Bücher riechen

27. Januar 2012

[Vorbemerkung: Dies ist ein sehr persönliches Thema. Nasen sind eigentümlich und zieren nur ihren Besitzer. Darum lagerte der Beitrag lange Wochen auf der Festplatte und gärte geruchlos vor sich hin. Ich übernehme keinerlei Verantwortung für leserische Riecherlebnisse anderer zweibeiniger Nasenwesen.]
    Gleich zu Beginn: mein Sony-Reader riecht nicht, weder das Metall, noch das Anzeigefenster, noch die Rückseite. Ist das nun ein Vorteil oder nicht? (S.u.)
    Anders angefangen. Meine Schlafenslektüre ist ein Shelley, „Minor Poems“ aus dem Jahre 1880, gedruckt auf handgeschöpftes Bütten. Ich erhielt es in einem recht unpfleglich behandelten Original-Pergamentband, den ich durch flexibles Maroquin ersetzte, damit es den schläfrigen Fingern wohltut. Der Geruch des Papiers ist unvergleichlich: frisch, mit einem ganz leicht würzigen Unterton, papierig, ohne Holz, aber mit Faser.
    Dies Buch besitze ich nochmals, in einem englischen Ganzmaroquinband der Zeit, mit anderem Geruch, weil beinah ohne ihn. Haftet der Duft des Buches also nicht dem Papier an? Hat der damalige Buchbinder den Geruch wie Teufel ausgetrieben?
    Anders angefangen, wirklich am Anfang: Da ich eine evangelische Grundschule besuchte, waren der Erwerb und Besitz eines Gesangbuches Pflicht. So kam ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Dünndruckpapier in Nasenkontakt, Persia, um genau zu sein. Nehmen Sie einen Dünndruckband zur Hand und tauchen sie ein. Winkler-Klassiker, Hanser oder Biblisches, es bleibt sich gleich. India riecht noch etwas feiner, wird aber leider seltener verwandt. Schade daß das Dünndruckpapier des Deutschen Klassiker Verlages weniger riecht; ob die moderne Druckfarbe, dies schwache Schwarz, daran schuld ist?
    Weitere Bücher, die ähnlich bis gleich meiner Schlafenslektüre riechen, sind die Drucke der Kelmscott Press, so lange sie in ihren Originaleinbänden aus Pergament oder leinenrückigen Pappbänden verwahrt werden. Doves ist weniger deutlich, aber kommt dem nahe.
    Bei Drucken des sechzehnten Jahrhunderts hängt ihr Geruch scheints mehr vom verwandten Leim als vom Papier ab. Würzig, bis salzig, mit einem Hauch von Zerfall – so geht auch die Zeit in die Nase mit ein.
    Einmal besaß ich einen Klassikerband des siebzehnten Jahrhunderts, ebenfalls in einem Pergamentband, er wies den frischesten Duft auf, den ich je an einem alten Band wahrnehmen durfte, beinah pflanzlich, etwas frühlingshaft.
    Die beiden Shelley-Bände, die ich vor kurzem erwarb, sind mit dem typischen Albion-Geruch ausgestattet, dumpf, feucht, leicht mufflig, kellerig. Let it be, es scheint zu ihnen zu gehören. „Alastor“ hingegen, auf diesem herrlichen Whatman-Papier, hat einen adligen, dezenten, cremigen Ton auf der Geruchskala.
    Bei Büchern zwischen etwa 1920 bis 1960 fällt mir auf, daß englische und amerikanische Papiere besser riechen, nicht mehr so intensiv wie die um 1800, aber gediegen, cremig mild, doch bestimmt; bei deutschen sind ähnliche Nasenerfahrungen zu machen, doch ich bevorzuge die amerikanischen Wohlgerüche.
    Neue deutsche Papiere, vor allem dies unausweichliche Werkdruck oder ärger noch glattgestrichene Offset riechen selten, sie werden aseptisch, meist ist die Druckerfarbe unangenehm stechend und übertönt alles; Kunstdrucke und Kollegenkataloge schießen die Nase ab, im wahren Wortsinne.
    Mir scheint – dies als vorläufiges Ergebnis der Beriechungen – der Papiergeruch hängt vom Papier, dessen Material und Verleimung ab, er wird erhalten durch vorzügliche Lagerung, gestört bis vernichtet durch feuchte, schlechte Lagerung sowie aufdringliche, jedes Ursprüngliche übertönende Pesthauche wie Raucherqualm, Brände etc.

    PS
    Natürlich fällt dem Leser ebenso wie mir auf, daß unsere Sprache ihre Begriffe für Gerüche aus anderen Bereichen stiehlt und schamlos dem konkurrierenden Sinn unterjubelt. Und im eigentlichen Sinne, falls es den geben sollte, ist obiges Geschreibsel nur die Aufforderung an den Leser, die eigene Nase in Bewegung zu setzen: stecke er sie ins Buch!

    PPS
    Gestern abend, begleitet vom langweiligen Fernsehprogramm, durchwühlte ich Bücher zum Thema japanische Lackwaren. Der Leser möge sich anhang einschlägiger Werke selbst ein Bild davon machen oder ein Museum besuchen, noch besser die Gelegenheit nützen und seine eigene Sammlung zwischen den tastend liebkosenden Fingern begutachten. Dabei stieß mir der Unterschied zwischen jenen hölzernen, lackbeschichteten und kunstvoll intarsierten wie bemalten Kästchen und – Tupperware auf: welch ein kultureller Fortschritt vom ästhetischen Alltagsobjekt zum Verbrauchsmaterial des gesetzlich genormten Verbrauchers.
    Lege man also versuchsweise eine Aldine neben ein Taschenbuch und einen Reader. Was ergibt ein sinnliches Vergleichen mittels Tasten, Betrachten und Riechen?


Das Buch

24. Januar 2012

Das Buch, so wie wir gewohnt sind, es in die Hände zu nehmen und vor die Augen zu halten, hat seinen Ursprung, seine Geschichte, seine Entwicklung – und vielleicht auch sein Ende. Die Verschriftlichung von Gedanken ist jedoch ein Abenteuer, das die Menschheit noch lange begleiten wird: so lange, wie wir in Wörtern und Bildern denken.
    Die ersten Bücher bestanden, möglicherweise zwei verbundenen Wachstäfelchen nachempfunden, aus einer Lage, also aus gefalzten Blättern, im Falz durch Schnüre, Lederstreifen oder ähnliches zusammengehalten. Als das nicht mehr genügte, wurden mehrere Lagen zusammengeheftet, schließlich mit den senkrecht zu den Lagen verlaufenden Bünden zum Codex vereint. Diese Form bestimmte die nächsten Jahrhunderte. Moderne maschinell geheftete und gebundene Bücher sehen dem Codex immer noch ähnlich, sie kommen zwar ohne Bünde aus, benutzen jedoch das Prinzip, mittels des Heftfadens die Lagen zu verbinden, oder sie halten die einzelnen Bögen, die Heftfäden bei jeder Schlaufe abgeschnitten, nur noch mittels Klebers beieinander, eigentlich ein Rückschritt, dessen konsequente Fortführung die Klebebindung ist, bei der einzelne Blätter an einer der Schnittkanten zusammengeleimt sind.
    Aber gleich, wie das Buch äußerlich oder technisch gestaltet wird, ob es mittels des Handsatzes gedruckt wurde oder durch digital gespeicherte Schriften im Offset-Verfahren, sein Inhalt sind Buchstaben, die sich zu einem Text verbinden; sind Bilder beigefügt, begleiten oder erweitern sie das Geschriebene.
    Und seit die romantischen Schriftsteller Shakespeares Idee, im Text in der einen über eine andere Textebene zu reflektieren, aufgenommen haben, reflektieren die Wörter über sich; seit es langt, Fragmente oder Cut-up-Prosa zu veröffentlichen, die der Leser nach seinem Gutdünken zusammensetzen mag, seit Romane mit mehreren Anfängen oder Enden verfaßt werden, seitdem liegt auch die mitgestalterische Rolle des Rezipienten in der Luft: er mag sein Eigenes beifügen, den Textverlauf abändern, neue Handlungstränge einführen.
    Zudem gibt es spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts Tendenzen, das Buch durch mehr als beigegebene Illustrationen zu erweitern, seine Textverhaftung zu überwinden: ins Dreidimensionale: die ausklappbaren Bücher – ins Musikalische: beigegebene Schallplatten oder CDs – ins gesprochene Wort: beigegebene Tonträger – in den Geruchsinn: parfümierte Bücher.
    So gesehen sind die Möglichkeiten digital gespeicherter elektronischer Bücher, dem Text aus Buchstaben einen Metatext aus Bildern, Filmen und Tonspuren hinzuzufügen, nur die Erweiterung bereits bestehender Möglichkeiten, ein Fortführen des Begonnenen.
    Und doch, allen Mühen zum Trotz, unser Leseleben der Digitalisierung zu unterwerfen, bleiben unsere Augen analog, unser Entziffern bleibt analog wie unser Verstehen: wir nehmen den Inhalt der Wörter, Bilder und Töne unabhängig davon auf, wie sie uns entgegentreten. Krititische Ohren bemerken den Unterschied zwischen Schallplatte und CD, kritische Augen den zwischen Buchdruck, Offset und Bildschirm. Aber dies gehört zum Genußempfinden, das eingeübt und gepflegt werden muß.


Der Antiquar als Photograph

19. Januar 2012

Heute las ich, Kodak habe Insolvenz angemeldet. Die Firma, Erfinderin des Fotofilms sowie des Kleinbildformates, habe die Digitalisierung der Photographie zwar begleitet und auf diesem Sektor sogar einige grundlegende Patente, aber sich nicht rechtzeitig umgestellt.
    Anlaß mich zu erinnern, wie es früher um die Katalogabbildungen stand. Nach der Auswahl der Bücher ging es zur „Dunkelkammer“ in der Grolmanstraße, Film kaufen, ob Kodak oder Fuji hing vom Angebot ab. Abends dann, bei Lampenlicht wurden die Bücher drapiert und portraitiert. Möglichst mußte, um Verluste zu vermeiden, der Film abgeknipst werden. Dann mit einem dem Photoapparat entrissenen Kleinbildfilm, 6 mal 9 war schon außer Mode, wieder zum Laden, entwickeln und einen Kontaktbogen erstellen lassen. Nach ein paar Tagen war es soweit, wieder im Geschäft konnte ich die guten von den schlechten Bildern scheiden und Abzüge in Auftrag geben. Je nachdem wurden schließlich die Einbände mit Schere und Geduld freigestellt, oder ein wenig Hintergrund gelassen.
    Besonders in Erinnerung bleiben mir zwei Kataloge, beim einen übernahm eine Freundin, die an der Film- und Fernsehakademie studierte, die photographischen Mühen: einen Tag vorher rückte ein Kommando ein, das mir den Flur mit Lampen, Kisten, Kabeln &c vollstellte. Ich fürchte, die Aufnahmen verbrauchten soviel Strom wie die Scheinwerfer eines Theaterabends.
    Ein andermal kam der Drucker selbst; es handelte sich um Katalog 50, der besonders schön werden sollte. Der Aufwand war etwas bescheidener, die Photos schienen gut – doch soffen im Offsetdruck auf Werkdruckpapier ab und zeigten sich im Endprodukt als schwärzliche, kontrastarme Suchwolken.
    Trotzdem hatte die ‚analoge’ Photographie etwas Anrührendes, etwas von Handarbeit und Badezimmerdunkelkammer. Neulich, in der Ausstellung „Russischer Piktorialismus 1900 – 1930“ gab es zahlreiche Bromöldrucke zu bestaunen, ein Umdruckverfahren, das uns Megapixel-Vernarrten völlig ungeeignet erscheinen muß, da dabei auch das Papier eine sichtbare Rolle spielt: teils überlagerte oder hinterlegte die Büttenstruktur das Bild.
    Nun, meine digitale Photographie befindet sich in der zweiten Generation und tendiert zur dritten, nach der Sony- und der Lumixkamera. (Was hatte ich eigentlich für einen Photoapparat? Er ist, im Gegensatz zu meinem kindlichen ersten, der vorn noch eine Ziehharmonika ausfuhr, bis auf seine Farben, silbern und schwarz, im Gedächtniswirrwarr entschwunden. [Canon. Bemerkenswert, wie das Erinnerungsvermögen aus irgendeinem Vorrat seine eigenen Schuldigkeiten begleicht.]) Nun ist alles viel einfacher, und jeder Kunde, der ein paar Abbildungen möchte, erhält sie beinah sofort. Meist, günstiges Tageslicht vorausgesetzt, ist nachbearbeiten kaum erforderlich.
    Die Welt ist visueller geworden, die Beschreibungstexte werden weniger als früher gelesen, weniger verstanden. Ich habe den Eindruck, daß die Leute sich auch weniger Mühe geben, da es so einfach ist, Bilder zu erhalten – man geht wohl gern den einfachen Weg. Auf der anderen Waagschale liegt der Wundertüteneffekt: große Freude beim Entpacken, wenn der blaue Maroquineinband sich als besonders schön vergoldet herausstellte, viel schöner als in dürren Katalogworten beschrieben.


Hommage à Fritz Leiber

3. September 2011

Fritz Leiber (* 24. Dezember 1910 in Chicago, Illinois; † 5. September 1992 in San Francisco, Kalifornien)


Der Umgang mit wertvollen Büchern

12. August 2011

Ein kurzer Film der Folger Shakespeare Library:


Neusatz als Faksimiledruck

9. Juli 2011

In meinem letzten Blogbeitrag schrieb ich u.a. von Faksimiles. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, eine etwas weniger häufige Variante vorzustellen: „type-facsimiles“, also den zeilengenauen Neusatz eines Werkes in einer dem Original möglichst nahekommenden Type.
    Als Beispiel möge Shelley: „Alastor“ in der Erstausgabe und drei späteren Drucken dienen.
    Bitte beachten Sie die minimalen Unterschiede in den Zeilenlängen der Verse.

Shelley: Alastor. Erstdruck, 1816.

Shelley: Alastor. Erstdruck, 1816.

Shelley: Alastor. Dobell, 1885.

Shelley: Alastor. Dobell, 1885.

Shelley: Alastor. Dobell / Shelley Society, 1886.

Shelley: Alastor. Dobell / Shelley Society, 1886.

Kein Faksimiledruck:

Shelley: Alastor. Forman, 1876.

Shelley: Alastor. Forman, 1876.

Bibliographische Information:

Shelley, Percy Bysshe: Alastor; or, the Spirit of Solitude: and Other Poems. London: Printed for Baldwin, Cradock, and Joy, and Carpenter and Son: By S. Hamilton, Weybridge, 1816. Small octavo. ca. 165 x 102 mm. vi, [1], [1 blank], 101, [3 blank] pp. Printed on wove paper with the watermark “J Whatman”.

Shelley, Percy Bysshe – Dobell, Bertram (editor): Alastor; or, the Spirit of Solitude: and Other Poems. A Facsimile Reprint of the Original Edition First Published in 1816. London: Chiswick Press for Reeves and Turner and R. Dobell, 1885. Octavo. ca. 174 x 107 mm. viii pp. [Prefatory Note] – Facsimile: vi, [1], [1 blank], 101, [1 blank], [1], [1 blank] pp. One of 50 copies printed on Whatman’s Hand-made (wove) Paper of a total edition of 404 copies.

Shelley, Percy Bysshe – Dobell, Bertram (editor): Alastor; or, the Spirit of Solitude: and Other Poems. A Facsimile Reprint of the Original Edition First Published in 1816. London: Chiswick Press for Reeves and Turner and R. Dobell, 1885. [On upper cover: 1886]. Octavo. ca. 173 x 108 mm. viii pp. [Prefatory Note] – Facsimile: vi, [1], [1 blank], 101, [1 blank], [1], [1 blank] pp. One of 350 copies printed on toned paper of a total edition of 404 copies. Some copies were purchased by the Shelley Society from Bertram Dobell, and were put up in the Society’s covers and distributed to the members.

Shelley, Percy Bysshe – Forman, Harry Buxton (editor): Alastor; or the Spirit of Solitude, &c. Edited, with notes, by H. Buxton Forman, and printed for private distribution. MDCCCLXXVI. London: Privately Printed, 1876. Octavo. ca. 225 x 141 mm. 62, [2 blank] pp. One of 25 copies printed on handmade paper “J. Whatman 1876”, of a total edition of 80 copies.


Der Antiquar im Zeitalter seiner Digitalisierung

6. Juli 2011

Original v/s Faksimile, Nachdruck und E-Buch
E-Bücher, Scans und PDFs sind keine Faksimiles, denn sie bemühen sich nicht um genaue Nachgestaltung der Vorlage. Ein ideales Faksimile wäre ein Duplikat, das in seiner äußeren Erscheinung dem Urbild beinah gleichkäme, wenn sich auch die dahinter versteckten Materialien unterschieden.
    Die nachschöpfende Produktion ist bestrebt, sich anzunähern: Papier, das wie Pergament ausschaut und sich ähnlich anfühlt, Lichtdruck oder kleinrasteriger Offsetdruck, der den Tintenverlauf der Handschrift wiedergibt, Goldprägung, die in Glanz und Höhung echtem Gold nahekommt, Druck-Farben, die den mineralischen oder organischen Bestandteilen der Miniaturmalereien und Initialen im Anschein gleichen.
    Mithin ist ein Faksimile ein Stellvertreter, der das seiner Seltenheit bis Einmaligkeit wegen schwer zugängliche Original für weite Kreise von Benutzern und Liebhabern zu ersetzen versucht. Es ist sich seiner Grenzen bewußt, seine Hersteller wissen, daß die Annäherung nicht asymptotisch verläuft, sondern gezwungenermaßen in materialgegebener Distanz verweilt.
    Während das Faksimile neben dem Sehsinn auf seine unzureichende Art versucht, andere anzusprechen, begnügen sich der Scan und das zweidimensionale E-Buch mit einem: auf dem Bildschirm des Computers oder Lesegerätes sind Schriftzeichen und vielleicht Malereien zu sehen. Ihre Farben, ihre Kontraste, ihre Größen hängen ab von den beim jeweiligen Benutzer vorhandenen Geräten sowie deren spezifischen Einstellungen. Dem kann nur mittels mitgelieferter Farbbalken und Zollstöcke entgegengewirkt werden, doch werden die meisten Bildschirme nie kalibriert, man wird kaum die Bildschirmgröße nach dem Faksimile, das grad über ihn flimmert, erwerben (was zumal bei größeren Folianten recht interessant wäre!).
    Also wird das Original nicht nur seiner Eigentümlichkeit, sondern gleichfalls seiner Stofflichkeit enthoben, dadurch der Umfang provozierter Sinnenreize auf weniges – und vielleicht, soweit es das Auge betrifft, noch nicht mal dem Original Ähnliches – verringert, und, schlimmer noch, allen anderen Bildschirminhalten gleichgestellt. Damit reduziert es sich auf seinen textlich-semantischen Inhalt – seine Typographie wie seine bildhaften Botschaften geraten zu Annäherungen, die ebensogut fehlgehen können, da der Endpunkt des Übermittelungsprozesses, anders als beim Faksimile, nicht in der Macht der Herstellenden liegt: hier kann kein Drucker gescholten werden, weil Purpur wenig nach Purpur aussieht, sondern nach Signalrot – au contraire, es fällt kaum auf, weil der vergleichend prüfende Blick auf dem Übertragungsweg abhanden gekommen ist.
    Andererseits können bei genügend hoher Bildauflösung Details gezeigt werden, die dem normalen Blick ohne Hilfsmittel wie Lupen, Mikroskope und dergleichen verschlossen blieben.
    Um es deutlich zu machen: das digitalisierte Original einer Handschrift und das digitalisierte Lichtdruckfaksimile derselben wären auf dem Bildschirm nur bei sehr hoher Auflösung unterscheidbar. Die minimale Erhöhung der Farbe des Kupferstiches, die größere der Miniaturmalereien, der Eindruck des Buchdruckes, die Narbung des Leders ebenso wie die Vertiefungen der Goldprägung werden der Bildschirmnivellierung unterzogen.
    Der Nachdruck hingegen gebiert aus Büchern wieder Bücher, und er hat zum einen als Raubdruck gute Tradition seit dem 16. Jahrhundert, als die Aldinen jenseits des von Venedig gewährten, auf seinen Machtbreich beschränkten Privilegs neu gesetzt von einem anderem Verleger in den Handel gebracht wurden, zum anderen ist er, dann legitim, Mittel, Vergriffenes wieder zugänglich zu machen. Sind Qualität des (Offset-)Druckes wie des Papiers gewährleistet, ist wenig dagegen zu sagen: immer noch hat der Leser ein Buch vor sich, daß er aufschlagen kann, in das er sein Lesezeichen legen und in dem er annotieren darf.
    Nun steht zu befürchten, daß in Zeiten knapper öffentlicher Kassen die Bibliotheken ihre Benutzer mehr und mehr auf Online-Zugriffe beschränken, die Öffnungszeiten reduzieren, gar wertvolle Stücke kaum mehr werden vorlegen wollen außer in den berüchtigten monumentalen Ausstellungen, die Publikum, gleich welches, von überallher anlocken sollen, die Existenzberechtigung des Museums wie irgendeiner von Werbeberatern imaginierten Kultur an sich zu beweisen.
    Digitalisate wie E-Bücher bedeuten also einen Verlust – gerade für jenen Menschen, der noch in einem Umfeld, das alle seine Sinne anspricht, lebt. Andere werden diesen Verlust weniger als solchen empfinden; eine immer näher kommende Generation (s.u.) vielleicht garnicht mehr.
    Nicht allein dies, auch die einem herkömmlichen Buch immanenten Hinweise auf seinen Entstehungsprozeß wie Buchdruck, Bütten- oder Maschinenpapier, Bindemethode, Art des Leinens, Leders, Pergamentes oder der Pappe, die bereits durch das Eintreten des Zeitalters maschineller Reproduzierbarkeit weniger geworden sind, da massenhaft gefertigte Materialien und Photosatz verwendet werden, während zuvor von den fachmännischen Händen des Setzers, Drucker und Buchbinders gearbeitet wurde, gehen beim Digitalisat gegen Null. Gerade jedoch diese aus der Genese eines menschlichen Produktes rührenden Beiläufigkeiten machen die ihm eigene ‚Menschlichkeit’ aus: es wird dadurch für uns begreiflich, kann zeitlich und handwerklich eingeordnet werden und ‚Meta’-Informationen liefern, die einen Kontext aufbauen, in dem wir uns zuhause fühlen.

Fachbücher
Ich lese → bei einem Kollegen: „Es steht zu erwarten, dass sich die Zahl der digital zugänglichen Bücher in den nächsten Jahren weiter erhöhen wird. Damit hat die Handbibliothek des Antiquars sowohl als exklusives Arbeitsinstrument wie auch als Wertanlage weitgehend ausgedient.“ Das ist betrüblich, als Argumentation wie als Perspektive. Die Handbibliothek eines Antiquars lebt aus ihrer Benutzung: aus den Spuren, die meine Vorgänger, Vorbenutzer, denn einige der Werke sind älteren Datums, wie ich selbst darin hinterlassen: als Hinweise, als Korrekturen, als Annotationen. Erst ein bearbeitetes Nachschlagewerk ist ein wirkliches.
    Der gewöhnliche Antiquar besaß im Gegensatz zu einem Auktionshaus, das mehr Platz für die Handbibliothek hat, die großen Nachschlagewerke wie ADB, NUC, Pauli/Wissowa etc. kaum und benutzte sie in einer nahegelegenen Bibliothek. Durch das Internetz kann er sich die meisten dieser Wege ersparen. Neue, meist auch ältere Bibliographien jedoch finden sich nicht im Netz, teils aus urheberrechtlichen Gründen, teils weil es nicht lohnt. Anderes ist inkomplett, so findet man statt der vier Bände eines Auktionkataloges z.B. nur den dritten als Bild-PDF und meint dann vielleicht, dies sei alles Erschienene. Das könnte sich, Interesse an entlegenen Gebieten und kritische Stimmen, die ihren Bedarf geltend machen, vorausgesetzt, ändern, doch bleibt die Tatsache, daß der Antiquar heute noch der Bücher in seiner Handbibliothek bedarf.
    Ich nehme an, Ähnliches gilt für seine Kunden, die auf der Suche nach Sachbüchern sind.
    Anders gesagt: ich verkaufe antiquarische Bücher nicht, weil sie so alt sind, sondern weil sie Geschichte haben, weil sie Geschichten und Wissen in sich bergen: als solche ihrer Vorbesitzer. Der Antiquar, dessen Handbibliothek abhängig von den Elektrizitätswerken, der Breitbandverbindung in die virtuelle Welt, oder nur von der heimischen Festplatte existierte – wie sollte er seinen Kunden den Wert antiquarischer Bücher vermitteln, schlechtes Vorbild der Achtlosigkeit gegenüber seiner immer noch stofflichen Ware, das er bietet?

Folgen für den antiquarischen Markt
Krankte der deutsche Nachkriegsmarkt, teils ausgeglichen durch den erhöhten Bedarf öffentlicher Institutionen, eh an der durch Flucht und Ermordung kleiner gewordenen Bildungsschicht, folglich an weniger verbreitetem, täglichem Umgang mit gedrucktem, gemaltem sowie selbstmusiziertem Kulturgut, wie es in den gutbürgerlichen Kreisen zuvor üblich gewesen war, so wird der früher selbstverständliche Ansatz, aktiv mit Tradition wie der eigenen Kultur umzugehen und sich als fortführender Teil ihrer zu verstehen, noch weiter zurückgehen.
    Kultur ist in meinem Verstehen nicht allein intellektuelles Auseinandersetzen mit Inhalten, sondern eine Ganzheit, die als solche verstanden, auf allen ihren Ebenen den an ihr Teilhabenden Bedeutung rückerstattet.
    Begrenzt auf semantische Qualität – ohne die Stofflichkeit des Marmors oder Papiers – geht nicht allein der Rest verloren, sondern Kultur selbst reduziert sich und entsagt ihrer früheren, lebensbegleitenden Fülle. Kultur ist nicht nur Kopfgeburt, sondern ebenso Werk der Hände, gleich ob sie ein Buch heften oder die Tasten eines Instrumentes anschlagen.
    Auch heißt leichterer Zugang zu allem und jedem mittels digitalisierter Abbilder noch lange nicht, daß mehr Verstehen entsteht, sondern ein anderes, wenn überhaupt, das sich auf Teile des Ganzen, wie oben angedeutet, beschränkt: mit den Digitalisaten und E-Büchern kann kein persönlicher Umgang entstehen, schalte ich den Computer oder das Lesegerät aus, sind sie entschwunden – im Gegensatz zum Ölbild oder gedruckten Buch, das ohne mein Zutun sichtbar und greifbar weiterexistiert, auch wenn es im Regal oder in der Vitrine ruht, und in seiner dreidimensionalen Form Hinweise auf seine Schöpfer gibt.
    Und schließlich wird wohl gelten, daß alles, was in digitalisierter Form vorliegt, irgendwann, auf irgendeine Weise zum Freiwild gerät, da seine Immaterialität einem geldlichen Gegenwert widerspricht. So wie die Musikstücke auf MP3-Format geschrumpft die Festplatten füllen, so werden die – ungelesenen – Texte weitere CDs, DVDs, Speichersticks und Festplatten besetzen, allein des Sammelns wegen. Diese Vervielfältigung kann nur zu Wertverlust führen, nicht allein der Geldeswert ist gemeint, sondern gleichfalls der geistige.
    Zuletzt seien die Bestrebungen, alles einfacher und allgemeinverdaulicher zu machen, sozusagen auf dem volkspädagogischen Niveau, erwähnt, die der überkommenen Vorstellung von Bildung zuwider laufen. Kultur ist pyramidenförmig, aber ohne die Spitze fehlt ihr – gewagte, aber korrekte Metapher – die Basis.

Möglichkeiten
Neben dem Gebrauchsbuch, dessen Nutzen sich vorerst im Lesen unterwegs, im Bett. am Strand oder dergleichen erhalten wird, einfach weil die Menschen es so gewohnt sind und die jüngeren, denen es noch nicht Usus geworden ist, die eventuell den Bildschirm vorzögen, in den nächsten Jahren keine so große Marktmacht in diesem Sektor darstellen werden – neben diesem wird es weiterhin das antiquarische und künstlerische Buch geben, das fortan in die Nähe von Antiquitäten, Luxus und gehobener Kultur rückt, dessen Käuferkreis sich also dementsprechend verkleinern wird, da der zu seiner Rezeption notwendige Bildungsgrad höchstwahrscheinlich noch weniger als jetzt wird vorausgesetzt werden können.
    Immer fraglicher wird, inwieweit künftige, seit ihrer → Schulzeit an E-Bücher gewöhnte Benutzer imstande sein werden, sich dem gebundenen Buch zuzuwenden, ob es für sie nicht ein obsoletes Ding darstellt, dem nur noch eignet, fossiliengleich in Ausstellungen und Museen bewundert zu werden.
    Auf diese Entwicklung werden sich die Antiquare einstellen müssen. Das bedeutet schichtenspezifisch agieren und werben, die Gebrauchsbücher auf andere Weise und für eine andere Kundengruppe präsentieren als die antiquarischen. Antiquare müßten sich eingestehen, für eine Elite zu arbeiten.

Beschluß
Wie es bereits Nietzsche und vor ihm andere bemerkt haben: unsere Größe beruht darin, daß wir auf den Schultern Anderer, Größerer, unserer Ahnen nämlich, stehen. Nur der Massenmensch verleugnet seine ihm aus der Vergangenheit zustehende Größe und beschränkt sich darauf, gleichgroß zu sein wie die neben ihm Stehenden. Darin ähnelt er der maschinellen Produktion.
    Und doch dürfen wir das Bild nicht so verstehen, wie es vor uns steht, denn es setzt das Hochklettern auf die Schultern voraus – und dies ist eine Anstrengung, die in der Gegenwart geleistet werden muß.
    Antiquarischer Handel mit Digitalisaten wie E-Büchern erscheint mir unmöglich: es fehlt ihnen die sie rar machende Stofflichkeit, das Handwerkliche sowieso – was sie dafür im Übermaß besitzen ist Vervielfältigungsmöglichkeit, gleich ob als verlegerisch angebotenes Exemplar, als Gratisgabe oder als Raubkopie. Was ein gedrucktes Buch in seinem Hand-, meinetwegen auch Verlagseinband auszeichnet, nämlich daß es selbst mit all den Spuren von Handwerk, Herstellung, verflossener Zeit wie seiner Vorbesitzer, wegen all dieser Spuren, einzigartig ist, dies kann dem Digitalen nicht zugebilligt werden. Selbst die nach x Jahren, wenn wir zu Staub zerfallen sind, gezogene n-te Kopie ist mit dem Original identisch. Marginalien werden in einer separaten Datei abgespeichert und sind nur die Überbleibsel von Kratzern auf dem Bildschirm oder Tippsern auf einer Tastatur.
    Auch wird es keinen Meta-Antiquar geben, der mit Informationen über das von ihm angehäufte Gut wird handeln können, denn er stünde in Konkurrenz zu Bibliothekaren, Wissenschaftlern, allen, die mehr Kenntnisse als er besitzen, denn er ist selten genügend allumfassend gebildet. Zum anderen ist dies Wissen, einmal in eine digitalisierte Sphäre entlassen, Freiwild.
    Doch nichts spricht gegen das Benutzen des Internetzes, der E-Post, des elektronischen Kataloges für die Zwecke des antiquarischen Handels. Das dort präsentierte Buch will gerade nicht als Surrogat des realen stehen, sondern Beschreibung und Bild verstehen sich als Hinweiszeichen, so wie im gedruckten Katalog, der ebenfalls nicht bestrebt ist, die in ihm dargebotenen Objekte zu ersetzen, sondern sie anzupreisen, auf daß ein Kunde sie in seine Hände nehme.
    Auch könnten reale Messen durch virtuelle ergänzt werden, zum einen als Vor- bzw. Nachbereitung, zum anderen als ständige Ausstellung, die sich mehr als die vorhandenen Datenbanken des Bildlichen unseres Angebotes widmet.
    Die Buchkunst selbst ist jedoch nur durch ihre Kunstobjekte zu rezipieren und zu begreifen: Der Stofflichkeit seiner Handelsobjekte läßt sich der Antiquar nicht entkleiden, eher seines Ruhmes, falls der ihn je verfolgt haben sollte, eher seiner Berufsgrundlagen.
   


Erinnerungsbrösel

12. Juni 2011

An den ersten Katalog erinnert zu werden gleicht beinah einer melancholischen Reminiszenz früher Kindheit – zumal mein Drang, Erinnerungsstücke aufzuheben, gering ist.
    → Hier finden Sie unter der Nummer 109 eine Abbildung meines Erstlingsmachwerkes, mit dessen Hilfe ich der Gilde der Antiquare beitrat.
    Hätte ich damals geahnt, daß er aufbewahrt würde, hätte ich ihm ein glanzvolleres Äußeres mitgegeben.
    Doch darf bei einem gedruckten Katalog sein Gestalter so zurückhaltend sein, wie er mag; im Netz herrschen andere Regeln: Google und ähnliche Suchmaschinen stellen Anforderungen, sie wollen gefüttert werden, je mehr anpreisender Text, je mehr Stichwörter, desto besser.
    So möchte ich die Gelegenheit nutzen, ein paar meiner älteren Kataloge abzubilden, die äußerlich wohl interessanter sein mögen, inhaltlich hoffentlich gehaltvoller, alle jedoch vergriffen sind.

Katalog 6

Katalog 6

Katalog 7

Katalog 7

Katalog 9

Katalog 9

Katalog 12

Katalog 12

Katalog 14

Katalog 14

Katalog 15

Katalog 15

Katalog 17

Katalog 17


Ein Tag macht keine Messe

11. Juni 2011

Es scheint mir mindestens einen kleinen, aber existentiellen Unterschied zu geben zwischen den neuerdings so beliebten Antiquariatstagen und herkömmlich mehrtägigen Antiquariatsmessen: an einem Tag kann zwar verkauft werden, notfalls unter den Antiquaren, kaum aber etwas an Kundenaquise oder Werbung getätigt, sehen wir vom Überreichen von Visitenkarten und Katalogen ab.
    Alle Unternehmungen eines zweiten oder dritten Tages wie Führungen, Vorführungen, Vorträge und dergleichen finden weder Zeit noch Ort. Es gibt auch keine Nachhaltigkeit, wie sie mittels Vor- und Nachbereitung im Internetz durch Bilder, Filme, Blogs, Beiträge zu einzelnen Fachthemen etc. zu leisten wäre.
    Darf ich so formulieren: Antiquariatstage sind Ersatz für Ladengeschäfte, was den flüchtigen Kontakt zwischen Antiquar und Sammler angeht, nichts weiter. Sie sind auf ihr Einzugsgebiet beschränkt, es handelt sich um regionale Veranstaltungen.
    Das, wie man heute so nett sagt, „marketing“ muß notgedrungen, ausgehend von diesen Voraussetzungen, reichlich anders als das für eine mehrtätige Messe vonstatten gehen. Entweder beschränkt es sich auf diesen einen Antiquariatstag, oder ein überregionaler Veranstalter wirbt für alle von ihm veranstalteten Eintagsfliegen.
    Cui bono? Dem Veranstalter, solange er genügend Teilnehmer findet. Den Antiquaren, solange genügend kaufwillige ortsansässige Interessenten angelockt werden oder rasante Preisnachlässe den innerantiquarischen Handel anwerfen. Nicht aber unserem gemeinsamen Interesse, das Antiquariatsgewerbe am Leben zu erhalten, es für zukünftige Zeiten, Bibliophile und Sammler zu öffnen — kurz: es überlebensfähig zu erhalten.


Ebuch, Frischbuch, Altbuch

22. Mai 2011

Das gedruckte Buch verdankt seine Karriere seinen Vorzügen gegenüber den Handschriften: es ist schneller zu produzieren, sein Text ist – wenigstens bis auf kleine Satzkorrekturen – innerhalb einer Auflage einheitlich, es ist billiger, es ist einfacher zu lesen.
    Aus genau diesen Gründen wird es vom digitalen Buch abgelöst werden, denn alle diese Punkte treffen wieder zu: das Ebuch läßt sich daheim am Computer herstellen, sein Text entspricht den Intentionen seines Urhebers, es ist gratis oder billiger als ein gedrucktes Buch, es ist einfacher zu lesen, da mindestens die Schriftgröße auf dem Lesegerät eingestellt werden kann.

    Welche Vorteile bietet dann ein gedrucktes Buch noch?
    Bei der Neuproduktion, glaube ich, keine. Nur ein abschreckendes Beispiel: letztens erhielt ich von einem Kleinverleger ein Druckwerk, bei dem das Inhaltsverzeichnis keine Seitenangaben enthielt, die weiße Seite davor numeriert war, einige Photokopieränder die schlecht eingescannten Bilder zu rahmen versuchten, die Spaltenbreite von den eingefügten Illustrationen nicht eingehalten wurde – alles purzelte lustig querblattein umher, selbst die Stegbreiten waren asymmetrisch verteilt. Man benötigt keine Fachkenntnisse mehr für die Buchproduktion; solch Dilettantismus wird vom Ebuch nicht gestoppt, sondern eher begünstigt; aber wenigstens frißt es keine Zellulose mehr, es läßt im ärgsten Fall den Finger über der Entf-Taste schweben. Selbst Bücher angesehener Verlage kommen unangemessen gesetzt und gebunden daher, Pappbände allemal, Leinen wäre zu teuer, Klebebindung überall – sie sind auf Häßlichkeit und Verschleiß produziert, nicht auf Schönheit und Dauer. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.
    Bei der Altproduktion, dem also, was uns im Antiquariat – und damit meine ich nicht das sogenannte ‚moderne Antiquariat’! – angeboten wird, denke ich, einige: durch die Schönheit und den Abwechslungsreichtum der Typen, die Harmonie des Satzes, das Gefühl (und den Geruch!) des handgeschöpften Papiers wie des Einbandmaterials.

    Sind diese Vorzüge jedermann begreiflich und zugänglich?
    Nein. In einer Zeit, die sich häuslich mit elektronischen Geräten aus Plastik und billigem Metall umgibt, werden ästhetische sowie Materialqualitäten immer weniger zugänglich. Unterschiede in der Verarbeitung wie den Werkstoffen feststellen zu können setzt die Fähigkeit voraus, überhaupt imstande zu sein, diese wahrnehmen, also mit den Handgriffen, den Stoffen durch eigenes Erfahren, wenn nicht sogar Arbeiten, vertraut zu sein. Ästhetisches Unterscheidungsvermögen ist leider nicht angeboren, sondern wird im Lebensverlauf angeeignet, erarbeitet.
    Daher kann die Schönheit alter, handgefertigter Bücher nicht jedem eingänglich sein, eher nur einer Minderheit.
    Doch entbindet dies uns Antiquare nicht, unsere Schätze anzubieten, anzupreisen und immer von neuem, mit allen (wenigen) uns zur Verfügung stehenden Mitteln einem potentiellen Publikum vorzuführen.


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