Archiv für Juli, 2010

Speisung der Bücherwürmer

29. Juli 2010

Den Einwand zu meinem vorigen Beitrag aufgreifend, es handele sich bei der Bibliophilie um Luxus, möchte ich bemerken: der Mensch mag auch von Astronautennahrung leben – allein, ob er es mag, das bleibt die Frage, die uns ebenso quälen sollte, wie die nach Sein und dessen Verneinung, den hohlen Kopf noch in der Hand und das Haupt melancholisch gebeugt ob der Zeitläufte.
    Der Mensch mag unter den – nachträglich empfunden – unmöglichsten Umständen sein Überleben finden, allein: lohnt es sich, ist es stilvoll, ist es sein Innerstes, das mit ihm in Einklang steht, und harmonisiert es mit ihm?
    Leben betrachtet als die – möglicherweise einmalige – Gelegenheit zu lernen, die Fähigkeiten zu schärfen, zu einer Vollkommenheit, soweit sie uns in unsern engen Grenzen verstattet ist, zu streben – Leben so betrachtet folgt einem Ziel, einer Richtung, ist kein dauernder, immer wieder pseudo-neu einsetzender Anfall von Spaßgesellschaft.
    Ob die Frage, Astronautennahrung sei eines der Ziele moderner spaßiger Unterhaltungsgesellschaft, weil schnell und folgenlos zu verspeisen, verursache kein Magendrücken und sei verdauungsförderlich, ob diese Frage ernsthaft gestellt werden sollte, bleibt dem halbwegs unbefangenen Leser anheimgestellt, mir will sie nicht so recht von der Feder gehen, Zeugs aus der Tube, Zeugs aus dem Bildschirm, Eipadsch, Kündel, mag ja ganz nett die Augennerven hinabgleiten, indes, ob es den Menschen dahinter erreicht, bliebe mir zweifelhaft.
    All unsere Kultur in den paar Jahrtausenden, die wir uns anstrengen, Kultur zu erschaffen, hieß, Bedeutungen bedeutungsvoller zu gestalten, uns wie das Um-Uns tiefer zu ergründen, auf den Schultern unserer uns überragenden Vordenker zu stehen, um weiter zu blicken als sie. Nicht nur die Kochkünste haben seit Marcus Gavius Apicius einiges an Verfeinerung erfahren, auch die Umgangsformen, läßt man die zeitweiligen Rückfälle einmal außer acht, sind allgemein betrachtet etwas besser geworden.
    Kultur stellt sich mir als ein Fortschreiten auf dem Pfad der Verfeinerung dar, Rückschläge inbegriffen, denn nur das, dessen wir verlustig gehen, betrauern wir im Verlust, da es uns der Lust, die daraus ermöglicht wurde, nun ermangelt.
    Will irgendwer wirklich ein Plastiktütchen am Morgentisch, und eins zu Mittag, noch eins zu Abend zwischen den Fingern ausquetschen wie Hohlraum, in den Mund drücken, weil dieser Atavismus uns noch nicht verlassen hat, darin Denkorgan, Händen, Füßen etc gleich? Oder den umständlichen Weg des morgenlichen Brot- oder Brötchenschneidens, bebutterns, mit Marmelade krönens, samt dem dazugehörigen Morgenkaffee oder –tee?
    Man sollte an dieser Stelle spätestens beginnen, mir vorzuwerfen, ich sei konservativ (ja, mit Freuden), den Neuerungen unaufgeschlossen (na, nicht allen), ich sollte mich doch lieber dem Lauf der Dinge anpassen (warum? liegt darin ein Wert?).
    Es ist Abend, als ich dies verfasse, der Computer folglich seinen nächtlichen Elektroträumen überantwortet, und schreibe diese Zeilen mit einem Füllfederhalter (keine Schleichwerbung!), der den Namenszug eines von mir verehrten Schriftstellers auf seine Kappe graviert trägt (genug der Andeutungen!) in eine Kladde auf angenehm glattes Schreibpapier. Vieles, vieles davon viel besser als ich es je verzapfen werde, ist auf diese Weise niedergelegt worden. Meine Schreibgeschwindigkeit versucht, sich der Denkgeschwindigkeit anzupassen, was bisweilen zu überhasteten, beinah unleserlichen Krakeleien führt – wichtiger noch: meine Denkgeschwindigkeit muß sich der lahmen, zögerlichen Hand angleichen, Pausen einlegen, überdenken, bisweilen sehen die Augen ins Leere, der Gedankenstrom ruht, schaut in sich.
    Dasselbe beim Lesen. Plötzlich verbinden sich Zeilen mit ihren Vorgängern ein paar Seiten zuvor, oder die Finger blättern bis zu den Anmerkungen, ein Finger tut sich als Lesezeichen-Surrogat zwischen die Blätter; ich nehme das Buch auf, gehe mit ihm umher, zu anderen Büchern, nur in die Küche, um Getränkenachschub zu holen. Das Buch begleitet mich, und mehr noch, es bereichert mich und meine ästhetischen Tentakel, da es mir mehr bietet als die Buchstaben, allein nämlich ein Gefühl in den Augen, ein Gefühl in den Fingern, Nachdenken über die Titelgestaltung, über die Typographie, beim Betrachten seiner Illustrationen. Ist es eine Erstausgabe, so gleiten meine Träumereien hin und wieder ab zum Verfasser: hat er es so in seiner Hand gehabt, hat er hineingeschaut, was dachte er bei sich, seine Gedanken auf diese Weise gedruckt zu sehen? Trägt das Buch seine Signatur oder, besser noch seine Widmung, so hat er es in seiner Hand gehalten, hat er hineingeschaut, was dachte er bei sich, handelte es sich nur um eine Gefälligkeit auf einer Lesetournee, oder kannte er den Widmungsempfänger, wie stand er zu ihm?
    All das, was sich in der Zeit mit dem Buch, das ich in der Hand halte – Lesepause, Finger zwischen den Blättern – was mich, Steigerung des Genusses, handelt es sich um ein antiquarisches Buch, mit den Lesern vor mir verbindet, all das soll ausgelöscht werden durch die frugalen Zeichen auf einem Bildschirm?
    Nein, wir sollten die Kunst, Bücher zu schreiben, Bücher zu drucken, Bücher zu binden, weiter vervollkommnen, um die geistige Nahrung noch schmackhafter werden zu lassen, noch kultivierter. Kultur als Versuch, die Genüsse zu verfeinern, vielfältiger, möglichst auch tiefer, tiefsinniger werden zu lassen, baut auf den besten Leistungen der Vorfahren auf, sieht sich als Glied in der Kette, deren Ende wir nicht zu erblicken vermögen – und deswegen bewahrt sie immer; trotz aller bilderstürmerischen Anfälle, die uns von Zeit zu Zeit packen, bewahrt sie das, was ihr überliefertes Fundament ist: die menschliche, die uns angemessene, uns bereichernde Art und Weise, die Welt zu sehen.

Was macht den Bibliophilen aus?

25. Juli 2010

Das Verstehen.
Die Auswahl.
Die Qualität.

Der Bibliophile sollte den Zwang zu sammeln hinter sich gelassen haben. Aus Sammelzwang entstehen nur Anhäufungen. Aus dem Verstehen des eigenen Ansatzes wie der geistesgeschichtlichen Entwicklung (siehe Bodmer) können Präferenzen gesetzt werden, die nicht allgemein verbindlich sind, doch persönlich gestaltend. Das schließt die rückwirkende Gestaltung der Persönlichkeit durch das Sammeln bzw. die Sammlung ausdrücklich mit ein.
    Die Auswahl ergibt sich aus den persönlichen Präferenzen. Bibliophilie ist formschaffend, formgebend.
    Die Qualität ergibt sich aus der genannten Weise des Verstehens in Zusammenwirken mit buchgeschichtlichem wie materialkundlichem Wissen.

Text – nur Text?

14. Juli 2010

Wir könnten, angeregt durch die technische Entwicklung hin zum immateriellen, digitalen Lesefutter, beginnen, Überlegungen anzustellen, was uns ein Buch wirklich ist. Nur Text?
    Text, der während jener lang vergangenen Zeiten vor schriftlicher Niederlegung memoriert und mündlich weitergegeben wurde, gehorcht anderen grammatischen und semantischen Strukturen als Geschriebenes. Noch heute merkt man z.B. den Buddhareden an, daß sie einige hundert Jahre mündlich tradiert wurden: Wiederholungen, feste Formeln, Begriffsreihenfolgen, u.s.w. Dazu die Kniffe der Mnemotechnik wie Räume mit Bildern, Fernstern, Statuen oder auch nur die Dekansternbilder. Reim hilft beim Auswendiglernen, war aber nicht unbedingt Bestandteil früher Lyrik. Versmaß wie Ein- und Ausatmen, der Puls der Zeilen, bringt die Wörter in den Takt, macht sie zusammen mit Assonanzen und Alliterationen musikalisch. Gedicht – auch gute Prosa – heißt, immer mehrere Strukturen in der sichtbaren zu verbergen.
    Befindet sich der Text auf einem Schreibmaterial, gleich ob Stein, Ton, Papyrus, Pergament oder Papier, so wird bedeutungsvoll, wo er sich befindet, wo sich seine Bestandteile, die Wörter, die Zeilen auf der Seite befinden. Ich denke, nicht allein Menschen mit bildlichem Gedächtnis speichern die Orte der Wörter und Illustrationen mit diesen ab; auch könnte in Erwägung gezogen werden, daß manche von uns das Ganze – gleich ob Grabstein, Autokennzeichen, Druckseite – erst als Bild wahrnehmen und die darin enthaltenen Zeichen danach entschlüsseln. Daher die Seitenränder, Blocksatz, linksbündig, zentriert, daher die Verse, die Zeilen der Prosa, die kursiven Wörter, die fettgedruckten. Auch die Art der Type, Fraktur, Antiqua, Mischformen, beeinflußt unser Lesen.
    Die Art der Materialien liefert uns weitere optische Hinweise: Verlauf der Tinte, Schwärze der Druckfarbe, Haut- oder Fleischseite des Pergaments, Struktur sowie Farbe des handgeschöpften Papier bis hin zum Wasserzeichen. Als nächstes die von der Zeit hinzugefügten Zeichen: Brüchigkeit, Bräunung, Stockflecken, Geruch schaffen ein ‚Klima’, das den Inhalt mit Metainformationen anreichert. Selbst die Flecken oder Krümel sind Hinweise, nämlich auf frühere Benutzer, von den Anstreichungen und Annotationen ganz abgesehen.
    Kann ich dies mit dem Eindruck vergleichen, den wir auf den ersten Blick von einer neuen Bekanntschaft gewinnen, und jenem anderen, der uns durch langjährige Freundschaft mit jemandem verbindet? Wie nehmen immer ganze Büschel von Informationen wahr, die dann in einem zweiten Schritt sortiert und in vorhandene bzw. erlernte Schemata geordnet werden.
    Ohne dieses, ihr Umfeld trocknen die Informationen ein, werden klinisch weißgründig. Und das, fürchte ich, wird den Texten geschehen, werden sie auf Lesegeräten rezipiert.

Dem Tage gewidmet

11. Juli 2010

Hölderlin stellt dem zweiten Band des ‚Hyperion’ ein Zitat aus ‚Ödipus auf Kolonos’ von Sophokles voran:

„Nie geboren zu sein:
Höheres denkt kein Geist!
Doch das Zweite ist dieses:
Schnell zu kehren zum Ursprung.“

(1225 sqq., viertes Standlied des Chores, Gegenstrophe, deutsch von Ernst Buschor.)
    Aristoteles definiert in der ‚Poetik’ das Tragische als jenes, das durch Mitleiden und Furcht die Katharsis bewirkt. Wo könnte Tragisches sich besser ausgedrückt finden als in diesem Zitat, da aus der Betrachtung der Wirklichkeit, so wie sie sich uns darbietet, so wie sie auf uns ihre Wirksamkeit entfaltet, die Folgerung gezogen wird.
    Die Sehweise hat einiges mit der des Buddha gemein: die Bestandteile buddhistischer Weltsicht (samskara) sind vergänglich und leidvoll. Der Aspekt des Vergänglichen wird von Sophokles in einigen, auf das Zitat folgenden Zeilen behandelt: Jugendleichtsinn schwindet, Leiden bricht herein, Streit, und endlich das kraftlose Alter. Der Buddha wurde durch die, in der Überlieferung dramatisch geschilderte, Begegnung mit Krankheit, Alter und Tod in die Hauslosigkeit getrieben. Während der Inder also einen Weg ersieht, begeht und der Tradition zufolge zu einer Art der Befreiung gelangt, gibt es bei Sophokles – und damit bei Hölderlin auch – keine Erlösung. Das Dasein ist durch sich tragisch, seine Umstände sind nicht lösbar, weil unablöslich im Menschsein inbegriffen, der Mensch kann nur an seinem Dasein scheitern und untergehen, gleich ob auf natürliche Weise, durch den Ablauf des Vergänglichsein, oder durch Eigenes oder Einwirken von Außen; Größe gewinnt er, stellt er sich diesem.
    Im Unterschied dazu möchte ich unsere heutige Weltsicht ‚abwimmelnd’ benennen. Sie versucht, sich dem Problem des Daseins in dieser Welt nicht zu stellen, sondern Hilfsmittel zu ersinnen, das – stets persönliche – Scheitern in Verstrickung, Krankheit, Tod zu übertünchen: Versicherungen, Pflege, gesittetes Begräbnis. Einem postulierten, arger noch: dekretierten, Zustand optimaler, doch stets unerreichbarer ‚Gesundheit’ stehen das Kranksein, das zum Ende Strebende entgegen. Und so wie ‚Gesundheit’ mit der sich vermehrenden Menge der Mittelchen in immer fernere Ferne entweicht, gleitet das Kranksein, die Verminderung persönlichen Seins bis hin zu dessen Erlöschen, als Behandelbares, Kurierbares, Abzuwendendes, Medikamentierbares ins Abseits des die Existenz bedenkenden, ergründenden Diskurses. Vorgetäuschte Machbarkeit versucht, die Tragik unsichtbar werden zu lassen. Das Ende, der Tod, naht in der Pflege, wenn das persönliche Dasein fremdgepflegt sich fortschreitend auf kaum noch Menschliches vermindert: ein rational, geistig, körperlich zahnloses, kraftloses (ακρατής) Alter, Tod auf Raten vor dem Tod.
    Da das Problem menschlicher Existenz auf diese Weise sich nicht mehr zu stellen scheint, sondern bestenfalls verdeckt gärt, entgehen die Möglichkeiten, ihm zu begegnen: keine Befreiung, wie Buddha sie dachte, keine Katharsis, wie Aristoteles sie dachte.
    Die wahre Erniedrigung des Humanen liegt darin, sich seiner condicio zu verweigern.

Wahr?

10. Juli 2010

Hyperion an Bellarmin.
So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. Demüthig kam ich, wie der heimathlose blinde Oedipus zum Thore von Athen, wo ihn der Götterhain empfing; und schöne Seelen ihm begegneten –
    Wie anders ging es mir!
    Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glük der heiligen Grazien, in jedem Grad der Uebertreibung und der Aermlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefässes – das, mein Bellarmin! waren meine Tröster.
    Es ist ein hartes Wort und dennoch sag’ ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?
    Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag’ es auch. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede Kraft in sich erstiken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht mit dieser kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er heißt, nur seyn, mit Ernst, mit Liebe muß er das seyn, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Thun, und ist er in ein Fach gedrükt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoß’ ers mit Verachtung weg und lerne pflügen! Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Nothwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viele Stümperarbeit und so wenig Freies, Aechterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos seyn für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke. –
    Die Tugenden der Alten seyn nur glänzende Fehler, sagt’ einmal, ich weiß nicht, welche böse Zunge; und es sind doch selber ihre Fehler Tugenden, denn da noch lebt’ ein kindlicher, ein schöner Geist, und ohne Seele war von allem, was sie thaten, nichts gethan. Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Uebel und nichts weiter; denn Nothwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen; und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach! die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Mißlaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der todten Ordnung dieser Menschen.
    Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herab gewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlich rein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zwek, da sucht es seinen Nutzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott! es bleibt gesetzt, und wenn es feiert und wenn es liebt und wenn es betet und selber, wenn des Frühlings holdes Fest, wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst, und Unschuld zaubert in ein schuldig Herz, wenn von der Sonne warmem Strahle berauscht, der Sklave seine Ketten froh vergißt und von der gottbeseelten Luft besänftiget, die Menschenfeinde friedlich, wie die Kinder, sind – wenn selbst die Raupe sich beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach’ und kümmert sich nicht viel ums Wetter!
    Aber du wirst richten, heilige Natur! Denn, wenn sie nur bescheiden wären, diese Menschen, zum Gesetze nicht sich machten für die Bessern unter ihnen! wenn sie nur nicht lästerten, was sie nicht sind, und möchten sie doch lästern, wenn sie nur das Göttliche nicht höhnten! –
    Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt? Ist besser, denn euer Geschwäz, die Luft nicht, die ihr trinkt? der Sonne Strahlen, sind sie edler nicht, denn all’ ihr Klugen? der Erde Quellen und der Morgenthau erfrischen euern Hain; könnt ihr auch das? ach! tödten könnt ihr, aber nicht lebendig machen, wenn es die Liebe nicht thut, die nicht von euch ist, die ihr nicht erfunden. Ihr sorgt und sinnt, dem Schiksal zu entlaufen und begreift es nicht, wenn eure Kinderkunst nichts hilft; indessen wandelt harmlos droben das Gestirn. Ihr entwürdiget, ihr zerreißt, wo sie euch duldet, die geduldige Natur, doch lebt sie fort, in unendlicher Jugend, und ihren Herbst und ihren Frühling könnt ihr nicht vertreiben, ihren Aether, den verderbt ihr nicht.
    O göttlich muß sie seyn, weil ihr zerstören dürft, und dennoch sie nicht altert und trotz euch schön das Schöne bleibt! -
    Es ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht, und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und es pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt, wie Fremdlinge im eigenen Hause, sie sind so recht, wie der Dulder Ulyß, da er in Bettlersgestalt an seiner Thüre saß, indeß die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer gebracht?
    Voll Lieb’ und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen Volk’ heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäete, daß er nimmer einen Grashalm treibt; und wenn sie sprechen, wehe dem! der sie versteht, der in der stürmenden Titanenkraft, wie in ihren Proteuskünsten den Verzweiflungskampf nur sieht, den ihr gestörter schöner Geist mit den Barbaren kämpft, mit denen er zu thun hat.
    Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen, daß bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die göttliche Natur nicht achten, daß bei ihnen eigentlich das Leben schaal und sorgenschwer und übervoll von kalter, stummer Zwietracht ist, weil sie den Genius verschmähn, der Kraft und Adel in ein menschlich Thun, und Heiterkeit ins Leiden und Lieb’ und Brüderschaft den Städten und den Häusern bringt.
    Und darum fürchten sie auch den Tod so sehr, und leiden, um des Austernlebens willen, alle Schmach, weil Höhers sie nicht kennen, als ihr Machwerk, das sie sich gestoppelt.
    O Bellarmin! wo ein Volk das Schöne liebt, wo es den Genius in seinen Künstlern ehrt, da weht, wie Lebensluft, ein allgemeiner Geist, da öffnet sich der scheue Sinn, der Eigendünkel schmilzt, und fromm und groß sind alle Herzen und Helden gebiert die Begeisterung. Die Heimath aller Menschen ist bei solchem Volk’ und gerne mag der Fremde sich verweilen. Wo aber so beleidigt wird die göttliche Natur und ihre Künstler, ach! da ist des Lebens beste Lust hinweg, und jeder andre Stern ist besser, denn die Erde. Wüster immer, öder werden da die Menschen, die doch alle schön geboren sind; der Knechtsinn wächst, mit ihm der grobe Muth, der Rausch wächst mit den Sorgen, und mit der Ueppigkeit der Hunger und die Nahrungsangst; zum Fluche wird der Seegen jedes Jahrs und alle Götter fliehn.
    Und wehe dem Fremdling, der aus Liebe wandert, und zu solchem Volke kömmt, und dreifach wehe dem, der, so wie ich, von großem Schmerz getrieben, ein Bettler meiner Art, zu solchem Volke kömmt! –
    Genug! du kennst mich, wirst es gut aufnehmen, Bellarmin! Ich sprach in deinem Nahmen auch, ich sprach für alle, die in diesem Lande sind und leiden, wie ich dort gelitten.

Friedrich Hölderlin: Hyperion oder der Eremit in Griechenland. Zweiter Band, Zweite Auflage. Seiten 112-118.

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