festina lente

27. November 2009

Aristophanes, verantwortlich für die Vorstufe, überliefert uns sein „eile unverweilt“, „σπε̃υδε ταχέως“, in den „Rittern“ (495). Kaiser Augustus modifizierte dies nach Suetons „Leben des Augustus“ (25,4) zu „σπε̃υδε βραδέως“, zum klassischen „festina lente“; begeistert von der darin verborgenen Spannung, benutze er die beiden Wörter häufig in seinen Unterhaltungen und Briefen, um darauf hinzuweisen, „daß zur richtigen Ausführung einer Sache unumgänglich erforderlich sei, sowohl Regsamkeit im Eifer, wie beharrliche Ausdauer im Fleiß, denn nur aus diesen beiden Gegensätzen ergibt sich die ‚maturitas’, d.h. die natur- und zeitgemäße Entwicklung“ (1).
Erasmus (Adagia II,1,1) bemerkt gleich zu Beginn seines recht umfangreichen Aufsatzes (2) über dies Sprichwort, das es aus zwei gegensätzlichen Begriffen bestehe. „Nam maturari, quod neque praepropere fiat neque serius quam oporteat, sed ipso in tempore“ schreibt er etwas später: schnell sein bedeutet also nicht übereilen oder zaudern, sondern den rechten Augenblick treffen, wie denn ein jedes Ding seine Zeit hat, wenn seine Zeit reif geworden ist, die Sterne günstig stehen, die Wintis gewogen sind.
Ein zweiter Kaiser Roms, Titus Vespasianus, fand Gefallen am eilenden Weilen und ließ zu seinem Portrait auf der Vorderseite ein treffendes Emblem auf die Rückseite einer Münze prägen: einen Anker um dessen Mittelteil sich ein Delphin windet.
So trat das Sprichwort in die Bildwelt ein und führte hinfort sein Eigenleben, wurde Druckermarke des Aldus Manutius (3) und seiner Nachfolger zu Venedig, eilte, sich verwandelnd, in Büchern verweilend durch die Kunst der Emblemata und tat sich mit diversen Sinnsprüchen zusammen.
So erscheint z.B. eine Schildkröte mit einem Segel auf ihrem Panzer oder mit einem Hasen zusammen (4).
Die Holzschnitte der „Hypnerotomachia Poliphili“ (5) zeigen mehr als achtzig Variationen des Themas, “each one of them giving a new twist to the theme. Some of the designs are frankly comical, like the image of elephants turning into ants, and of ants into elephants (…) Others are solemn, for example the obelisk of three facets, which bears triadic images and inscriptions relating the Holy Trinity to the three parts of Time” (6).
„eile mit feile“ transponiert Jandl in „etude in f“.
 

Anmerkungen
1 Aulus Gellius: „Die Attischen Nächte“. X,11,§5; zitiert nach Ausgabe Darmstadt, 1981; cf. Macrobius: „Saturnalien” VI.
2 “The article on festina lente, which appeared for the first time in the Aldine edition of 1508, grew larger with every new edition of the Adagia, in the final version filling six folio pages (…)” Edgar Wind: “Pagan Mysteries in the Renaissance”, London, 1968; p. 98, fn. 3.
3 Merkwürdigerweise verbindet Alciati das Emblem ‚Anker & Delphin’ mit „Ein Furst der suech das hayl seiner vnderthan“ (Paris: Wechel, 1542; pp. 58-59).
4 vide Arthur Henkel und Albrecht Schöne: „Emblemata“, Stuttgart & Weimar, 1996; coll. 615-616.
5 Venedig: Aldus, 1499. Englische Übersetzung von Joscelyn Godwin, London, 2003.
6 Wind, op. cit., p. 103. Die genannten Beispiele auf foll. p vi verso & h v recto.


Irrtümer

25. November 2009

Die Branche ist voller Irrtümer!
Es beginnt, fangen wir beim Wichtigstem heutzutage, dem Internetz, an, mit der führenden deutschen Plattform für gebrauchte Gebrauchsbücher und antiquarische Altraritäten: Zentrales VERZEICHNIS antiquarischer Bücher! Steht da irgendetwas von Verkauf? Nein. Eben. Ein Verzeichnis ist ein Verzeichnis ist ein Verzeichnis: man schaut darin nach, was ein Buch, das man glücklich besitzt, kosten könnte, erwürbe man es jetzt. Die Kollegen orientieren sich an den dort genannten Preisen – und tun die ihren etwas darunter ansetzen, ja. Und die Anbieter schauen ganz bedripst, wenn man ihnen nicht das zahlen möchte, was dort steht in Heller und Pfennig, die heute andere Namen haben, aber sei’s drum.
Halten wir fest: das abgekürzt ZVAB genannte Verzeichnis ist ein hervorragendes Nachschlagewerk.

Weiter:
Prolibri heißt so, weil man sich für das Buch, das Buch an sich, für sich und überhaupt aussprechen möchte, daher auch die Leiste mit Bildchen rechts: damit jeder gleich weiß, was solch ein Buch ist, wie es ausschaut – nicht wie ein Kindle! Sehr verdienstvoll, diese Aufklärungsarbeit!
Ach nein, alle Namen durchzugehen, dazu fehlt mir die Zeit auf den Morgen, schauen Sie selbst: Antbo, Abe, Booklooker, Marelibri (Nichtschwimmer, denkt an den Rettungsring!) &c, &c.

Und als letztes: Messen. Nirgendwo steht VERKAUFsmesse. Eine Messe ist eine gesellige Veranstaltung, manchmal zum beten, singen, Ohren zuhalten und essen, manchmal zum plaudern, mit den Kollegen, mit den Kunden. Nichts weiter.

Nun werden Sie einwenden: dieser Mensch, dieser Schreiberling hier, lästert über andere, macht es selbst aber nicht besser, einen → Baum des Wissens auf der Eingangseite! Touché! Aber sehen Sie nicht jene imaginäre Schlange dort, wie sie sich um den Stamm windet, Sie zu zum Buchkauf zu verführen? Kein schwertbewaffneter Engel wird Sie je aus diesem Paradies jagen – und hoffen wir, daß Himmel und Hölle gleichfalls Bibliotheken sind, der eine mit diesen Büchern, die andere mit jenen…


Der Stamm der Bibliophilen

4. November 2009

„… die Ahnung, dass die Zukunft dieser Stämme nicht unberührt bleiben würde von der Ausbreitung der Zivilisation“
Claude Lévi-Strauss begegnete mir während des Studiums als Mitverfasser jener Analyse des Baudelaireschen Gedichtes „Les Chats“. Sie faszinierte mich wie viele Leser zuvor; handelte es sich doch um einen neuen Ansatz, um – so sah ich es damals – das Ende schwafeligen Interpretierens, des Hereinlesens, der Voreingenommenheiten. Rückblickend meine ich zu erkennen, daß mir diese quantitative Zählerei, die in Qualitatives umschlägt, Strukturen ersieht, die zuvor bedeckt verblieben, gefiel, weil sie mit meinen eigenen Denkprinzipien in Einklang steht.

Aber das ist nicht der Punkt, über den ich einige Wörter verlieren möchte.
Ersetzen wir im obigen Zitat aus → Henning Ritters FAZ-Artikel zum einhundertsten Geburtstag Lévi-Strauss’ das Wörtlein ‚Stämme’ durch ‚Antiquare’, so deuten sich die Verwerfungen innerhalb einer Gesellschaft an, verursacht durch den Ablauf technischer Innovation.
Ich denke, es war wenig spürbar, daß die Schreibmaschine irgendwann den Federkiel oder Füllfederhalter ersetzte, es ging schneller, doch der Ablauf: Titelaufnahme, Zettelkasten, Abschreiben, Drucker blieb derselbe. Auch tangierte es die Produktion kaum, ob der Katalog dann in Buchdruck oder Offset hergestellt wurde: fertiggestellt und vom Drucker abgeholt wurde er in die Versandtüte gesteckt und auf den Weg zum Kunden gebracht.
Das Umkrempeln unseres Gewerbes begann mit den Computern und dem Internetz.

Was war ich in den letzten Tagen froh, als alle Bestellungen zwar über das Internetz kamen, jedoch über meine eigene Seite – nicht über eine der Plattformen, die ich mit einem Teil meines Angebotes bestücke.
Es bereitet mir Freude, mit den Kunden zu kommunizieren, gleich ob per Telephon oder E-Post, zusammen können wir uns dem Buch widmen, vielleicht kann ich beraten, Hinweise geben, auf andere Werke verweisen, die eventuell besser oder schöner sein könnten.
Die Internetzplattformen haben diese Kommunikation aufs Anklicken des Warenkorbsymbols reduziert. Als ob eine Maschine an ihrem Ende der Leitung einer anderen am antipodischen Zielpunkt einen Impuls gäbe, so und so zu agieren. C’est ça, und nicht mehr.
Aus diesem buchentfremdeten Blickwinkel müssen wir unsere Sehweise zurückwenden zum Wesentlichen.

Es sind Bücher nicht einfach Bücher, sondern stehen in ihrem Umfeld, das Strukturen aufweist, die verlangen, aus ihrem Schlummer geweckt zu werden.
Auf der Liber Berlin unterhielt ich mich mit einem Kollegen über Autographen und deren Einmaligkeit wie ihrer Aura, daß sie uns ein Stück ‚bios’ des Autors vermitteln. Ebenso ist den Büchern ein Leben eigen, haben sie gelebt, haben sie einige Jahre hinter sich gebracht mit ihren Besitzern, Lesern, Benutzern, vielleicht Freunden. Es muß noch nicht einmal das Exlibris oder der Eintrag sein, manchmal genügt es bereits, die Lesespuren zu sehen, wie intensiv unsere Vorgänger sich einigen Passagen gewidmet haben: dies Werk bedeutete ihnen etwas, es wurde mindestens für eine Weile Teil ihres Lebens.

„So konnte man von den bizarrsten kulturellen Erscheinungen aus zu einer Ebene der Allgemeinheit vorstoßen, auf der alles Menschliche kommunizierte“ (ebenda).
Wir müssen uns damit abfinden, daß wir Menschen sind – nur dann vermögen wir aus dem Menschsein samt seiner Verschiedenartigkeit wie Menschlichkeit Gewinn zu ziehen.


Stilfragen

28. Oktober 2009

Antiquare gehen nicht sehr zartfühlend miteinander um. Ein Vorurteil?
Lesen Sie selbst:

„Als beschäftigter Antiquar hat man nun auch andere Dinge zu tun, als sich laufend um den Profilierungs-Quark von sogenannten Wissenschaftlern und bildungsgeilen Antiquaren in irgendwelchen Blogs zu kümmern, die Ihre Weisheiten an unbedarfte Leut’chen verkappt als geistige Eigenprodukte verkaufen wollen, auch wenn schlechte Quellenangaben angegeben werden.
So hat es mir geradezu die Sprache verschlagen, und ich mußte gleich zu meinen Pantozol-Tabletten greifen, als ich im Blog des bekannten Berliner Antiquars Rainer F. Meyer den Gastbeitrag des von Herrn Mulzer („Ates Krokodil“) überaus geschätzen Herr Dr. Jörg Biester über die Gebrüder Scholem entdeckte.
Der Migräneanfall war nicht mehr zu vermeiden, zumal ich mich dunkel erinnern konnte, einige Zeit mit genanntem Herrn via E-mail über die Scholem-Familie Informationen ausgetauscht zu haben. Na ja: Neues hatte er nicht zu melden. Ich war zufrieden.
Erschlagen hat mich dann die Bibliographie „Privatdrucke von Reinhold und Erich Scholem“ als neuer Beitrag. Wer hat die Bibliographie erstellt? Kein Hinweis: Biester oder Meyer? Immerhin wird als 22. Druck wenigstens der Titel als Quelle angezeigt, aber versteckt, Wenngleich Herrn R. F. Meyer der Verfasser bekannt ist:: Dr. Abraham Horodisch. Dieses zu verschweigen, finde ich schäbig.
Natürlich sind weitere Drucke erschienen, aber ab jetzt werde ich meine Klappe halten. Rechtliche Schritte behalte ich mir vor, zumal Herr Dr. A. Horodisch 1987 verstorben ist.
Gute Nacht H*** E***“

So in der Nacht zu heute in einer Antiquarsdiskussionsrunde, der ich nicht angehöre, veröffentlicht. Ich habe mir erlaubt, die Pseudo-Injurien, Schreibfehler und sachlichen Ungenauigkeiten stehenzulassen.
Statt also Sachdienliches zur Bibliographie (→ s.u.) beizutragen, wird von dem Herrn ‚Kollegen’ lieber unter Vermeidung jeglichen Arguments mit „rechtlichen Schritten“ gedroht.
Wogegen? Weshalb? In der Emma Dronckers’ Horodisch-Bibliographie von 1958 (Horodisch FS Amor Librorum) wird das „Verzeichnis der Privatdrucke von Reinhold und Erich Scholem 1920 bis 1931“ nicht aufgeführt.
Meiner bescheidenen Meinung nach – und wenig hindert mich, im Verlaufe bibliographischer Arbeit schlauer zu werden – ist besagte Bibliographie (s.u., Nr. 1931.2) von Reinhold Scholem verfaßt, der sie auf dem Blatt nach dem Titel „Erich zum dritten Dezember 1931 gewidmet“ hat, also seinem Bruder, mit dem zusammen er im Kolophon zeichnet: „Gedruckt bei Arthur Scholem für R.S. und E.S.“. Wer sonst sollte hier mit Vornamen familiär angesprochen werden in mystischer Auflagenhöhe (22 Exemplare)?

Es geht weder Herrn Björn (sic!) Biester noch mir (ich vernachlässige hier die netten Epitheta obigen Schreibens für Herrn Biester und mich) um „Profilierung“, sondern um das Aufarbeiten eines recht vernachlässigten bibliographischen Territoriums. Es finden sich noch nicht einmal alle in dieser kurzen Bibliographie erwähnten Titel in öffentlich zugänglichen, deutschen Bibliotheken.
Die bibliographischen Angaben beruhen nicht allein auf Nr. 1931.2, dem Verzeichnis Reinhold Scholems, sondern auch auf eigenen Exemplaren, den angeführten Bibliographien sowie den Einträgen in öffentlichen Bibliothekskatalogen.
Ansonsten beabsichtige ich, diese kleinen Bibliographien fortzusetzen.
 

[PS. Allen, die mir den nächtlichen Beitrag des Herrn H.E. zukommen ließen, sei an dieser Stelle herzlich gedankt.]
 

PPS.
Auf die in derselben Runde – der ich immer noch nicht angehöre und nicht gedenke, dies sobald zu ändern – am Sonntag, dem 15. November 2009 um 16:59:59 zum obigen Thema verbreitete Mail des Herrn H.E. gehe ich hier vorerst nicht ein.
Stilistisch bietet sie wenig Neues, nur die darin enthaltene Bemerkung: „Jetzt werde ich mir eine Flasche öffnen“ könnte von hinreichendem Interesse sein.
Sapiens in se reconditur, secum est.


Umfrage der Redaktion Antiquariat

27. Oktober 2009

Was erwarten Sammler und Buchkäufer vom Antiquariatsbuchhandel?
Der Kunde ist „König“ – aber wissen Antiquare eigentlich, was Sammler und Gelegenheitskäufer antiquarischer Bücher vom Antiquariatsbuchhandel erwarten? Wie soll eine Katalogbeschreibung idealer Weise aussehen? Wie soll die Kommunikation zwischen Kunden und Antiquaren ablaufen? Wie soll die Vermittlung von Informationen aussehen? Schauen Kunden eher auf die Homepage eines Antiquars? Wünschen sie gedruckte Angebote (Listen, Kataloge), Newsletter etc.? Möchten Kunden Büchersuchlisten an Antiquare weitergeben, um nicht selbst im Internet suchen zu müssen?
Diese Umfrage der Redaktion Antiquariat in Frankfurt am Main (siehe auch die → Facebook-Seite von Varia Antiquaria) richtet sich an private und institutionelle Sammler, nicht jedoch an Antiquare, auch nicht an die Händler, die selbst sammeln ;-) . Antworten bitte an: Björn Biester → b.biester@mvb-online.de

Wir sind für jeden Hinweis dankbar! Die Antworten werden von uns strikt anonymisiert. Eine Veröffentlichung der anonymisierten Ergebnisse ist geplant.


Die Brüder Reinhold und Erich Scholem. Ein Gastbeitrag von Björn Biester

25. Oktober 2009

Reinhold Scholem (* 1891 in Berlin, † 1985 [Anm. 1]) und sein jüngerer Bruder Erich Scholem (* 1893 in Berlin, † Februar 1965 in Sydney [Anm. 2]), seit November 1919 Mitinhaber, später Inhaber der von ihrem Vater Arthur Scholem (* 1863, † 1925 in Berlin) gegründeten Druckerei, gehörten in den 1920er und 30er Jahren zu den besonders aktiven Persönlichkeiten der Berliner Bibliophilen-Szene. Beide engagierten sich unter anderem in der Maximilian-Gesellschaft (an deren Bibliografie von 1937 sie neben Karl Schönberg maßgeblich mitwirkten), der Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches, dem Berliner Bibliophilen-Abend und seiner 1932 begründeten exklusiveren „Seitenlinie“, den Bibliophilen Freunden. Von diesem großen Engagement zeugt die vorliegende Bibliografie.

Reinhold und Erich Scholem emigrierten 1938 über Kanada nach Sydney, Australien, wohin ihnen ihre Mutter Betty (* 1866 in Berlin, † 5. Mai 1946 in Sydney) im Jahre 1939, noch vor Kriegsausbruch, über London, Marseille, Port Said &c folgte.
Ihr Bruder Gershom (Gerhard) Scholem (* 5. Dezember 1897 in Berlin, † 21. Februar 1982 in Jerusalem) wirkte bereits seit Oktober 1923 in Jerusalem, zuerst als Leiter der hebräischen Abteilung in der Jerusalemer Nationalbibliothek, dann am Judaistischen Institut der Hebräischen Universität, wo er September 1933 zum Professor für jüdische Mystik ernannt wurde.
Werner Scholem, von 1924 bis 1928 KPD-Reichstagsabgeordneter, wurde im Juli 1940 im Konzentrationslager Buchenwald nach mehrjähriger Inhaftierung ermordet.
 
Anmerkungen:
1) Quelle: Gershom Scholem: Briefe II. München 1995, p. 340. Die Brüder emigrierten möglicherweise bereits 1937.
2) Quelle: Gershom Scholem: Briefe II. München 1995, p. 124.
 
 

Literatur:

- Fritz Homeyer: Deutsche Juden als Bibliophilen und Antiquare. 2., erweiterte und verbesserte Auflage. Tübingen 1966

- Betty Scholem – Gershom Scholem. Mutter und Sohn im Briefwechsel 1917–1946. Hrsg. von Itta Shedletzky in Verbindung mit Thomas Sparr. München 1989

- Gershom Scholem: Von Berlin nach Jerusalem. Jugenderinnerungen. Erweiterte Fassung. Frankfurt am Main 1994

- Ulrich Heider: Die Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches e. V. (1924–1937). In: Aus dem Antiquariat NF 5 (2007), S. 401–411.


Bibliographie der Privatdrucke Reinhold & Erich Scholems, 1920 – 1931

25. Oktober 2009

1920.1
1. Januar 1920 – Ein Wörtchen – Ein ernstes Wörtchen in schwerer Zeit zum feucht-warmen Abend am 5. Februar 1920.
Berlin: Arthur Scholem, 1920.
Umschlag.
210 x 140 mm. 8 Seiten
Schrift: Cicero Behrens-Antiqua der Gebr. Klingspor.
Auflage: 7 numerierte Exemplare, sämtlich mit Namenseindruck.
Bemerkung: Unseren Freunden gewidmet von Reinhold und Erich Scholem. Verse von Betty Scholem. Einmalige außerordentliche Luxusausgabe vom Autor mit der Hand signiert und in der Presse numeriert.
 

1923.1
Unserem lieben Vater zum 60. Geburtstag am 5. März 1923. (Verse von Betty Scholem).
Berlin: Arthur Scholem, 1923.
Umschlag.
126 x 167 mm. [10] Seiten.
Schrift: Cicero Ohio-Kursiv der Brüder Butter. Zweifarbiger Druck.
Auflage unbekannt.
Bemerkung: Ohne Druckvermerk.
 

1925.1
August Wilhelm Iffland: Zwei Reden, gehalten in Berlin am 31. Dezember 1801 und 1. Januar 1802.
Berlin: Arthur Scholem, 1925.
Kartonmappe.
217 x 170 mm. [4], [4] Seiten.
Schrift: Cicero Tiemann-Mediaeval der Gebr. Klingspor.
Auflage: 300 mit der Maschine numerierte Exemplare.
Bemerkung: Den Teilnehmern am Stiftungsfest des Berliner Bibliophilen-Abend am 3. Februar 1925 gewidmet von Reinhold und Erich Scholem. Den Originalen des 19. Jahrhunderts nachgebildet.
Stamm/Schuder S. 59 – Rodenberg: Bibliophilie 99.
 

1926.1
Ernst Crous (Herausgeber): Fraktur oder Antiqua? Zwei Berliner Beiträge zur Schriftfrage aus dem 18. Jahrhundert. Eine Besprechung von Friedrich Nicolai und eine Denkschrift des preußischen Staatsministers Philipp Karl Graf von Alvensleben. Herausgegeben von Ernst Crous. Berlin, 19. Februar 1926.
Berlin: Arthur Scholem, 1926.
Pappband, bezogen mit violettem Marmorpapier, Titelschild auf Vorderdeckel; gebunden durch die Buchbinderei A. Scholem zu Berlin.
229 x 142 mm. 53 Seiten.
Schriften: Borgis Goethe-Fraktur und Korpus Winchester Old Style der Typograph G.m.b.H., Korpus Tiemann-Mediaval der Gebr. Klingspor.
Auflage: 222 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Dr. Oscar Jolles in Verehrung gewidmet Ernst Crous, Reinhold Scholem, Erich Scholem. Zum Stiftungsfest des Berliner Bibliophilen-Abends am 19. Februar 1926 überreicht von Reinhold und Erich Scholem. Die Bilder der beiden Verfasser sind Ungers Jahrbüchern der preußischen Monarchie unter der Regierung Friedrich Wilhelms des Dritten [1800 und 1801] entnommen.
Stamm/Schuder S. 64 – Rodenberg: Bibliophilie 99.
 

1926.2
[Georg Christoph Lichtenberg:] Timorus, das ist, Vertheidigung zweyer Israeliten, die durch die Kräftigkeit der Lavaterischen Beweisgründe und der Göttingischen Mettwürste bewogen den wahren Glauben angenommen haben, von Conrad Photorin. Herausgegeben von Herrmann Meyer; mit einem Nachwort von Martin Domke. Berlin, 5. Dezember 1926.
Berlin: Arthur Scholem, 1926.
Pappband.
168 x 114 mm. [2], 78, XVI, [4] Seiten.
Schriften: Borgis Goethe-Fraktur und Korpus Winchester Old Style der Typograph G.m.b.H.
Auflage: 222 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Das Titelblatt ist ein Faksimilie der Ausgabe von 1773. Den Teilnehmern am Festessen anläßlich der Jahresversammlung der Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches am 5. Dezember 1926 zu Berlin gewidmet von Reinhold und Erich Scholem.
Rodenberg: Bibliophilie 206.
 

1926.3
Die Hamsterfahrt. Ein fröhliches Gedicht aus der Zeit der Brot- und Kartoffelkarte.
Berlin: Arthur Scholem, 1926.
155 x 165 mm. [10] Seiten.
Schrift: Mittel Kochschrift der Gebr. Klingspor.
Auflage: 99 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Unseren Freunden zum Jahreswechsel gewidmet von Reinhold und Erich Scholem 31. Dezember 1926.
 

1927.1
Stefan Zweig: Die unsichtbare Sammlung. Eine Episode aus der deutschen Inflation.
Berlin: Arthur Scholem, 1927.
Pappband / Pergamentband mit schwarzgeprägtem Titel auf Vorderdeckel.
268 x 185 mm. 22 Seiten.
Schrift: Mittel Straßburg-Gotisch der Schriftgießerei H. Berthold.
Auflage: 250 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Der Abdruck der Novelle erfolgte mit Genehmigung des Verfassers sowie des Insel-Verlages nach der Veröffentlichung im Insel-Almanach auf das Jahr 1927. Den Mitgliedern und Freunden des Berliner Bibliophilen-Abends beim Stiftungsfest am 8. Februar 1927 überreicht von Reinhold und Erich Scholem.
Stamm/Schuder S. 76 – Rodenberg: Bibliophilie 101.
 

1927.2
Polly Tieck. Deine schlechteste Eigenschaft. Ein kleines Mahnwort an alle Fünfzigjährigen.
Berlin: Arthur Scholem, 1927.
135 x 165 mm. [8] Seiten.
Schrift: Korpus Nova-Mediaeval der Schriftgießerei H. Berthold.
Auflage: 99 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Der Abdruck erfolgte nach der Veröffentlichung im „Tagebuch“ vom 11. September 1926. Unsern Freunden – nicht nur den Fünfzigjährigen – zum Jahreswechsel gewidmet von Reinhold und Erich Scholem 31. Dezember 1927.
 

1928.1
Oscar Ludwig Brandt: Allein in deinen Mantel eingehüllt. Lieder.
Berlin: Arthur Scholem, 1928.
Umschlag.
237 x 180 mm. [15], [1] Seiten
Schrift: Mittelgrad der Frühlingschrift Rudolf Kochs der Gebr. Klingspor. Zweifarbiger Druck
Auflage: 160 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Den Mitgliedern und Freunden der Maximilian-Gesellschaft beim Festessen am 22. Januar 1928 überreicht von Reinhold und Erich Scholem. Vom Autor handschriftlich signiert.
Rodenberg: Bibliophilie 131.
 

1928.2
Gershom Scholem: ABC – Amtliches Lehrgedicht der Philosophischen Fakultät der Haupt- und Staats-Universität Muri. Von Gerhard Scholem, Pedell des Religionsphilosophischen Seminars. Zweite, umgearbeitete und den letzten approbierten Errungenschaften der Philosophie entsprechende Ausgabe. Muri, Verlag der Universität.
Berlin: Arthur Scholem, 1928.
Blockbuch.
226 x 161 mm. [34] Seiten (ohne den Umschlag).
Schrift: Tertia Nova-Mediaeval der Schriftgießerei H. Berthold. Initialen: Trennert-Initialen der J. D. Trennert & Sohn. Zweifarbiger Druck
Auflage: 250 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Die erste Auflage erschien in einem Exemplar am 15. Juli 1918 im Verlage der Universität Muri. Die vorliegende zweite Ausgabe wurde den Mitgliedern und Freunden des Berliner Bibliophilen-Abends beim Festessen am 16. März 1928 überreicht von Reinhold und Erich Scholem.
Stamm/Schuder S. 84 – Rodenberg: Bibliophilie 102.
 

1928.3
Friedrich Wilhelm August Schmidt: Auserlesene Gedichte. 1928. Mit einer Nachbemerkung von S. Martin Fraenkel.
Berlin: Arthur Scholem, 1928.
Umschlag.
314 x 214 mm. [14] Seiten,
Schrift: Cicero Goethe-Fraktur der Typograph G.m.b.H.
Auflage: 100 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Den Mitgliedern und Freunden des Fontane-Abends zum 14. November 1928 gewidmet von Reinhold und Erich Scholem.
Rodenberg: Bibliophilie 229.
 

1929.1
Abraham Horodisch (Herausgeber): Jüdische Gedichte von Klopstock bis Keller. Mit einer Nachbemerkung von A. H.
Berlin: Arthur Scholem, 1929.
Pappband.
239 x 162 mm. 48 Seiten.
Schrift: Cicero Breitkopf-Fraktur und Cicero Didot-Antiqua der Typograph G.m.b.H.
Auflage: 200 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Den am 17. Februar 1929 versammelten Mitgliedern der Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches überreicht von Reinhold und Erich Scholem.
Rodenberg: Bibliophilie 208.
 

1929.2
Ernst Crous: Der Werdegang des Berliner Buchdrucks. Mit zehn Tafeln mit Schrift- und Satzbeispielen des I6., 17. und 18. Jahrhunderts.
Berlin: Arthur Scholem, 1929.
Gelber Pappband mit goldgeprägtem Rückenschildchen.
240 x 160 mm. 46, [2] Seiten, inclusive der 10 Tafeln.
Schrift: Kleine Cicero Didot-Antiqua der Typograph G.m.b.H.
Auflage: 250 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Wichtigere Veröffentlichungen zur Geschichte des Berliner Buchdrucks (49). Den Mitgliedern und Freunden des Berliner Bibliophilen-Abends am 15. März 1929 überreicht von Reinhold und Erich Scholem. Die Tafeln wurden nach Photographien der Originale direkt kopiert und in Flachdruck hergestellt.
Stamm/Schuder S. 86 – Rodenberg: Bibliophilie 103.
 

1929.3
Meine Geliebte – Meine Ehefrau. Unseren Freunden zu Silvester 1929 gewidmet.
Berlin: Arthur Scholem, 1929.
Umschlag (?).
120 x 80 mm. [24] Seiten.
Schrift: Mittel und Korpus Frühlingschrift Rudolf Kochs der Gebr. Klingspor. Dreifarbiger Druck.
Auflage: 29 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Gedruckt am Landwehrkanal für R. S. und E. S.
 

1930.1
Berliner Balladen.
Berlin: Arthur Scholem, 1930.
Halbpergamentband, gebunden von Meink.
250 x 160 mm. [20] Seiten.
Schrift: Cicero Breitkopf-Fraktur der Typograph G.m.b.H.
Auflage: 30 Exemplare, davon 16 mit dem Vermerk: „Gedruckt für“ sowie den Initialen des Empfängers.
Bemerkung: Für den Herrenabend am 6. März 1930 gedruckt am Halleschen Tor (…) für D. M. und H. M. 6. 3. 1930.
 

1930.2
Gerhardt Lüdtke: Verleger. Skizzen.
Berlin: Aldus-Druck, 1930.
Pappband, bezogen mit rotem Papier, gedrucktes Titelschild auf Vorderdeckel / Halbpergamenteinband mit goldgeprägter Rückentitelei, Deckel mit rotem Papier bezogen. Gestiftet von der Firma Fritzsche-Hager A.G., Berlin-Leipzig
248 x 170 mm. [23], [1 weiße] Seiten.
Schrift: Cicero Didot-Antiqua der Typograph G.m.b.H.
Auflage: 300 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Dem Berliner Bibliophilen-Abend zur Feier des fünfundzwanzigjährigen Bestehens am 15. März 1930 gewidmet von Gerhard Lüdtke und Aldus Druck. Berliner Bibliophile Abhandlungen, Fünfter Band.
Stamm/Schuder S. 100 – Rodenberg: Bibliophilie 106.
 

1930.3
Etta Federn-Kohlhaas: Alltag.
Berlin: Arthur Scholem, 1930.
Roter Pappband mit Titelschild auf Vorderdeckel.
208 x 137 mm. [20] Seiten.
Schrift: Korpus Ohio-Kursiv der Brüder Butter. Zweifarbiger Druck.
Auflage: 250 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Den am 15. März 1930 aus Anlaß des fünfundzwanzigsten Jahresfestes des Berliner Bibliophilen-Abends versammelten Damen überreicht von Reinhold und Erich Scholem. Diese Gedichte wurden zweimal gedruckt, da die Überschriften zuerst einen falschen Stand hatten. Von dem Fehldruck existierte ein Abzug.
Stamm/Schuder S. 93 – Rodenberg: Bibliophilie 104.
 

1930.4
Fedor von Zobeltitz: Daniel Kern, Hofbuchhändler.
Berlin: Aldus-Druck, 1930.
Umschlag.
240 x 150 mm. [16] Seiten,
Schrift: Mittel Straßburg-Gotisch der Schriftgießerei H. Berthold. Zweifarbiger Druck.
Auflage: 400 Exemplare.
Bemerkung: Abdruck des ersten Kapitels des „Seelenvogel“. Den Teilnehmern am Kantate-Essen des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler 1930 gewidmet von Aldus Druck Berlin. Die Auflage blieb versehentlich unnumeriert.
 

1930.5
Herrmann Meyer (Herausgeber): Franz Rosenzweig: Ein Buch des Gedenkens. Berlin 1930.
Berlin: Aldus-Druck, 1930.
Halbleinwandband.
295 x 205 mm. 56 Seiten.
Schrift: Cicero Italienische Antiqua der Typograph G.m.b.ll. und Korpus Aldus-Hebräisch.
Auflage: 800 Exemplare.
Bemerkung: Acht Aufsätze. Elfte Publikation der Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches e.V. Den Druck stifteten Reinhold und Erich Scholem zur Jahresversammlung in Berlin am 30. März 1930. Gerhard Scholems Aufsatz „Diwre Askara“ in hebräischen Typen.
Rodenberg: Bibliophilie 202.
 

1930.6
Zwei schöne Gedichte – Für unsere Freunde zu Silvester 1930. Le bonheur de ce monde von Christophe Plantin und Crillon von Moritz Graf von Strachwitz.
Berlin: Arthur Scholem, 1930.
Umschlag.
80 x 150 mm. [24] Seiten
Schrift: Borgis Didot-Kursiv und Korpus Kochschrift der Gebr. Klingspor.
Auflage: 40 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Gedruckt am Landwehrkanal für R. S. und E. S.
 

1931.1
Abraham Horodisch: Die Schrift im schönen Buch unserer Zeit. Berlin, den zehnten März 1931.
Berlin: Arthur Scholem, 1931.
Pappband / Halbleinwandband, die Deckel mit rotem Papier bezogen.
250 x 185 mm. XXIV, 52 Seiten.
Schrift: Cicero Didot-Antiqua der Typograph G.m.b.H. Zweifarbiger Druck. Initiale von Alice Garnmann.
Auflage: 300 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Mit 160 Schriftproben. Dem Berliner Bibliophilen-Abend zum 10. März 1931 überreicht von Reinhold und Erich Scholem. Berliner Bibliophile Abhandlungen, Siebenter Band.
Stamm/Schuder S. 110.
 

1931.2
[Reinhold Scholem (?):] Bibliographie. Verzeichnis der Privatdrucke von Reinhold und Erich Scholem. 1920 bis 1931.
Berlin: Arthur Scholem, 1931.
Umschlag.
215 x 130 mm. [16] Seiten
Schrift: Borgis Didot-Antiqua mit. Kursiv der graph G.m.b.H.
Auflage: 22 handnumerierte Exemplare.
Bemerkung: Erich zum dritten Dezember 1931 gewidmet. Gedruckt bei Arthur Scholem für R.S. und E.S.
 

[Um Ergänzungen und Korrekturen wird gebeten.]


Datenhoheit

12. Oktober 2009

Was für ein hochtrabender Begriff für ein Stückchen Selbständigkeit.
Doch manchmal kann ich mich des Eindruckes – ich hoffe, er ist falsch – nicht erwehren, manche Antiquare wären lieber Angestellte einer oder mehrerer Plattformen und kassierten monatlich ihr Salär für ihre mäßigen bis saumäßigen, abgekupferten Titelaufnahmen, samt Kündigungsschutz, Gewerkschaft und Personalrat. Und wenn ich so recht überlege, spielte bei der Gründung der Genossenschaft einiges von gewerkschaftlich-sozialistischem Gedankengut mit.
Doch mit all dem unvereinbar ist das Bild eines für sich selbst und für seine (sic!) Kunden agierenden Geschäftsmannes, der für sich verantwortlich ist und seinen Geschäftsablauf möglichst von Anfang bis Ende in eigenen Händen behält.

Früher mußte der Antiquar entweder seine Ladenregale aufbauen, füllen und von Zeit zu Zeit abstauben, selbstverständlich das Schaufenster mit verlockenden Büchern bestücken oder Titelaufnahmen für Kataloge erstellen, also tippen, abtippen, zur Druckerei laufen und ihr eine möglichst druckfähige Vorlage liefern. Einige taten auch beides, saßen im Laden und tippten.
Ein paar Aufgaben mußten delegiert werden, z.B. das Bauen des Hauses, in dem sich der Laden befand, das Drucken, soweit es sich nicht um fotokopierte Kataloge handelte, der Postversand, vielleicht auch das Säubern des Fußbodens.

In unserer schönen neuen Internetwelt überläßt der Antiquar bisweilen anderen, Subunternehmern oder Personen, mehr, als ihm lieb bzw. zuträglich sein kann. Genauso wie niemand seine Daten auf einem fremden Server mitten im Internet ablagern sollte, ohne zumindest eigene, aktuelle (sic!) Sicherheitskopien anzufertigen, die jederzeit bei ihm auf dem eigenen Computer verwendbar sind, so sollten sich auch nicht mehr Dienstleister zwischen Antiquar und Kunden schieben, als unbedingt notwendig. Die Plattformen haben uns bereits genügend Ungemach beschert, wir benötigen keine zusätzlichen Datenverteiler.

Die Druckerei konnte man wechseln, es besteht die Möglichkeit, von Microsoft-Office auf Open-Office umzusteigen, von Windows auf Linux, den Provider der Homepage zu ersetzen.

Selbständiger wird man nicht, um sich als Angestellter oder Subunternehmer zu fühlen, sondern – soweit es irgend geht, sehen wir mal von EU und Finanzamt ab – frei.
Und: unsere Kunden und die Kommunikation mit ihnen sind uns zu wichtig, als daß wir sie abtreten mögen.


Mythen

8. Oktober 2009

Mit einiger Verzögerung, die sowohl mit Faulheit wie mit Nichtloslassenkönnen zu tun hat, ist nun „Mythen“ erschienen. Sie können → hier probelesen und → hier bestellen.
 

Vase

Vase

Das Bild hat etwas mit dem Text zu tun, aber dazu müßten Sie ihn lesen; es tut mir leid, erklären mag ich es nicht.


Interview mit einem Antiquar

2. Oktober 2009
RM: Guten Tag, wenn ich es recht erinnere, siezen wir uns?

RFM: Korrekt. Leute, die sich so lange kennen, sollten Abstand zueinander halten.
 

RM: Wie sind Sie auf die Idee zu einem Interview gekommen?

RFM: Als ich nachts aufwachte, spazierte die Idee, noch etwas schlafwandelnd, durch mein Gemüt. In diesem Moment quirlten auch schon die ersten Sätze in meinem Kopf, also meinte ich, wenn es so weit fortgeschritten ist, könnten wir es auch ausführen.
 

RM: Fortgeschritten wie eine Krankheit?

RFM: Falls das Selbsterforschen eine Krankheit sein sollte, gern.
 

RM: Da der Titel lautet „Interview mit einem Antiquar“: wie sind Sie auf die Idee gekommen, Altpapierhändler zu werden. Das ist doch wohl keine Karriere?

RFM: Ich bin unschuldig! Ich bin verführt worden! Von den Büchern, die ich sammelte, von den Antiquariaten, die ich heimsuchte, von den Antiquaren, bei denen ich werkelte, um endlich meinen Kopf vorzuwagen in die Lebenswildnis und selbständig zu werden. Da haben wir nun den Salat.
 

RM: Und davon können Sie leben?

RFM: Beliebte Frage bei Kunden, die mich besuchen. Offensichtlich ist mein kaum vorgeschrittenes Alter nicht ausreichend Beleg dafür. Oder man vermutet Nebeneinkünfte; dem ist aber nicht der Fall.
 

RM: Wie ich hörte, pflegen Sie Vorlieben?

RFM: Bei den Büchern – ja, wie anders? Ich kann mich noch entsinnen, als während des Studiums bei einem Hamburger Auktionshaus ein Druck der Kelmscott Press angeboten wurde. Eine Kommilitonin teilte meine Leidenschaft, und doch blieb uns der Erwerb verwehrt, wir waren nicht vermögend genug.
Selbstverständlich reicht das zur Verfügung stehende Geld nie, alle Buchwünsche zu befriedigen, aber wer möchte das schon, das Leben würde unerträglich langweilig. So war ich und bin ich stets gezwungen auszuwählen, was mir wichtiger ist. Nur auf diese Weise lernt man, eine Sache wertzuschätzen.
 

RM: Aber diese Auswahl hat nicht nur mit Geld zu tun?

RFM: Nein, am wichtigsten ist mir ein persönliches Verhältnis zum Buch, der Marktwert ist ein aleatorisch Ding, das wie sich die Damenrocklänge wandelt. Geld, bereits oft gesagt, ist kein Maßstab, sondern bloß Mittel zu einem Zweck.
Die Erfahrung tut ein übriges, durch das Beschäftigen mit Büchern gewinnt man Einsicht, vielleicht auch ein wenig Selbsterkenntnis, siehe oben, und manchmal führen einen die Wege gerade weiter, bisweilen aber auch spiralig verschlungen auf frühere Pfade, die man dann mit frischem Verstehen begeht.
 

RM: Auf diese Weise wird es selten langweilig?

RFM: Genau.
 

RM: Haben Sie schon ein E-Buch-Lesegerät in der Hand gehabt?

RFM: Keins der neuen, vor etwa einem Jahr schaute ich mir die kleinen Apparate, die es damals gab, an, konnte aber zu keinem davon Vertrauen entwickeln.
Das hängt auch damit zusammen, daß ich zum einen Papierriecher bin, wenig außer Wald nach Regen kommt dem Geruch eines guten, handgeschöpften Papieres gleich, zum anderen, daß mein Gedächtnis nach optischen Kriterien speichert, mich erinnern läßt, wo etwas gestanden hat, links oder rechts, oben auf der Seite oder unten. Das würde beim Bildschirm entfallen.
Von den typographischen Schweinereien, die durch beliebige Skalierung der Buchstaben entstehen – man erinnere sich: früher wurde jede Punktgröße für sich geschnitten und angepaßt! –, und den unschönen Seitenverhältnissen will ich garnicht erst reden. Man scheint froh, daß die Buchstaben durch E-Ink ausschauen wie gedruckt – und dieses ‚wie’ bringt mich ein wenig zur Verzweiflung: es gibt kein ‚wie’, sondern nur Kaffee und Zichorienbrühe.
Und hinzugefügt werden muß, daß die meisten der heutzutage auf den Markt geworfenen (anders kann man es nicht bezeichnen) Bücher keine Druckerschwärze mehr, sondern ein Druckergrau verwenden, das angeblich besser für die Augen sein soll, sie aber nur anstrengt. Es ist ein Zeichen von Oberflächlichkeit, sich diesen Kleinigkeiten, die das Ganze entscheidend mitgestalten, nicht mehr zu widmen, sondern so zu tun, als sei fast alles unwichtig, womit die Generationen der Büchernarren vor uns sich intensiv beschäftigten, als sei es durch die Technik überholt. Dem ist nicht so.
Eigentlich ist nur ein im Buchdruckverfahren, also von erhabenen Lettern, gedrucktes Buch für mich ein wahres. Die Bleitypen müssen sich ins Papier eingedrückt haben, so wie sich der Text dann ins Gemüt des Lesers einprägen soll, ist er es wert – vom Rest dürfen wir schweigen, denn der gelangt nicht bis hierher in meine Regale.
 

RM: Also sind Sie Äußerlichkeiten wie Druck- und Papierqualität nicht abgeneigt. Welchen Wert hat dann die Buchbekleidung für Sie?

RFM: Sie sollte nicht allzu förmlich sein, als ob das Buch einzig für ein Galadiner oder einen Staatsempfang bestimmt wäre, bei dem vor lauter hochtrabenden Worten kein Sinn mehr vermittelt wird. Der Inhalt sollte sich im Gewand wohlfühlen. Für den Einkauf bei Kollegen wird man sich anders kleiden als für den Opernbesuch, für ein Sachbuch wäre ein bestickter Stoffeinband reichlich unpassend, einem sonntäglich benutzten Gebetbuch angemessen. Also mag es sich um einen Pappband handeln oder einen Maroquinband mit Vergoldung, wenn er denn mit Bezug zum Inhalt und nicht allein des Prunks wegen um den Text gelegt wurde, damit er in unschuldigen Augen Verwirrung anrichte, dann ist es recht.
 

RM: All diese Künste, ich meine die des Papiermachens, des Druckens und schließlich des Buchbindens werden von nicht mehr so vielen Menschen wie früher ausgeübt, manche befinden sich sogar im Niedergang.

RFM: Das ist wahr, und es wird immer schwieriger, diese Qualitäten zu vermitteln, weil Anschauungsmaterial sowie Erfahrung fehlen. Das gilt für Händler wie für Kunden gleichermaßen. Das Lesegerät für E-Bücher sehe ich nur als Ende einer Folge immer unsinnlicher werdender Produkte. Letztlich wird nur das von Menschen handwerklich Hergestellte ihnen wirklich gerecht – Maschinen werden immer Surrogate liefern.
 

RM: Wozu bedarf es der teuren Pressendrucke oder Einbände überhaupt? Will sagen, sie waren in der Herstellung kostspielig und sind es jetzt noch.

RFM: Sie wollen mich provozieren, nicht wahr?
Weil nur das Herausragende Vorbild sein kann, damit Gutes entsteht. Ist das Gute Vorbild, wird die große Masse zufrieden sein, Mäßiges als für sich genügend zu empfinden.
Die Sinne müssen wenigstens von Zeit zu Zeit auf das Höchste ausgerichtet sein, damit Annäherung möglich wird. Darin liegt der Sinn der Kunst wie der Religion, des Meisterwerkes wie des Heiligen oder Roshi.
 

RM: Andererseits, gäbe es den Schund und das Mäßige nicht, würde sich niemand bemühen, Außergewöhnliches zu produzieren.

RFM: Eine nette Umkehrung, die sich eher nach Soziologie anhört als nach Ästhetik. Ich denke eher, daß die Aspiration, die Ausrichtung auf ein Ideal, zumindest in manchen von uns angelegt ist.
 

RM: Mögen Sie Katzen oder Hunde? Ich frage das nur wegen der zahlreichen Kollegen, die…, na, Sie wissen schon.

RFM: Weder noch. Sehen Sie die Bücher auf ihren Regalbrettern, sie maunzen nicht und sie bellen nicht. Und doch sind sie in feines Leinen, Leder oder Pergament gekleidet und mit Goldprägung versehen.
 

RM: Ich danke für dieses Selbstgespräch.