Oscar Wilde: “The Critic As Artist”, Scene 2.
Um gute Essays zu verfassen, muß ihr Urheber in der rechten Stimmung sein, und den geeigneten Charakter sein eigen nennen, überhaupt einer, schon selten geworden, genügt nicht. Diese Form bedingt das Unbestimmte, das per Diskurs nach seiner Bestimmung sucht, ein gewisses Umherschweifen in den Gedanken und Sätzen, bis die Suche fürs erste erfolgreich scheint, um bald von neuem aufgegriffen zu werden. Essays gleichen dem Betrachten einer Glasvase, die in die Hand genommen werden will und von vielen Seiten in unterschiedlichem Licht betrachtet. Der Morgen liefert andere Gedanken als der Abend – und die Träume des Wachens unterscheiden sich von den nächtlichen.
Was für Essays gilt, trifft mindestens ebenso auf Blogbeiträge zu. Ideal wäre der verständige, intelligente Leser und Kommentator, un honnête homme, der Geburtshelfer für die kommenden Gedanken spielte. « Celui qui a un certaine culture d’esprit, un certain rang et point de prétention » sagt Robert Estienne. Fern sind die Utopien.
Dasselbe könnte durchaus für die Kunst zu zwitschern gelten. Weniges ist dem Ungeübten so anstregend als seine Gedanken, jene die im Schädel herumflattern, einzufangen, einzukochen und auf ein paar Zeichen zu kondensieren. Meist schlüpfen sie fort, entwischen die Ideen oder ihre Sinnkerne den gedanklichem Greifarmen, denn es ist ein Spiel mit sich selbst, das unser oberster Denkkäfig da vollführt.
Aphorismen, denn um sie handelt es sich optimal, in die Welt zu entlassen, ist Vabanquespiel mit Wörtern. Sein Schweregrad verhält sich umgekehrt proportional zu ihrer Kürze.
Einfacher ist Gezwitscher als Reaktion auf vorhergehendes, also virtuelles 140-Anschläge-Geplänkel.
Manche deuten mittels der Verweise vorzugsweise auf noch Unbekannteres, als sie es sich selbst je zu sein vermöchten. Links, die ins nirvanische Internetz fortleiten, kein Spinnennetz, eher ein unendlicher Asphaltplatz, auf den Linien gezeichnet sind, die Regen verwischt, damit weitere Linien gezeichnet werden können.
Andere Twitteristen offenbaren sich lebensnah in den Bruchteilen ihres täglichen Erdentreibens, das – so wie sie es uns schildern – aus Schlafengehen, Träumen, Aufwachen, Frühstück, Mittagessen, Job, Fernsehen, Kino und dergleichen bestehen mag. Wie gewöhnlich.
Plötzlich jedoch gewinnt im Bild, das ein Zwitscherer einstellt, eine Küchenwand neue Proportionen, da von einer Konfitürenexplosion getroffen; die Photographie eines ungekonnt beklebten Buchrückens gewinnt platonischen Wert, da sie als Idee für alle je von Lesern massakrierten Bücher steht. Dies sind Momente, da Neues entsteht, da die paar Zeichen über sich hinausweisen.
Unter den rein praktischen Zwitschern sind mir die liebsten jener, mit denen mich eine virtuelle Freundschaft oder Interessengemeinsamkeit verbindet, dann die aktuellen Hinweise auf Informationen im Internetz, Ausstellungen, Blogs. Dort kann ich dann – Zeit vorausgesetzt – weiterlesen, was mich interessiert. Den Rest lasse ich liegen, und er entschwindet langsam durch den unteren Bildschirmrand – Sand einer modernen Uhr, die fortfließendes Leben meint.
Störenfriede im luftigen Vogeldasein sind Leute, die in ihrem verbalen Auftreten zeigen, wie toll sie sich dünken: in ihnen wird die Maskerade offensichtlich, die allzu dicke Schminke mäßiger Selbst-Schauspielerei schält sich vor meinen Augen: es steckt kein Hamletscher Hintersinn in diesem Gehabe, es ist gewöhnliches Pfauentblättern – und schwupp, der Eigendarsteller ist entfolgt und geblockt, den Abgründen virtueller Zwischenhöllen übergeben, deren Insassen bekanntlich nicht wissen, wo oder wer sie sind.
Dergleichen Eitelkeiten werden von Facebook viel angemessener bedient. Dort steht die Eigenpräsentation im Vordergrund, mit Bildern, Texten, Kurzvideos. Entweder man mag den Darsteller oder nicht; Mittelwege sind unbeliebt. Und nur wenige besitzen genügend Selbstironie, damit spielen zu können.
Und der immense Vorteil Twitters gegenüber allen offenen oder geschlossenen Mailrunden, in denen die Geistlosen mit ihren abgestandenen Bemerkungen oder jene ideologiebesessenen Indoktrinierer schnell und mittels ihrer Unfähigkeit gekonnt nerven: der Kreis der Teilnehmer ist der jener, mit denen Verstehen möglich ist, bisweilen sogar Nahesein.
In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen guten Rutsch in ein hoffentlich erfolg- und bücherreiches Neues Jahr.