„What is the price of experience? Do men buy it for a song?
Or wisdom for a dance in the street? No, it is bought with the price
Of all a man hath, his house, his wife, his children.“
William Blake.
Darf ich gleich zu Beginn die gewagte These aufstellen, daß wir für jedes Erleben bezahlen, vielleicht nicht in Geldstücken, aber sicherlich in Lebenszeit, Erregung, Ermüdung oder sogar Abstumpfung.
Und darf ich so nebenher die Unterscheidung zwischen positiven, negativen und neutralen Erfahrungen einführen, der Psychologie des Frühbuddhismus entnommen, aber sicherlich fürs erste brauchbar, denn tiefer eindringen, als die Oberfläche des Problems ankratzen, will ich nicht.
Welche Erfahrung vermittelt mir ein Buch?
Gestern erhielt ich Celans Gesammelte Werke in der Ausgabe von 1983. Was für ein Leder! Rabenschwarz, mit ebenmäßiger Narbung, die weißen Rückentitelschilder mit ihrer Vergoldung scheinen darauf zu schweben. Innen ein Papier, das nicht gelblich, genau die Cremefarbe hat, die das Lesen erleichtert, ohne das Auge zu stören. Die Übersetzungen dann allesamt zweisprachig gedruckt. Insgesamt: ein Genuß für Fingerkuppen, Augen und Sinn.
Also sollte das Äußere dem Inneren entsprechen, wie es schon die Smaragdene Tafel für das Oben und Unten behauptet? Sicherlich.
Und warum ist dies so selten der Fall, warum werden wohlgeformte Gedichte in rückenknickigen, ekelbunten Taschenbüchern auf den Verbraucher losgelassen? Nur wegen des schlechten Geschmackes der Verleger, ihrer Knauserigkeit, ihrem vorgeblichem Zweifel, die Kunden würden es so und vorallem billig lieber haben?
Aber es droht das E-Buch, in Plaste gehüllt, mit Bildschirm. Bei ihm braucht sich der Typograph kaum mehr Sorgen um die Schrift zu machen, die dem Vers entspräche, entweder sieht alles gleich aus, oder es wird beliebig vergrößert oder verkleinert, oder man stellt wie beim Browser eine bevorzugte Schrifttype ein. In seinem Ansatz ist das E-Buch wert- wie inhaltsneutral, denn alles darf auf ihm gleich aussehen, es nivelliert seine Dokumente – und dem entspricht, daß sein Äußeres, die Plaste, nie dem Inneren, dem Text, entspricht.
Drei Beispiele für positiv, negativ und neutral.
Aber Erfahrung machen wir einzig mit dem, das uns berührt, der Rest geht vorbei. Wer will sein Leben mit Vorbeigehendem vergeuden? Ich weiß, es ist ein Zug der Zeit, sich nicht allzusehr zu engagieren, die Höhen und Tiefen, die uns die Geschichte von früheren Epochen erzählt, sind eingeebnet. Aber hat damit auch unser Empfinden dermaßen gelitten, daß wir uns nach dem Unwesentlichen, dem bloßen Zeitvertreib sehnen, gleichsam auf der Suche nach dem Tod im Leben? Daß uns die Passante des Baudelaireschen Gedichtes nicht mehr, begegnete sie uns denn, in unseren Träumen mit sich fortreißt?
Ästhetisches Empfinden muß geschult werden, es wird nicht in die Wiege gelegt, es liegt vielleicht zu wenigen Prozenten in den Genen, der Rest ist Liebe zum Lernen, zum ständigen Sensitiver-Werden. Meine: im Ernstfalle die Konservendose so sehen, als sei es die von Warhol, obgleich es nur das Süppchen von Aldi ist, sie also frisch erschauen, wie grad ins Leben getaucht: überraschend, ein Stück Wirklichkeit offenbarend.
Wir stehen dem Leben gegenüber in der Pflicht. Es gehört uns nicht, wir vermögen nur, es langweilig, erbärmlich oder uns erhebend zu gestalten: und das sind keine Auswüchse, die nur den Vornehmen unter uns eignen, sondern einem jeden, und es handelt sich nicht um Ausnahmesituationen, sondern die des Täglichen.
Also müssen wir von Büchern umgeben sein, die uns bereichern.
20. Juni 2009 um 01:45
Lieber Kollege Meyer,
darf ich mir erlauben Ihnen zu sagen, daß alle Ihre Ausführungen nur zu wahr sind und ich Ihrem Aufruf zur Meliorisation aus vollem Herzen zustimme? Nicht haben sich Kultur und Ästhetik zu nivellieren, sondern man selbst hat für die Verbesserung des eigenen Erkenntnis– und Wahrnehmungsapparats zu sorgen und die Leiter hochzuklettern, um die süßen Früchte zu pflücken; und –hier sei dann doch einmal der alte Schmidt zitiert– Kultur ist deswegen auch Arbeit, eine Arbeit, die mir (im Gegenssatz zum Weidepfähle eintreiben oder Estrichlegen) nicht nur immer viel Freude gemacht, sondern allezeit reiche Ernte verheißen hat. – Eine der elementarsten Erfahrungen, die ich im Umgang mit Themen der Kunst und Wissenschaften machen durfte, ist die: 90% einer Sache, eines Themas, einer Arbeit lassen sich schnell mit 10% Aufwand erfassen und erledigen; die letzten 10% aber, die, auf die es ankommt, die weiterführen, die neue Sichtweisen aufschließen, erfordern oft 90% der Anstrengung. Ich will den Arbeitsbegriff nicht überbetonen, es geht nicht darum, „im Schweiße seines Angesichts“ etwas zu tun. Sie sprechen sehr schön von „der Liebe zum Lernen“: das trifft es genau.
Aber, lieber Kollege Meyer, cui bono? Für uns, ja, freilich. „Wir“ „müssen von Büchern umgeben sein, die uns bereichern“, und zwar –obwohl wir Antiquare sind und nur selten Anachoreten– nicht in erster Linie finanziell bereichern. Für diesen Schlußsatz drücke ich Ihnen die Hand.
Der nahezu komplette Rest der Welt aber will sehr wohl „sein Leben mit Vorbeigehendem vergeuden“, und zwar möglichst dolle! Und die, die nicht wollen, nötigt man recht effektiv dazu. Darin liegt auch die beinahe tragische Note Ihrer Ausführungen. Das Stichwort lautet „ethologische Gewalt“ (Hans Saner). Die fängt bei den Heizkosten an und hört bei der Steuererklärung nicht auf. Dieses Land wird regiert von der Sehnsucht nach rosa Ipods, begradigten Straßen, damit man keine Kurven mehr fahren muß (durfte es mir gestern wieder auf der Flurbereinigungssitzung hier vor Ort sagen lassen; ungehört verhallte mein Schrei), Plasma–TV, Markenjeans und vor allem nach Menschen, die eine Konservendose zwingend und ausschließlich mit Aldi–Suppen assoziieren, Menschen, die mit 10% des Aufwandes eben genau jene 90% Effektivität herauskitzeln, um die Funktionalität eines möglichst zähen & schlaffen Alltags zu garantieren. Und der Antiquar, der Büchermensch, der Anachoret: der braucht Geld – entweder, um bei dem Spiel mitzumachen oder aber, um sich von ihm loszukaufen.
Übrigens sind „unsere“ Gegenstände ästhetischer und kultureller Bildung bereits in das Spiel mit verwoben: Der Warhol an der Studiowand bei RTL ist mittlerweile eine zur Marke banalisierte Wahrnehmungstrivialität, für Celan gilt das –in geringerem Maße freilich– auch. Zum Fetisch taugt vieles, und der Fetisch ist wohlfeil. Umso genialer der Antiquar, der einem von ihm adäquat gefundenen und beworbenen Objekt den kongenialen Käufer zuweisen kann, der das Stück in allen seinen Qualitäten erkennen und schätzen kann – und nicht nur den Fetischcharakter bezahlt.
Das Thema ist abendfüllend. – Ich will kein Wasser in den Wein gießen. Sie haben mit Ihrem Beitrag in wenigen Worten gezeigt, was unser Beruf sein kann (in einem früheren Posting sprachen Sie von einer „Rückbesinnung auf uns selbst: was unsere Funktion in Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur sein könnte“). – Ich stimme Ihnen für meinen Teil in aller Konsequenz zu – wenn auch mit einem kulturmelancholischen Unterton.