Archiv für August, 2009

Das Problem des Rechteckes II

30. August 2009

Dieselbe Aufgabe stellt sich auch anderen Kunsthandwerkern.
Eher aus persönlicher Vorliebe denn aus irgendeinem anderem Grunde möchte ich zum Vergleich, ohne dies mit viel Kommentar zu belasten, einige japanische Inros zeigen: kleine mehrteilige Behälter aus mit Lack überzogenem Holz, die der Aufbewahrung von Medikamenten oder der Stempelutensilien dienten. Da sie am Gürtel getragen wurden, sind Schnurgänge vorgesehen, und die durch diese gezogene Kordel, unten bisweilen kunstvoll geknotet, wird oben, des Haltes im Gürtel wegen, in einem Netsuke befestigt.
 

Rahmen

Rahmen

Ein eher ungewöhnliches Stück, bei dem sich die einzelnen Etagen innerhalb eines Rahmens befinden, der so als auch als optische Umgrenzung dient.
 

Kôsai

Kôsai

Beispiel für die Dekoration der Mitte.
 

Ritsuô (Nachfolger)

Ritsuô (Nachfolger)

Dieses und die nächsten zwei sind Beispiele für umlaufendes Dekor. Hier ein Nachtfischer in seinem Boot mit einer Laterne.
 

Äste vor schwarzem Hintergrund

Äste vor schwarzem Hintergrund

Äste. Farblich exquisit durch die Verwendung zarter metallischer Farbtöne.
 

Wasserfall & Drachen

Wasserfall & Drachen

Ein Drache entspringt einem Wasserfall. Wohl die spannendste Umsetzung eines die ganze Inro-Oberfläche einnehmenden Motivs.

Das Problem des Rechteckes I

30. August 2009

Deckel von Bucheinbänden sind quasi naturgegeben rechteckig. Entweder bedeutet dies für ihre Verzierung eine direkt umzusetzende Vorgabe – oder eine Grenze, eventuell Grenzlinie, die es zu überschreiten, zumindest zu relativieren gilt.
Die erste Variante, die das Rechteck als Vorgabe betrachtet und versucht, das Beste daraus zu machen, benutzt zum Beispiel die üblichen Randrahmen, die quer durch alle Zeiten verwendet wurden, oder bei den deutschen Renaissance-Schweinslederbänden die Rollenblindprägung um ein Plattenmittelstück.
Optisch interessanter ist die zweite Möglichkeit der Deckelverzierung.
Obgleich das Überschreiten der Deckelgrenzen hin zu einem den ganzen Buchdeckel erfassenden Design neueren Ursprunges ist, lassen sich Vorläufer finden, die das Rechteckige nicht aufzuheben, jedoch zu relativieren versuchen.
Ich möchte die Bemühungen der Einbandkünstler anhand einiger Beispiele verdeutlichen.
 

Dorfner

Dorfner

Otto Dorfner, Weimar. Einband zu Pierre de Margerie: Eloge de la Typographie. Weimar: Cranach-Presse für Paris: Éditions de Cluny Paris, „en février“ 1931.
Der Randrahmen dient zur Betonung des qualitätvollen, leicht geglätteten Maroquins, dessen natürliche, leicht unregelmäßige Struktur dem Rechteck entgegenhält, es gleicht einem Leben, das sich in einem Rahmen abspielt oder vielleicht dem Spiel auf einer Bühne.
 

Shelley

Shelley

Englischer flaschengrüner, ungeglätteter Maroquinband um 1900.
Eigentlich ein simples Muster, in den Ecken wird das rechteckige Motiv nochmals aufgegriffen, mittels der Überschneidungen abgewandelt und durch kleine Quadrate betont, dem wirkt die kräftige Struktur des ungeglätteten Leders entgegen und verhilft auch diesem Einband zu eigenwilliger, prägnanter Belebung.
 

Picard

Picard

Grolier-Stil. Jean Picard, Paris, zwischen 1540 und 1547.
Naturbraunes Kalbleder; die durch goldgeprägte Linien begrenzten Einfassungen sowie der den innersten der drei Rahmen überschneidende Rhombus und das Mittelornament sind schwarz eingefärbt. Lebhafte Gestaltung durch die verschiedenen, teils mehrfach verwendeten fleuralen und Bogenstempel. Ähnliche geometrische Aufteilungen lassen sich für mittelalterliche Bilder → nachweisen.
 

Rossetti

Rossetti

Dante Gabriel Rossetti: The Collected Works. London: Ellis and Elvey, 1897.
Schwarze Original-Maroquinbände, auf den Deckeln nahe den Gelenken ein großes, längliches Feld mit wiederholten kleinen Kreisen und neun Blumen, sowie zwei quadratische Felder nahe den Ecken mit jeweils drei Blumen.
Dies von Dante Gabriel Rossetti selbst entwickelte Muster wurde erstmals 1870 für die Ausgabe seiner Gedichte verwandt. In sich fein und detailreich gestaltet vermeidet es, den Einband zu überladen, sondern läßt dem qualitätvollen Maroquin noch genügend Platz. Zwar wird die rechteckige Form der Deckel im Ornament aufgegriffen, jedoch durch die Anordnung der Felder sowie die unscharfen Ränder relativiert.
 

Vogl

Vogl

Rotes Maroquin des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Einband zu Coelestin Vogl: Mausoloeum Oder Herrliches Grab Des Bayrischen Apostels und Blutzeugens Christi S. Emmerami (…). Regensburg: Johann Aegidius Raith, 1680.
Dem Leder ist vor lauter Vergoldung so wenig Raum gelassen, daß es beinah unwesentlich wird, statt seiner Struktur ist es nun die Zierlichkeit der Stempel, die dem Rechteckigen entgegenstrebt, indem sie innen beinah spielerisch sich auszudehnen, eher zu wachsen scheinen. Mir erscheint das Bestreben des Einbandkünstler eher ein an pflanzlichem Wachstum als an winkeliger Ornamentik orientiertes.
 

Conway

Conway

Stephen Conway, Ende des 20. Jahrhunderts. Einband zu André L. Simon: Bibliotheca Vinaria. London: The Holland Press, 1979.
Weinrotes Oasenziegenleder, intarsiert mit kreisrunden Stücken verschiedener Ledersorten, wie Ziegen-, Kalb- und Emuleder, sowohl auf den Deckeln wie dem Rücken, dazwischen größere vergoldete Punkte, das alles in einem übergreifenden Muster. Hier wird die Buchdecke nur als Ganzes zum Bild, das Design soll rundum betrachtet werden, um volle Wirkung zu entfalten.

BmbK II: Garden Limited

29. August 2009

Begegnungen mit bemerkenswerten Katalogen, Folge II: The Collection of The Garden Ltd. Magnificent Books and Manuscripts. Conceived and Formed by Haven O’More, Funded by Michael Davis. (1)

Antipode zu Folge eins. Ein Schlachtschiff auf den Meeren des Geistes, das gewichtige Bücher verschießt.
Die Weltgeschichte samt Weltgeist auf einem Haufen, aus dem Buchstaben raunen, die sich an der kühleren Wand des Auktionskataloges in Preisen sublimieren sollen (2).
Geist und Geld sind eine Verbindung, die gleich nach der von Exkrementen mit Penunse rangiert: das Flüchtige, das unseren Köpfen entflohene, das sich manifestiert, Grabsteine ausgenommen, will tiefe, tiefe Ewigkeit, auf Tontäfelchen, Papyrus, Pergament, Papier, Bytes – so sein Fall in die Tiefen der Materie, des Kommerzes, denn die originären Schreiber vervielfältigen nicht, das bleibt den bezahlten sowie den Druckern überlassen. Und nur durch stete Vervielfältigung geht der Text in die kurze Ewigkeit der paar tausend Jahre menschlicher Existenz auf diesem sich einfach so weiterdrehenden Planeten ein, so daß immer neue Wellen, Auflagen, Neudrucke genannt, gegen die Erosion, die Entropie angehen, die uns die Gedanken zerstreut – so wie uns selbst nach unserem Tod.
Darum ist der Erstdruck, die editio princeps, so bedeutungsvoll: als Beweis, daß trotz aller widrigen Umstände etwas überbleibt, als Beleg beinah, daß unsere Existenz denn nicht ganz umsonst gewesen sein mag, da sie in Relikten zu überdauern scheint.
Und wäre nicht der Bücherberg aller Bücher aller paar hundert Jahre Schreib- wie Druckkunst – wäre er nicht höher als alle Pyramiden aufeinandergestellt?

Aber zu dieser Sammlung.
Es sind Stücke darunter, für die so mancher Bibliophile zum Magister Tinius werden würde, böte sich ihm die Gelegenheit dazu. Nur wer aus dem Bekanntenkreis hat dergleichen in seinen Regalen herumstehen?
Angesichts der unübersehbaren Größe der versammelten Geistessedimente sollte vielleicht doch ein bescheidener Nachteil mancher Exemplare erwähnt sein: ihr späterer Einband, so z.B. beim Dante (Nr. 10) oder Aristo (Nr. 16).

· Es beginnt mit drei Kapiteln aus einem Manuskript des Ägyptischen Totenbuches (ca. 1080-746 v.u.Z., 21. oder 22. Dynastie, Nr. 1), es folgen:
· ein Band aus einem japanischen Manuskript des buddhistischen Mahâprajnâpâramitâsûtra (datiert 730, Nr. 2, die eingedampfte Fassung des Textes, das Herzsutra können Sie als PDF hier lesen http://www.meyerbuch.com/pdf/Herzsutra.pdf)
· Blätter der Gutenberg-Bibel (Nrr. 4 & 5),
· die editio princeps des griechischen Bibeltextes (Aldus, 1518, Nr. 7)
· die editio princeps von Dante (1472, Nr. 10),
· die editio princeps von Aristoteles (Aldus, 1495-1498, Nr. 16)
· Ptolemäus (1478, Nr. 21, die gr. editio princeps ist Nr. 23),
· die editio princeps von Aesop (Nr. 24),
· die editio princeps von Homer (Fragment auf Pergament Nr. 31, & vollständig Nr. 32),
· die erste Aldus-Ausgabe der Odyssee (1504, Nr. 33, leider ohne weitere Angaben zum zeitgenössischen Einband, siehe Fußnote [3]; die Chapman-Übersetzung Homers, Nrr. 89-91),
· Vergil in Kursiv (Aldus, 1501, Nr. 35; zur frühen Kursive cf. Harry George Fletcher III: New Aldine Studies, pp. 77-87),
· die editio princeps von Plato (Nr. 38, gefolgt von der zweiten, der Baseler, Nr. 39, sowie der Estienne-Ausgabe, Nr. 40),
· die erste Ausgabe von Montaignes Essays (1580, Nr. 72, mit der Titelseite in zweitem Zustand),
· die editio princeps des Don Quixote (1605 & 1615, Nr. 80 – nicht die Ausgabe, über deren Erwerb Dean Corso im Film so glücklich ist, dies ist die Nr. 81, die illustrierte Ibarra-Ausgabe von 1780),
· Shakespeares Folios, nämlich alle vier (Nr. 100 – die Quarto-Ausgabe von „A Midsommer Nights Dreame“ Nr. 99 – die „Poems“ Nr. 101),
· die erste Ausgabe von Burtons Melancholy (1621, Nr. 103),
· die erste Sammlung von Gedichten John Donnes (1633, Nr. 105),
· viel Milton (Nrr. 108-112),
· die editio princeps von Pascals Pensées (1652, Nr. 126) in einem schönen roten Maroquinband der Zeit und nochmals in einem nicht so attraktiven Kalbleder (Nr. 127),
· einiges von Goethe (Nrr. 152-156),
· William Blakes Songs of Innocence and of Experience (1794, Nr. 165) in einem wohl schönen, leider nicht abgebildeten Einband der Zeit [Großer Thoth-Hermes, und alle, die Ihr für die ungerechte Verteilung der Bücher auf Erden zuständig seid: bei mir steht bloß ein billiger Nachdruck herum!],
· William Blakes Book of Thel (1789, Nr. 166),
· William Blakes Europa: A Prophecy (ca. 1830-1832, Nr. 167),
· Herman Melvilles mit einigen Marginalien versehenes Exemplar von Dante (1847, Nr. 181) sowie sein mit Annotationen versehenes Exemplar von Milton (1936, Nr. 182),
· die editio princeps von Whitmans Leaves of Grass (1855, Nr. 187) in Original-Leinwand, dazu Autographen unter den Nrr. 188-190, 192,
· die editio princeps von Baudelaires Fleurs du mal (1857, Nr. 194) im Original-Verlegerumschlag, mit den später unterdrückten sechs Gedichten.

Der Rest kursorisch: Rimbaud, Nietzsche, Yeats, Einstein, Joyce (Nrr. 205-218), Proust, D.H. Lawrence, Ezra Pound, Rilke, T.S. Eliot, T.E. Lawrence, u.s.w.

Ab Nr. 239 werden Pressendrucke angeführt:
Cobden-Sanderson’s Exemplar des Kelmscott Press Chaucer mit Widmung von Morris, gefolgt von einem Chaucer – ja, noch einem! – im von Morris selbst entworfenen Einband, m.E. viel schöner als der andere, weil stilistisch passender;
und weiteres: Ashendene Press, Eragny Press, Pergament-Exemplare der Doves Press in Einbänden der Doves-Bindery (Nrr. 252-279), Shakespeare Head Press, Cranach Presse, Golden Cockerel, Gregynog, Arion Press.

Was bleibt uns von dieser Sammlung (4), da wir nicht zu den glücklichen Ersteigerern des einen oder anderen weltgeistbewegenden Werkes gehörten? Die Bilder, die halbwegs guten Beschreibungen (nur die Inkunabeln mit Kollationen, was nicht allzu sinnvoll ist, da diese in den Bibliographien angeführt werden, bei manchen der seltenen, späteren Drucken wäre es sinnvoller; nur spärlich angeführte Referenzwerke, manchmal die erstbesten statt der besten), die Provenienzlisten – und das Vorwort von Nicolas Barker, in dem er über Erstdrucke sinniert.
Das ‚Preface’ des Haven O’More möchte ich vergessen, mir zu schwülstig und von Zitatitis angekränkelt.

(1) Sotheby’s: The Collection of The Garden Ltd. Magnificent Books and Manuscripts. Conceived and Formed by Haven O’More, Funded by Michael Davis. New York, 1989. Quarto. Unpaginiert. 308 Einträge. Schwarze Original-Leinwand mit goldgeprägter Titelei auf Rücken und Vorderdeckel.

(2) ‘The Colophon Book Shop’ schreibt:
“The sale of this library, The Garden Ltd., was brought about by a lawsuit filed by Michael Davis against Haven O’More. Davis, son of the businessman, Leonard Davis, entered into a partnership with O’More in which Davis turned over control of $17 million to O’More as the sole general partner of The Garden Ltd., an association formed ‘primarily to write and develop new manuscripts, to rewrite, edit and publish manuscripts, and to hold and collect rare books and manuscripts.’ The tale of this financial partnership and its collapse, and more interesting, the story behind the enigmatic Haven O’More is told in detail in Nicholas Basbane’s book, A Gentle Madness: Bibliophiles, Bibliomanes, and the Eternal Passion for Books, chapter 6, ‘To Have and to Have No More.’ Not to be overlooked is the magnificent library built by O’More. As Nicolas Barker states in his Foreword, ‘The decision to choose the best authors and the best works, in the best available copies, is aptly demonstrated.’, and much, much more.”

[3] Das Exemplar De Marinis II, 2250 bis. Zum Motiv der Fortuna mit Segel auf diesem Einband der Aldinischen Odyssee: Anthony Hobson: Humanists and Bookbinders, pp. 163 sqq.: “The aspect of Fortuna that Italian binders wished to emphasise was her fleetingness”; dort weitere Literaturhinweise, auch zu “festina lente”.
Vergleichstücke z.B. in De Marinis II, tav. CCCLXXXIV-CCCXCVI, CCCCVI.

(4) Der Auktionskatalog ist unbedingt zu ergänzen durch PMM, i.e. John Carter & Percy H. Muir: Printing and the Mind of Man. A Descriptive Catalogue Illustrating the Impact of Printing on the Evolution of Western Civilization During Five Centuries. Assisted by Nicolas Barker, H.A. Feisenberger, Howard Nxon and S.H. Steinberg. With an Introductory Essay by Denys Hay. München: Karl Pressler, 1983.

Wer zu spät kommt… Folge 3

26. August 2009

„Bitte gedulden Sie sich noch etwas, wir melden uns gegen Ende dieser Woche, spätestens Anfang der nächsten Woche mit genauen Verfahrenshinweisen bei Ihnen.“

„Der Gemeinschaftskatalog“,
Daraus: Akt V, Szene 2, Dialog zweier Antiquare.

Szene: Zwei Antiquare am Computer. Sitzend.

– Der Mittwoch ist die Wochenmitte – oder?
– Aber nicht, wenn man die beiden ersten Tage fortläßt.
– Hmm, dann wäre der Mittwoch plötzlich der erste Wochentag. Hört sich komisch an. Und wenn die Mail nun erst am Donnerstag kommt?
– Dann läßt man die ersten drei Tage fort.
– Verstehe. Und wenn sie Freitag kommt, dann fallen die ersten vier Tage fort, und so weiter. Und wenn von der Woche nichts mehr übrig ist, womit sie anfangen könnte, dann nimmt man einfach die nächste, es gibt ja so viele davon.
– Genau. Schon haben wir die frei-anfangende Woche nach GIAQ.
– Das ist aber ziemlicher Quark.
– Wem sagst Du das? Wenn das Schule macht, hält sich niemand mehr an Zusagen.

Beide ab.

BmbK I: Nicolas Rauch

22. August 2009

Begegnungen mit bemerkenswerten Katalogen, Folge I: Nicolas Rauch, Mies, Suisse

Während Fürstenbergs Werk (1) einen Teilaspekt klassischer Sammlerleidenschaft abdeckt, das 18. bis frühe 19. Jahrhundert, zu dem man, um die Intention eines derart vielgestalten Sammlers nachvollziehen zu können, die anderen, seine weiteren Sammelgebiete behandelnden Bände benötigt, zeigt der erste Katalog Nicolas Rauchs (2) ein bibliophiles Gesamtpanorama auf, dessen einzige Auslassung die Pressendrucke seit Morris sind.
Der Leser guckt erstaunt auf die Vielfalt der Buchwelt. Kluge Beschreibungen, zahlreiche s/w Abbildungen und einige farbige, unter denen ich besonders die goldgehöhten Einbandabbildungen hervorheben möchte, führen anschaulich die Möglichkeiten stilvoller, traditioneller Bücherliebeskunst vor Augen: gute Ausgaben, illustrierte Werke, alles in gediegenen bis meisterlichen Einbänden. In diesem Ansatz vergleichbar dem Zeitalter, das in Humboldt seinen krönenden Abschluß fand und in unserer kleinteiligen Weltschau seine Fortsetzung nahm.
Wohltuend empfinde ich die sprachlich-ruhige Selbstverständlichkeit, mit der dies dargereicht wird: Bücher des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts, Broderies et dentelles, siebzehntes und achtzehntes Jahrhundert, Modes et Costumes, neunzehntes Jahrhundert, einige deutsche Literatur, Kinderbücher, Oiseaux et fleurs.
Zweisprachigkeit war damals noch nicht notwendig, denn der Gebildete verstand Französisch; die Zeit vor Broken English, vor der verplattformten deutschen Sprache.
Indices der Topoi/Namen/Titel und der Provenienzen schließen den Katalog ab.

Wir sind heute geneigt, das Neue, Ungebrauchte vorzuziehen, da es in diese Zeit, deren Güter sich immer schneller erneuern müssen, da sie immer kurzlebiger werden, paßt. Es ist eine Zeit, in der das Vergehen von Zeit keinen Ort mehr finden soll, sondern zu umgehen versucht wird mittels Botox, Facelifting und konsequenter Nichtbeachtung samt Aussperrung. Wenn die Alten im Altenheim entschwinden, dann die alten Kunstwerke, Gemälde und Statuen im Museum, die alten Bücher in den Glassärgen von Ausstellungen der Bibliothek.
Doch ist das Herkommen eines Buches, seine persönliche Geschichte, selbst in einer sich demokratisch gebärdenden Welt sicherlich bedeutungsvoll: Adel des Sammelns, Adel des Lesens wie der Wissenschaften, die sich von Generation auf Generation vererben oder weiterreichen. Fackel des Geistes. Mehr, als wir selbst bereits sind zu empfangen, werden wir nicht ererben.

Rauch1

Schlichtere Einbände verstecken sich in diesem Katalog nicht, sondern stehen gleichrangig neben den reich vergoldeten, so der Pergamenteinband von Bellau, 1572 (Nr. 12); doch möchte ich einiges aus der Vielfalt des Angebotes hervorheben und betonen, daß diese Auswahl meine ist, somit völlig subjektiv:

· ein handschriftlicher Brief Calvins an Guillaume Farel (Nr. 20),
· die Hypnerotomachia in der französischen Ausgabe von 1554 (Nr. 23, obgleich ich die Holzschnitte der aldinischen ihrer Grazie wegen vorziehe),
· ein Duodo-Einband (Nr. 29, ein wenig Information zu Duodo in: Howard M. Nixon: Sixteenth-Century Gold-Tooled Bookbindings in the Pierpont Morgan Library, pp. 233-234),
· die Aldus-Ausgabe des Kirchenvaters Laktanz in einem Einband für Apollonio Filareto (Nr. 43, cf. G.D. Hobson: Maioli, Canevari and Others, p. 117, n° IV; De Marinis, vol. I, n° 819, tav. CXXXIII; Anthony Hobson: Apollo and Pegasus, p. 93 [dagegen ist mein Exemplar dieses Druckes, vom Wittenberger Buchbindermeister Nikolaus Müller in schlichtes, blindgeprägtes Schweinsleder gekleidet, richtig bescheiden!]),
· ein Grolier-Einband (Nr. 51, Gabriel Austin: The Library of Jean Grolier, n° 236),
· die erste deutschsprachige Homer-Ausgabe von 1538 (Nr. 54),
· Lancelot du Lac (Nr. 74),
· Le Roman de la Rose (Nr. 81, cf. Sammlung Brunschwig, Nrr. 295-304, mit einer Handschrift des späten 14. Jh., Inkunabelausgaben u.s.w.),
· ein Maioli-Einband (Nr. 87, cf. G.D. Hobson: Maioli, Canevari and Others, pp. 40-41, Gruppe IV),
· ein Peiresc-Einband (Nr. 108, cf. G.D. Hobson: Les reliures à la fanfare, n°° 191, 284, 313a),
· die Werke Villons in der ersten Antiqua-Ausgabe von 1532 (Nr. 127),
· Don Quichotte in französischer Übersetzung aus dem Vorbesitz der Marie Antoinette (Nr. 201),
· Fournier le Jeunes Manuel Typographique (Nr. 221),
· Einbände von Bozérian (Nrr. 46, 90, 282, 283, 303, 362)
· Einbände von Derome (Nrr. 27, 139, 243, cf. Sotheby Parke Bernet Monaco: Livres précieux provenant de la bibliothèque de Major Adrian McLaughlin, 1980, zu n° 1527, mit Stempelabreibungen zu unsignierten Derome-Einbänden),
· Einbände von Thouvenin (Nrr. 106, 288, 289, 311) und anderen bedeutenden Buchbindern.

Es ist für mich der schönste Katalog der Firma, nur in Konkurrenz zum späteren Auktionskatalog der Sammlung Brunschwig (3), der in zwei Teilen erschien.
Aber zugleich Beweis, wie sich das Angebot gewandelt hat. Solches heute zu bieten wäre fast unmöglich, die Preise sehr hoch und der Käufer wohl wenige.

(1) Hans Fürstenberg: Das französische Buch im achtzehnten Jahrhundert und in der Empirezeit. Weimar: Gesellschaft der Bibliophilen, 1929. Quarto. [4 weiße], VIII, [2], 431, [2], [1 weiße] Seiten.
In limitierter Auflage erschienen, mit zahlreichen Listen von Autoren, Illustratoren, Stechern, Buchbindern, Auktionen, bibliographischen Angaben; Titelregister. Nachteil sind die fehlenden Abbildungen.

Dazu vielleicht: Tammaro De Marinis: Die italienischen Renaissance-Einbände der Bibliothek Fürstenberg. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft, 1966. Quarto. 190, [3], [3 weiße] Seiten mit 79 ganzseitigen s/w Einbandabbildungen. Original-Leinwand.
Für jeden, der sich die Legatura artistica nicht zulegen möchte, wegen des gebotenen Einbandmaterials ideal.

Rudolf Adolph: Hans Fürstenberg. Aschaffenburg: Paul Pattloch, 1960. Kl.Octavo. 156, [11], [3 weiße] Seiten. Sowie s/w Abbildungen auf Kunstdrucktafeln. Original-Leinwand.
Gibt einen ersten Überblick über Leben und Sammlertätigkeit eines Bankers.

(2) Nicolas Rauch: Catalogue de très beaux livres. Des fleurs le fruit. Du fruit la fleur. No. 1. Mies/Suisse, 1948. Gr.Octavo. 284, [2] Seiten. Mit einem farbigen Frontispiz, sieben Farbtafeln, zahlreichen s/w Abbildungen im Text und auf Tafeln. Illustrierte Original-Broschur.
362 Nummern. Erschienen in einer Auflage von 1350 Exemplaren, Buchdruck des Textes und der Tafeln von Benno Schwabe & Co.

(3) Nicolas Rauch: Bibliothèque Silvain S. Brunschwig. XVe & XVIe Siècles. Genf, 1955. Kl.Quarto. 381, [3] Seiten. 10 Kunstdrucktafeln, zahlreiche Abbildungen im Text; 1 farbiges & goldgehöhtes, gefaltetes Frontispiz; 1 farbige montierte Titelvignette. Original-Broschur mit dem vergoldeten Lederexlibris auf dem Vorderdeckel.
575 Nummern nach Ländern geordnet aus den erwähnten Gebieten mit ausführlichen, durch zwei Indices erschlossenen Beschreibungen sowie Abbildungen von Einbänden und Illustrationen. Der von Benno Schwabe gedruckte Katalog erschien in 1050 handnumerierten Exemplaren.

Nicolas Rauch: Bibliothèque Silvain S. Brunschwig. (Deuxième partie). Livres d’emblèmes, Dix-septième au vintième siècle, Livres de l’époque 1900. Genf, 1955. Kl.Quarto. 91, [5] Seiten. Sowie 20 s/w Kunstdrucktafeln, einige Abbildungen im Text. Originalbroschur.
523 Nummern aus den erwähnten Gebieten. Von Benno Schwabe gedruckt. Die Abbildungen zeigen Einbände, Kupfer, Seiten und Titel. Beigeklebt ist die Liste der Schätzpreise

Intermezzo. Energiesparen.

21. August 2009

Ich lese grad von einer wichtigen Entscheidung des Landgerichtes zu Bielefeld, einer Stadt, durch die ich, falls mich mein Erinnerungsvermögen nicht trügt, ein- oder zweimal gefahren bin, ohne daß ich irgendeines ihrer städtebaulichen Details meinem Gehirn zu entreißen vermag; nichts belastet mich in Hinsicht auf Bielefeld, ich bin ganz vorurteilsfrei.

Aber zum Entscheid: er besagt, daß es wettbewerbswidrig sei, im Sinne des § 3 Abs. 1 EnVKV, i.e. die Verordnung über die Kennzeichnung von Haushaltsgeräten mit Angaben über den Verbrauch an Energie und anderen wichtigen Ressourcen – ein angenehm kurzer Titel, ich meine doch, die Ents hätten das etwas umständlicher ausgedrückt – kennzeichnungspflichtige Haushaltslampen und Haushaltsleuchtstofflampen über das Internetz anzubieten oder gar zu vertreiben, ohne selbige zu kennzeichnen, und zwar mit Angaben über ihren Verbrauch an Energie samt anderen wichtigen Ressourcen sowie zusätzlichen Angaben.

Das müßte doch, der Logik der Angelegenheit entsprechend, auf Bücher und alles Gedruckte ebenfalls anzuwenden sein.
Denn – es folgt die Begründung – Bücher verschlingen geradezu unsere Ressourcen bei ihrer Herstellung, ihrem Vertrieb und ihrer Benutzung:

Der Dichter, Schriftsteller oder Wissenschaftler muß Gedanken über Gedanken aufwenden, einige verwerfen (besonders wichtig: Abfall! Entsorgung! Evtl. Giftmüll?), sein Computer verbraucht Strom, sein Füller Tinte, sein Kugelschreiber das blaue Zeugs, das in ihm ist, und, last not least, all das Papier erst!
Es folgt in dieser Nahrungskette der Lektor (nein, nicht Hannibal!), dessen Verstand und Geist, so vorhanden, sich auf das schnelle Überfliegen kaprizieren.
Es folgen Satz und Druck, Vertrieb, Verkauf und nach Hause tragen (was man schwarz auf weiß besitzt…).
Es folgen fernerhin: entpacken, befreien des Buches aus seiner Würstchenhautklebefolie, aufschlagen, lesen.
Haben Sie sich, verehrungswürdiger Leser dieser bescheidenen Zeilen, je Gedanken veranstaltet, was es heißt, einen Text zu lesen, was da in ihrem kombinierten Gehirn-Verstandkasten passiert, abläuft, geschieht?

Also sollte doch endlich ein Punktesystem entwickelt werden.
Schwierige, inhaltreiche Bücher erhalten je nach ihrem Schwierigkeitsgrad Ressourcenverschwendungspunkte. Borges z.B. ist so ein Fall, aber er hat zu seinem posthumen Glück bloß kurze Texte verfaßt, er ahnte bereits, wie die Entwicklung unserer Ökologischen Weltordnung verlaufen würde. Denn dicke Bücher, bei denen viel geblättert werden muß, müssen selbstredend auch dicke, meine viele, Punkte erhalten: welche Anstrengung, Finger und Daumen halbwegs koordiniert zum Blatte zu führen, um es, ohne es zu zerreißen, zu wenden.

Aber, es gibt einen Lichtblick: werden auch spannende Krimis wegen der Herzschlagbeschleunigung, Satiren wegen des Muskelverziehens des Gesichtes samt lautem (Lärmbelästigung!) Gelächter abgestraft – langweilige Bücher, bei denen der Leser einschläft, dürfen Ressourcenverschwendungspunkte abgezogen werden, denn nichts ist ökologisch so sinnvoll wie ein energiesparender Erholungsschlaf!
 

PS.
Einstein? Lassen Sie die Augen davon, absoluter Ressourcenverschwendungspunkteverschwender! Geben Sie sich selbstschonenderweise mit der Stachanow-Version der Allgemeinen und Speziellen Relativitätstheorie zufrieden: „Alles ist relativ“. Oder lesen Sie die Alternative von Frau Shelley, die es frank und frei grad auf ein Drittel der einsteinschen Punktezahl bringt.

Der Antiquar (II)

20. August 2009

Was sind die Vorbilder des Antiquars, an denen er sich schulen und fortbilden kann?
Da die meisten von uns keine Ausbildung bei einem Buchhändler/Antiquar genossen bzw. erlitten haben, blieben für ihre fachspezifische Bildung (die allgemeine setze ich einfach voraus) eigentlich nur der virtuelle Antiquar – ich meine Verkaufskataloge, Auktionskataloge – und die bibliographischen Nachschlagewerke.
Das intensive Studium der dort verwandten Termini, Methodiken und das Auseinandersetzen mit ihnen ist die Vorbedingung, die so gewonnenen Erkenntnisse auf die von einem selbst angebotenen Bücher anwenden zu können.
Meist ist aus persönlichen wie sachlichen Gründen eine Einszueins-Umsetzung nicht möglich: die Vorbilder dienen also dazu, einen eigenen Stil zu entwickeln.
Und ich denke, diese Entwicklung ist nicht abgeschlossen, solange der Antiquar aktiv bleibt, zum einen versucht er stets, die Darstellungsweise seiner Titeleinträge zu verbessern, zum anderen stellen ihn neu erworbene Bücher bisweilen vor kleinere Schwierigkeiten, ich möchte an dieser Stelle nur Sammelbände und ihre Darstellung auf Plattformen erwähnen.

In diesem Sinne beabsichtige ich in einigen folgenden Beiträgen Kataloge und bibliographische Nachschlagewerke, die mir etwas bis viel bedeuten, aus denen ich gelernt habe oder noch lerne, vorzustellen.
Die Auswahl ist dementsprechend subjektiv – doch fühle sich der geneigte Leser eingeladen, als Gastbeitrag oder Kommentar seine eigenen Lieblinge beizusteuern.

Der Antiquar (I)

17. August 2009

Titus Pomponius Atticus, Spitzweg oder das ZVAB?
Unverbindliche Überlegungen zu einem denkwürdigen Thema.

Dem Kleinzeug auf meinem Schreibtisch gewidmet.

Ein Antiquar ist kein Sortimentbuchhändler, obwohl er nebenher lieferbare Bücher vertreiben mag.
Ein Antiquar ist kein Verleger, obwohl er nebenher Bücher produzieren mag.
Ein Antiquar ist kein Gebrauchtbuchhändler, obwohl er mit gebrauchten Büchern handelt.
Ein Antiquar ist kein Antiquitätenhändler, obwohl er mit Antiquitäten nebenher handeln und sie persönlich lieben mag.

Ein Antiquar ist weniger definiert durch sein Angebot wie durch seine Methode, seine Ware zu vertreiben, als durch seine Art, seine Ware zu vertreiben.

Sein Angebot mag reichen von Urkunden und Handschriften seit dem Beginn des Schreibens, also Tontäfelchen, Papyrusfragmenten, Pergamenthandschriften, Papierhandschriften, bis zur Epoche des Druckens, also Inkunabeln, Büchern des 16.-19. Jahrhunderts, schönen Einbänden bis zu illustrierten Büchern, Malerbüchern und modernen Erstausgaben.

Das Schreib- und Gutenbergreich ist ziemlich wenig begrenzt.
Die besondere Fähigkeit des Antiquars ist es, sich in diesem Reich oder einer seiner Provinzen zurechtfinden zu können. Das meint, er vermag Bedeutung und Wert eines Buches (oder eines Autographen, einer Handschrift u.s.w.) auf den ersten oder zweiten Blick einzuschätzen, er weiß aus Erfahrung oder durch das Studium anderer Bücher, wo er Informationen über dieses Buch finden wird, er hat genügend Allgemeinwissen, es in den Lauf der Geschichte, der Geistesgeschichte oder der Naturwissenschaften einzuordnen.
Dieses Wissen ist ihm nicht in den Schoß gefallen oder ergoogelt, sondern beruht auf einigen Jahren Erfahrung; Grundvoraussetzung für das Erwerben dieser Kenntnisse sind also Offensein für Neues und der Wille, sich fortzubilden.

Dazu kommt mystischerweise ein siebenter Sinn, oder – wie Herbert Reichner es formulierte – ein „Fingerspitzengefühl“, die Buch und Antiquar in dieser dadaistischsten aller möglichen Welten zusammenführen.

Genau all dies definiert den Antiquar und seine Art, seine Ware zu behandeln und zu vertreiben.

Ein weiteres Kriterium mag das Vergnügen, sogar die Lust an diesen Forschungen sein, die manchmal in keinem Verhältnis zum Ertrag stehen, in seltenen Fällen – ich will nicht übertreiben – sich auszahlen.
Die Buchbeschreibung ist das Ergebnis dieses Bemühens und sollte im Idealfall einen Teil der antiquarlichen Begeisterung vermitteln.

Grundlage des Antiquarsberufes können also keine Preislisten, Bücher-Michelkataloge, Preisvergleichprogramme, vorgegebenen Schemata sein, sondern diese sind nur Beiwerk, das die notwendige Beschäftigung mit dem Objekt unterstützt: im Vordergrund steht immer das einzelne Buch samt seinem kulturgeschichtlichen oder naturwissenschaftlichen Hintergrund und seiner eigenen, speziellen Lebensgeschichte, die aus Einträgen, Besitzvermerken, Widmungen, Marginalien, beiliegenden Zetteln und dergleichen Spuren besteht.

Was gibt es Schöneres als ein Buch, das durch seine bloße Existenz in der Gegenwart uns poetisch in seine Vergangenheit entführt, dessen Geschichte nicht bei den Buchstaben haltmacht, sondern sie im Metatext seines Lebenslaufes birgt?

Niemand möge bitte nach Lesen obiger Zeilen annehmen, ich hätte nun den Antiquarsberuf hinreichend definiert; nein, es ist nur eine Textkatze um den heißen Brei geschlichen.
Das läßt Raum für weitere Gedankenspiele.

Schutzumschlag – Echtheit – Fälschung – Verfälschung

16. August 2009

Der Schutzumschlag dient nicht nur dem, was sein Name aussagen möchte, sondern ist ebenso Zierde wie Informations- und Werbeträger. Bei einem modernen Buch ist er dessen integraler Bestandteil; Nichtvorhandensein bedeutet im deutschsprachigen Bereich noch keine dem angelsächsischen vergleichbare Wertminderung, doch vollständig ist das Buch nur mit Schutzumschlag. Dasselbe gilt für einen gestalteten Schuber.

Die Echtheit kann aufgrund eines Vergleiches mit anderen Exemplaren derselben Auflage und mittels Erfahrung festgestellt, sonst durch bibliographische Nachschlagewerke und deren Beschreibungen wie Abbildungen belegt werden.

Lassen wir den äußerst seltenen Fall beiseite, in denen der Umschlag bzw. der Schuberbezug lithographisch produziert wurde, so kommen zu seiner Herstellung nur Buch- und Offsetdruck in Frage.
Farboffset weist immer ein, meist in sehr kleinen Kreisen angeordnetes, Raster auf, das spätestens beim Betrachten unter dem Fadenzähler sichtbar wird, Buchdruck dazu die bekannten Prägungen im Papier.

Zur Fälschung können vorallem bei englischsprachigen Büchern professionell hergestellte Schutzumschlagfaksimiles (wie z.B. → Facsimile Jackets LLC) dienen, deren Kennzeichnung entfernt wurde, oder andere Nachdrucke, die als solche ungekennzeichnet sind. Bei ihnen ist der Druckprozeß, soweit es Offset betrifft, mit dem der Originale identisch; das verwendete Papier ist hingegen modern, meist also wegen der anderen Papierfasern sowie des Ableimens dünner, leichter, glatter und fester als das originale.

Mit Tintenstrahldruckern hergestellte Fälschungen sind zum einen an das mit diesen Geräten verwendbare Papier gebunden, zum anderen weisen deren Ausdrucke nicht das offsettypische Raster auf, da ihre Farbpunkte sich nach den durch die Maschine, also den die Tinte verteilenden Druckkopf, bedingten Zeilen richten.

Ebenso fallen die mittels Farbkopierers hergestellten Faksimiles durch ihre Farbverteilung und ihr Papier auf; am deutlichsten durch die Abstände der Farbpunkte bei der Darstellung beiger oder sehr heller Töne.

Am schwierigsten nachzuahmen ist immer die unterschiedliche Alterung des Papiers, bei der einzelne Fasern kaum merklich dunkler geworden sein können als der Rest.

Auch durch Verlage herausgegebene Nachdrucke von Erstausgaben, soweit diese mit Schutzumschlag vertrieben werden, können dazu dienen, das Original mit eben diesem nachträglich zu versehen. Es gilt dann das oben zum modernen Papier Gesagte.

Wenn sich die Schutzumschläge verschiedener Auflagen, vom n-ten Druck der Erstausgabe sowieso abgesehen, nicht oder kaum unterscheiden, liegt es nahe, den umschlaglosen, doch wertvollen Erstdruck mit einem wohlerhaltenen, späteren Schutzumschlag zu „verheiraten“.

Restaurierungen, so wichtig und nötig sie sein können, den Zustand eines wertvollen Originals zu sichern, können Verfälschungen überdecken.
Wenn zum Beispiel der Schutzumschlag der Erstausgabe oder des Erstdruckes den Hinweis auf dieses Faktum explizit enthält, mag dem späteren dies von einem beschädigten fast unauffällig hinzugefügt werden.
Weichen die nach innen geklappten Teile, die meist Inhaltsangabe und Rezensionen oder Verlagsanzeigen enthalten, bei späteren Auflagen ab, so können die eines schlecht erhaltenen Erstdruckes mit dem besser erhaltenen Rest einer späteren, sonst motivgleichen Ausgabe unauffällig verbunden werden.

Es ist also wichtig, die Schutzumschläge immer vorsichtig aus ihren Klarsichthüllen zu nehmen und ihr Papier sowie ihren Druck genau zu untersuchen.

Wer zu spät kommt… Folge 2

14. August 2009

Aus der Einladung zum Gemeinschaftskatalog Genossenschaft der Internet-Antiquare (GIAQ eG):
„Mit ausreichendem zeitlichen Abstand zum Postversand soll der Katalog dann auch im Internet eingestellt werden. Dazu werden die Katalogtitel bei prolibri.de eingespeist und auch in den angeschlossenen Metasuchen und bei marelibri.com erscheinen. Weitere Kosten entstehen hierdurch nicht, sofern der Katalogbeitrag als feldstrukturierte Datei zur Verfügung gestellt wird.
Wir sind davon überzeugt, dass in der Verbindung einer Internetdatenbank mit einem klassischen Druckkatalog große Chancen wirksamer Werbung liegen und die Mehrbildfähigkeit der prolibri-Datenbank allen Teilnehmern ohne Zusatzkosten eine einfache Möglichkeit bietet, jedes Objekt im Netz mit beliebig vielen Abbildungen zu versehen und detailliert zu präsentieren.“

Soweit die Theorie von 15. Dezember 2008.

Der gedruckte Katalog erschien – mit einigen Mühen – Ende Mai 2009. Falls nun doch noch wie angekündigt der gesamte Katalog oder wenigstens die bislang unverkauften Bücher bei Prolibri als virtueller Rest-Gemeinschaftskatalog eingestellt werden sollten, kann man diese gewißlich schon seit geraumer Zeit auf anderen Plattformen eingestellt finden.

Bleibt: Entweder wurden die Zusagen nicht eingehalten, oder es geschieht so spät, daß es sinnlos geworden ist.
 

PS.

Genau heute, beinah drei Monate nach Erscheinen der Druckausgabe ist es also geschehen: nicht wie im Schreiben vom Dezember 2008 angekündigt, daß die „Katalogtitel bei prolibri.de eingespeist [werden] und auch in den angeschlossenen Metasuchen und bei marelibri.com erscheinen“, sondern ein unscharfes E-Buch, selbstverständlich ohne die angepriesene „Mehrbildfähigkeit der prolibri-Datenbank“.

Man bereitet die Kunden seitens der GIAQ also schon mal auf die papier- und damit (fast) antiquarlose E-Buch-Zeit vor.

Daß die bereits verkauften Titel nun nochmals erscheinen – und die unverkauften inzwischen in so ziemlich jeder Plattform herumhüpfen, das ist den Veranstaltern egal – oder?
 

PPS.
Vom 18. August 2009.

Soeben lese ich in einem Rundschreiben der Giaq: „Derzeit erarbeitet unser Programmierer eine technische Lösung“ für das Hochladen der Katalogdaten jedes Teilnehmers am Gemeinschaftskatalog.

Dies ist natürlich erfreulich, beweist es doch, daß zum einen nun wirklich damit begonnen wurde, zum anderen, daß Webzwonull nicht ganz so wirkungslos ist, wie angenommen werden könnte.

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