Kulturflachrate

3. August 2009

JA!
Natürlich wird sie kommen, die Kulturflachrate, dann kann, richtig schön verwaltet, die Kultur endlich so flach werden, wie sie schon immer in der Vision unserer Politiker sein sollte, oder: so wie Politiker grad imstande sind, Kultur zu sehen, flach wie den Flachbildschirm eines Fernsehers, so flach wie die Altenprogramme von ARD und ZDF, da wo man in der ersten Reihe schnarchen kann.
Endlich kein Unterschied mehr zwischen dem Sachbuch „Wie pflege ich meine Katze tot?“ und dem bösen Roman „Berlin Alexanderplatz“, außer selbstverständlich der Nummer, unter der sie jeweils verwaltet werden, der Registratur sind sie gleich.
„Sehr geehrte Kulturkonsumenten und Kulturverbraucher, laden sie gegen geringes monatliches Kulturflachratenscherflein herab auf ihr Niveau, was ihnen gefällt.“
Und die Verursacher dieser Kultur werden nach Abzug aller Verwaltungskosten korrekt nach Anzahl der Niveauversenkungen, sprich Downloads entlohnt werden. Endlich wird der Katzenbuchautor reich. Naja, fast. Was soll’s, Döblin ist eh schon lange tot, was will der noch mit Geld? Und die guten Autoren unserer, der Jetzt-Zeit, die werden wohl den Weg aller Intelligenten gehen und auswandern. Exilanten sind von den Ausschüttungen der Kulturflachratenverwaltung selbstverständlich ausgeschlossen. (Daran hätte ein gewisses Reich reiche Freude gehabt, keine unschönen Verbrennungen der Finger beim Ins-Feuer-Werfen unliebsamer Bücher, sondern statt dessen: „Delete“-Taste drücken – verhungere doch, du ungeliebter Autor!)

Natürlich wird sie kommen, die Kulturflachrate, weil das so schön sozial, meine sozialistisch klingt: Kultur für alle, denn alle bezahlen für sie. Gleich, ob sie, diese imaginär-statistische Bürgermasse, imstande ist, Kultur zu rezipieren (dazu gehörten nämlich Bildung, Erfahrung, Einfühlungsvermögen, eine gewisse Bereitschaft für das Unbekannte, das Ungehörte, das Unerhörte, das Wagnis), also gleich, ob irgendwer von Kultur belästigt sein will oder nicht, alle werden für sie blechen so wie für das ungesehene Fernsehen der öffentlich-rechtlichen Anstalten – und Ansprüche erheben aufgrund dieses ihres Zwangsbeitrages: „Könnten sie diesen Schluß vielleicht etwas netter gestalten, Herr Mann?“ (Natürlich weiß der Kulturbereicherte nicht, daß das Erfüllen dieses Wunsches nur mit einigem spiritistischen Tischwackeln vonstatten gehen könnte, wie auch, in der Schule gibt es deutsche Literatur nur noch in abgespeckten Auszügen, ad usum dummi.)

Natürlich wird sie kommen, die Kulturflachrate, weil sie so viele nette Pöstchen schaffen wird: in der Verwaltung des Eintreibens von möglichst allen, ob sie denn berappen wollen oder nicht, bis zur Verwaltung des Verteilens nach geheimnisvollen Schlüsseln. Pöstchen für Politiker, die keine mehr sein wollen oder können, oder wenigstens so anständig sind, keine Landesbank mittels Unwissenheit mehr belästigen zu wollen, Pöstchen für öffentlich-rechtliche oder sogar beamtete Wichtigtuer, die endlich die Kultur wie eine Sozialkasse behandeln dürfen: Ah, sie möchten Kultur? Haben sie auch ihre Kulturkassenbeiträge entrichtet?
Eine halbe Million neue Arbeitsplätze soll nach Herrn SPD-Steinmeier in der Kreativwirtschaft entstehen. Denn so viele braucht die Kulturflachverwaltung, denn hinter jedem Dichter, Schriftsteller, Filmer, Maler, Photographen, Redakteur soll doch ein persönlicher Ansprechpartner, ein Verwalter, stehen, der ihm pfleglich sagt, was opportun ist, denn die Kultur will gepflegt werden.

UND:
Wir müssen das weiterdenken: eine Kulturflachrate schreit nach zentraler Verwaltung der Kulturserver, auf denen jene für das geistige Weiterbestehen des deutschen Volkes und seiner Sprache, soweit sie noch gesprochen wird, notwendigen Kulturdokumente abgelegt sind. Eigeninitiative ist verdächtig, konspirativ, subversiv, freimaurerisch oder alles zusammen; auf nicht-staatlichen Servern abgelegte Kultur ist von Vergütungen durch die Kulturflachrate auszuschließen: wer soll das kontrollieren, wer kann sicher sein, echte Kultur dort zu finden, wie kann es echte Kultur ohne das staatliche Kulturgutsiegel denn überhaupt geben?
Selbstverständlich herrschen dort auf den staatlichen Kulturflachratenservern Gleichheit wie Gleichberechtigung, erwähntes Katzenbuch darf dort ebenso hausen und abgerufen werden wie Döblin oder Mann. Vor der Kulturflachrate sind alle gleich, keiner gleicher, außer sie werden gleicher gemacht. Denn anstößige Passagen müssen mindestens ein achteckiges Warnschild erhalten, das gedrückt die Benutzerdaten an Frau von der N.N. liefert – besser noch: die S-tellen und alles, was sonst noch vom grad modischen ‚Mainstream’ abweicht, werden gleich à la Amazonien entfernt.
Au, wird das fein, wenn Hunderte überforderter Kulturwächter die Literatur durchgehen, immer vor Augen, wem diese Passage ein Dorn im Auge sein könnte. Ich bin gespannt, was übrigbleibt – aber wer liest denn noch.

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