Begegnungen mit bemerkenswerten Katalogen, Folge II: The Collection of The Garden Ltd. Magnificent Books and Manuscripts. Conceived and Formed by Haven O’More, Funded by Michael Davis. (1)
Antipode zu Folge eins. Ein Schlachtschiff auf den Meeren des Geistes, das gewichtige Bücher verschießt.
Die Weltgeschichte samt Weltgeist auf einem Haufen, aus dem Buchstaben raunen, die sich an der kühleren Wand des Auktionskataloges in Preisen sublimieren sollen (2).
Geist und Geld sind eine Verbindung, die gleich nach der von Exkrementen mit Penunse rangiert: das Flüchtige, das unseren Köpfen entflohene, das sich manifestiert, Grabsteine ausgenommen, will tiefe, tiefe Ewigkeit, auf Tontäfelchen, Papyrus, Pergament, Papier, Bytes – so sein Fall in die Tiefen der Materie, des Kommerzes, denn die originären Schreiber vervielfältigen nicht, das bleibt den bezahlten sowie den Druckern überlassen. Und nur durch stete Vervielfältigung geht der Text in die kurze Ewigkeit der paar tausend Jahre menschlicher Existenz auf diesem sich einfach so weiterdrehenden Planeten ein, so daß immer neue Wellen, Auflagen, Neudrucke genannt, gegen die Erosion, die Entropie angehen, die uns die Gedanken zerstreut – so wie uns selbst nach unserem Tod.
Darum ist der Erstdruck, die editio princeps, so bedeutungsvoll: als Beweis, daß trotz aller widrigen Umstände etwas überbleibt, als Beleg beinah, daß unsere Existenz denn nicht ganz umsonst gewesen sein mag, da sie in Relikten zu überdauern scheint.
Und wäre nicht der Bücherberg aller Bücher aller paar hundert Jahre Schreib- wie Druckkunst – wäre er nicht höher als alle Pyramiden aufeinandergestellt?
Aber zu dieser Sammlung.
Es sind Stücke darunter, für die so mancher Bibliophile zum Magister Tinius werden würde, böte sich ihm die Gelegenheit dazu. Nur wer aus dem Bekanntenkreis hat dergleichen in seinen Regalen herumstehen?
Angesichts der unübersehbaren Größe der versammelten Geistessedimente sollte vielleicht doch ein bescheidener Nachteil mancher Exemplare erwähnt sein: ihr späterer Einband, so z.B. beim Dante (Nr. 10) oder Aristo (Nr. 16).
· Es beginnt mit drei Kapiteln aus einem Manuskript des Ägyptischen Totenbuches (ca. 1080-746 v.u.Z., 21. oder 22. Dynastie, Nr. 1), es folgen:
· ein Band aus einem japanischen Manuskript des buddhistischen Mahâprajnâpâramitâsûtra (datiert 730, Nr. 2, die eingedampfte Fassung des Textes, das Herzsutra können Sie als PDF hier lesen http://www.meyerbuch.com/pdf/Herzsutra.pdf)
· Blätter der Gutenberg-Bibel (Nrr. 4 & 5),
· die editio princeps des griechischen Bibeltextes (Aldus, 1518, Nr. 7)
· die editio princeps von Dante (1472, Nr. 10),
· die editio princeps von Aristoteles (Aldus, 1495-1498, Nr. 16)
· Ptolemäus (1478, Nr. 21, die gr. editio princeps ist Nr. 23),
· die editio princeps von Aesop (Nr. 24),
· die editio princeps von Homer (Fragment auf Pergament Nr. 31, & vollständig Nr. 32),
· die erste Aldus-Ausgabe der Odyssee (1504, Nr. 33, leider ohne weitere Angaben zum zeitgenössischen Einband, siehe Fußnote [3]; die Chapman-Übersetzung Homers, Nrr. 89-91),
· Vergil in Kursiv (Aldus, 1501, Nr. 35; zur frühen Kursive cf. Harry George Fletcher III: New Aldine Studies, pp. 77-87),
· die editio princeps von Plato (Nr. 38, gefolgt von der zweiten, der Baseler, Nr. 39, sowie der Estienne-Ausgabe, Nr. 40),
· die erste Ausgabe von Montaignes Essays (1580, Nr. 72, mit der Titelseite in zweitem Zustand),
· die editio princeps des Don Quixote (1605 & 1615, Nr. 80 – nicht die Ausgabe, über deren Erwerb Dean Corso im Film so glücklich ist, dies ist die Nr. 81, die illustrierte Ibarra-Ausgabe von 1780),
· Shakespeares Folios, nämlich alle vier (Nr. 100 – die Quarto-Ausgabe von „A Midsommer Nights Dreame“ Nr. 99 – die „Poems“ Nr. 101),
· die erste Ausgabe von Burtons Melancholy (1621, Nr. 103),
· die erste Sammlung von Gedichten John Donnes (1633, Nr. 105),
· viel Milton (Nrr. 108-112),
· die editio princeps von Pascals Pensées (1652, Nr. 126) in einem schönen roten Maroquinband der Zeit und nochmals in einem nicht so attraktiven Kalbleder (Nr. 127),
· einiges von Goethe (Nrr. 152-156),
· William Blakes Songs of Innocence and of Experience (1794, Nr. 165) in einem wohl schönen, leider nicht abgebildeten Einband der Zeit [Großer Thoth-Hermes, und alle, die Ihr für die ungerechte Verteilung der Bücher auf Erden zuständig seid: bei mir steht bloß ein billiger Nachdruck herum!],
· William Blakes Book of Thel (1789, Nr. 166),
· William Blakes Europa: A Prophecy (ca. 1830-1832, Nr. 167),
· Herman Melvilles mit einigen Marginalien versehenes Exemplar von Dante (1847, Nr. 181) sowie sein mit Annotationen versehenes Exemplar von Milton (1936, Nr. 182),
· die editio princeps von Whitmans Leaves of Grass (1855, Nr. 187) in Original-Leinwand, dazu Autographen unter den Nrr. 188-190, 192,
· die editio princeps von Baudelaires Fleurs du mal (1857, Nr. 194) im Original-Verlegerumschlag, mit den später unterdrückten sechs Gedichten.
Der Rest kursorisch: Rimbaud, Nietzsche, Yeats, Einstein, Joyce (Nrr. 205-218), Proust, D.H. Lawrence, Ezra Pound, Rilke, T.S. Eliot, T.E. Lawrence, u.s.w.
Ab Nr. 239 werden Pressendrucke angeführt:
Cobden-Sanderson’s Exemplar des Kelmscott Press Chaucer mit Widmung von Morris, gefolgt von einem Chaucer – ja, noch einem! – im von Morris selbst entworfenen Einband, m.E. viel schöner als der andere, weil stilistisch passender;
und weiteres: Ashendene Press, Eragny Press, Pergament-Exemplare der Doves Press in Einbänden der Doves-Bindery (Nrr. 252-279), Shakespeare Head Press, Cranach Presse, Golden Cockerel, Gregynog, Arion Press.
Was bleibt uns von dieser Sammlung (4), da wir nicht zu den glücklichen Ersteigerern des einen oder anderen weltgeistbewegenden Werkes gehörten? Die Bilder, die halbwegs guten Beschreibungen (nur die Inkunabeln mit Kollationen, was nicht allzu sinnvoll ist, da diese in den Bibliographien angeführt werden, bei manchen der seltenen, späteren Drucken wäre es sinnvoller; nur spärlich angeführte Referenzwerke, manchmal die erstbesten statt der besten), die Provenienzlisten – und das Vorwort von Nicolas Barker, in dem er über Erstdrucke sinniert.
Das ‚Preface’ des Haven O’More möchte ich vergessen, mir zu schwülstig und von Zitatitis angekränkelt.
(1) Sotheby’s: The Collection of The Garden Ltd. Magnificent Books and Manuscripts. Conceived and Formed by Haven O’More, Funded by Michael Davis. New York, 1989. Quarto. Unpaginiert. 308 Einträge. Schwarze Original-Leinwand mit goldgeprägter Titelei auf Rücken und Vorderdeckel.
(2) ‘The Colophon Book Shop’ schreibt:
“The sale of this library, The Garden Ltd., was brought about by a lawsuit filed by Michael Davis against Haven O’More. Davis, son of the businessman, Leonard Davis, entered into a partnership with O’More in which Davis turned over control of $17 million to O’More as the sole general partner of The Garden Ltd., an association formed ‘primarily to write and develop new manuscripts, to rewrite, edit and publish manuscripts, and to hold and collect rare books and manuscripts.’ The tale of this financial partnership and its collapse, and more interesting, the story behind the enigmatic Haven O’More is told in detail in Nicholas Basbane’s book, A Gentle Madness: Bibliophiles, Bibliomanes, and the Eternal Passion for Books, chapter 6, ‘To Have and to Have No More.’ Not to be overlooked is the magnificent library built by O’More. As Nicolas Barker states in his Foreword, ‘The decision to choose the best authors and the best works, in the best available copies, is aptly demonstrated.’, and much, much more.”
[3] Das Exemplar De Marinis II, 2250 bis. Zum Motiv der Fortuna mit Segel auf diesem Einband der Aldinischen Odyssee: Anthony Hobson: Humanists and Bookbinders, pp. 163 sqq.: “The aspect of Fortuna that Italian binders wished to emphasise was her fleetingness”; dort weitere Literaturhinweise, auch zu “festina lente”.
Vergleichstücke z.B. in De Marinis II, tav. CCCLXXXIV-CCCXCVI, CCCCVI.
(4) Der Auktionskatalog ist unbedingt zu ergänzen durch PMM, i.e. John Carter & Percy H. Muir: Printing and the Mind of Man. A Descriptive Catalogue Illustrating the Impact of Printing on the Evolution of Western Civilization During Five Centuries. Assisted by Nicolas Barker, H.A. Feisenberger, Howard Nxon and S.H. Steinberg. With an Introductory Essay by Denys Hay. München: Karl Pressler, 1983.