Sammeln

23. Januar 2010

bedeutet, sich einer Auswahl von Dingen intensiver als den restlichen widmen. Zu Beginn steht eine Differenzierung, eine Einteilung des Um-Uns in Objekte, die unser gesondertes Interesse wecken, und den Rest, der dies weniger bis garnicht tut.
Sehen wir vom Geld- bzw. Schuldenanhäufen ab, das schon seit langem nicht mehr so sinnlich ist wie bei Onkel Dagobert, sondern von digitalisierten Zahlen beherrscht wird, was jede Perspektivregel außer Kraft setzt, wie man gesehen hat, so bleibt das meiste Sammeln ein Sinnliches. Wie ich darzulegen versuchte, entsteht es aus einem radikalen Interesse an der Umwelt, zieht es Teile dieser zu sich und versucht, subjektiven Kriterien gehorchend, diese um sich zu ordnen: psychologisch oder religionshistorisch gesehen der Prozeß, ein Mandala oder einen Schutzkreis innerhalb einer durchzivilisierten Gesellschaft aufzufalten.
Das Weiterführende, die Entwicklung finden statt, indem sich der Sammelnde seinen Objekten widmet, sie zu begreifen versucht, sich Kenntnisse verschafft, die über das Sichtbare und Fühlbare hinausgehen. Hierin gewinnen Subjekt und Objekt, das eine, indem es durch seine Annäherungsversuche sensitiver wird, das zweite, indem es seine Bedeutsamkeit ins Auratische vermehrt.
In schnellebiger Zeit, und wer wollte dies unserer nicht zugestehen, gerät es leicht zur Gegenbewegung, zum Innehalten – steht im Gegensatz zum flüchtigen Drüberhinwegblicken, zum Durcheilen. Flüchtiges vermag nicht genossen zu werden, es rauscht, meist auch noch geräuschvoll, über uns dahin, was in uns ein gewisses Gefühl des Ausgeliefertsein erzeugt. Das Innehalten hingegen memoriert den eigenen Augenblick, rekurriert auf ihn, indem es ihn in Gedanken oder Träumereien hin und her wendet, um ihn von allen Seiten zu betrachten, bei verschiedenem Licht und Verstand.
Sammeln ist also ohne Zeitbezogenheit nicht denkbar, es verweilt und neigt sich aus eben diesem Grunde gern dem Vergangenen zu, da dieses eine gewisse Festigkeit sowie innere Statik erlangt hat. Der Austausch zwischen Objekt und Sammler findet – festina lente – innerhalb dieses Verweilens statt, so daß gerade darin seine Progressivität liegt: in der stets von neuem begonnenen, unverbrauchten Bewegung hin zum Objekt.


Warum es Jäger und Sammler gibt

18. Januar 2010

Ich möchte, um es mir einfach zu machen, die Weltbewohner teilen in Anhänger eines der Cargokulte und Jäger/Sammler.

Erstere warten auf das Heil von oben, meint heute meist: vom Staat, und fühlen sich am wohlsten, wenn alimentiert und damit in einer sicheren Lebenslage, von der Wiege bis in den Tod. Der moderne Nanny-Staat ist ihr Teich, in dem sie faul wie früh altgewordene Fische treiben. Kaum eine Welle wird ihr träges, fernsehverseuchtes Gehirn bewegen, einzig die Nachrichten fremden Unglücks oder die Aussicht auf ein besonders günstiges Schnäppchen, das dem fernstehenden Produzenten kaum eine Krume einbringt, verleihen ihnen ein Geringes an Scheinlebendigsein.

Die anderen gehen auf die Pirsch, halten die Augen offen, spähen und nennen flinke Sinne und Hände ihr eigen. Sie mögen es, sich mit jenem zu umgeben, was sie ihrer angemessen erachten – und darin sind alle Zwischenstufen erlaubt, vom Messieheim über das Raritätenkabinett bis zur museumsreifen Sammlung. Mit jedem Stück, das in den magischen Kreis des Eigenen gezerrt wird, kommt ein wenig Welt herein: im Grunde also eine der zahllosen Weisen, sich einem Verstehen des Außen anzunähern und dem Leben Tiefe zu verleihen.

Zwei Lebensweisen, abstrakt und holzschnittartig beschrieben – welche wohl finde ich besser?


Vorschlag für eine neue Hysteriewelle

10. Januar 2010

Ein amerikanisches Labor entdeckte, daß Bücherstaub für millionenfachen gesundheitlichen Schaden verantwortlich ist. Dieser Staub sei so klein, schreiben sie in der neuesten Ausgabe des wissenschaftlichen Periodikums „Hysteria“, daß er in alle Ritzen und Poren des Körpers dringe, wo er sein krankmachendes Werk beginne. Kombiniert mit dem Aufschlagen eines gedruckten Werkes verstärke sich die pathogene Kraft des Bücherstaubes mit jener der Buchstaben. Während letztere, indem sie in den Verstand, oder was der Leser sonst an dessen Stelle besäße, eindrängen, ihn beschäftigten, somit ablenkten, könne ersterer, der Staub nämlich, ungehindert von Aufmerksamkeit weiter vordringen. Sogar in den Lungen von Lesern seien bereits mikroskopisch feine Staubpartikel gesichtet worden.
Am Ende drohe die völlige Einstaubung, verbunden mit extremer Abmagerung, Eßunlust und Denkfreudigkeit.
Die amerikanischen Verlage haben als erste Maßnahmen gegen das drängende Problem unternommen und bieten ob sofort völlig abwaschbare Bücher an, deren Seiten mit einer wasser- und mikrobenabstoßenden Folie beschichtet sind. Im Beipackzettel wird empfohlen, sie unter der Dusche zu lesen. Diese neue Produktlinie wird von den meisten Produzenten ‚Foliant’ genannt, damit sie in den Läden von den alten, gesundheitschädlichen Büchern leicht unterschieden werden kann.
Daneben gibt es selbstverständlich weiterhin die E-Bücher, denen ab sofort zusätzlich ein desinfizierendes Läppchen beigelegt wird, das dazu dient, während des Lesens den Bildschirm abzudecken, damit die verderblichen Buchstaben nicht bis in die Augen geraten können.
Der Verkauf antiquarischer Bücher, größte aller nur möglichen Staubquellen, wurde in den USA bis auf weiteres untersagt; die EU-Kommission für Umweltschutz und geistige Hygiene schloß sich mit einer Empfehlung an die Mitgliedstaaten dieser Haltung an.
 

Update.
Nachdem in den vergangenen Tagen vermehrt Hamsterkäufe von Buchsüchtigen zu verzeichnen waren, schritt nun in den meisten Bundesländer die Polizei gegen die letzten Antiquare und deren Abhängige ein. Es wurden zahlreiche Festnahmen gemeldet. Mit besonderer Schutzkleidung ausgestattete Sondereinheiten sind noch damit beschäftigt, die zahllosen Lagerräume zu sichten, die Bücher einzeln mittels staubundurchlässiger Folie einzuschweißen und abzutransportieren. Bislang ist unklar, wie weiter mit ihnen verfahren werden soll, denn eine sichere Entsorgung würde ersten Schätzungen zufolge mehrere Millionen Euro kosten, ein Betrag, der in den dafür vorgesehenen Etats nicht vorhanden ist. Es wird seitens der Berliner Bundesregierung erwogen, dem Beispiel anderer Staaten zu folgen und die Verursacher direkt haftbar und entschädigungspflichtig zu machen. Das Problem, das sich aus der Zahlungsunfähigkeit der meisten Antiquare und beinah aller Bibliophilen ergebe, dürfe dem nicht im Wege stehen.
Der Bundesinnenminister gab zusammen mit der Bundesgesundheitsministerin eine Pressekonferenz, in deren Verlauf er die Bevölkerung dringend bat, noch vorhandene private Bücherlager, auch Bibliotheken oder Sammlungen genannt, den zuständigen örtlichen Behörden zu melden. Alle staatlichen, Landes- oder Stadtbibliotheken seien bereits geräumt, ihr Inhalt entsprechend den Richtlinien der EU-Kommission keim- und staubfrei entsorgt. Die nun leerstehenden Gebäude würden ab sofort zum Verkauf freigegeben. Die Bundeskanzlerin werde stündlich über die Lage informiert und verfolge die ergriffenen Maßnahmen mit großer Aufmerksamkeit.
 

Update zwo.
Nachdem Berichte bestätigt wurden, daß die Forschungen des amerikanischen Labors, das für die Auslösung der letzten Hysteriewelle verantwortlich zeichnete, von einem Konglomerat Folienproduzenten gesponsert wurden, zog die amerikanische Regierung alle darauf beruhenden Verordnungen zurück. Die EU-Kommission für Umweltschutz und geistige Hygiene bedauerte im Gefolge ihrer Empfehlung entstandene Unannehmlichkeiten für kleine Bevölkerungsteile und wies zugleich darauf hin, daß nur 0,5 Prozent der europäischen Bevölkerung regelmäßig ein Buch zur Hand genommen hätten.
Der stellvertretende Sprecher der Bundesregierung gab in seiner täglichen Pressekonferenz bekannt, daß es angesichts der äußerst angespannten Haushaltslage von Bund, Ländern und Gemeinden keinerlei Entschädigungen für die entstandenen Buchverluste geben könne. Man sei gesetzlich und verfassungsgemäß verpflichtet, stets alles für das Wohl der Bevölkerung Notwendige zu unternehmen. Einwände der Kirchen, daß angefangen mit der von Gutenberg gedruckten sämtliche Bibeln mit den anderen Büchern zerstört worden seien, wies er zurück. Auch die Veden seien schließlich mündlich überliefert worden, und im Zeitalter multikulturellen Beieinanders könne es den Beteiligten durchaus zugemutet werden, voneinander zu lernen.


Selbstverständliches und Unnötiges

8. Januar 2010

Aus den ab 1. Februar gültigen Qualitätsrichtlinien einer bekannten Plattform:

„Über das *** dürfen nicht angeboten werden:
· schlecht erhaltene Ware (Ausnahme: Bücher von besonderem antiquarischen Wert)
· preisgebundene Ware, da diese über Kooperationspartner angeboten wird
· Medien, die weniger als 1,00 EUR kosten
· Titel, die von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert sind“

REM: Die Aussage „schlecht erhaltene Ware“ ohne Spezifikation ist Unfug. Erhaltungszustände sind subjektiv; „besonderer antiquarischen Wert“ bedarf ebenso der Definition. Was ist ab wann ein Wert.
„Preisgebundene Ware“, das heißt, man möchte das Geschäft damit gern selbst tätigen. Siehe die Tutzinger Firma „mediantis Notenservice“, die Zusammenarbeit mit Libri.
Alles unter 1 EUR war bereits ausgeschlossen.
Titel, die von der BPjM indiziert worden sind, dürfen sowieso nicht öffentlich angeboten werden – einfach mal in die Plattform schauen…
 

Pflichtangaben im Datensatz eines Artikels
„Die Artikelbeschreibung ist der Steckbrief eines Werkes. Sie muss daher genügend Informationen liefern, um einen Artikel eindeutig zu identifizieren. Diese Angaben sind daher Pflicht:
· Autor, Herausgeber oder Künstler
· Titel, Untertitel, Titelzusatz
· Verlag
· Erscheinungsjahr
· eine aussagekräftige Beschreibung, die mindestens die Seitenzahl, die Einbandart sowie eine Beschreibung aller Mängel bzw. den expliziten Hinweis enthält, dass es sich um ein mängelfreies Exemplar handelt
· Preis
· eindeutige Artikelnummer“

REM: Selbstverständlichkeiten. Daß dies überhaupt erwähnt werden muß, zeigt das Niveau, auf dem sich die Darbietung abspielt.
 

Dringende Empfehlungen
Um Ihre Artikel möglichst vollständig zu beschreiben, Ihre Verkäufe zu steigern und Rückfragen oder Reklamationen zu verhindern, empfehlen wir Ihnen dringend, Bilder einzustellen sowie folgende weitere Angaben zu machen:
· Kommentar
· Medium
· Schlagworte
· ISBN (falls vorhanden)“

REM: Dasselbe. Selbstverständlichkeiten. Manchmal möchte der Kunde vielleicht gern wissen, ob er ein Buch mit festen Deckeln, was neuerdings ‚Hardcover’ heißt, eines mit weichen Deckeln, sprich ‚Softcover’, oder eine runde Scheibe, sprich ‚Hörbuch’ erwirbt.
 

Unzulässige Angaben in der Artikelbeschreibung
Alle Hinweise, die nicht der Artikelbeschreibung dienen, sind nicht erlaubt. Dazu zählen insbesondere:
· Versandkonditionen
· Zahlungsbedingungen
· Hinweise, dass Bilder des Titels auf Anfrage zugesandt werden
· Ihre Telefonnummer, Ihre E-Mail-Adresse oder Ihre Website
· HTML-Codes
· Werbung
· weiterführende Links, z. B. Links auf Bilder zu den Titeln
· Hinweise zu Ihren Öffnungszeiten und Ihrer Erreichbarkeit (v. a. bei Abwesenheit)
· Hinweise auf Veranstaltungen und Messen
· sonstige Hinweise an die Kunden“

REM: Also ist alles und jedes verboten, was einen Hinweis auf das Antiquariat oder dessen sonstige Tätigkeiten geben könnte, damit nur ja nichts am Bestellkorb vorbeiläuft. Das ist Gängelei, die zudem unnütz ist. Mittlerweile sollte sich herumgesprochen haben, daß Bestellkörbe Un-Kostenerzeuger sind: nämlich der Provisionen, die bei Drücken des Knopfes fällig werden.
Der sparsame Kunde greift zum Telephon oder sendet eine separate E-Post an den Antiquar, der ihm dies sicherlich vergelten wird. Ansonsten gibt es Homepages, die dem Kunden viel mehr Service bieten, als es eine Plattform je vermöchte.

 

PS vom 9. Jänner.
Obiges wurde als kleinliche Krittelei kritisiert.
Als Entgegnung fiel mir grad nur mein Ärger ein: daß diese Vorschriften (typisch deutsch: Vorschriften) eben kleinlich sind, und jede Kritik daran begibt sich auf dieses Niveau, man sitzt einem schlechten Stil auf. Ich bitte um Verzeihung.
Zum anderen, daß diese Vorschriften (immer noch dieses Wort) die n-te Version desselben sind, der soundsovielte vergebliche Versuch, dem selbstgeschaffenen Unfug Einhalt zu gebieten. Kurz: wenn ich Leute – ich schreibe mit Bedacht nicht „Antiquare“ – aufnehme, die ihr Gewerbe und dessen Grundlagen nicht beherrschen, weil sie sich noch nicht mal ins Trockendock des Übens begeben haben, geschweige in die Lehre, dann brauche ich mir über die Folgen keine Sorgen zu machen, sie sind absehbar.
Wäre ich an der Stelle der Bauzigen Betreiber, würde ich langsam beginnen, mir Gedanken zu machen, warum eine einstmals den deutschsprachigen Markt beherrschende Plattform nun bei etwa 30 bis 50 % Marktanteil gelandet ist. Das Vorwort zur ‚Branchensituation’ im Geschäftsbericht 2008/09 ist keine Analyse, sondern ergeht sich in Allgemeinheiten à la „Der Markt gebrauchter, vergriffener und antiquarischer Bücher hat sich in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld im vergangenen Geschäftsjahr, sowohl national als auch international, kaum weiterentwickelt.“


Antbo, BAVZ und andere

8. Januar 2010

Aus Anlaß der Änderungen bei den antbo-Abrechnungen einige Überlegungen zu den Internetzdatenbanken.
Als antbo vor etwa zehn Jahren gegründet wurde, verstand es sich, und wurde von den Antiquaren verstanden als Alternative zur damals marktbeherrschenden Plattform. Letztere wehrte sich nach einiger Weile mittels eines Sonderangebotes an ihre ‚Mitglieder’: wer nur bei ihr einstelle – die eigene Seite ausgenommen, diese war zu jenen fernen Zeiten noch beinah unmaßgeblich – erhalte Sonderkonditionen. Zahlreiche Kollegen gingen darauf ein, das Bundeskartellamt reklamierte, und die Sonderkonditionen wurden zurückgenommen. Doch der Schaden war angerichtet, die Kündigungen sowie Umsatzrückgänge ließen sich nicht wieder gutmachen.

Heute, die ehemalige Marktführerin nicht mehr marktbeherrschend, im Umgang eher auf mäßige Werbung und Zusammenarbeit mit Verlagen und Frischbuchhändlern kapriziert, ohne tieferes Verständnis für den wirklich antiquarischen Bereich, haben sich die Verhältnisse verschoben. Zwischen Amazon und Ebay (und für den deutschsprachigen Bereich evtl. Booklooker) könnte sich nur behaupten, wer ein schlüssiges Konzept böte und Antiquare wie Kunden von seiner Linie überzeugte.

Davon sind alle Plattformen entfernt. Die einen – ich will ja keine Namen nennen, nein – jammern und beschwören die Solidarität wie einen maroden Untoten, die anderen wursteln vor sich hin, business as usual, obwohl am Horizont die überkommene Kultur sich dramatisch zu verändern droht: Unwetter aus Leseunlust, Häppchenrezeption, E-Büchern, Plastiklesegeräten, generellem Unverstehen etc.

Und es sollte erwähnt sein, daß Suchen auf kaum einer der Internetzdatenbanken Spaß bereitet. Es ist eine Last, die der potentielle Käufer auf sich nimmt wie den Gang zu seinem Discounter samt An-der-Kasse-Stehen, notwendiges Übel also.
Und es sollte gleichfalls erwähnt sein, daß sich die Verhältnisse zwischen Antiquaren und ihren Kunden geändert haben. In Katalogzeiten mußten beide Teile aufeinander Rücksicht nehmen: der Antiquar war auf seine Kunden angewiesen, je buchsüchtiger und zahlungskräftiger desto mehr, und der Kunde auf seinen treuen Lieferanten, der ihm bereits vor Katalog mal ein Angebot zukommen ließ.
Im Internetz blieb es letztlich gleich, völlig gleich, wer das Buch erwarb. Es gab Käufer en masse, fast weltweit, es kam auf den einzelnen nicht mehr an – andersherum gab es immer mehr Anbieter, bei Massenware dazu zu sinkenden Einzelpreisen, so daß der Kunde in die Qual der Wahl entlassen wurde.
Die Geschäftsbeziehungen ähnelten folglich mehr Wechseltierchen, was sich zwangläufig auf die Plattformen überträgt: es ist dem Buch gleich, wo es erworben wird, da es sowieso auf mehreren Datenbanken haust. Dies ist weder Werbung für ein Buch, zumal kaum für ein seltenes, noch für einen Antiquar, denn er ist hoffentlich noch seltener als seine Bücher, ein Individuum, nichts also, was sich virtuell im Netz vervielfachen sollte.

Frage ist also, wie können wir die Beziehung Antiquar-Kunde wieder intensivieren, wie können wir uns aus der Vielzahl der Datenbanken retten, ohne daß die Umsatzverluste uns ruinieren.

Falsch wäre es, von unserer allseits beliebten deutschsprachigen – den amerikanischen Ableger lasse ich mal vor – Marktführer-Datenbank irgendetwas zu erwarten, was über das Absehbare, s.o., hinausginge.
Falsch wäre es meines Erachtens ebenso, von jener Solidaritätsbeschwörungsplattform mehr als die gewohnten Pöbeleien gegen Andersgläubige zu erwarten. Wo Kritik nicht erwünscht ist, bleibt die Fortentwicklung auf der Strecke. Wie man sieht.
Hingegen wäre es nützlich, stellte sich mindestens eine der Internetzdatenbanken auf die veränderten Zeitläufte ein und verwirklichte kunden- und anbieterfreundliche Neuerungen. Mehr oder weniger brauchbare Vorschläge liegen sicherlich von zahlreichen Seiten vor.

Zum Schluß noch ein Wort zu antbo. Da Georg Zeisig einen eigenwilligen Charakter sein eigen nennt, ist er mir sympathisch. Ich hoffe, daß durch die Umstellungen im Abrechnungswesen genügend Geld zusammenkommt, die Plattform grundlegend neu und im oben angedachten Sinne kunden- wie antiquarsfreundlich zu gestalten. Es wäre ihm und uns zu wünschen.


Motti

3. Januar 2010
„Saturn ist also der Planet der Melancholiker, wie er der Planet der Ackerbauer und Totengräber ist; (…)“
Erwin Panofsky & Fritz Saxl: „Dürers ‚Melencolia I’“. Leipzig, 1923, p. 4.

Ein aufmerksamer Leser von „Mein erster Wäbbzwonull-Geburtstag III“ bemerkte fragend, stehe „der Wilde nicht ganz deiner Betrachtung entgegen?“
Vielleicht nicht ganz. Motti sollten sich im besten Falle kontrapunktisch zum Text bewegen, manchmal wie eine Umkehrung oder eine Krebsumkehrung. Vielleicht treffen sich die beiden Melodielinien irgendwo?
 

Ganz anderes Thema:
In Irland gibt es nun ein Gesetz gegen ‚Blasphemie’. Dies ist ein interessanter Topos, und eine beachtliche, bedenkenswerte, melancholisch stimmende Anreihung Äußerungen zum Thema – von Jesus, über Benedikt bis Frank Zappa – finden Sie → hier.
Ich persönlich meine, daß wir nie so über die Götter werden spotten können, wie diese über uns und über sich selbst. Sollten sich die Anti-Blasphemiker lieber erst ein paar Tage und Nächte an einen Baum hängen, Verstand zu erlangen.


Neujahrsinro

1. Januar 2010


Mein erster Wäbbzwonull-Geburtstag III

29. Dezember 2009
“It is only about things that do not interest one that one can give a really unbiased opinion, which is no doubt the reason why an unbiased opinion is always absolutely valueless.”
Oscar Wilde: “The Critic As Artist”, Scene 2.

Um gute Essays zu verfassen, muß ihr Urheber in der rechten Stimmung sein, und den geeigneten Charakter sein eigen nennen, überhaupt einer, schon selten geworden, genügt nicht. Diese Form bedingt das Unbestimmte, das per Diskurs nach seiner Bestimmung sucht, ein gewisses Umherschweifen in den Gedanken und Sätzen, bis die Suche fürs erste erfolgreich scheint, um bald von neuem aufgegriffen zu werden. Essays gleichen dem Betrachten einer Glasvase, die in die Hand genommen werden will und von vielen Seiten in unterschiedlichem Licht betrachtet. Der Morgen liefert andere Gedanken als der Abend – und die Träume des Wachens unterscheiden sich von den nächtlichen.
Was für Essays gilt, trifft mindestens ebenso auf Blogbeiträge zu. Ideal wäre der verständige, intelligente Leser und Kommentator, un honnête homme, der Geburtshelfer für die kommenden Gedanken spielte. « Celui qui a un certaine culture d’esprit, un certain rang et point de prétention » sagt Robert Estienne. Fern sind die Utopien.

Dasselbe könnte durchaus für die Kunst zu zwitschern gelten. Weniges ist dem Ungeübten so anstregend als seine Gedanken, jene die im Schädel herumflattern, einzufangen, einzukochen und auf ein paar Zeichen zu kondensieren. Meist schlüpfen sie fort, entwischen die Ideen oder ihre Sinnkerne den gedanklichem Greifarmen, denn es ist ein Spiel mit sich selbst, das unser oberster Denkkäfig da vollführt.
Aphorismen, denn um sie handelt es sich optimal, in die Welt zu entlassen, ist Vabanquespiel mit Wörtern. Sein Schweregrad verhält sich umgekehrt proportional zu ihrer Kürze.
Einfacher ist Gezwitscher als Reaktion auf vorhergehendes, also virtuelles 140-Anschläge-Geplänkel.
Manche deuten mittels der Verweise vorzugsweise auf noch Unbekannteres, als sie es sich selbst je zu sein vermöchten. Links, die ins nirvanische Internetz fortleiten, kein Spinnennetz, eher ein unendlicher Asphaltplatz, auf den Linien gezeichnet sind, die Regen verwischt, damit weitere Linien gezeichnet werden können.
Andere Twitteristen offenbaren sich lebensnah in den Bruchteilen ihres täglichen Erdentreibens, das – so wie sie es uns schildern – aus Schlafengehen, Träumen, Aufwachen, Frühstück, Mittagessen, Job, Fernsehen, Kino und dergleichen bestehen mag. Wie gewöhnlich.
Plötzlich jedoch gewinnt im Bild, das ein Zwitscherer einstellt, eine Küchenwand neue Proportionen, da von einer Konfitürenexplosion getroffen; die Photographie eines ungekonnt beklebten Buchrückens gewinnt platonischen Wert, da sie als Idee für alle je von Lesern massakrierten Bücher steht. Dies sind Momente, da Neues entsteht, da die paar Zeichen über sich hinausweisen.
Unter den rein praktischen Zwitschern sind mir die liebsten jener, mit denen mich eine virtuelle Freundschaft oder Interessengemeinsamkeit verbindet, dann die aktuellen Hinweise auf Informationen im Internetz, Ausstellungen, Blogs. Dort kann ich dann – Zeit vorausgesetzt – weiterlesen, was mich interessiert. Den Rest lasse ich liegen, und er entschwindet langsam durch den unteren Bildschirmrand – Sand einer modernen Uhr, die fortfließendes Leben meint.

Störenfriede im luftigen Vogeldasein sind Leute, die in ihrem verbalen Auftreten zeigen, wie toll sie sich dünken: in ihnen wird die Maskerade offensichtlich, die allzu dicke Schminke mäßiger Selbst-Schauspielerei schält sich vor meinen Augen: es steckt kein Hamletscher Hintersinn in diesem Gehabe, es ist gewöhnliches Pfauentblättern – und schwupp, der Eigendarsteller ist entfolgt und geblockt, den Abgründen virtueller Zwischenhöllen übergeben, deren Insassen bekanntlich nicht wissen, wo oder wer sie sind.
Dergleichen Eitelkeiten werden von Facebook viel angemessener bedient. Dort steht die Eigenpräsentation im Vordergrund, mit Bildern, Texten, Kurzvideos. Entweder man mag den Darsteller oder nicht; Mittelwege sind unbeliebt. Und nur wenige besitzen genügend Selbstironie, damit spielen zu können.

Und der immense Vorteil Twitters gegenüber allen offenen oder geschlossenen Mailrunden, in denen die Geistlosen mit ihren abgestandenen Bemerkungen oder jene ideologiebesessenen Indoktrinierer schnell und mittels ihrer Unfähigkeit gekonnt nerven: der Kreis der Teilnehmer ist der jener, mit denen Verstehen möglich ist, bisweilen sogar Nahesein.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen guten Rutsch in ein hoffentlich erfolg- und bücherreiches Neues Jahr.


Nur ein paar Marginalien

28. Dezember 2009

In einem → Netztagebuch lese ich das Folgende. Meine Kommentare sind bescheiden eingerückt.

„#Zwitschervögel:
DiskussionsKULTUR ? Es geht, neudeutsch gesagt, eh immer nur um’s “dissen”!“

Was meint er: „dissen“? Ist das neue Kultur, wenn man „dissen“ schreibt?

 

„Den anderen niedermachen, seine Ideen kaputtreden und stänkern.“

Der Kollege darf gern beim Angebotsbündnis mitmachen. Oder wenigstens ein paar nette Wörter über uns Angebotsbündler verlieren. Selbst wir könnten bisweilen etwas Anerkennung gebrauchen – aber er will natürlich, daß SEINE Werke anerkannt werden.

 

„Selbstprofilierung auf Kosten der anderen, Selbststilisierung zum lonesome cowboy, zum lone ranger, zum Einzelkämpfer, zum Sniper.“

Soviel ‚Selbst’ in einem Satz ist mir zuviel. Und die Metaphern sausen nett inkohärent in der Wörterlandschaft umher, von Malboro bis zum Krimi.

 

„Warum nicht mal zur Abwechslung solidarisch und konstruktiv ?“

Wie gesagt: der Kollege darf gern beim Angebotsbündnis mitmachen, das wäre richtig konstruktiv. Und wir wüßten seine Solidarität zu schätzen.

 

„Selbst AKTIV werden, was zu machen, statt nur pseudointellektuell rumzulabern, nachedenken und noch mal nachdenken, vielleicht zu erkennen, ICH komme zwar allein klar, aber wahrscheinlich viele andere nicht.“

Aktiv sind wir. Aber wohl anders, als der Herr Kollege es gern hätte. Schade. Immer wird alles aus dem rein subjektiven Gesichtswinkel betrachtet, Froschperspektive. Etwas zwitscherige Vogelperspektive täte ihm gut. Von weiter oben gewinnt man Überblick.

 

„Die Größe haben zuzugeben, daß das, was andere bisher auf die Beine gestellt haben, vielleicht doch so ganz schlecht nicht ist. Aus dem Sandkasten herauszukommen und wieder mit den anderen zu spielen.“

Hmm. Wen meint der liebe Kollege hier mit „andere“? Ah, ja, ich ahne es, das was er und seine Kumpane tun, das sollen wir anerkennen. Und dies Anerkennen würde uns ‚Größe’ verschaffen? Ich bleibe lieber bescheiden, als auf diese Art mickriggroß zu werden.

 

„WIR (alle) SIND DAS antiquariat !“

Hurra, ein Spruch, leicht entwendet und entfremdet, aber es bleibt ein Spruch. Wir sind viele verschiedene Antiquariate. Und niemand soll sich auf unsere Kosten hervortun, indem er behauptet, er oder sie seien das → „Deutsche Antiquariat“, sprich neudeutsch (s.o.) „antiquariat.de“. Hervortun tun sich nämlich erfahrungsgemäß immer nur die Kleinen. Und wer möchte schon als ‚klein’ gelten?

 

PS.
Auwei. Da ist aber ein Mißgeschick geschehen. Die stilvolle Kritik war an jemand ganz anderen adressiert (→ LINK, dann zu #14):
„Mit meinen Äußerungen hatte ich u.a. den anonymen Kommentator unter der ursprünglichen Meldung über unseren künftigen neuen Namen gemeint, der sich als ‚Noch-Genossenschaftsmitglied’ ausgibt.“
REM: Also dürfen Genossenschaftsmitglieder so angesprochen und tituliert werden. Interessant, er wird oben in der ersten Zeile als ein Zwitschervogel bezeichnet, obwohl noch kein Zwitscher von ihm vernommen wurde. Und wenn er Genosse in der GIAQ ist, dann ist er doch aktiv – oder? Rätsel über Rätsel.


Was tut ein Antiquariat?

25. Dezember 2009

Ein Antiquariat erwirbt antiquarische bzw. gebrauchte Bücher (1) von Privatleuten, von Kollegen, sowie auf Auktionen.

Es bietet diese Erwerbungen im Ladengeschäft, direkt per Brief oder E-Post, in gedruckten oder elektronischen Katalogen, auf der eigenen Angebotseite im Internetz oder gemeinschaftlich mit anderen Antiquariaten auf Messen oder Internetzplattformen an.

Es verkauft diese angebotenen antiquarischen bzw. gebrauchten Bücher an Privatleute, an Kollegen, oder liefert sie auf Auktionen ein.
 

(1) Zum Geschäftsumfang können auch andere Druckerzeugnisse wie Graphiken, Landkarten, Ansichtskarten, Zeitungen und Musikalien oder Schriftliches wie Handschriften und Autographen gehören; im weitesten Sinne auch Schallplatten, Gemälde und (meist kleinere) Antiquitäten.
Unter der Bezeichnung „modernes Antiquariat“ (MA) wird der Handel mit vom Verlag oder einem Zwischenhändler bezogenen Restauflagen, Mängelexemplaren oder Remittenden zusammengefaßt, deren Preisbindung aufgehoben wurde.
 

PS.
Was tut er nun, der Antiquar?
Aus dem oben Gesagten könnte gefolgert werden, es genüge, die Bücher einmal in die Hand zu nehmen, sie mit einem Preis zu verzieren, um sie dann in einem Laden- oder Lagerregal möglichst zu vergessen.
Doch: die Tätigkeit des Antiquars besteht – und nun gebe ich nur meine Sicht wieder – primär in der Auswahl dessen, was von ihm erworben wird: das macht einen Teil seines Stiles, seiner Persönlichkeit aus; sodann in der Art, wie er seine Bücher anbietet, wie er sie beschreibt, welchen Ansatz er dabei bevorzugt, einen kopierenden, einen eher lyrischen, einen realistischen etc.