Vorschlag für eine neue Hysteriewelle

10. Januar 2010

Ein amerikanisches Labor entdeckte, daß Bücherstaub für millionenfachen gesundheitlichen Schaden verantwortlich ist. Dieser Staub sei so klein, schreiben sie in der neuesten Ausgabe des wissenschaftlichen Periodikums „Hysteria“, daß er in alle Ritzen und Poren des Körpers dringe, wo er sein krankmachendes Werk beginne. Kombiniert mit dem Aufschlagen eines gedruckten Werkes verstärke sich die pathogene Kraft des Bücherstaubes mit jener der Buchstaben. Während letztere, indem sie in den Verstand, oder was der Leser sonst an dessen Stelle besäße, eindrängen, ihn beschäftigten, somit ablenkten, könne ersterer, der Staub nämlich, ungehindert von Aufmerksamkeit weiter vordringen. Sogar in den Lungen von Lesern seien bereits mikroskopisch feine Staubpartikel gesichtet worden.
Am Ende drohe die völlige Einstaubung, verbunden mit extremer Abmagerung, Eßunlust und Denkfreudigkeit.
Die amerikanischen Verlage haben als erste Maßnahmen gegen das drängende Problem unternommen und bieten ob sofort völlig abwaschbare Bücher an, deren Seiten mit einer wasser- und mikrobenabstoßenden Folie beschichtet sind. Im Beipackzettel wird empfohlen, sie unter der Dusche zu lesen. Diese neue Produktlinie wird von den meisten Produzenten ‚Foliant’ genannt, damit sie in den Läden von den alten, gesundheitschädlichen Büchern leicht unterschieden werden kann.
Daneben gibt es selbstverständlich weiterhin die E-Bücher, denen ab sofort zusätzlich ein desinfizierendes Läppchen beigelegt wird, das dazu dient, während des Lesens den Bildschirm abzudecken, damit die verderblichen Buchstaben nicht bis in die Augen geraten können.
Der Verkauf antiquarischer Bücher, größte aller nur möglichen Staubquellen, wurde in den USA bis auf weiteres untersagt; die EU-Kommission für Umweltschutz und geistige Hygiene schloß sich mit einer Empfehlung an die Mitgliedstaaten dieser Haltung an.
 

Update.
Nachdem in den vergangenen Tagen vermehrt Hamsterkäufe von Buchsüchtigen zu verzeichnen waren, schritt nun in den meisten Bundesländer die Polizei gegen die letzten Antiquare und deren Abhängige ein. Es wurden zahlreiche Festnahmen gemeldet. Mit besonderer Schutzkleidung ausgestattete Sondereinheiten sind noch damit beschäftigt, die zahllosen Lagerräume zu sichten, die Bücher einzeln mittels staubundurchlässiger Folie einzuschweißen und abzutransportieren. Bislang ist unklar, wie weiter mit ihnen verfahren werden soll, denn eine sichere Entsorgung würde ersten Schätzungen zufolge mehrere Millionen Euro kosten, ein Betrag, der in den dafür vorgesehenen Etats nicht vorhanden ist. Es wird seitens der Berliner Bundesregierung erwogen, dem Beispiel anderer Staaten zu folgen und die Verursacher direkt haftbar und entschädigungspflichtig zu machen. Das Problem, das sich aus der Zahlungsunfähigkeit der meisten Antiquare und beinah aller Bibliophilen ergebe, dürfe dem nicht im Wege stehen.
Der Bundesinnenminister gab zusammen mit der Bundesgesundheitsministerin eine Pressekonferenz, in deren Verlauf er die Bevölkerung dringend bat, noch vorhandene private Bücherlager, auch Bibliotheken oder Sammlungen genannt, den zuständigen örtlichen Behörden zu melden. Alle staatlichen, Landes- oder Stadtbibliotheken seien bereits geräumt, ihr Inhalt entsprechend den Richtlinien der EU-Kommission keim- und staubfrei entsorgt. Die nun leerstehenden Gebäude würden ab sofort zum Verkauf freigegeben. Die Bundeskanzlerin werde stündlich über die Lage informiert und verfolge die ergriffenen Maßnahmen mit großer Aufmerksamkeit.
 

Update zwo.
Nachdem Berichte bestätigt wurden, daß die Forschungen des amerikanischen Labors, das für die Auslösung der letzten Hysteriewelle verantwortlich zeichnete, von einem Konglomerat Folienproduzenten gesponsert wurden, zog die amerikanische Regierung alle darauf beruhenden Verordnungen zurück. Die EU-Kommission für Umweltschutz und geistige Hygiene bedauerte im Gefolge ihrer Empfehlung entstandene Unannehmlichkeiten für kleine Bevölkerungsteile und wies zugleich darauf hin, daß nur 0,5 Prozent der europäischen Bevölkerung regelmäßig ein Buch zur Hand genommen hätten.
Der stellvertretende Sprecher der Bundesregierung gab in seiner täglichen Pressekonferenz bekannt, daß es angesichts der äußerst angespannten Haushaltslage von Bund, Ländern und Gemeinden keinerlei Entschädigungen für die entstandenen Buchverluste geben könne. Man sei gesetzlich und verfassungsgemäß verpflichtet, stets alles für das Wohl der Bevölkerung Notwendige zu unternehmen. Einwände der Kirchen, daß angefangen mit der von Gutenberg gedruckten sämtliche Bibeln mit den anderen Büchern zerstört worden seien, wies er zurück. Auch die Veden seien schließlich mündlich überliefert worden, und im Zeitalter multikulturellen Beieinanders könne es den Beteiligten durchaus zugemutet werden, voneinander zu lernen.

3 Antworten zu “Vorschlag für eine neue Hysteriewelle”

  1. Peter Mulzer Sagt:

    siehe auch Fahrenheit 451…, Leseempfehlung, mit Ihrer Erlaubnis:

    http://www.escapistmagazine.com/forums/read/326.86412

    Meine Gegenthese zu Ihrer Einstellung in Sachen Büchersterben wäre, daß die praktische Arbeit, egal ob wissenschaftlich, berufspraktisch oder als Steckenpferd, durch elektronische Quellen *vereinfacht* wird. Der Zeit- und noch mehr der Denkgewinn durch buchloses Arbeiten ist ungeheuer groß! Copy-and-paste, Google desktop, und… und…

    Wenn das alte Buch, abgesehen von den Büchersammlern im engsten Sinn, überleben soll, müssen w i r also Gegenstrategien entwickeln. Das Neubuch ist jedenfalls in wenigen Jahren (und gottseidank) mausetot, aber unser Antiquariat kann überleben. Vorausgesetzt daß…

  2. elisabeth hewson Sagt:

    Ergänzend wäre hinzuzufügen, dass in Österreich – Deutschland wie immer nachhinkend und jegliche Erfahrungserkennnisse ignorierend – FPÖ und BZÖ bei gemeinsamen Bierzeltauftritten die Aussiedlung jeglicher Buchbesitzer verlangten, die dem gesunden Volksempfinden immer wieder Schaden zufügten und schon von jeher als Fremdkörper im Volkskörper empfunden worden waren. Dass die Feinstaubenwicklung eine jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung sein müsse, belegten Strache & seine Mannen mit den Namen zahlreicher mosaischer Schriftsteller, auch noch viele von “der Ostküste”, die Bestseller schrieben und damit eine Überflutung der germanischen Rasse mit Schmutz und Schund verursachten.


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