Archiv für Dezember, 2009

Mein erster Wäbbzwonull-Geburtstag III

29. Dezember 2009
“It is only about things that do not interest one that one can give a really unbiased opinion, which is no doubt the reason why an unbiased opinion is always absolutely valueless.”
Oscar Wilde: “The Critic As Artist”, Scene 2.

Um gute Essays zu verfassen, muß ihr Urheber in der rechten Stimmung sein, und den geeigneten Charakter sein eigen nennen, überhaupt einer, schon selten geworden, genügt nicht. Diese Form bedingt das Unbestimmte, das per Diskurs nach seiner Bestimmung sucht, ein gewisses Umherschweifen in den Gedanken und Sätzen, bis die Suche fürs erste erfolgreich scheint, um bald von neuem aufgegriffen zu werden. Essays gleichen dem Betrachten einer Glasvase, die in die Hand genommen werden will und von vielen Seiten in unterschiedlichem Licht betrachtet. Der Morgen liefert andere Gedanken als der Abend – und die Träume des Wachens unterscheiden sich von den nächtlichen.
Was für Essays gilt, trifft mindestens ebenso auf Blogbeiträge zu. Ideal wäre der verständige, intelligente Leser und Kommentator, un honnête homme, der Geburtshelfer für die kommenden Gedanken spielte. « Celui qui a un certaine culture d’esprit, un certain rang et point de prétention » sagt Robert Estienne. Fern sind die Utopien.

Dasselbe könnte durchaus für die Kunst zu zwitschern gelten. Weniges ist dem Ungeübten so anstregend als seine Gedanken, jene die im Schädel herumflattern, einzufangen, einzukochen und auf ein paar Zeichen zu kondensieren. Meist schlüpfen sie fort, entwischen die Ideen oder ihre Sinnkerne den gedanklichem Greifarmen, denn es ist ein Spiel mit sich selbst, das unser oberster Denkkäfig da vollführt.
Aphorismen, denn um sie handelt es sich optimal, in die Welt zu entlassen, ist Vabanquespiel mit Wörtern. Sein Schweregrad verhält sich umgekehrt proportional zu ihrer Kürze.
Einfacher ist Gezwitscher als Reaktion auf vorhergehendes, also virtuelles 140-Anschläge-Geplänkel.
Manche deuten mittels der Verweise vorzugsweise auf noch Unbekannteres, als sie es sich selbst je zu sein vermöchten. Links, die ins nirvanische Internetz fortleiten, kein Spinnennetz, eher ein unendlicher Asphaltplatz, auf den Linien gezeichnet sind, die Regen verwischt, damit weitere Linien gezeichnet werden können.
Andere Twitteristen offenbaren sich lebensnah in den Bruchteilen ihres täglichen Erdentreibens, das – so wie sie es uns schildern – aus Schlafengehen, Träumen, Aufwachen, Frühstück, Mittagessen, Job, Fernsehen, Kino und dergleichen bestehen mag. Wie gewöhnlich.
Plötzlich jedoch gewinnt im Bild, das ein Zwitscherer einstellt, eine Küchenwand neue Proportionen, da von einer Konfitürenexplosion getroffen; die Photographie eines ungekonnt beklebten Buchrückens gewinnt platonischen Wert, da sie als Idee für alle je von Lesern massakrierten Bücher steht. Dies sind Momente, da Neues entsteht, da die paar Zeichen über sich hinausweisen.
Unter den rein praktischen Zwitschern sind mir die liebsten jener, mit denen mich eine virtuelle Freundschaft oder Interessengemeinsamkeit verbindet, dann die aktuellen Hinweise auf Informationen im Internetz, Ausstellungen, Blogs. Dort kann ich dann – Zeit vorausgesetzt – weiterlesen, was mich interessiert. Den Rest lasse ich liegen, und er entschwindet langsam durch den unteren Bildschirmrand – Sand einer modernen Uhr, die fortfließendes Leben meint.

Störenfriede im luftigen Vogeldasein sind Leute, die in ihrem verbalen Auftreten zeigen, wie toll sie sich dünken: in ihnen wird die Maskerade offensichtlich, die allzu dicke Schminke mäßiger Selbst-Schauspielerei schält sich vor meinen Augen: es steckt kein Hamletscher Hintersinn in diesem Gehabe, es ist gewöhnliches Pfauentblättern – und schwupp, der Eigendarsteller ist entfolgt und geblockt, den Abgründen virtueller Zwischenhöllen übergeben, deren Insassen bekanntlich nicht wissen, wo oder wer sie sind.
Dergleichen Eitelkeiten werden von Facebook viel angemessener bedient. Dort steht die Eigenpräsentation im Vordergrund, mit Bildern, Texten, Kurzvideos. Entweder man mag den Darsteller oder nicht; Mittelwege sind unbeliebt. Und nur wenige besitzen genügend Selbstironie, damit spielen zu können.

Und der immense Vorteil Twitters gegenüber allen offenen oder geschlossenen Mailrunden, in denen die Geistlosen mit ihren abgestandenen Bemerkungen oder jene ideologiebesessenen Indoktrinierer schnell und mittels ihrer Unfähigkeit gekonnt nerven: der Kreis der Teilnehmer ist der jener, mit denen Verstehen möglich ist, bisweilen sogar Nahesein.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen guten Rutsch in ein hoffentlich erfolg- und bücherreiches Neues Jahr.

Nur ein paar Marginalien

28. Dezember 2009

In einem → Netztagebuch lese ich das Folgende. Meine Kommentare sind bescheiden eingerückt.

„#Zwitschervögel:
DiskussionsKULTUR ? Es geht, neudeutsch gesagt, eh immer nur um’s “dissen”!“

Was meint er: „dissen“? Ist das neue Kultur, wenn man „dissen“ schreibt?

 

„Den anderen niedermachen, seine Ideen kaputtreden und stänkern.“

Der Kollege darf gern beim Angebotsbündnis mitmachen. Oder wenigstens ein paar nette Wörter über uns Angebotsbündler verlieren. Selbst wir könnten bisweilen etwas Anerkennung gebrauchen – aber er will natürlich, daß SEINE Werke anerkannt werden.

 

„Selbstprofilierung auf Kosten der anderen, Selbststilisierung zum lonesome cowboy, zum lone ranger, zum Einzelkämpfer, zum Sniper.“

Soviel ‚Selbst’ in einem Satz ist mir zuviel. Und die Metaphern sausen nett inkohärent in der Wörterlandschaft umher, von Malboro bis zum Krimi.

 

„Warum nicht mal zur Abwechslung solidarisch und konstruktiv ?“

Wie gesagt: der Kollege darf gern beim Angebotsbündnis mitmachen, das wäre richtig konstruktiv. Und wir wüßten seine Solidarität zu schätzen.

 

„Selbst AKTIV werden, was zu machen, statt nur pseudointellektuell rumzulabern, nachedenken und noch mal nachdenken, vielleicht zu erkennen, ICH komme zwar allein klar, aber wahrscheinlich viele andere nicht.“

Aktiv sind wir. Aber wohl anders, als der Herr Kollege es gern hätte. Schade. Immer wird alles aus dem rein subjektiven Gesichtswinkel betrachtet, Froschperspektive. Etwas zwitscherige Vogelperspektive täte ihm gut. Von weiter oben gewinnt man Überblick.

 

„Die Größe haben zuzugeben, daß das, was andere bisher auf die Beine gestellt haben, vielleicht doch so ganz schlecht nicht ist. Aus dem Sandkasten herauszukommen und wieder mit den anderen zu spielen.“

Hmm. Wen meint der liebe Kollege hier mit „andere“? Ah, ja, ich ahne es, das was er und seine Kumpane tun, das sollen wir anerkennen. Und dies Anerkennen würde uns ‚Größe’ verschaffen? Ich bleibe lieber bescheiden, als auf diese Art mickriggroß zu werden.

 

„WIR (alle) SIND DAS antiquariat !“

Hurra, ein Spruch, leicht entwendet und entfremdet, aber es bleibt ein Spruch. Wir sind viele verschiedene Antiquariate. Und niemand soll sich auf unsere Kosten hervortun, indem er behauptet, er oder sie seien das → „Deutsche Antiquariat“, sprich neudeutsch (s.o.) „antiquariat.de“. Hervortun tun sich nämlich erfahrungsgemäß immer nur die Kleinen. Und wer möchte schon als ‚klein’ gelten?

 

PS.
Auwei. Da ist aber ein Mißgeschick geschehen. Die stilvolle Kritik war an jemand ganz anderen adressiert (→ LINK, dann zu #14):
„Mit meinen Äußerungen hatte ich u.a. den anonymen Kommentator unter der ursprünglichen Meldung über unseren künftigen neuen Namen gemeint, der sich als ‚Noch-Genossenschaftsmitglied’ ausgibt.“
REM: Also dürfen Genossenschaftsmitglieder so angesprochen und tituliert werden. Interessant, er wird oben in der ersten Zeile als ein Zwitschervogel bezeichnet, obwohl noch kein Zwitscher von ihm vernommen wurde. Und wenn er Genosse in der GIAQ ist, dann ist er doch aktiv – oder? Rätsel über Rätsel.

Was tut ein Antiquariat?

25. Dezember 2009

Ein Antiquariat erwirbt antiquarische bzw. gebrauchte Bücher (1) von Privatleuten, von Kollegen, sowie auf Auktionen.

Es bietet diese Erwerbungen im Ladengeschäft, direkt per Brief oder E-Post, in gedruckten oder elektronischen Katalogen, auf der eigenen Angebotseite im Internetz oder gemeinschaftlich mit anderen Antiquariaten auf Messen oder Internetzplattformen an.

Es verkauft diese angebotenen antiquarischen bzw. gebrauchten Bücher an Privatleute, an Kollegen, oder liefert sie auf Auktionen ein.
 

(1) Zum Geschäftsumfang können auch andere Druckerzeugnisse wie Graphiken, Landkarten, Ansichtskarten, Zeitungen und Musikalien oder Schriftliches wie Handschriften und Autographen gehören; im weitesten Sinne auch Schallplatten, Gemälde und (meist kleinere) Antiquitäten.
Unter der Bezeichnung „modernes Antiquariat“ (MA) wird der Handel mit vom Verlag oder einem Zwischenhändler bezogenen Restauflagen, Mängelexemplaren oder Remittenden zusammengefaßt, deren Preisbindung aufgehoben wurde.
 

PS.
Was tut er nun, der Antiquar?
Aus dem oben Gesagten könnte gefolgert werden, es genüge, die Bücher einmal in die Hand zu nehmen, sie mit einem Preis zu verzieren, um sie dann in einem Laden- oder Lagerregal möglichst zu vergessen.
Doch: die Tätigkeit des Antiquars besteht – und nun gebe ich nur meine Sicht wieder – primär in der Auswahl dessen, was von ihm erworben wird: das macht einen Teil seines Stiles, seiner Persönlichkeit aus; sodann in der Art, wie er seine Bücher anbietet, wie er sie beschreibt, welchen Ansatz er dabei bevorzugt, einen kopierenden, einen eher lyrischen, einen realistischen etc.

Mein Name ist Hase, nicht Igel

24. Dezember 2009

Anlaß für die folgenden Bemerkungen ist mir die kommende Umbenennung der Antiquariatsplattform prolibri in antiquariat.de.

Erstens: die Unterschiede zwischen dem Verband deutscher Antiquare (antiquare.de) und der Genossenschaft verschwimmen wenigstens in den Internetzadressen weiter.

Zweitens: solange sich nichts am Inhalt sowie den organisatorischen Strukturen ändert, ist es für den wirtschaftlichen Erfolg völlig gleich, wie eine Plattform sich benennt, solange sie damit nicht gegen geltendes Recht verstößt.

Drittens: angesichts der fortschreitenden Zersplitterung wie Unübersichtlichkeit des Marktes steht es zu erwarten, daß sich die Kunden für antiquarische Bücher wieder mehr auf persönliche und bewährte geschäftliche Beziehungen verlassen werden.

Unterschiede, die verwischt werden, sind keine mehr. Die Mitgliedschaft im Verband war bislang wenigstens ein möglicher Anhaltspunkt für Qualität.

Händler, soweit sie noch Individuen sind, die es mit ihren antiquarischen Büchern und ihrer Liebe zum Gewerbe ernst meinen, sollten andere, eigenständigere Wege beschreiten, als die Plattformen, egal welche, mit ihren Angeboten zu schmücken, die nur Alibiblättchen für den Schund sind, der sich sonst darauf tummelt.
 

PS. „Markenrechtliche“ Probleme (prolibri.de – libri.de) nicht vorher abzuklären, sondern im nachhinein jahrelang Geld und Energie für Rechtstreitigkeiten auszugeben, halte ich für reichlich ineffektiv.

PPS. Einen externen Kommentar von Herrn Björn Biester „Ist Kritik unsolidarisch? Zum Streit um die Prolibri-Umbenennung“ finden Sie auf → boersenblatt.net.

Mein erster Wäbbzwonull-Geburtstag II

23. Dezember 2009
“An idea that is not dangerous is unworthy of being called an idea at all.”
Oscar Wilde: “The Critic As Artist”, Scene 2.

Ein Blog zur Unterhaltung der Leser mit halbwegs lesenswerten Beiträgen zu unterhalten, mußte ich feststellen, ist recht aufwendig. Am meisten goutiert, belehren mich die Seitenklicke, werden die Krakeelereien wider das Schwapp oder andere langweilende Plattformen – Informatives oder näherungsweise Literarisches bedeutend weniger: Blogstatistik ist somit die exakte Spiegelung mißratenen Zeitgeschmackes und folglich demotivierend.
Andererseits ist ein Internetztagebuch ein persönlicher wie individueller Ort: nicht sind es Soliloquien wie im geschriebenen unter dem Kopfkissen, sondern es wendet sich an Dritte, indem es sie an des Bloggers Gedankengängen teilhaben läßt. Die Beiträge sind weniger endgültige als die nach dem Gedrucktsein strebenden Essays, stilistisch aber mit jenen verwandt – und sie erhoffen unmittelbare Reaktion, denn ein Blogeintrag ist stets der Versuch eines Gesprächsbeginns mit Unbekannten: die einen sind die eigenen Wörter, die sich unsicher sind, wie sie auf andere wirken, die anderen jene Empfänger, von den Wörter kaum vorzustellen gewagt aus Furcht zu verstummen. Kurz, die Wörter springen ins kalte Wasser und hoffen im Ertrinken auf zahlreiche Wellen.
Und trotzdem oder eben deshalb versinken die meisten Blogbeiträge in der Wüste des Internetzes wie zwischen den Seiten des berüchtigten Sandbuches. Das Netz ist der Strom, in dem dies Goethesche „verweile doch“ nie gilt. Folglich, um im Denkmuster zu bleiben, wird nirgends irgendeine Form von Verdammnis oder Erlösung gewährt, weder dem Schreiber, noch den Wörtern. Die einzige Währung, die im steten Kommen und Vergehen der Beiträge in ihrem Wechselkurs standhaft bleibt, ist die amöbenhafte Kaum-Aufmerksamkeit der Rezipienten, um dem Wort ‚Unaufmerksamkeit’ zu entgehen.
Wo frühere Generationen des Trichters bedurften, Wissen in die Häupter zu gießen, wäre nun ein grobes Sieb vonnöten, das nur die geistvollen Körner in sich birgt. Doch wollen wir die der Körnergröße wegen notwendigen Schilder „Dort erhalten sie wichtige Wörter“ lieber nicht in Erwägung ziehen, denn dies sind die Empfehlungen Dritter, über E-Post, Flüsterpropaganda oder Twitter – und auf sie übt der Blogger wenig Einfluß.

Mein erster Wäbbzwonull-Geburtstag I

22. Dezember 2009
“Man is least himself when he talks in his own person. Give him a mask, and he will tell you the truth.”
Oscar Wilde: “The Critic As Artist”, Scene 2.

Dies als Motto des Wäbbzwonull, welches dazu erschaffen ist, daß jeder sich und seine kleinen Heimlichkeiten offenbare, auf daß sie keine mehr seien, sondern ein jeglicher sich an der tiefen Erkenntnis ergötze, daß sein ferner Artgenosse ebensolche Schwächen pflegt, wie er sie sein eigen nennt oder gern nennen würde, oder neue, andere etwa, die spannenderes Leben verheißen – denn dramatischer als das Sein sind allemal das Virtuelle, für die Älteren unter uns das Theater oder das Kino, und die Bücher, nicht zu vergessen.
Doch nichts dergleichen, wir sind alle bloß, aus Fleisch und Blut, wenngleich virtuellem, und der folgenschwerste Fehler wäre es, einem Roman oder Film zu vertrauen, er beschriebe irgendeine Realität außer der seinen, ebenso jenen Schimären in Facebook (warum nur erinnert dieses Wort an ‚Buch’, nicht an Flickenteppich?) oder Twitter.
Es sind uns Bühnen aufgebaut, auf denen unsere Personen agieren, auf denen sie sich für uns darstellen als jene, die wir in diesem Augenblick mehr oder weniger gern wären, auf denen sie sich dem Voyeurismus hingeben, als erhielten sie bare Münze dafür – und bisweilen schauspielern sie so, wie vor Publikum eben, „begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer Seitenklicke sind“.
Vorläufer sind die ineinander verschachtelten Bühnen Shakespeares oder der Romantiker, auf denen sich die Protagonisten des Stückes verstecken konnten, um Wahrheiten auszusprechen, oder das Spiel der ersten Bühne mittels der zweiten zu verwirren, vielleicht die aus meiner Jugend erinnerte Aufführung des „Living Theatre“, in der die Darsteller die zugegebenermaßen unbeholfenen Zuschauer als Mitakteure auf die Bühne baten.
Diese Rollenverteilung hat sich im Informationszeitalter grundlegend gewandelt: Fachleute wie Journalisten sind in Mehrzahl zu Dilettanten mutiert, die vor kaum einer stilistischen oder inhaltlichen Platitüde zurückschrecken, wenn sie nicht gleich den Text irgendeiner Nachrichtenagentur übernehmen – gegen sie ebenso informierte wie engagierte Blogger, die jenes darlegen, was durch die Wahrnehmungsiebe rutscht, was sonst nicht oder unrichtig berichtet bliebe.
Ein Gutteil unseres intellektuellen wie politischen Lebens spielt sich seit einigen Jahren im Internetz ab. Will der Bürger – meint Sie ebenso wie mich – unabhängig informiert bleiben, ist er auf ‚mainstream’-abweichlerische Blogs und Seiten angewiesen. Sollen sich Nachrichten mit der Schnelligkeit des Geschehens verbreiten, ist Twitter die geeignete Plattform, wie sich zuletzt während der Demonstrationen gegen das herrschende Teheraner Regime erwiesen hat.
Zur Verstellkunst des bewußten oder durch sein Vorbewußtes gelenkten Mimen tritt das zielgerichtete Sich-Verstellen. Wie anders kann Hamlet seines Oheims Claudius Mord an seinem Vater aufzeigen, außer sich zu verdrehen und andere für sich reden zu lassen: die Masken. So stellt uns das Internetz Bühnen für unsere Avatare zur Verfügung, die Aufsehen genug zu erregen vermögen, etwas in der Wirklichkeit jenseits des Virtuellen zu verändern. Dem widerspricht nicht, daß Blogs von den meisten für Persönliches genutzt werden; die wenigen, dafür vielbesuchten, sind entscheidend.
Ein jeder wird sein eigener Regisseur und Darsteller in Personalunion. Merke: zum Regieführen ist die Intention nicht unbedingt notwendig, bisweilen geht es unbewußt besser. Interessenkonflikte zwischen diesen Rollen sind unausweichlich, aber fügen dem Maskenspiel Spannung hinzu. Wer intelligent und komplex genug ist, dies zu genießen, genieße es.

Eine kürzere Fassung dieses Beitrages erschien → im boersenblatt.net.

Die Schuldfrage – neu betrachtet & für veraltet befunden

10. Dezember 2009

Heute früh mit noch träumenden, unausgeschlafenen Augen mußte ich lesen, Antiquare trieben die ungute Entwicklung des Online-Handels selbst voran und zwängen das ZVAB zwischen Amazon und Booklooker ein; alles andere sei Augenwischerei, die die Sache nur noch schlimmer mache.
Soeben sprach ich mit einem Kunden, der bisher ein, in Zahlen 1, Buch über das Internetz bestellt hat. Es geht also auch ohne, z.B. mit dem Telephon.

Aber, zurück zur zitierten Meinung: es gibt sie nicht, DIE Antiquare, ebensowenig wie DIE Politiker (obwohl wir gern über sie schimpfen), DIE Katholiken, DIE Alkoholiker und was der Mengenbegriffe mehr sind.
Hingegen gibt es Antiquare, die ein Ladengeschäft betreiben, die Kataloge drucken lassen und versenden, die eine Angebotseite ihr eigen nennen, die nur in einer Plattform einstellen, die in möglichst vielen Plattformen einstellen; ferner gibt es Antiquare mit einer Handbibliothek, solche die programmieren können, solche die schreiben können, solche die auf Kunden warten, solche die Angebote versenden, solche die seltene Bücher anbieten, solche die jeden Preiskampf mitmachen – endlich andere, die die Branchenentwicklung kommentieren und bisweilen geneigt sind, mit ihren Ohren zu schlackern.

Und die meisten Mitglieder dieser Spezies gehören einer, eher mehreren der aufgezählten Unterarten an, deren jede andere Interessen verfolgt: so sind es eben meist der Herzen zwei, drei, viele, die in der Antiquarsbrust schlagen.

Simpel könnte man meinen, es sei uns nur am Profit gelegen, ein Buch oder viele zu möglichst geringem Preis zu erwerben und richtig teuer zu verkaufen. Das läßt den Menschen, den eigenwilligen und meist eigenständigen Menschen außer acht. Der hat nämlich seine Vorlieben, verliebt sich manchmal offenen Auges in das Äußere oder Innere eines Druckwerkes, hätschelt es und beschreibt es so liebevoll wie möglich, und gibt es, findet sich der gleichschwingende Kunde, auch mal für ein Geringes an Aufschlag ab. Andere Bücher mag er nicht, tut sie in Haufen, mit Nummern versehen in die Regale und damit aus seinem Gedächtnis, so daß, werden sie denn bestellt, er ihnen nachforschen muß, wo sie abgeblieben sind. Auch Antiquare nennen eine Psyche ihr eigen.

Nachdem ich hoffentlich erfolgreich die Existenzmöglichkeit einer Gattung gleicher Interessenlage, ‚Antiquare’ benannt, verleugnet habe, nun zum weiteren.

Hat jemand die Entwicklung des Online-Handels vorangebracht, außer jenen, die zum Incipit des Internetzes bereits zu programmieren verstanden, aber nichts von Büchern? Erst als die Bestellungen über die ektoplasmatischen Leitwege dieses merkwürdigen Mediums zu uns flossen, ging es uns auf, daß da ein neuer Vertriebskanal sich seinen blaumilchigen Lauf gegraben hatte. Im folgenden Hype vergrößerten manche Kollegen ihren Bestand an Büchern und Angestellten in der Erwartung, es ginge immer so weiter. Auch seitens der Netzunternehmer glaube man an den ungebrochenen, immer aufwärts strebenden Graphen der Powerpointbildchen.

Intelligenten Kollegen war klar, daß die Menge aller Bücher kaufenden, lesenden, hortenden deutschsprachigen Menschen begrenzt ist, ebenso wie deren Einkommen, daß hingegen die Anzahl aller unnützen Bücher eine riesige, immer noch wachsende sei, daß Beispiel Schule machen werde, und so zur Vermehrung der Antiquare beitragen. Wie wahr. Wenn fast jeder Sammler sein Gebiet vollständig im Regal hat, was erwirbt er dann noch? Und die Auflagen der meisten Nachkriegsbücher sind vergleichsweise hoch. Chance zur Seltenheit erwirbt ein Buch vielleicht, wenn seine Auflagenhöhe dreistellig ist, oder die Zeitläufte seine Anzahl angemessen dezimierten. Chance, ein gesuchtes Buch zu werden, erwirbt es sich nur, wenn es zudem Anlässe bietet, gemocht zu werden.

Doch, das muß zur Deutlichkeit gesagt sein, Antiquare waren und sind selten die Betreiber jener Plattformen, auf denen sich viele Bücher und zahlreiche ihrer Kollegen tummeln. Die paar real existierenden sind wirtschaftlich gesehen eher Randphänomene. Keine „ungute“ Entwicklung konnte von ihnen eingeleitet, geschweige unterhalten werden.

Jene Kollegen, die ich lieber in Anführungszeichen „Kollegen“ nenne, die den Preiswettlauf nach unten mitmachen, möglichst mittels einer Software, die ihnen die lästige Preisgestaltung aus der Hand nimmt, noch ärger jene, die sich gleich mit der ISBN zufriedengeben und das dadurch automatisch generierte Gestammel für eine Titelaufnahme halten – sie kommen mir vor wie die zugewanderten Trödler auf den Flohmärkten, die ihre Bücherkisten auch mal im Regen voll mit Wasser laufen lassen.

Die anderen, sie – ich bin geneigt, sie die richtigen Antiquare zu nennen – halten den Rest von Philobiblie hoch, wundern sich bisweilen über unsinnige Preise im Netz, und versuchen in Schlangenlinien ihren Weg durch das verstellte Gelände zu finden: dort gilt es einer Plattform auszuweichen, die unübersichtlich ist, deren Abrechnungssystem den Standardkontenrahmen jeder Einnahme-Überschuß-Rechnung bzw. Bilanzierung Hohn spricht, anderswo Ecken zu schlagen um unsinnige Frischbuchangebote, denen bald Brot und Wein, Frischkäse und Schuhe folgen werden, weil ja die Kaufhäuser so gut laufen.

Haken schlagend wie ein Hase kann sich der Antiquar – der, der diesen Namen verdient – nur auf sein Eigenes besinnen, das, was ihn ausmachte vor dem Netz und was ihn weiterhin ausmacht: seine Kenntnisse, seinen Riecher für die Bücher und Altertümer, seinen eigenen Ansatz, seinen Geschmack.

Und dies alles hat beileibe nichts zu tun mit irgendeinem Einzwängen des ZVAB zwischen Skylla und Charybdis des Onlinehandels. Die Betreiber des ZVAB haben ihren Weg gewählt, sie wurden oft genug, auch meinerseits, dafür kritisiert; kurz, sie sind an ihrem Mangel an Innovationskraft, ihrer Neigung zur Nachahmung, zur Amazonitis, selbst schuld.

Ansonsten bin ich der Ansicht, daß die apokalyptische Endschlacht sich sowieso zwischen Amazon und Ebay abspielen wird: dann sind wir nur Zuschauer, können klatschen, „brava“ oder „pfui“ rufen und die Manege beruhigt verlassen, denn für die Kunden des Antiquars, sollte es sie dann noch geben, ist dies bloß Theater – und schlechtes dazu.

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