Archiv für Dezember, 2010

Begegnungen mit bemerkenswerten Katalogen. Folge IV. Fock: Aldus.

31. Dezember 2010

Das moderne Buch ist Träger von Wissen, Poesie, Literatur – nur noch in begrenztem Bereich Vermittler religiöser Anschauungen. Der Ursprung dieser eher weltlichen Tendenz unseres Schrifttums ließe sich durchaus in der europäischen Antike, speziell in Griechenland, finden: nirgendwo sonst treten uns anteilmäßig so zahlreich Dichtung, Drama, Komödie, Satiren, Traktate, Philosophie, Mathematik und Wissenschaften entgegen.
    Nahm der mittelalterliche Leser Lektüre mit auf die Reise, oder um sich Wartezeiten zu vertreiben, so bestand diese – außer er war wohlhabend und gebildet genug, sich für lateinische Klassiker oder zeitgenössische Lyrik zu interessieren (1) – meist aus Gebetbüchern kleinen Formates. So gab es im Frankreich des 15. Jahrhunderts eine schwungvolle Handschriftenproduktion an Laienbrevieren und kleinoktavformatigen (Perl-)Bibeln.
    Das Spätmittelalter und die Renaissance brachten in ihrer Bezugnahme auf die Antike eine Interessenverlagerung. Fortan – sehen wir von den unfruchtbaren reformatorischen Streitigkeiten, die viele Druckwerke produzierten, ab – bestand ein Bedarf an klassischer Bildung, es konnte Griechisch unterrichtet und gelernt werden, die volkssprachliche Literatur trat gleichberechtigt neben jene in Latein.
    Der Untergang des byzantinischen Reichs hatte neben all dem Unheil, das ihm folgte, wenigstens ein Gutes für die Geistesgeschichte: die Entsendung (2), dann die Flucht griechischer Gelehrter ins freie Europa, nach Italien. Sie brachten Codices mit sich, übersetzten sie, lehrten Griechisch, verfaßten Grammatiken: kurz, die antike Bildung, bis zu dieser Zeit meist über Umwege und fragmentarisch vermittelt, konnte, soweit sie die frühchristlichen Säuberungen überstanden hatte, rezipiert werden.
    Zwei Ausstellungskataloge haben sich dieser Thematik gewidmet: M. Manoussakas & K. Staikos: The Publishing Activity of the Greeks During the Italian Renaissance. Athens, 1987. Und sein deutsches Pendant: Graecogermania. Griechischstudien deutscher Humanisten. Die Editionstätigkeit der Griechen in der italienischen Renaissance. Weinheim &c, 1989.
    Bei beiden Neuerungen, der Einführung kleinformatiger Bücher wie der Verbreitung griechischen Denkgutes, ist die Rolle des venezianischen Verlegers und Druckers Aldus Manutius (1449-1515) nicht fortzudenken. Ab 1501 druckte er Bücher im kleinen Oktavformat, das in etwa dem unserer Taschenbücher entspricht, die überallhin mitgenommen werden konnten, ohne daß der Leser sich oder seinen Diener mit Folianten beschwerte. Als Schrift diente platzsparenderweise eine Kursive, die der Handschrift der Humanisten nachempfunden war, enger lief, so daß mehr Text auf der Seite untergebracht werden konnte. (3)
    Der Entwicklung griechischer Drucktypen hatte sich Aldus bereits zuvor gewidmet. (4)
    Zu diesem tritt die ästhetische Ausgewogenheit, ja Schönheit seiner Werke. Zwar beklagte mancher Geizkragen sich über die breiten Ränder oder die relativ hohen Preise, doch Studierende, Leser und dann Sammler haben sich daran selten gestört: die Satzgestaltung erleichterte das Lesen, die breiten Ränder das Kommentieren, Annotieren, Korrigieren.
    Auch wenn eine aldinische Buchbinderei zu Venedig zweifelhaft ist, so wurden die meisten Bücher, sofern sie ihre studentischen Benutzer nicht mit einfachem wie preisgünstigem Pergament umhüllen ließen, gut, sogar schön gebunden. Arabische Künstler hatten die Technik des Ledervergoldens in Europa eingeführt, so daß nicht allein mehr Blindprägung oder Lederschnitt zur Verfügung standen, das Buchäußere zu verzieren.
    Selbst als die – trotz ihrer bisweilen recht spärlichen Grundlagen sorgfältig edierten – Texte überholt waren, da durch neue Editionen, die auf zuvor unentdeckten Handschriften aufbauten, ersetzt, fanden die mittlerweile antiquarisch gehandelten Aldinen überall auf der zivilisierten Welt Anklang, Liebhaber, Sammler. Indiz, daß ästhetische Werte verläßlich sind und die Zeiten überdauern.
    Einer der Kataloge, die einer Aldinensammlung gewidmet sind, ist der des Leipziger Antiquariats Gustav Fock, erschienen 1933: „Books Printed by Aldus Manutius and His Successors a.D. 1495-1601. From the Collection of Count Ludwig von der Pahlen.” Die Sammlung wurde um die Welt geschickt, denn amerikanische Sammler hatten ein großes Budget und holten nicht nur Shakespeares, sondern auch Elzeviers und Aldinen über den Teich; so lesen wir weiter: „On Exhibition for the Zamorano Club Los Angeles“. (5) Eine Sammlung, die in relativ kurzer Zeit, zwischen den Jahren 1870 und 1880, in England angelegt wurde und neun Zehntel der Aldinischen Gesamtproduktion des genannten Zeitraumes umschloß. Zweifellos wäre dies heute, trotz Internetzes, beinah unmöglich. Leider weist der Katalog neben Textabbildungen nur vier s/w Kunstdrucktafeln und ein Frontispiz auf, so daß für Bilder von Seiten und Einbänden auf andere Publikationen verwiesen sei. (6).
    Abschließend möchte ich die immer noch gültige Bibliographie von Antoine Auguste Renouard erwähnen: Annales de l’imprimerie des Aldes ou histoire des trois Manuce et de leurs éditions. Troisième édition. Paris: Jules Renouard, 1834.

(1) Beispiele u.a. in J.J.G. Alexander & A.C. de la Mare: The Italian Manuscripts in the Library of Major J.R. Abbey. London: Faber and Faber, 1969.
(2) Manuel Chrysoloras (1353-1415) wurde 1393 vom byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos nach Westeuropa entsandt. Auf letzteren geht das → ‚Papstzitat’ zurück, das bei einigen immer noch Anstoß erregt.
(3) “Octavo Sizes and Prices”. In: Harry George Fletcher III: New Aldine Studies. Documentary Essays on the Life and Work of Aldus Manutius. San Francisco: Bernard M. Rosenthal Inc., 1988. p. 88 sqq.
(4) Nicolas Barker: Aldus Manutius and the Development of Greek Script & Type in the Fifteenth Century. Second edition. New York: Fordham University Press, 1992.
(5) 178 Seiten incl. Verfasserregister; ergänzt durch ein Supplement, das nicht allen Exemplaren beigebunden ist, auf den Seiten 179-186.
(6) Suzy Marcon & Marino Zorzi: Aldo Manuzio e l’ambiente veneziano 1494-1515. Venedig, 1994. Und: Luciano Bibliazzi & al.: Aldo Manuzio tipografo 1494-1515. Florenz, 1994. Beide mit s/w Abbildungen von Titelblättern und Seiten, der erste auch mit farbigen Einbandabbildungen, der zweite mit solchen handgemalter Initialen und Verzierungen.

Jugendmedienschutz-Staatsvertrag

8. Dezember 2010

Die bisherigen Beiträge zum Jugendmedienschutz-Staatsvertrag berücksichtigen m.E. nicht genügend die Entstehung von Suchergebnissen auf Homepages und Plattformen.

Es sind nicht nur einzelne Listen bzw. Kataloge betroffen, das Problem ist komplizierter, da sich die freundlichen Epitheta des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages auf einzelne (Buch-)Angebote beziehen, die nicht nur in Listen, die aufgrund einschlägiger Suchbegriffe ausgegeben werden, auftreten können, sondern auch bei völlig harmlosen Abfragen innerhalb einer sonst ebenfalls völlig harmlosen, jugendfreien Liste aus z.B. Kinderbüchern.

Also müßten die zu inkriminierenden Einträge einzeln gekennzeichnet werden (ab 16, ab 18) und zögen die jeweils entsprechende Alterseinstufung der gesamten Ergebnisliste mit sich – oder man blendete jene Bucheinträge von vornherein aus und machte sie nur auf besonderen Wunsch und unter den nötigen Vorbehalten zugänglich.

 
Nachtrag.
Wie simpel die Anwendung werden wird, kann → hier (PDF) studiert werden.

Il faut cultiver notre jardin

3. Dezember 2010

Lassen Sie mich mit Selbstverständlichkeiten beginnen. Verständigung geschieht stets mittels Zeichen. Sind diese nicht gemeinsame, miteinander geteilte, folgt Mißverständnis. Die Zeichen allein tragen den Drang zum Bedeutungslosen in sich, erst in einem System entwickeln sie sich zum Sinntragenden, ihre Bezüge untereinander bedingen ihre Inhalte, deren Relationen und deren Gewichtung. Fast immer werden die Bezugsysteme von Zeichengeber und -empfänger unidentisch sein. Doch bedingt der Grad des Abweichens die Qualität des Verstehens bis hin zum Mißverstehen.
    Was die Antiquare (hinzuzufügen wären: Archäologen, Antiquitätenhändler, Historiker etc) und den Rest der Gesellschaft angeht, so bewegen sich ihre jeweiligen Zeichensysteme seit einigen Jahrzehnten auseinander. Das liegt an den veränderten Interessen, dem Bildungstand, der Verlagerung von Materialqualität auf Marken, dem Schwinden des Handwerklichen und dessen Ersatz durch Massenware. Während dem Antiquar samt seinen Leidensgenossen ein in den Grenzen des neuzeitlich Möglichen einheitliches, überliefertes Zeichensystem zukommt, gerät das des um ihn liegenden Gemeinwesens ins Beliebige: Floskeln, Zeichenhülsen, Neusprech werden grad noch von politischer Korrektheit tingiert, ohne daß alchemistisches Gold diesem Experiment mit Menschen entstiege. Ohne gemeinsamen Nenner, den nicht die Sprache allein abgeben kann, sondern zu dem gleichfalls das gemeinsame Wertesystem zu rechnen wäre, gerät jede Gesellschaft zur auf einem Ort versammelten Menge, die babylonisch verwirrt einander mißversteht, ohne das zugeben zu wollen. Im Sinne der politischen Korrektheit verordnete Begriffe sind keine Zeichen, mit denen es sich verständigen ließe, sondern Erkennungsmerkmale, etwa wie die ins Revers gesteckte Blume. Im Sinne des Marktes und seines Sprachrohrs, der Werbung, propagierte Begriffe sind einzig Hinweiszeichen, Pfeile, die auf einen Gegenstand zu erzeugender Begierde hinweisen, also wird das Fortbewegungsmittel nicht ‚Auto’ benannt, sondern nach der Marke und deren immanenter Sortierung; das Taschentuch, das die Tränen der Kreditabhängigkeit fortwischen soll, nach der Schnelligkeit des Wischvorganges, dem sich auch die restlichen Sinneseindrücke unterwerfen sollen, um dem steten Wechsel Platz zu geben, der das Wirtschaftsleben in Schwung hält.
    Ob nun das Unterhaltungsbuch, das in seiner heutigen Form als Massenobjekt den kleinsten gemeinsamen Nenner von Schriftlichkeit darstellt, in seiner papierenen Variante Überlebenschancen haben wird, läßt sich noch nicht vorhersagen; ich bin der Meinung: wenig, da es zweckmäßigerweise durch ein noch flüchtigeres Medium, als es das übelgedruckte, schlechtgebundene Buch bereits darstellt, angemessener repräsentiert würde.
    Ähnliches dürfte für das Gebrauchsbuch gelten, dessen Inhalte von der Dauer wissenschaftlicher Moden, technischen Fortschritts abhängen und bereits heutzutage durch Datenbankstrukturen im Netz besser dargestellt werden: Wörterbücher, Wikis, Archive etc.
    Der bibliophile Bereich, dort wo das gemeinsame Zeichen- und Wertesystem gefordert ist, wird sich wohl entsprechend dem der Kunst und Antiquitäten fortbilden, ohne allzusehr am Kursverhalten der Megakunstobjekte teilhaben zu können, die von ihrem Eigentlichen zu Anlagegegenständen verkommen, denen kaum ein genießender Anblick gegönnt wird, da sie in den Tresoren am gebührendsten ihre Wertsteigerungsphase fristen. Dem alten Buch, das seit geraumer Zeit vorliegt, fehlt dieser, der heutigen Wirtschaft eigene Drang ins Fort, ins Mehr, ins Irgendwo: es ist da, es bewahrt, es gibt kaum mit sich an, es trägt kein Markenzeichen, seine Materialien kein Gütesiegel: all dies ist nur mit Spürsinn zu erforschen – und der will am Objekt geschult sein. Womit eben auch der Kundenkreis der Antiquare umrissen wäre; jener Stand, dem Bildung im alten Sinn mitgegeben wurde, der über genügend Geld und Muße verfügt, sich dem Buch zu widmen und seine inhaltlichen, ästhetischen Tiefen auszuloten. Daß dieser Kundenkreis zum Schrumpfen neigt, ist aus dem Gesagten selbstverständlich.

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