Das Buch

24. Januar 2012

Das Buch, so wie wir gewohnt sind, es in die Hände zu nehmen und vor die Augen zu halten, hat seinen Ursprung, seine Geschichte, seine Entwicklung – und vielleicht auch sein Ende. Die Verschriftlichung von Gedanken ist jedoch ein Abenteuer, das die Menschheit noch lange begleiten wird: so lange, wie wir in Wörtern und Bildern denken.
    Die ersten Bücher bestanden, möglicherweise zwei verbundenen Wachstäfelchen nachempfunden, aus einer Lage, also aus gefalzten Blättern, im Falz durch Schnüre, Lederstreifen oder ähnliches zusammengehalten. Als das nicht mehr genügte, wurden mehrere Lagen zusammengeheftet, schließlich mit den senkrecht zu den Lagen verlaufenden Bünden zum Codex vereint. Diese Form bestimmte die nächsten Jahrhunderte. Moderne maschinell geheftete und gebundene Bücher sehen dem Codex immer noch ähnlich, sie kommen zwar ohne Bünde aus, benutzen jedoch das Prinzip, mittels des Heftfadens die Lagen zu verbinden, oder sie halten die einzelnen Bögen, die Heftfäden bei jeder Schlaufe abgeschnitten, nur noch mittels Klebers beieinander, eigentlich ein Rückschritt, dessen konsequente Fortführung die Klebebindung ist, bei der einzelne Blätter an einer der Schnittkanten zusammengeleimt sind.
    Aber gleich, wie das Buch äußerlich oder technisch gestaltet wird, ob es mittels des Handsatzes gedruckt wurde oder durch digital gespeicherte Schriften im Offset-Verfahren, sein Inhalt sind Buchstaben, die sich zu einem Text verbinden; sind Bilder beigefügt, begleiten oder erweitern sie das Geschriebene.
    Und seit die romantischen Schriftsteller Shakespeares Idee, im Text in der einen über eine andere Textebene zu reflektieren, aufgenommen haben, reflektieren die Wörter über sich; seit es langt, Fragmente oder Cut-up-Prosa zu veröffentlichen, die der Leser nach seinem Gutdünken zusammensetzen mag, seit Romane mit mehreren Anfängen oder Enden verfaßt werden, seitdem liegt auch die mitgestalterische Rolle des Rezipienten in der Luft: er mag sein Eigenes beifügen, den Textverlauf abändern, neue Handlungstränge einführen.
    Zudem gibt es spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts Tendenzen, das Buch durch mehr als beigegebene Illustrationen zu erweitern, seine Textverhaftung zu überwinden: ins Dreidimensionale: die ausklappbaren Bücher – ins Musikalische: beigegebene Schallplatten oder CDs – ins gesprochene Wort: beigegebene Tonträger – in den Geruchsinn: parfümierte Bücher.
    So gesehen sind die Möglichkeiten digital gespeicherter elektronischer Bücher, dem Text aus Buchstaben einen Metatext aus Bildern, Filmen und Tonspuren hinzuzufügen, nur die Erweiterung bereits bestehender Möglichkeiten, ein Fortführen des Begonnenen.
    Und doch, allen Mühen zum Trotz, unser Leseleben der Digitalisierung zu unterwerfen, bleiben unsere Augen analog, unser Entziffern bleibt analog wie unser Verstehen: wir nehmen den Inhalt der Wörter, Bilder und Töne unabhängig davon auf, wie sie uns entgegentreten. Krititische Ohren bemerken den Unterschied zwischen Schallplatte und CD, kritische Augen den zwischen Buchdruck, Offset und Bildschirm. Aber dies gehört zum Genußempfinden, das eingeübt und gepflegt werden muß.

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