vom verwandten Leim als vom Papier ab. Würzig, bis salzig, mit einem Hauch von Zerfall – so geht auch die Zeit in die Nase mit ein.
Einmal besaß ich einen Klassikerband des siebzehnten Jahrhunderts, ebenfalls in einem Pergamentband, er wies den frischesten Duft auf, den ich je an einem alten Band wahrnehmen durfte, beinah pflanzlich, etwas frühlingshaft.
Die beiden Shelley-Bände, die ich vor kurzem erwarb, sind mit dem typischen Albion-Geruch ausgestattet, dumpf, feucht, leicht mufflig, kellerig. Let it be, es scheint zu ihnen zu gehören. „Alastor“ hingegen, auf diesem herrlichen Whatman-Papier, hat einen adligen, dezenten, cremigen Ton auf der Geruchskala.
Bei Büchern zwischen etwa 1920 bis 1960 fällt mir auf, daß englische und amerikanische Papiere besser riechen, nicht mehr so intensiv wie die um 1800, aber gediegen, cremig mild, doch bestimmt; bei deutschen sind ähnliche Nasenerfahrungen zu machen, doch ich bevorzuge die amerikanischen Wohlgerüche.
Neue deutsche Papiere, vor allem dies unausweichliche Werkdruck oder ärger noch glattgestrichene Offset riechen selten, sie werden aseptisch, meist ist die Druckerfarbe unangenehm stechend und übertönt alles; Kunstdrucke und Kollegenkataloge schießen die Nase ab, im wahren Wortsinne.
Mir scheint – dies als vorläufiges Ergebnis der Beriechungen – der Papiergeruch hängt vom Papier, dessen Material und Verleimung ab, er wird erhalten durch vorzügliche Lagerung, gestört bis vernichtet durch feuchte, schlechte Lagerung sowie aufdringliche, jedes Ursprüngliche übertönende Pesthauche wie Raucherqualm, Brände etc.
PS
Natürlich fällt dem Leser ebenso wie mir auf, daß unsere Sprache ihre Begriffe für Gerüche aus anderen Bereichen stiehlt und schamlos dem konkurrierenden Sinn unterjubelt. Und im eigentlichen Sinne, falls es den geben sollte, ist obiges Geschreibsel nur die Aufforderung an den Leser, die eigene Nase in Bewegung zu setzen: stecke er sie ins Buch!
PPS
Gestern abend, begleitet vom langweiligen Fernsehprogramm, durchwühlte ich Bücher zum Thema japanische Lackwaren. Der Leser möge sich anhang einschlägiger Werke selbst ein Bild davon machen oder ein Museum besuchen, noch besser die Gelegenheit nützen und seine eigene Sammlung zwischen den tastend liebkosenden Fingern begutachten. Dabei stieß mir der Unterschied zwischen jenen hölzernen, lackbeschichteten und kunstvoll intarsierten wie bemalten Kästchen und – Tupperware auf: welch ein kultureller Fortschritt vom ästhetischen Alltagsobjekt zum Verbrauchsmaterial des gesetzlich genormten Verbrauchers.
Lege man also versuchsweise eine Aldine neben ein Taschenbuch und einen Reader. Was ergibt ein sinnliches Vergleichen mittels Tasten, Betrachten und Riechen?