Archiv für Juli, 2009

Antiquar ≠ Antiquar

30. Juli 2009

Ein schlecht geschriebener → Artikel im Börsenblatt online bringt mich dazu, einige an sich überflüssige Überlegungen anzustellen.

Antiquar ist nicht gleich Antiquar, dafür sorgt schon die Qualität des Angebotenen. Wie logisch. Um es an Personen festzumachen: Bernard Breslauer kann mit dem Flohmarkttypen, so sympathisch er auch sein mag, nicht auf eine Stufe gestellt werden.

Da muß man nicht erst Lukians „ungelehrten Büchernarren“ lesen, um zu wissen, daß Antiquare nicht gelehrt sein müssen, manchmal noch nicht einmal Kaufmann.
Gelehrt ist eh ein Topos, den es im Zeitalter des Fachwissens zu vermeiden gälte. Die Wissenschaftler haben immer weniger Allgemeinwissen, dafür immer tiefergehendes Spezialwissen innerhalb eines Fachgebietes.

Anders der Antiquar: zum einen benötigt er ein fundiertes Allgemeindrittelwissen, von jedem etwas, von Latein bis Raumfahrt. Und wenn ihm ein Werk unter die Finger gerät, das ihm unverständlich ist, dann muß er wissen, wo er nachschlagen kann.
Dazu darf, soweit es nicht berufshinderlich wird, ein Fachwissen treten, zum Beispiel über Einbände, Einbandkunde, wie der genannte Breslauer (möge er einen Ehrenplatz in der ewigen Bibliothek einnehmen).

Und, berufserschwerend kommt hinzu, daß heute viel mehr Nichtfachwissen verlangt wird, als es je zuvor der Fall gewesen ist. Da sind zum einen die immer neuen Gesetze und Verordnungen, die umgesetzt werden wollen, um Abmahnungen zu vermeiden. Zum anderen jene Kenntnisse, die das Überleben im Internetz gewährleisten: Eingeben von Titeln in Datenbanken, Übermitteln der Daten an diverse Plattformen, Gestalten und Verwalten der eigenen Angebotseite im Netz.

Schließlich, last, not least (King Lear sagt es, wie passend): die ‚tragischen’ Fälle, das sind die Antiquare, die an Bücher kommen, die ihr Wissen und Können übersteigen, und die Antiquare, die nur Bücher besitzen, für die all ihr Wissen zuviel ist.
Von den ungemein sympathischen Immerbesserwissern, die vor allem in Internetzforen auftreten und nach drei Monaten Berufs-‚Erfahrung’ allen Belehrungen erteilen, möchte ich dezent schweigen.

Die Überlieferung von Texten

29. Juli 2009

Die Überlieferungsgeschichte der Menschheit kennt einige Umbrüche, in denen Neues entstand, vorher nicht dagewesen, nicht vorhersehbar.

Als erstes erkenne ich den Umbruch von bloßer Verständigung zum Spruch oder Vers, der tradiert wurde: aus der täglichen Unterhaltung über mehr oder weniger lebensnotwendige Angelegenheiten wurde gelegenheitsweise etwas, das weitergegeben werden konnte, weil es den Beteiligten wert erschien, erhalten zu bleiben. Mögen es nun rituelle Sprüche, Beschwörungen, Anrufungen oder Zeilen des Erstaunens über die Schönheit des Sonnenaufganges, des überstandenen Kampfes oder des Grüns der Bäume gewesen sein: es wurde von Mund zu Ohr und von Alter zu Jugend weitergegeben, wuchs an, bis es den Umfang der Veden oder homerischer Gesänge erreicht hatte.

Möglicherweise verlangte das Zuviel an Versen, vom Gedächtnis einiger mittels mnemotechnischer Mittel memoriert, irgendwann doch zu einer genaueren Methode der Konservierung: Schrift entstand, die Verse, denn um sie handelte es sich erstmal nur, niederzulegen. Das Niedergeschriebene erlangte, seiner Seltenheit wie seines Inhaltes wegen, einen besonderen Status. Räume wurden darum errichtet, Häuser sogar, antike Staaten brüsteten sich der Größe ihrer Bibliotheken.

War es die Vielzahl der Menschen, denen es nach Schrifttum verlangte, ein Verlangen, das durch Abschriften nicht mehr befriedigt werden konnte, gleich, die Kunst des Druckens wurde erfunden, die es ermöglichte, von einem Text in einem Arbeitsgang zahlreiche Kopien zu erstellen, die über ein gleichsprachiges Gebiet verteilt ihre Leser erreichten. Alle waren nun imstande, das Buch zu studieren, es vor einer Pause zuzuschlagen und nach der Erholung an genau dieser Stelle weiterzulesen.
Viel mehr als in der Handschrift erlangte der Text zu jener Zeit einen Grad von Objektivität, von außerhalb des Benutzers stehendem Objektiven, das einen bestimmten Verfasser hatte.
Ich vermute, daß es den Lesern damals deutlicher als je zuvor vor Augen trat, daß Texte zeitlich, daß manche ihrer Verfasser verstorben sind, daß Tote in den Büchern zu Lebenden reden. Denn das, was ich selbst in meinem Gehirn speichere und mir von Zeit zu Zeit vorsage, es nicht zu vergessen, ist quasi auch Bestandteil meiner selbst und lebt in mir mit mir.
(Ich bin mir nie sicher, inwieweit die wenigen Zeilen, die ich auswendig kann, die anderen, die ich verfasse, beeinflussen – noch viel weniger sicher bin ich mir, inwieweit mich all das Halbvergessene, das nur noch unbewußt in mir lungert, beeinflußt. Aber dies am Rande.)

Der letzte Umbruch, den wir grad erleben, ist die Digitalisierung des Schriftlichen: Wörter verwandeln sich in elektrische Impulse, in abgespeichertes 0-1-Gewusel, das jederzeit einem elektromagnetischen Impuls oder der falschen Bedienung eines Programmes oder der absichtlichen Bedienung eines Löschprogrammes zum Opfer fallen kann.

Die Entwicklung der Überlieferung war bisher eine zur Verfestigung. Bis auf den letzten, gegenwärtigen Umbruch ist jede Stufe sicherer als die vorangegangene, bewahrt das zu tradierende Gut besser vor Verlust und Verstümmelung.
Konnte das Gedächtnis noch trügen und schwächer werden, so war die Schrift auf Papyrus oder Pergament, Vorlage des langsamen Abschreibens, sicherer, denn sie überstand die Generationen.
Der Druck verteilte die Last des Tradierens auf zahlreiche Exemplare desselben Textes, so daß selbst Verfolgung und Scheiterhaufen ihm als solchem nicht allzuviel anzuhaben vermochten. Beinah nie war es möglich, aller Exemplare zum Zwecke ihres Verbrennens habhaft zu werden.
Das digitale Zeitalter, mit seinen vernetzten Systemen neigt zum ubiquitären Zerfall, selbst die privaten Datenträger können dem mit ihrer geringen Lebensdauer nur wenig entgegensetzen.

Wenn ich mir diese paar tausend Jahre retrospektiv anschaue, in denen Menschliches übermittelt worden ist, Rechnungen, Gesetzestexte, Verse, dann kommen mir die letzten paar elektronischen Jahre vergleichsweise vernachlässigbar vor, doch sind auch die Tausende zuvor nur allzu kurz angesichts der Millionen davor ohne Menschen und ohne Homer, Veden und Shakespeare.
Ein Dilemma, das wir nicht zu lösen vermögen, mit keiner noch so fortgeschrittenen Hypothese oder Religion.

Buchwörterbuch

28. Juli 2009

Mein → Buchwörterbuch ist jetzt von der Startseite erreichbar.
Vorschläge, Korrekturen und Ergänzungen sind willkommen.

Leseempfehlung

26. Juli 2009

Sehr geehrte Besucher meines Blogs, heute richten Sie Ihre Augen bitte anderswohin. Ein Sammler, Geert de Kuyper, schreibt über den modernen Handel, den Internetzhandel, mit antiquarischen Büchern: → Das Antiquariat im Internet aus der Sicht eines Sammlers.

Gedanken über das Schreiben und Reden in der Muttersprache.

15. Juli 2009

Mein Sprachverständnis mag durchaus romantisch genannt werden: die gewöhnliche Sprache, jene, der wir im Kaufhaus, auf der Straße oder der Agora begegnen, ist die Schrumpfstufe der Dichtersprache. Jede Zunge der Welt lebt in ihren Poeten, nirgends sonst. Also bedeutet das poetische Herumirren an der Grenzlinie – sie muß nicht außen verlaufen, die meisten Grenzen sind innen – ein Erobern neuen Sinnes.
Leute, die Nachschlagewerke zu verwendender Wörter zusammenstellen oder normative Grammatiken aufstellen, verlieren in genau diesem Prozeß ihre Sprache, denn tote ist keine mehr, sondern Leichnam.
Als ich an der Freien Universität Sanskrit zu lernen begann, benutzten wir ein auf Englisch verfaßtes Lehrbuch eines französischen Jesuiten, angereichert mit etwas unklassischen, christlich verbrämten, verversten Moralstückchen. Durch Sanskrit, Wörter- und Lehrbücher in Englisch, lernte ich letzteres besser als auf der Schule, trotzdem ergaben sich direkte Verbindungen zwischen den Vokabeln der neuen Sprache und ihren deutschen Entsprechungen. Sprache bedeutet wohl bisweilen, daß der Umweg zum Ziel führt, die grade Linie in die Irre.
Ebenso gern lese ich englische Romane und Lyrik, gerade die Distanz des Betrachters führt zum genaueren Blick, ein Motiv, daß in der Literatur der Aufklärung oft verwandt wurde. Und lese ich Englisches, so krieche ich in die Sprache des Buches, und sehe, stecke ich meinen Kopf aus der Schildkrötenumhüllung der Fremdheit wieder in die muttersprachliche Umgebung, die Veränderung, die diese erfährt: ein Überzug, ein Perspektiv, eine bewegte Wasseroberfläche. Mäandern hilft dem Geist; er sollte Nomadisieren zu seiner Alltagstätigkeit machen, Seßhaftigkeit ist von Übel.
Andererseits sind mir die Vorteile des Englischen allzu deutlich: Reim und Versmaß sind einfacher, das macht das Dichten simpel. Doch ist das Einfache besser? Im Mittelalter verständigte man sich, bedingt durch die einheitliche christliche Kirche als Nachfolgeorganisation des Römischen Reiches, auf Latein – nicht so differenziert wie Griechisch, lange nicht so komplex wie Sanskrit, aber immerhin recht brauchbar.
In diesem Zusammenhange sei bemerkt: die Flexion ist mir wichtig, da sie erlaubt, den Satzbau zu variieren: wenn die einzelnen Wörter eine recht genau nachvollziehbare Relation eingehen, müssen sie nicht aufeinanderhocken.
Sie merken am Text: der Schreiber ist Fremdwörtern nicht abgeneigt, die Bereicherung der Sprache sichert deren Lebendigsein – überspült sollte sie hingegen nicht werden, das hieße, daß Dämme gebrochen sind, und das Festland in Gefahr schwebt, unterminiert werden.
Ebenso wichtig sind Neologismen, Sprache muß schöpferisch sein, denn durch sie leistet der Geist das einzige ihm zugängliche, ihm zustehende Kreative: der Daimon, die Muse verhelfen ihm für einen Moment zur Göttlichkeit. Aus dem Sprachton, dem Ballast der vielen tausend Jahre ist ein Wesen geformt, dem der Odem des Sinnes eingeatmet wird, das vergessen werden mag oder erinnert, im Gedächtnis überliefert oder als Buch, doch in jedem Leser wird es von neuem zum Leben erweckt.
Nur tumbe Trottel nehmen den lebendigmachenden Fetzen Papiers aus dem Mund des Gedichtes – und erhalten Wort für Wort nur Wörter.

Wie zeig’ ich’s meinen Kunden?

9. Juli 2009

Die Neuzeit, ich meine die Gegenwart der letzten paar Jahre und Monate, hat uns Probleme eingebrockt, die wir Antiquare zuvor nicht hatten.
Ich spreche von der Präsentation unserer Bücher.

Wenn ich mich recht erinnere, genügten vor um die zehn, zwanzig Jahren den Kataloglesern und –studierenden Abbildungen in schwarz-weiß zu den besten Stücken, den Rest haben sie den Beschreibungen entnommen. Manche besonders betuchten Kollegen leisteten sich den Luxus von Farbabbildungen. Aber eigentlich gab es die Übereinstimmung, daß der potentielle Kunde und Käufer Erfahrung mitbrachte: die, wie ein Buch ausschaut, was ein Halbledereinband mit der und der Vergoldung so in etwa sein wird, wenn er denn eintrifft und ausgepackt wird.

Ah, dieser Wundertüteneffekt, ich liebte ihn, und mein Herz schlägt immer noch schneller, wenn ich eine Verpackung öffne, von der ich nicht im vornherein weiß, was genau sie enthalten wird. Will man heute wirklich alles genau zuvor wissen, ohne sich positiv überraschen zu lassen?
Die armen Verbraucher, sie müssen vor jedem Unheil, und dazu gehört sicherlich auch Herzklopfen, behütet werden.

Heute läßt man sich digitale Bilder senden, ist der Erhaltungszustand des Buches unklar. Oder überhaupt, wie sieht das denn überhaupt aus? Manch einer macht es auch nur, um den Antiquar zu ärgern, weil der ihm grad eine Vorkasse gesandt hat.
Niemand scheint den Nachteil des Tuns zu bemerken: es geht uns mangels Verwendung die Fachsprache verloren, die früher einer präzisen Verständigung diente, selbst über die innereuropäischen Sprachbarrieren hinweg.

Es ist eine lustige, nein, gar nicht so lustige, Allianz aus verunsicherten Antiquaren, denen die versierten Kunden so langsam aber sicher abhanden kommen, etwas wenig erfahrungsreichen Kunden (ich möchte es mal so vorsichtig formulieren, um keinem der meinen zu nahe zu kommen), und last and least den technischen Möglichkeiten digitaler Bereicherungen – dies Komplott führt dazu, daß immer mehr bebildert und gezeigt wird, und immer weniger verkauft.
Das ist übertrieben, aber kommt der Lage nahe, wenn nicht heute, dann übermorgen.

Nur: das Bildlein oder Filmchen sagt mir nichts, da könnte sich auch ein Floh vor der Kamera drehen oder am Spieß gewendet werden, ich bin so altmodisch, daß ich das Papier fühlen und hören will, den Druck betrachten, im Streiflicht, ob es wirklich Buchdruck ist, schön ins Papier eingegraben. Die Schwärze der Tinte, die nicht nur Morris, meinem Privatheiligen, wichtig war, sondern z.B. auch Joseph Blumenthal von der Spiral Press („So we have only ‚vintage’ inks which remain on our shelves at least one year before we use them“) – ja, verdammt, bemerkt denn heute noch jemand diese Feinheiten, an das laue Dunkelgrau sparsamer Offset-Drucker auf dem zu träger Suppigkeit neigenden deutschen Werkdruckpapier gewohnt?

Ich will die Blätter sich sanft nach links und rechts neigen sehen, wenn ich das Buch öffne; das Papier auf der Suche nach seinem Wasserzeichen gegen das Licht wenden, Leinen oder Leder des Einbandes mit den Fingerkuppen berühren, notfalls säubern, pflegen, fetten – alles, was ihm hilft, mehr als was ich meinen Hosen oder Schuhen angedeihen lasse.

Offensichtlich gibt es also Punkte, an denen ich völlig konservativ bin: ein Buch gehört in die Hände genommen, sanft und vorsichtig, eingedenk der vereinten Mühen, die es Schriftsteller, Drucker und Binder gekostet hat, damit es zu diesem langen Weg gerüstet ist.

Wenn Sie anderer Meinung sind, → hier sind meine Buchgalerie und → hier die neuesten Buchfilme.

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