Der Antiquar als Photograph

19. Januar 2012

Heute las ich, Kodak habe Insolvenz angemeldet. Die Firma, Erfinderin des Fotofilms sowie des Kleinbildformates, habe die Digitalisierung der Photographie zwar begleitet und auf diesem Sektor sogar einige grundlegende Patente, aber sich nicht rechtzeitig umgestellt.
    Anlaß mich zu erinnern, wie es früher um die Katalogabbildungen stand. Nach der Auswahl der Bücher ging es zur „Dunkelkammer“ in der Grolmanstraße, Film kaufen, ob Kodak oder Fuji hing vom Angebot ab. Abends dann, bei Lampenlicht wurden die Bücher drapiert und portraitiert. Möglichst mußte, um Verluste zu vermeiden, der Film abgeknipst werden. Dann mit einem dem Photoapparat entrissenen Kleinbildfilm, 6 mal 9 war schon außer Mode, wieder zum Laden, entwickeln und einen Kontaktbogen erstellen lassen. Nach ein paar Tagen war es soweit, wieder im Geschäft konnte ich die guten von den schlechten Bildern scheiden und Abzüge in Auftrag geben. Je nachdem wurden schließlich die Einbände mit Schere und Geduld freigestellt, oder ein wenig Hintergrund gelassen.
    Besonders in Erinnerung bleiben mir zwei Kataloge, beim einen übernahm eine Freundin, die an der Film- und Fernsehakademie studierte, die photographischen Mühen: einen Tag vorher rückte ein Kommando ein, das mir den Flur mit Lampen, Kisten, Kabeln &c vollstellte. Ich fürchte, die Aufnahmen verbrauchten soviel Strom wie die Scheinwerfer eines Theaterabends.
    Ein andermal kam der Drucker selbst; es handelte sich um Katalog 50, der besonders schön werden sollte. Der Aufwand war etwas bescheidener, die Photos schienen gut – doch soffen im Offsetdruck auf Werkdruckpapier ab und zeigten sich im Endprodukt als schwärzliche, kontrastarme Suchwolken.
    Trotzdem hatte die ‚analoge’ Photographie etwas Anrührendes, etwas von Handarbeit und Badezimmerdunkelkammer. Neulich, in der Ausstellung „Russischer Piktorialismus 1900 – 1930“ gab es zahlreiche Bromöldrucke zu bestaunen, ein Umdruckverfahren, das uns Megapixel-Vernarrten völlig ungeeignet erscheinen muß, da dabei auch das Papier eine sichtbare Rolle spielt: teils überlagerte oder hinterlegte die Büttenstruktur das Bild.
    Nun, meine digitale Photographie befindet sich in der zweiten Generation und tendiert zur dritten, nach der Sony- und der Lumixkamera. (Was hatte ich eigentlich für einen Photoapparat? Er ist, im Gegensatz zu meinem kindlichen ersten, der vorn noch eine Ziehharmonika ausfuhr, bis auf seine Farben, silbern und schwarz, im Gedächtniswirrwarr entschwunden. [Canon. Bemerkenswert, wie das Erinnerungsvermögen aus irgendeinem Vorrat seine eigenen Schuldigkeiten begleicht.]) Nun ist alles viel einfacher, und jeder Kunde, der ein paar Abbildungen möchte, erhält sie beinah sofort. Meist, günstiges Tageslicht vorausgesetzt, ist nachbearbeiten kaum erforderlich.
    Die Welt ist visueller geworden, die Beschreibungstexte werden weniger als früher gelesen, weniger verstanden. Ich habe den Eindruck, daß die Leute sich auch weniger Mühe geben, da es so einfach ist, Bilder zu erhalten – man geht wohl gern den einfachen Weg. Auf der anderen Waagschale liegt der Wundertüteneffekt: große Freude beim Entpacken, wenn der blaue Maroquineinband sich als besonders schön vergoldet herausstellte, viel schöner als in dürren Katalogworten beschrieben.

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