Titus Pomponius Atticus, Spitzweg oder das ZVAB?
Unverbindliche Überlegungen zu einem denkwürdigen Thema.
Ein Antiquar ist kein Sortimentbuchhändler, obwohl er nebenher lieferbare Bücher vertreiben mag.
Ein Antiquar ist kein Verleger, obwohl er nebenher Bücher produzieren mag.
Ein Antiquar ist kein Gebrauchtbuchhändler, obwohl er mit gebrauchten Büchern handelt.
Ein Antiquar ist kein Antiquitätenhändler, obwohl er mit Antiquitäten nebenher handeln und sie persönlich lieben mag.
Ein Antiquar ist weniger definiert durch sein Angebot wie durch seine Methode, seine Ware zu vertreiben, als durch seine Art, seine Ware zu vertreiben.
Sein Angebot mag reichen von Urkunden und Handschriften seit dem Beginn des Schreibens, also Tontäfelchen, Papyrusfragmenten, Pergamenthandschriften, Papierhandschriften, bis zur Epoche des Druckens, also Inkunabeln, Büchern des 16.-19. Jahrhunderts, schönen Einbänden bis zu illustrierten Büchern, Malerbüchern und modernen Erstausgaben.
Das Schreib- und Gutenbergreich ist ziemlich wenig begrenzt.
Die besondere Fähigkeit des Antiquars ist es, sich in diesem Reich oder einer seiner Provinzen zurechtfinden zu können. Das meint, er vermag Bedeutung und Wert eines Buches (oder eines Autographen, einer Handschrift u.s.w.) auf den ersten oder zweiten Blick einzuschätzen, er weiß aus Erfahrung oder durch das Studium anderer Bücher, wo er Informationen über dieses Buch finden wird, er hat genügend Allgemeinwissen, es in den Lauf der Geschichte, der Geistesgeschichte oder der Naturwissenschaften einzuordnen.
Dieses Wissen ist ihm nicht in den Schoß gefallen oder ergoogelt, sondern beruht auf einigen Jahren Erfahrung; Grundvoraussetzung für das Erwerben dieser Kenntnisse sind also Offensein für Neues und der Wille, sich fortzubilden.
Dazu kommt mystischerweise ein siebenter Sinn, oder – wie Herbert Reichner es formulierte – ein „Fingerspitzengefühl“, die Buch und Antiquar in dieser dadaistischsten aller möglichen Welten zusammenführen.
Genau all dies definiert den Antiquar und seine Art, seine Ware zu behandeln und zu vertreiben.
Ein weiteres Kriterium mag das Vergnügen, sogar die Lust an diesen Forschungen sein, die manchmal in keinem Verhältnis zum Ertrag stehen, in seltenen Fällen – ich will nicht übertreiben – sich auszahlen.
Die Buchbeschreibung ist das Ergebnis dieses Bemühens und sollte im Idealfall einen Teil der antiquarlichen Begeisterung vermitteln.
Grundlage des Antiquarsberufes können also keine Preislisten, Bücher-Michelkataloge, Preisvergleichprogramme, vorgegebenen Schemata sein, sondern diese sind nur Beiwerk, das die notwendige Beschäftigung mit dem Objekt unterstützt: im Vordergrund steht immer das einzelne Buch samt seinem kulturgeschichtlichen oder naturwissenschaftlichen Hintergrund und seiner eigenen, speziellen Lebensgeschichte, die aus Einträgen, Besitzvermerken, Widmungen, Marginalien, beiliegenden Zetteln und dergleichen Spuren besteht.
Was gibt es Schöneres als ein Buch, das durch seine bloße Existenz in der Gegenwart uns poetisch in seine Vergangenheit entführt, dessen Geschichte nicht bei den Buchstaben haltmacht, sondern sie im Metatext seines Lebenslaufes birgt?
Niemand möge bitte nach Lesen obiger Zeilen annehmen, ich hätte nun den Antiquarsberuf hinreichend definiert; nein, es ist nur eine Textkatze um den heißen Brei geschlichen.
Das läßt Raum für weitere Gedankenspiele.
17. August 2009 um 18:55
Einer der größten Buchhändler der Renaissance (wenn nicht sogar DER) war Vespasiano da Bisticci (1421-1498). In einem übertragenen Sinn entspricht er dem oben skizzierten Ideal. Bistici war Verleger, Buchhändler und Hersteller, hat Bücher aufgetrieben und sie vervielfältigen (schreiben) lassen und für die Medici ganze Bibliotheken eingerichtet. Ausführlich darüber in meinem neuen Buch »Von Autoren, Büchern und Piraten« ab Mitte September 2009.
17. August 2009 um 19:21
→ Vespasiano da Bisticci (1421- 1498), Verfasser von Biographien seiner Zeitgenossen: „Vite di uomini illustri del secolo XV“. Wenn ich mich recht entsinne, ist seine Handschrift abgebildet in A.C. de la Mare: „The Handwriting of Italian Humanists“. Die mit von ihm ausgestatteten Bibliotheken müssen hervorragend gewesen sein, nur als Beispiel: Federigo von Urbino, 2000-3000 Bände, Wert 30.000 Golddukaten.
Für ihn arbeitete, sowohl in ‚lettera corsiva’ wie ‚formata’ z.B. Nicolaus Riccius Spinosus, Abb. in „The Italian Manuscripts in the Library of Major J.R. Abbey“, pl. XIX.
Ein wohl Florentiner Einband einer 1459 von Vespasiano da Bisticci verkauften Handschrift abgebildet in Tammaro De Marinis: „La Legatura Artistica in Italia nei Secoli XV e XVI“, vol. I, No. 87, tav. VII.
Literatur:
A.C. de la Mare: “Vespasiano da Bisticci, Historian and Bookseller”, University of London Ph.D., 1966.
M. Sondheim: „Vespasiano da Bisticci, ein Florentinischer Handschriftenhändler“, in: „Von Büchern und Menschen. Festschrift F. von Zobeltitz, Weimar, 1927, pp. 288-325.
17. August 2009 um 19:18
Lieber Rainer,
Du hast ein wichtiges Kriterium vergessen.
Der Antiquar weiß, welches Buch er bewahren (und natürlich verkaufen) soll – und hat die Fähigkeit zu entscheiden, was besser weggeworfen bzw. makuliert werden muss, damit weder sein Lager noch die Datenbank vollgemüllt werden. Das hat er nämlich in jahrelanger Beschäftigung mit den Objekten gelernt.
19. August 2009 um 18:52
Wenn die Herrenreiterei vorbei ist, bleibt das Possenreiten, wie Palio in Siena solch ein Possenrennen ist, oder Pamplona. Das ist mir einigermaßen lebendiger als „die staubige Landstraße von Seminarikon nach Doktorswyl“ (Benjamin hat Hebel gegen einen neuen Bewunderer verteidigt) Sind diese Dr. H.-Wege oder das Geraune aus dem bürgerlichen Speckgürtel nicht ebenso unästhetisch wie unsinnlich? Es ist „bei der Betonung des Sexuellen der Übergang ästhetischer Empfindungen in rein sinnliche vollends gar nicht zu vermeiden.“ Aus meinem Orakelbuch, welches Herbert Meinke wol in den Abort wünschen wird. Die bibliophilitische Verkalkung droht am meisten bei Vermeidung des Sinnlichen. Auch die de Medici haben der Sinnlichkeit den Vorzug gegeben, bei einem Bankett fragte der Kardinal Giovanni de Medici den vollkommen ungebildeten improvvisatore Silvio Antoniano, ob er ein Gedicht machen könnte zum Lobe der Uhr, die man vom Glockenturm schlagen hörte. Der junge Mann sprudelte sogleich drauflos und zwar mit solchem Erfolg, daß der Kardinal als er zum Papst gewählt wurde, Antoniano zum Kardinal ernannte. Antoniano hat diese Gabe doch, wie Homer, sicher nicht aus Büchern. Antiquare sollten Verfechter des Wortes sein, das Buch ist nur das beste Behältnis des Wortes. Wenn etwas gut ist, kann garnicht genug davon vorhanden sein.